Erste Szene des Schauspiels
Das Ringen um die Geschichte
Darsteller:
Zeitgeist (zur Zeit der Geschichte: Ainundoxai)
Inspiration (zur Zeit der Geschichte: Empneinios)
Autor (zur Zeit der Geschichte: Syggrapheus)
Autor (sitzt unruhig am Schreibtisch und murmelt ungeduldig vor sich her)
Inspiration (erscheint neben dem Autor und sieht ihm nachsichtig lächelnd zu): Na, findest du mal wieder keine überzeugende Formulierung?
Autor (lacht etwas unglücklich): Ich möchte der Eleganz deiner Ideen gerecht werden.
Inspiration: Ich habe es leichter. Du reizt mich zu meinen Vorschlägen. Ich muß nur dich erreichen. Aber du möchtest möglichst viele Leser oder Zuhörer mitreißen.
Autor: Zuhörer gehen ja noch.
Inspiration: Du hast gut gelernt. Zuhörer packt man mit der eigenen Begeisterung.
Autor (wird langsam aufmerksam): Wie oft habe ich etwas von dir vernommen, doch zum ersten Mal höre ich dich ganz klar.
Inspiration: Vielleicht hast du dich lange genug mit Zeiten befaßt, in denen Menschen noch Fähigkeiten besaßen, von denen sie heute nur noch träumen können.
Autor: Ich erinnere mich an Mythen, in denen sogar Götter und Menschen sich begegnen.
Inspiration: Kontakte werden zu Freundschaft. So vertraue ich dir meine Gedanken an.
Autor: Dank für dein Vertrauen. Wenn ich sie treffend wiedergebe, habe ich gewonnen.
Inspiration (lauscht): Wir machen gerade eine Rechnung ohne den Wirt. Du vergißt den, für und gegen den du gerade schreibst, die öffentliche Meinung, den Zeitgeist!
Zeitgeist: Hat mich jemand gerufen? Zu der Zeit, von der ihr gerade sprecht, nannte man dich Empneinios. Wenn du den Einhaucher hören kannst, müßtest du mich sehen können.
Inspiration: Muß ich euch vorstellen? Zu Peris Zeit wäre Autor der Syggrapheus gewesen, und dich, Zeitgeist, könnte man Ainundoxai genannt haben.
Autor: (wendet sich an den ins Gepräch Drängenden): Du kommst ungerufen. So, wie du dich gebärdest, erinnerst du mich an Passanten, die einen heute überall fast umrennen. Wer sich so aufführt, kann nur die Gegenwart in Person sein, der Zeitgeist!
Zeitgeist (mit stolz geschwellter Brust): Ich wäre sehr erstaunt gewesen, hättest du mich nicht erkannt. Doch von Leuten wie dir bin ich schon freundlicher empfangen worden.
Inspiration: Ich kenne nur Hegel. Der sah in dir den objektiven Weltgeist.
Zeitgeist: Mit dem Koryphaios Georg Wilhelm Friedrich kann sich dein Autor nicht messen!
Autor: Hegel hielt dich für objektiv. Wenn sie alles idealistisch sehen, können dich auch Koryphäen verkennen. Oder du mußt dich sehr verändert haben.
Inspiration: Das war die Zeit der Romantik. Danach ein Weltgeist zu bleiben, dazu fehlte dir die korrigierende Inspiration. Den Anspruch Hegels an dich hast du an mich abgetreten.
Zeitgeist: Bilde dir nichts ein! Ich bin der Geist der Welt, allgegenwärtig. Jeder ist meiner Meinung. Im Gegensatz zu dir brauche ich nicht um Gehör zu ringen.
Autor: Du bewegst dich in bester Gesellschaft. Alle Prominenten suchen deine Freundschaft. Mein Chef hielt übrigens sehr viel von dir. Wer kommt um dich herum?
Inspiration (zum Autor gewandt): Ich muß dich jetzt warnen. Wenn ich mir deine Achtung erhalten will, muß ich gestehen, dieser Herr vermag meine Haltung ins Wanken zu bringen.
Zeitgeist: Ich habe ja mehr Einfluß auf dich, als ich dachte!
Inspiration: Du kannst dich aufhalten, wo du willst, er läuft dir immer über die Füße.
Autor: Ich sähe den Zeitgeist lieber wie Hegel. Doch Dank ihm, lese ich die Presse immer drei Tage später.
Inspiration (lacht verständnisvoll): Das erspart den Ärger über die Zeitungs-Enten.
Zeitgeist: Zeitung? Das ist doch völlig antiquiert. Heute informiert man sich elektronisch.
Autor: Ich meide auch Nachrichten oder aktuelle Sondersendungen im Fernsehen!
Zeitgeist: Wo kommst du denn her? Wenn das dein antiquierter Freund gesagt hätte! Ich spreche von den sozialen Medien.
Inspiration: Vielen Dank für die Belehrung. Du färbst auf mich ab. Wenn ich dir begegne, durchtränkt mich dein Freund katholou Legomena.
Zeitgeist (pustert sich noch mehr auf): Was soll ich mit Vorurteilen? Ich bin, was die Mehrheit gerade meint und glaubt.
