Obwohl jeder das Ende Penthesileias kennt, bringt Marpesias Darstellung alle erneut vor Trauer zum Schweigen. Einige sind sogar außer sich vor Zorn: Die Achäer hatte Penthesileias Tod in Hochstimmung versetzt. Sie brauchten Achilleus nicht mehr. Sie stürzten sich auf das vermeintlich führerlose Heer der Amazonen. Ohne weitere Unterstützung wurden es trotz heftigster Gegenwehr von dem zahlenmäßig mehrfach überlegenen Achäer völlig aufgerieben. Die von der Mauer zusehende Kassandra empörte die Troianer durch Vorwürfe, Prophezeiungen und lautstarkes Beklagen ihrer Freundin. Ihre Nachricht vom Tod Penthesileias erhielten wir über den Han. Es war schlimmer, als die Daheimgebliebenen seit dem letzten Bericht befürchtet hatten. Das Hilfsunternehmen war im Fiasko geendet. Ein großer Teil unserer Männer war vor Troia gefallen. Eine hilfsbereite Amazonenkönigin hatte uns fast in den gleichen Zustand versetzt, wie der Überfall zur Zeit Lysippes. Wieder hatten wir fast alle wehrfähigen Männer verloren. Aber dieses Mal hatten wir unsere Heimat behalten.

Zunächst ist es totenstill. Doch dann überschlagen sich die Kommentare. Jeder gibt seinen Rat, wie Amazonen Verhältnisse vermeiden konnten, vor denen Lysippe geflohen war. Alle sind sich sicher, heute sind Amazonen viel klüger. Wenn man schon einem Krieg nicht ausweichen konnte, sorgte man zumindest für einen Stellvertreter des Feldherrn. Das Besserwissen bringt Marpesia in Rage: Ihr Narren, ihr meint, ihr könntet sicher sein? Menschen sind Verlockungen gegenüber empfänglich und lassen sich von Gerede beeinflussen. Sie glauben, es geht um Recht, meist ist es jedoch Macht, die Einer mehren möchte. Wälzt sich erst einmal ein Heer voran, begräbt es alles unter sich, was ihm begegnet oder mitläuft.

Die aufgebrachte Marpesia muß Luft holen: Penthesileia war viel zu umsichtig, um nicht alles erdenklich Nötige veranlaßt zu haben. Jeder, der sich ins Kampfgetümmel stürzt, kann fallen. Auch noch so viel Vernunft hilft da nicht. Penthesileia hatte das alles erwogen. Sie wollte nur helfen. Ihr für ihn überraschender Tod lähmte ihren Stellvertreter nur einen Augenblick zu lange. Und ließ Fürsorge unserem Volk ein weiteres Mal das Aussterben drohen. Zum Glück konnte sich die Besatzung des Hans später im Chaos der Eroberung in Sicherheit bringen.

Die Angesprochenen schweigen sehr betroffen. Durch die tiefe Stille “dröhnt” Marpesias Stimme: Die Erfahrung mit Ferghana hielten die Moral aufrecht. Unser berühmtes Frühlingsfest schien einen Ausweg zu bieten. Ihr wißt ja, jedes Jahr, wenn die Nächte milder werden, ziehen junge Amazonen in der Nacht des ersten Vollmonds hinaus. Zuerst beten sie gemeinsam um den Segen der großen Mutter. In der Zwischenzeit sichern Patroullien von Älteren den heiligen Hain. Dann machen sich Jungen und Mädchen getrennt von einander auf den Weg. Es muß richtig dunkel geworden sein, wenn sie sich begegnen, um in ihrer Vereinigung auf die große Mutter zu treffen. Weil sie ihren Dienst an Ma vollziehen, müssen sich beim ersten Schimmer des Tageslichtes wieder trennen. Manchen verleiht die große Mutter mehr als die erwartete Fruchtbarkeit. Es kommt, was mir unausweichlich scheint. Beim Frühjahrsvollmond sind die Nächte meist nicht so schwarz, daß die Paare durch sich ausschließlich die Große Mutter lieben.

