Der friedliche Abend läßt auch den Morgen ganz unaufgeregt beginnen. Marpesia und die anderen Erzählerinnen mischen sich unter die Übenden, um sie ihr Tun bewußt zu machen. Die Kommentare lassen die Eifrigen immer selbstbewußter über ihr Volk denken. Die Zuhörer versammeln sich nach dem Abendessen voller Neugier auf Medeia aber auch auf Marpesia. Sie hat doch frische Erinnerungen an ihre Fahrt mit Adonis durch den Hellespont und den Pontos euxenios.
Marpesia ahnt davon nichts, als sie ihre Geschichte fortsetzt. Iason war ja auch mit Adonis nicht zu vergleichen: Aietes schaffte es mit seinen Beziehungen zu den Abnehmern in Troia, den Handel kolchischer Waren an sich zu ziehen. Bald nahm er eine Stellung wie ein König ein. Die Gerüchte in seiner Heimat über Kolchis kamen ihm zupaß. Sie hielten ärgerliche Konkurenten fern. Nach dem unerwarteten Besuch von Herakles bei seinen Nachbarn erneuerte Aietes seinen Vertrag mit König Laomedon von Troia. Fremde Schiffe sollten weiterhin an der Fahrt durch den Hellespont gehindert werden. Das war im Sinne Troias. Durch den Vertrag hatte es Aietes als sicheren Lieferanten an sich gebunden und sein Monopol im Pontos-Handel mit dem Westen erhalten. Auf Herakles Rat umgingen die Argonauten das Durchfahrt-Verbot und schlichen sich an den Wachen vorbei. Wäre Herakles nicht gewesen, die Argo wäre wegen der Schwierigkeiten, die der Bosporos bereitete, umgekehrt.
Ein Zuhörer läßt nicht lockert. Er fragt Marpesia nach ihren Reiseerinnerungen und erinnert an die drei Hellenen, die nach Herakles Überfall auf Themiskyra zurückgeblieben waren. Marpesia lacht: Die Phönizier müssen besonders gute Seeleute sein. Mir ist die Fahrt nicht so schwierig vorgekommen. Die Hellenen zogen sich Hals über Kopf zurück. Sie ließen sogar Männer zurück. Drei konnten mit knapper Not in Sinope unterkriechen. Bei Besuchen dort haben wir immer von Hellenen gehört, die recht und schlecht ihr Dasein fristeten. Sie waren froh, als sie von der Landung der Argo hörten.
Diese gut bekannte Episode muß erst in allen Details erörtert werden, ehe die Zuhörer sich auf eine Fortsetzung konzentrieren können: Die unfreiwillig Zurückgelassenen rieten, unsere Ufer zu meiden. Auch an den Chalyboi und Tibarenoi in Kotyora ruderten die Argonauten vorbei. Händler hätten den Weg von der Küste in die Berge sicher auf sich genommen. Die “Chalyber” und “Tibarener” stellten ganz berühmte Waffen aus Eisen her. Doch Iason hatte ein anderes Ziel vor Augen. Die Moisynoicher mieden sie sicher, weil sie die mit uns verwechselten. Die tragen zu ihren ungewöhnlich langen Speeren ähnliche Schilde wie wir.
Für ihren nächsten Satz nimmt Marpesia alle genau ins Visier: Dann kamen die Argonauten zu der kleinen Insel, auf der die erste Antiope den berühmten Altar zum Dank für die unbehelligte Überwindung der Höhen des Kaukasos und in Erinnerung an ihre Großmutter errichtet hatte. Dort brachten die Hellenen Ares ein Opfer dar. Sie halten ihn für unseren Urvater, was euch sicherlich, wie mich erstaunt. Beim Landgang trafen die Argonauten auf vier Schiffbrüchige. Die stellten sich als Söhne des Phrixos und der Chalkiope heraus. Man nahm die Großsöhne des Aietes mit in ihre Heimat, von der sie erst kürzlich aufgebrochen waren. Von nun an änderte sich die Küstenlinie. Die hohen Berge traten zurück und das steile Ufer flachte ab. Die breite kolchische Tiefebene am Phasis lud zur Landung ein.
