Nachdem sie sie sich der ungeteilten Aufmerksamkeit versichert hat, setzt Marpesia ihre Geschichte wieder fort: Ich weiß, ihr freut euch auf die berühmte Geschichte von Penthesileia. Sie ist nur sehr schwer zu verstehen. Mir scheint es einfacher, wenn wir uns zuvor vergegenwärtigen, daß alles vergänglich ist. In der Zeit, seit wir hier sind, gab es außer Hattusa noch eine andere berühmte Stadt, Troia. Beide sind noch immer beeindruckend, obwohl dort schon lange keine Hethiter und Troianer mehr herrschen. Ihren Platz nehmen heute die Perser ein. Die Perser erkannten die Vorzüge der Hani und ihrer Besatzung durch Amazonen sehr schnell. Die Karavansereien sichern uns auch unter den neuen Herren eine relative Freiheit. Es begann jedoch mit Hattusa. Die Handelsstadt erkannte, wie viel leichter es damit für ihre Karawanen wurde, Waren über weite Strecken zu transportieren. Bald verbanden diese neuen Unterkünfte die großen Städten Hattis im Abstand eines Tagesritts. Dank Reitkunst und Signaltechnik der Amazonen flogen Nachrichten in Blitzeseile über das Land.
Die Heilkunst machte nicht nur das Reisen sicherer. Jeder Han zog Kranke aus dem weiten Umkreis an. Der Erfolg des Hans bei den Hethitern hatte sprach sich bis Troia herum. Alles was Verkehr anging interessierte hier sehr. Getreidetransporte über See hatten diese Stadt reich gemacht. Kassandra, eine junge Prinzessin von Troia, hörte von den neuen Krankenhäusern und nahm Kontakt mit den gerühmten Heilpriesterinnen aus Themiskyra auf. Kassandra und die etwa gleichalte Penthesileia begegneten sich. Als Königin der Amazonen wurde Penthesileia sogar von Kassandras Vater, Priamos von Troia, empfangen. Bei ihrer Rückkehr nach Themiskyra berichtete sie sichtlich verstört von dem Prunk, in dem die Familie des Priamos lebte. Schon bei ihrem Aufenthalt in Hattusa war Penthesileia die Pracht aufgefallen, mit der dort die Könige sich umgaben. Wie mußte es erst in Troia sein, wenn man schon in Hattusa über Neid klagte? Trotz unterschiedlicher Lebensweisen hatte sich zwischen den Königinnen von Hattusa und Themiskyra eine Freundschaft entwickelt.
In Kassandra traf Penthesileia auf eine Schwester im Geiste. Gemeinsam suchten sie den Platz aus, auf dem in Troia ein Han mit Heilpriesterinnen der Amazonen entstehen sollte. Die Troianerin konnte nicht genug über Themiskyra hören. In Hattusa waren die Beziehungen der Amazonen und der Hatti inzwischen so eng geworden, daß die Amazonen dort an Kampfspielen teilnahmen. Nach ersten Erfahrungen erbaten sich die Krieger der Hatti für ihre Spiele möglichst männliche Amazonen als Gegner. Zum nächsten dieser Wettkämpfe ritten viele junge Männer mit Penthesileia nach Hattusa. Die setzte ihren Weg nach Troia fort, um den neuen Han einzuweihen. Als sie dort ankam, fand sie die Stadt belagert. Sie ließ sich von den Angreifern nicht abhalten, ihre Freundin Kassandra zu besuchen. Die hatte für die Belagerer einen Namen, Achäer. Weil die mächtigen Befestigungen Troias sie am Eindringen hinderten, beraubten die Achäer weniger befestigte und völlig unbeteiligte Städte in der Umgebung.
Die Fremden erzeugten in Kassandra das Bild eines Heuschreckeneinfalls. Nach dessen Durchzug war alles kahlgefressen. Als Penthesileia nach Hattusa zurückgekehrt war, erzählte sie von den Ereignissen in Troia. Der königliche Hof in Hattusa hatte schon vom Pharao erschreckende Nachrichten über Überfällen eines Volks mit vielen Schiffe erhalten. Weil die Ägypter die Herkunft der Angreifer nicht kannten, nannten sie sie Meervölker. Auch Städte an der Thalatta, die zum Reich der Hethiter gehörten, klagten seit kurzem über solche Angriffe. Doch Troia war zu gut befestigt, als daß man sich um die Stadt Sorgen machen mußte. Diese Einschätzung schien sich zu bestätigen. Die Belagerung dauerte bald zehn Jahre, ohne der Stadt oder ihrem Handel zu schaden. Kurz nach der Abreise zu den nächsten Kampfspielen, erhielt Penthesileia von Kassandra einen Hilferuf. Den überbrachte sie auch den Herrn von Hattusa. Die beschlossen die Angreifer an Übergriffen auf ihre Städte zu hindern, indem sie die Achäer in Troia banden.