Dem wieder lebhafter werdenden Getuschel gibt Peri verständliche Worte: Ma hatte sicher nichts dagegen, wenn einen ganzen Sommer lang zum vollen Mond “kleine Frühlingsfeste” stattfanden. Sicherlich ließ sie den Mond so manches Mal die Gesichter und für ihr Gegenüber beleuchten. Ich glaube, Paare, die sich in Ma erkennen, mögen sich nicht mehr trennen. Wer das Frühlingsfest es noch nicht erlebt hat, wartet fiebernd darauf, das erste Mal teilnehmen zu dürfen. Damit ist man erwachsen geworden, alle Türen scheinen danach offen zu stehen. Man kann endlich tun, was man will, ohne daß die Großen sofort Vorschriften machen. Und vielleicht findet man einen Partner, mit dem man von da ab alle seine Träume ausleben kann. Die Vorbereitungen auf das Frühlingsfest machen die Spannung sicherlich fast unerträglich.

Die Nacht war der lang erwartete Höhepunkt. Alle noch Uneingeweihten sind am Schwelgen. Nur wenige denken an das Ungewisse, was schließlich auch kommen würde. Marpesia schmunzelt: Ja, ihr habt es heute gut. Das Frühlingsfest ist heute wieder, was es zuvor war. Jeder weiß, daß es unter der besonderen Aufmerksamkeit Ma’s geschieht. Und weil man ahnt, daß die Gefühle bei der Begegnung sich auch bei vollem Licht wiederholen könnten, begegnen sich alle so sanft, als wollten sie für sich werben. Daß es mal ausschließlich dem Nachwuchs diente, ist lange vergessen.

Doch wer weiß. Wir haben schon viele Schwierigkeiten meistern müssen, wie damals nach Troia. Ähnlichen Überraschungen waren wir schon einige Male ausgesetzt. Eine Folge von Frühlingsfesten hielten auch unsere Schwestervölker damals für eine Lösung, bei der sie uns unterstützen konnten. Auch unsere Nachbarn aus Hattusa sollten wir einladen. Einige der Hethiter, die nicht in Themsikyra blieben, malten bei der Rückkehr der “Hilfstruppe” nach Hattusa ihr ungewöhnliches Erlebnis noch aus. Wie ein Lauffeuer sprach sich unser “unmoralisches” Verhalten bis zu den Hellenen herum. Es sorgte für ein Bild von uns, das man in Hellas noch immer pflegt. Doch davon später. Beim Frühlingsfest sind alle Priesterinnen und Priester der Große Mutter. Die Große Mutter unterscheidet nicht zwischen Kindern, deren Eltern der Mond verrät, wer sich begegnete und denen, die durch sich die Göttin lebten. Da nur die Mutter wirklich sicher ist, leiten wir uns von unsern Müttern ab.

Weil bei den Hellenen Erbe und Ehre den höchsten Rang haben, läuft deren Geschlechterfolge nach den Männern. Doch die Göttin der Fruchtbarkeit der Hellenen, Demeter, muß mit Ma verwandt sein. Es wird berichtet, Demeter habe bei der Hochzeit von Kadmos und Harmonia deren Ehe und die Saat des kommenden Jahres gesegnet. Dafür legte Demeter sich mit Jasion in eine dreimal gepflügte Ackerfurche. Die Hellenen konnten das nicht verstehen. Sie ließen Zeus Jasion mit einem Blitz erschlagen und das Kind dieser Begegnung, Kore oder Plutos, in der Unterwelt bei Hades verschwinden. Doch selbst, wenn sie es wollten, können die Hellenen ihre Götter nicht mehr fragen. Bei der Hochzeit von Kadmos und Harmonia begegneten sich Hellenen und ihre Götter ein letztes Mal.