Niemand fühlt sich zu einer Bemerkung aufgefordert, sodaß Marpesia ohne Pause fortfahren kann: Die Argonauten waren in das Land gelangt, das für das Goldene Vlies berühmt war. Sie brachten in den Schiffbrüchigen eine wertvolle Fracht mit. Mit dieser in seinem Gefolge wollte Iason das Vlies von seinem Besitzer fordern. Je nach der Art des Empfangs wollte Iason dem König die Wahl lassen, sie als seine Verwandtschaft in die Arme zu schließen oder sie als Geiseln zu sehen.
Das Ende des Goldenen Vlieses ist allen bekannt. Deshalb erläutert Marpesia das Vlies: In Hellas hieß es, das Vlies sei das Fell eines Schafes, das die Phaiaken in Kolchis gelassen hätten. Die Lämmer dieser Schafe trügen ein besonders schön gelocktes Fell. In der Sonne schimmere es golden. Die Schafe, die wir von Kolchis mit nach Themiskyra nahmen, bekamen Junge mit einem Vlies in einem stahlblauen Schwarz. In Kolchis können Schafsfelle aber golden werden. Der Handel mit dem Erz aus dem Kaukasos hatte die Kolcher angeregt, im von dort herabkommenden Phasis nach Gold zu suchen. Man lernte, Schafsfelle in den Phasis zu legen. Wenn sie wieder aus dem Fluß geholt wurden, hatte der Phasis Gold zwischen ihren Haaren hinterlassen. Das Gold, das aus den Vliesen herauswaschen wurde, brachte mehr ein, als Getreide oder Wein. Immer mehr Bewohner der Kolchis wandten sich dem Goldwaschen zu. Mit dem Metall drang der Ruf des goldenen Vlieses bis nach Hellas.
Die Zuhörer finden nichts, für das es sich lohnt, Marpesia aufzuhalten. So fließt ihre Geschichte in einem fort: Wie ihr alle wißt, gehörte das Vlies dem Volk der Kolcher und nicht ihrem hellenischen König. Jedes Jahr weihten die Kolcher das letzte Vlies der großen Mutter. Aietes konnte, was Iason verlangte, nicht erfüllen. Obendrein brachte ihn die Ankunft der Argonauten auf. Sein Partner in Troia hatte die Pontis schlecht gehütet. Kolchis zahlte und nun hatte er den Ärger, den er sich ersparen wollte. Er kannte sich selbst gut genug, um nicht zu ahnen, wie es weiter gehen würde. Man durfte gar nicht erst Hoffnungen aufkommen lassen, erpreßbar zu sein. Er war sich sicher, solange die Hellenen das goldene Vlies begehrten, waren seine Großsöhne bei ihnen sicher.
Eine Diskussion voller heftiger Emotionen setzt ein. Welch Schrecken Leute, die sich an kein Recht und keine Absprachen halten verbreiten konnten, hatten die Amazonen am eignen Leibe erfahren. So brach es heraus: Terroristen ist man ausgeliefert. Herakles hatte hinterhältig Geiseln genommen. Wieviel mutiger war es von Iason, Schiffbrüchige als Geisel zu behandeln. Hatte ihn gar Herakles auf diese Idee gebracht? Aietes fürchtet, daß in Hellas offenbar werden konnte, wie er zu seinem Reichtum gekommen war. Dann würde sich eine Flut von Landsleuten auf den Weg machen.
Wieder ein Hinweis, der anregt, sich ins weite Umfeld zu verlieren. Schließlich lädt Marpesias ein, wieder an der Geschichte zurückzukehren: Aietes störte, daß die ängstliche Mutter bemüht war, den Zorn zu besänftigen. Chalkiope versuchte den Widerstrebenden zu überzeugen, ihre Söhne allen Widerständen zum Trotz auszulösen. Als ihr Bitten und all ihre Argumente nichts halfen, suchte sie Unterstützung bei ihrer Schwester. Dabei fällt mir ein, vielleicht reiste Herakles ja mit, um Phrixos, den er vor dem Opfertod gerettet hatte, zu treffen. Oder wollte er seine Gewalttat bei uns wieder gutmachen?
