Zum ersten Male konnte man bei einer Geschichte Marpesias mit einem Mann mitfühlen. Die einen fanden, daß es schrecklich für ihn gewesen sein mußte, zweimal seine Partnerin zu verlieren. Hätte er nicht besser aufpassen können? Die Frauen in Hellas waren so hilflos. Andere meinten, die Frauen hätten die Anschläge auf ihr Leben doch auch selbst bemerken müssen.

Den ganzen Tag hört Marpesia ihre Geschichte mit neuen Worten erzählt. Die Reaktion verleiht ihr abends ungeahnten Schwung: Aigeus fühlte sich nach dem Gespräch mit Medeia schon sehr erleichtert. Jetzt mußte er nur noch sein Problem bewältigen. Wenn er wieder in Athen war, würde Pallas ihn wieder vor versammeltem Hof verhöhnen. Er würde vor dem Kinderlosen mit seinen fünfzig Söhnen prahlen. Auch seine künftige Frau würde wieder schwanger, aber trotz aller Vorkehrungen wahrscheinlich nicht überleben. So griff er Medeias Idee auf, erst zu seinem alten Freund nach Troizen zu reisen. Pittheus und seine Tochter Aithra freuten sich über den Besuch des lieben Freundes. Aigeus übergab das Geschenk Medeias, ihren berühmten Wein. Er war noch so damit beschäftigt, daß er gleich vom Orakel sprach. Die teilnahmsvolle Aithra ließ sich seinen Kummer ausführlich schildern. Der Vater und Freund staunte, als er sah, wie Beide immer vertrauter mit einander wurden.

Die Erzählerin fährt ohne Pause fort: Pittheus galt als sehr weiser Mann. Doch er geriet in einen Zwiespalt. Wenn er nicht einschritt, würde genau das geschehen, was er seiner Tochter wünschte. Doch kein treusorgender Vater in Hellas würde seine unversorgte Tochter je ohne eheliche Absicherung mit einem Mann ins Bett gehen lassen. Nicht einmal mit dem besten Freund. Dachte er an Aigeus ausgeprägtes Ehrgefühl, konnte er jedoch irren. Aigeus würde sich nie erlauben, die Tochter eines Gastgebers zu berühren. Und Aithra hatte Aigeus bisher immer als Freund ihres Vaters gesehen und nie als möglichen Liebhaber. Doch Aphrodite rang Pittheus großen Respekt ab. Die Göttin mußte im Raum sein, wie die Zwei sich verhielten. Schließlich ließ sie Pittheus den positiven Sinn des Orakels begreifen. Er ließ Medeias Signal dafür, den Schlauch mit Wein holen und einschenken. Mit dem Gedanken, daß sie recht geraten hatte, sah er den kommenden Morgen voraus.

Nun folgt eine Unterbrechung. Die Mädchen wollen wissen, ob Marpesia nicht ein wenig viel Sympathie mit Pittheus habe. Pittheus wäre nach Aigeus der erste Hellene, den Marpesia erstaunlich liebenswert geschildert hätte.

Die Erzählerin denkt ein wenig nach, um dann zuzustimmen: Ich finde Pittheus Verhalten erstaunlich. Väter, besonders hellenische, reagierten meist anders. Ja, Pittheus hat meine Sympathie. Besonders weil es Leute gibt, die ihn verkennen. Die zwei geschundenen Seelen taten dem Weisen leid. Und wie sie auf einander eingingen, konnte Medeias Vorhersage nur eintreten. Er kannte seine Tochter nicht wieder. Aphrodite mußte sie steuern. Auch hinter den Reaktionen seines Freundes erahnte er Aphrodite. Doch in einem war er sicher, von seiner Tochter würde er sich nicht trennen. Pittheus konnte seine geliebte Tochter doch nicht der Gefahr des Hofes von Athen aussetzen. Sie hatte gezeigt, sie konnte sehr gut auch ohne Mann existieren. Und daß Aigeus mit der Drohung des Orakels fertigwerden würde, davon daran hatte Pittheus keine Zweifel. Wenn er die Beiden ließ, würde Aigeus ein Kind bekommen, das am eigenen Hof nie heranwachsen konnte. Zufrieden über die Schicksalswendung zog Pittheus sich zurück.