Die Städte der Hethiter wurden nicht nur ihrer Güter, sondern auch ihrer Frauen und Mädchen beraubt. Die wurden von den Angreifern schlimmer behandelt als Pornes. “Prostituierte” waren sie gewöhnt, vorher zu fragen und danach zu entlohnen. In den überfallenen Städten entrissen sie den Eltern einfach die Mädchen und benutzten sie wie Sklavinnen. Ihr habt bei Homer über Chryseis und Briseis gelesen. Euch ist sicher in Erinnerung geblieben, wie Agamemnon den um seine Tochter bittenden Vater Chryses behandelte. Davor wollten die bei den Spielen kämpfenden Amazonen ihre Landsleute im Han sichern. Noch bevor sich das hethitische Heer in Bewegung setzen konnte, waren die Amazonen schon auf dem Marsch. Die Teilnehmer aus Themiskyra bei den Kampfspielen hatten sich so erhitzt, daß alle ihre Kriegskönigin bedrängten, König Priamos von Troia zur Hilfe zu eilen. Sie wollten helfen, die barbarischen Angreifer zu vertreiben, ohne zu ahnen, daß die sie Barbaren nannten. Über ihr Eingreifen sandte Penthesileia vom Han in Hattusa Nachrichten an Kassandra und nach Themiskyra.
Auf dem Ritt mußte sie die Männer bremsen, daß sie nicht zu erschöpft für den Kampf auf dem Schlachtfeld eintrafen. Außerhalb der Sichtweite der Belagerer errichten sie ihr Lager. Gleich am nächsten Morgen gelang es Penthesileia mit einem Ausfall der Troianer, Kassandra zu besuchen. Die brachte ihre Freundin zu ihrem Vater Priamos und ihrer Mutter Hekabe, um eine gemeinsame Taktik zu besprechen.. Nachdem alles abgesprochen war, begleitete Kassandra Penthesileia zum Han. Auf dem Weg fiel Penthesileia auf, wie oft Kassandra sie heimlich betrachtete. Ihr schwante Schlimmes. Sie wußte, daß Kassandra die Sehergabe besaß. Über ihre Vereinbarungen mit Priamos benachrichtigte sie Themiskyra. Der Amazone, der Penthesileia die Nachricht übergab, gestand Kassandra später, daß sie sich Vorwürfe machte, ihre Königin gerufen zu haben. Seit Penthesileias Ankunft bedränge sie immer wieder das Bild vom drohenden Tod der Amazone.
Das Geständnis blieb auch ihrer Freundin nicht verborgen. Total verstört begleitete Kassandra Penthesileia zu Kriegern, die sich zu einem weiteren Ausfall versammelten. Mit denen kehrte unsere große Königin von den Belagerern unbemerkt zu ihrem Heer zurück. Beide behielten den letzten Blick ihrer Freundin im Sinn. Das Unausweichliche spornte Penthesileia an, im gleichen Maße fühlte sich Kassandra dem Schicksal ausgeliefert.
Marpesia bekam deutlich zu spüren, wie sehr Penthesileia für alle der Inbegriff von Dramatik war. Ihr blieb nur, eine Zeit lang wortlos zuzuhören, bis jeder seinem Nachbarn sein Bild vom Tod der berühmten Königin vor Troia dargelegt hatte. Sie ließ noch etwas Zeit verstreichen, um auch die letzte Aufregung abkühlen zu lassen, weil ihre Worte ihre Zuhörer erneut erregen mußte: Am nächsten Morgen erwarteten die Belagerer wieder einen Ausfall Troianer. Völlig unerwartet stürmten die Amazonen hinter Penthesileia in das den Angriff von Troia erwartende Heer der Achäer. Ihr unerwartetes Auftauchen sorgte für Verwirrung und Schrecken. Die Achäer gerieten in arge Bedrängnis. Der besorgte Agamemnon sandte mehrfach vergeblich zu Achilleus. Den grämte Agamemnon noch immer wegen Briseis. Erst als er hörte, daß selbst Aiax dem Führer des angreifenden Heeres nicht standgehalten hatte, erschien er auf dem Feld. Gleich stürmte der furchterregende Führer der Angreifer auf Achilleus zu.
Den großen Helden der Achäer hatte seine Mutter, die Göttin Thetis, unverwundbar gemacht. Nur eine Ferse hatte sie dabei übersehen. Der von sich selbst Überzeugte sah er sich plötzlich durch einen unglaublich wendigen Gegner bedrängt. Mit dem Aufeinandertreffen der “Heroen” hatten alle Andere ihre Waffen sinken lassen und beobachteten deren Finten reglos. Lange Zeit versuchte Achilleus seinen unbekannten Gegner durch einen Treffer zu bremsen. Zornig über jeden vergeblichen Versuch, begann er zu wüten. Nun ging jeder Angriff erst recht ins Leere. Wie, als hätte ein Unsichtbarer dem an diesem Tag schrecklichsten Krieger vor Troia ein Bein gestellt, stürzte der völlig unvermittelt. Achilleus gelang es, dem Liegenden sein Schwert in die Brust zu stoßen. Noch immer davon überzeugt, einen der berühmten Helden Troias überwältigt zu haben,. löste er dessen Helm. Er blickte in die Augen einer sterbenden Amazone. Von diesem Moment an hatte er nur noch Penthesileia im Sinn. Maßlos vor Trauer, wie zuvor vor Wut, verließ er das Schlachtfeld mit ihrem Leichnam, und bereitete für eine würdige Bestattung vor.