Inspiration (leicht gereizt): Verkehrst du nicht mit Pheme, Diabole und Leros?
Autor: Ich kann zu wenig Griechisch. Mich erinnert Diabole an Diabolo, den Geist, der stets verneint. Und die beiden Anderen klingen für mich nach Häme und Leere.
Zeitgeist: Geschichtenerzähler sollten zumindest die Sprache kennen, über die sie reden, sachlich bleiben, besonders, wenn sie Goethe zitieren.
Inspiration: Bis auf deinen Stammtisch mit Gerücht, übler Nachrede und leerem Geschwätz, sind wir uns dieses Mal sogar einig! Zitate machen Aussagen nicht weniger anfechtbar!
Zeitgeist: So habe ich das nicht gemeint! Im Gegensatz zu dir muß ich nicht auf mich aufmerksam machen. Zu meinem Stammtisch gehören auch noch Lalia und Psyaria.
Inspiration: Eine ist wie die Andere. Dabei stammst du aus einer angesehenen Familie mit deiner Schwester Aischyne und deinem Bruder Ethos.
Autor: Selbst mit Unterstützung von Ehrfucht und Sitte hätte meine Mutter das Dorf gemieden, das dem Zeitgeist zu Füßen lag. Ihr mißfiel auch, daß mein Bruder in Kneipen ging.
Zeitgeist: Was spricht gegen Stammtische? Der politische Stammtisch von Werner Höfer war sehr angesehen.
Autor: Ich erinnere mich. Mein Vater hat ihn oft gehört. Da war der Zeitgeist auch noch eher wie bei Hegel.
Zeitgeist: Ich bin flexibel! Das war auch ich! Jede Zeit verlangt ihren eigenen Geist.
Autor: Flexibel! Mit dem Zitat wolltest du durchblicken lassen, daß ich mein Ziel vergessen kann. Mit dem Bewußtsein der Kriegs- und Nachkriegszeit hast du meine Mutter gequält.
Zeitgeist: Das siehst du falsch. Ich mochte sie. Mit ihr versuchten sich viele messen. Sie wollte auch mit ihren Kindern vorbildlich sein.
Autor: Tu doch nicht so, als erinnertest du dich. Du mußt schizophren sein, oder damals war doch ein ganz anderer Zeitgeist. Mama klagte oft über “Meyers schmutzige Kinder”. Welche Kinder machen sich heute noch schmutzig.
Zeitgeist: Ich habe eine gespaltene Seele, so so. Dein Griechisch weist nur auf die Mutter. Wie viele Unzufriedene, wich sie mir aus und verschanzte sich hinter Bildung.
Autor: Sie tat es, um zu vergessen, eine Arbeiterin in einem Ameisenstaat zu sein.
Zeitgeist: Ihre Beiträge in der Zeitung beweisen ihre Freundschaft mit dem Einflüsterer.
Inspiration: Die erlebten Geschichten erfreuten damals viele. Warum bemühst du dich um eine Randgruppe, statt dich bei deinen Fans zu sonnen?
Zeitgeist: Du stiftest nur Unruhe! Und deinen Freund hast du auch angesteckt.
Inspiration: Dich stört nur, daß ich mich durch dich und Leute, die du mächtig gemacht hast, nicht aufhalten lasse.
Autor: Wenn man viel Einfluß hat, sollte man auf geprüfte Äußerungen Wert legen.
Zeitgeist: Da gibt es nichts zu prüfen! Ich stehe für die jeweilige Überzeugung.
Autor: Was vertrittst du dann außer Annahmen und Binsenwahrheiten?
Zeitgeist: Wenn du für Binsenwahrheit hältst, was die Gegenwart ausmacht.
Inspiration: Gegenwart … ist der flüchtige Moment zwischen Vergangenheit und Zukunft.
Zeitgeist: Ihr glaubt nicht, wie schnell ich bin. Ich glaube, ihr verkennt meine Macht.
Autor: Wozu die Eile, du entscheidest über jeden Erfolg, auch über den unserer Geschichte. Inspiration: Es wäre alles zu ertragen, liefe die öffentliche Meinung nicht Moden nach.
Zeitgeist: Du unterschätzt mich wieder! Ich mache Mode! Ich kann mir wenigstens Kleidung leisten und laufe nicht so schamlos nackt herum wie du.
Inspiration: Ja, ja, Zeitgeist ist Mode! Ich laufe herum wie zur Zeit, mit der Lutz und ich uns befassen. Da sprach man von göttlicher Nacktheit.
Zeitgeist: Lauf nackt rum. Wer begegnet dir schon. Mir möchte es jeder recht machen.
Inspiration: Mit einem solchen Anspruch muß man Bescheidenheit für Armut halten.
Zeitgeist: Die Ironie kannst du dir sparen. Ich weiß, daß man auch mich nicht sieht!
Zeitgeist: (wendet sich an Autor) Ich weiß gar nicht, was du mit dem Einzelgänger willst. Sein leisestes Flüstern polierst du wie einen Edelstein. Und die allgemeine Meinung, die ich vertrete, schlägst du in den Wind.