Aigeus gab den Zuhörern Marpesias etwas, was ihnen bisher unbekannt war: Bei uns kämpft niemand gegen seine Geschwister um die Herrschaft wie in Athen. Doch auch die Herrscher der Ägypter und der Perser lebten sehr gefährlich. Deren Obacht mußte häufig mehr der eigenen Familie gelten als äußeren Feinden. Wir Amazonen sind schon ziemlich einmalig. Aigeus stellte beim Erwachen fest, daß er die Nacht in den Armen der Tochter seines Freundes verbracht hatte. Verschämt eilte er zum Vater und bat um die Hand des Mädchens. Doch Pittheus lehnte den Antrag freundlich ab. Aithra errötete, als ihr Vater sagte, sie hätten die Ehe ja schon vollzogen. Doch am Hof von Athen hätte sein Kind durch Aigeus Verwandtschaft kaum eine Chance lange zu überleben. Der einsichtige Bräutigam bat, ein möglicherweise aus dieser Verbindung hervorgehendes Kind nicht auszusetzen, wie das in Hellas häufig in solchen Fällen geschah.

Die Mädchen stürmten nun auf ihre Lehrerin ein. Erst einmal wollten sie die Bedeutung von Braut und Bräutigam erklärt haben. Aber dann übertrafen sie sich mit Überlegungen, was Aithra anging. Marpesia schmunzelte, als sie wieder zu Wort kam: Braut und Bräutigam kennt ihr nicht, weil sie die Ehe und ein Versprechen dazu voraussetzen. Davon war Pittheus weit entfernt. Er bat Aigeus und Aithra dafür zu sorgen, daß die Folge einträte. Dann hätte sein lang gehegter Kummer ein Ende und seine Tochter machte die Erfahrung einer Mutter. Töchter von Aigeus’ Vorfahren waren von den Apollon und Poseidon vergewaltigt worden. Der Streit der beiden Göttern schien immer noch anzuhalten. So war ihm die Idee gekommen, jeder Nachrede zuvorzukommen. Würde Aithra schwanger, würde er es damit erklären, daß Poseidon seine Tochter beim Bade vergewaltigt und geschwängert habe. Und wenn es ein Knabe wäre, würde er, sich wehren konnte, dem Vater nach Athen folgen.

Die Amazonen fanden das Sicheinmischen griechischer Götter sehr merkwürdig. Die Große Mutter machte sich nie auf solche Art mit Menschen gemein. Marpesia konnten sie nur zustimmen, wenn sie Pittheus für bewundernswürdig hielt. Er war eine ganz andere Art Held, als man erwartet hatte. Es waren ja fast amazonische Verhältnisse, von denen man hörte. Ein Vater, der die Gefühle seiner Kinder achtete. Ein Mann, der sich mit den Empfindungen einer Frau auseinandersetzte. Und eine Beziehung, die leise wuchs und sich erfüllte.

Die Erzählerin lachte: Ja, es ist erstaunlich, jeder liebt Helden- oder Liebesgeschichten. Aber diese war sehr ungewöhnlich. Aigeus und Aithra waren sich einig. Pittheus hatte ihre heimliche Ehe gesegnet. Am Tag des Abschieds verließen sie getrennt den Hof und trafen sich an einer Felsplatte am Meer, dem „Tisch des Zeus“. Sie waren sich sicher, daß ihre Verbindung Folgen haben mußte. Sollte es ein Knabe sein, hatte Aigeus für diesen ein Vermächtnis. Er hob den Stein hoch und verbarg daunter seine Sandalen und das Schwert des Kekrops. Aithra sollte dem Sohn, wenn er den Felsen heben konnte, den Ort zeigen. Mit den Erkennungszeichen Schwert und Sandalen sollte er an den Hof von Athen kommen. Nach einer letzten Umarmung trennten sich die Beiden und Aigeus reiste beglückt nach Hause.