Marpesia hatte ihren Zuhörern ein Wechselbad der Gefühle bereitet. Penthesileias Tod nimmt alle mit. Fast jeder überlegt, wie man das Leben der Königin hätte retten können. Dann ließ das Frühlingsfest die Zuhörerschar über den Wolken schweben. Marpesia holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück: Leider holen euch manche unserer Nachbarn aus euren Träumen. Viele ihrer Sagen schildern uns als Schrecken. Doch verwundert das? Alle Völker fürchten große Heerzüge. Nach Kassandras Bild stillen Heere Hunger und Durst auf Art von Heuschrecken. Wir haben das wegen der Hani nicht nötig, wenn sich unsere weit verbreiteten Zweige treffen. Doch vor Angst nehmen unsere Nachbarn das nicht wahr. Allein die Zahl der Durchreisenden wirkt bedrohlich. Besonders die Hellenen, die sich selbst inzwischen bis hier her ausbreiten, kultivieren den Schrecken. Die schicksalshafte Verflechtung zwischen ihnen und uns begann schon vor Troia. Für mich zeigt Medeia, daß wir hier am Pontus von Anfang an unter den Vorurteilen der Hellenen zu leiden hatten.

Die Argonauten hatten uns auf ihrer Reise nach Kolchis nicht bemerkt. Als einige Hatti dann von ihrer Frühlingsnacht bei uns plauderten, konnte für die Hellenen die Geschichte unserer plaudernden Liebhaber nur jenseits von Kolchis stattgefunden haben. Sie erzählen, daß wir mit den Gargarensern jenseits des Kaukasus, die wie wir ihre Abkunft von den Müttern rechnen, wegen Männermangels einen Vertrag geschlossen hätten. Die Hellenen stellten sich vor, an dem Berg, der unsere Gebiete voneinander trennt, trafen die jungen Männer der Gargarenser auf unsere Mädchen. Wir hatten uns so geeinigt, daß alle danach geborenen Mädchen bei uns Amazonen blieben, die Knaben jedoch, wenn sie entwöhnt waren, zu den Gargarensern gesandt werden sollten. Nach Meinung der Hellenen teilten die Gargarenser die Knaben unter sich durch das Los auf.

Doch genau dies ist einer der beiden Gründe, die diese hübsche Geschichte unglaubwürdig machen. Welches Volk könnte bei Männermangel auch auf nur einen Knaben verzichten? Und welche Zukunft hätten wir ohne Jungen und Mädchen? Wie war es wirklich? Die Große Mutter war über die unerwarteten Frühlingsfeste so erfreut, daß sie nicht nur die erbetene Fruchtbarkeit verlieh. Theoretisch konnten die Fremden bei ihrem nächtlichen Besuch die künftigen Mütter gar nicht kennengelernt haben. Doch mir scheint unausweichlich, daß die Paare durch sich nicht ausschließlich die Große Mutter lieben können. Vollmondnächte im Sommer sind so hell. Wenn der Mond die Szene beleuchtet als wäre es Tag, können die Paare einander in die Augen sehen. Dann wollen sich gar nicht mehr trennen. Mehr Hethiter, als erwartet, blieben bei uns oder kehrten zu uns später zurück. Auch so wuchs die Zahl männlicher Amazonen wieder.

Hach, trotz des Todes von Penthiseleia konnte man wieder triumphieren. Erneut war die Zuhörerschar nicht zu bremsen. Die Königinmutter hatte sie zuerst mit Kämpfen und Spielen überrascht, leias Tod vor Troja traurig gemacht. Nun aber endet sie mit der Nacht der Nächte. Das Frühlingsfest ist wirklich das Größte. Niemand, der sich heute auf den Weg in die Nacht macht, denkt zuerst an die daraus möglicherweise entstehenden Kinder. Jungen und Mädchen ziehen los, um initiiert zu werden, um mit der Weihe Mas als Erwachsene vom Volk aufgenommen zu werden. Und Mas Geist zieht mit ihnen. Nie zuvor sind sie bisher einander so intensiv begegnet.

Ihre begeisterte Umgebung läßt Marpesia milde lächeln und schließen: Ma kann ja auch sicher sein. Die wahre Initiation findet vorher statt. In den Ritus werden alle, die hinausziehen, von Ma’s Priesterinnen eingeweiht. Jeder kann nun auf seine Art zu einer traumhaften Begegnung gelangen. Seit Penthesileia können sich sogar Fremde von den Priesterinnen in die Riten einführen lassen. Sie lenken die Phantasie so auf das Kommende, daß der Frühlingsvollmond seinem Ruf einfach gerecht werden muß. Träumt schön davon oder erinnert euch mit Freude daran. Morgen berichte ich euch über weitere Begegnungen mit Hellenen.

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