Die Bemerkung hätte Marpesia sich besser verkniffen. Es dauerte, bis sich die Wellen geglättet hatten: Ihr meint, das glaube ich selbst nicht? Doch ihr stimmt mir zu, daß den Argonauten ohne Medeia kaum Erfolg beschieden gewesen wäre. Medeia hatte viel von Mutter Hekate und deren Schwester Kirke. Die weisesten Frauen ihrer Zeit hatten sie erzogen. Schon als Kind spielte sie andere Spiele als ihre Altersgenossen. Am liebsten trieb sie sich im Labor ihrer Mutter herum. Dort wurden Gold, Kupfer, Zink, Silber und Arsen für ein besonders schönes Aussehen des Korinthiako Chalkino gemischt. Selbst in Kolchis behielt sie ihre Gewohnheit bei. Sie folgte ihrem Vater, wenn er aus “Erz”, wie er Chalkios nannte, Metallion erschmolz. Und bei der Hofhexe studierte Medeia Kräuter und Lebewesen. Mit ihr zog sie aus, um Menschen auf die Welt zu helfen oder ihrer Hinfälligkeit zu begegnen.
Die Erzählerin blickt auf und bemerkt, daß sie sich eine Pause für Nachfragen sparen kann: Nur wenn in der Schmiede Metall getrieben wurde, verließ Medeia den Raum. Der Amboß hallte von den funkenstiebenden Schlägen des Hammers wieder. Das Getöse dröhnte ihr zu sehr in den Ohren. In solchen Momenten lief sie zu den Priestern, um ihren Wissensdurst bei ihnen zu stillen. Eines Tages überraschte sie ihren Vater. Mit Hilfe ihrer Mutter war sie dabei, ihr erstes eigenes Metall zu erschmelzen. Aietes hätte sie am liebsten gebremst. Auf ihre Art konnte es nicht gelingen. Alle seine Rezepte hatte sie durcheinandergewirbelt. Nur hier und da schien ihm sein Wissen noch durchzuschimmern. Doch dann staunte er über die Eigenschaften des fertigen Materials. Er hatte lange vergeblich geforscht, wie so etwas entstehen könnte. Genauso wunderte sich die Hofhexe. Schon bald überließ sie Medeia die schwierigen Geburten und sie beriet sich mit ihr bei fast aussichtslosen Fällen von Krankheiten.
Marpesias Worten folgt die erwartete Reaktion. Lachend wirft ihr eine Frau aus der Mitte der Zuhörer vor, ein schlechtes Beispiel gewählt zu haben: Wenn Medeia so weise war, wie wir alle glauben, wie konnte sie dann in ihr Unglück rennen? Gerade Medeia ist doch das widerfahren, vor dem uns deine Geschichten eigentlich bewahren sollen.
Schon mit den ersten Worten sieht Peri ihre Großmutter sehr nachdrücklich an. Ihre Reaktion übertrifft alle ihre Erwartungen. Marpesias Augen beginnen zu leuchten wie lange nicht: Ich danke dir! Du hast den Kern getroffen. Manchmal frage ich mich, warum soll ich eigentlich schon wieder auf einen Einwurf eingehen? Doch der Gedanke ist mir zu impulsiv. Fragen ist klug. Nur Fragen bringt uns weiter. Wie auch dieses Mal. Ich glaube, meine Wahl war ausgezeichnet. Erstaunt dich nicht, daß ein Hellene eine so gebildete Tochter hatte, wo Bildung doch ihren Männern vorbehalten ist? Medeia hatte die beste Voraussetzung, sich als Mädchen außergewöhnlich zu bilden. Sie lebte nicht unter Hellenen sondern unter Kolchern. Sie verehren statt der Götter des Olymp die Große Mutter. Die unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau.
Wieder endet eine Geschichte ohne Rückfragen. Alles klingt, wie der gewöhnliche Alltag. Nur verwendet man in Themiskyra weniger Zeit für die Herstellung von Metallen. Das Gold überläßt man den Nachbarn in Kolchis, Waffen den für Stahlarbeiten berühmten Völkern. Entsprechend schnell leert sich der Platz und bei den Amazonen kehrt Ruhe ein. Alle wissen ja, der Höhepunkt steht ihnen noch bevor. So kehrt bald Ruhe ein bis auf die nur von Eingeweihten vernehmbare Pfiffe der Nachtwache. Die liebt die Stille. Die Pfeifsprache ist dann fehlerfreier zu verstehen.