Mit etwas Verzögerung wird den zuhörenden Amazonen das Problem der Vaterschaft in Hellas bewußt. Amazonen hatten ja ein besonderes Privileg. Durch den Frühjahrsvollmond konnte jeder der Vater sein. Alle sorgten gleichermaßen für den Nachwuchs. Selbst, wenn unverkennbare Ähnlichkeit manchmal den Erzeuger verrieten. So kann Marpesia fortfahren: Die tatsächlich beginnende Schwangerschaft erklärte Pittheus damit, daß seine Tochter auf eine Athene geweihte Insel vor Troizen gefahren sei, um ihr zu huldigen. Dort wäre sie aber von Poseidon vergewaltigt worden. Die Insel wurde in Hiera umbenannt. So hatte sich Medeias Orakel in Theseus, denn so nannte Aithra den Sohn, der in ihr wuchs, erfüllt. Medeias Leben wurde immer unerträglicher. Iason überzeugte seinen künftigen Schwiegervater davon, daß seine Ehe mit einer Kolcherin nicht als rechtsgültig zu betrachten sei. Nun wagte er es, sich von Medeia zu lösen.

Die Zuhörer können nicht verstehen, was Ison bei einer neuen Frau gewann, wenn er schon vor der ersten Angst hatte: Ich denke, Glauke und Iason waren sich beide einig. Mit dem neuen Partner würde alles von allein besser werden. Die Verträge zwischen ihren Reichen wurden mit ihrer Hochzeit besiegelt. Iason hatte Medeia ja schon so oft verraten. Meistens handelte er unüberlegt. Häufig sogar bewußt widersinnig, wenn er nur provozieren wollte. Medeia hatte sich längst zurückgezogen. Sie hatte nur nicht verhindern können, daß ihre Kinder an der Hochzeit ihres Vaters teilnahmen. Der Braut wünschte sie mehr Glück mit Iason, als sie es gehabt hatte. Sie schenkte ihr sogar ein kostbares Brautkleid aus feinstem buntgewebtem Byssos aus Koptos.

Bei den letzten Sätzen werden einige Mädchen immer lebhafter und tuscheln untereinander. So eine hellenische Hochzeit würden sie gern einmal erleben. Ein extra Kleid für eine Hochzeit gab es in Amazonien nicht. Marpesia läßt die Schwärmerinnen ausschweifen. Sie würde sie schon noch genug erschrecken: Im Trubel des Festes wirbelte die junge Braut in dem leichten Tuch so wild herum, daß sie es unvorsichtigerweise an der Festbeleuchtung in Brand setzte. Bis es gelang, die Flamme zu löschen, hatte Glauke sich schon verletzt. Als die Herkunft des Kleides bekannt wurde, vermuteten die Entsetzten, die abwesende Medeia habe der Nebenbuhlerin einen gefährlichen Zauber ins Kleid gewirkt. Diese Spekulation war gerade modern, wie wir von Nessos und Herakles wissen. Man liebte es, sich Furien vorzustellen. Rachegelüste verlangten nach Befriedigung. Da die Beschuldigte weit weg in Korinth war, fanden die wutschnaubenden Hochzeitsgäste in “Medeias” Kindern Ersatz. Ehe der stolze Bräutigam und Vater Iason begriff, was Fremdenhaß bedeutete, schlugen einige besonders Haßerfüllte zu.

In die atemlose Stille folgen Worte, die die Mitfühlenden noch mehr bedrücken: Der danach andauernde Furor hinderte die wie rasend trauernde Medeia daran, ihre ermordeten Kinder zu bestatten. Die Wütenden unterstellten ihr sogar die eigene Untat als Rache an Iason. Das Leid um ihre Kinder ging in dem um sich greifenden Aufstand unter. Sie konnte nur zu Herakles fliehen. Er hatte geschworen, sie gegen ihre Feinde beizustehen. Doch dafür trieb es ihn zu bald wieder aus dem Haus. Inzwischen hatten die Wütenden auch Iason verjagt. Schutz gegen die anhaltende Wut fand die trauernde Medeia bei ihrem alten Freund Aigeus.

Die auf das letzte Wort folgende Stille war körperlich spürbar. Das Unwohlsein hielt selbst noch auf dem Weg ins Bett an. Doch Marpesia war sich sicher, die Fragen würden sicher noch kommen.

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