Jettchen fühlte sich sicher, daß sie den Anschluß an ihre Gedanken in jedem Falle wieder finden würde, so ergab sie sich noch einmal der lauernden Hausarbeit. Doch die neugierige Inspiration brachte sie schon nach kurzer Zeit dazu, sich mit der Fortsetzung zu beschäftigen: Schon sagte die Frau: “Nun kommen Sie man mit und frühstücken sie kräftig!” 
Wilhelm hatte vor Aufregung keinen rechten Appetit. Er war sowieso kein großer Esser. Doch die freundliche Frau Schmull schenkte ihm Kaffee ein und forderte ihn immer wieder auf, zuzugreifen. Damit nahm sie ihm auch die Aufregung. Sie erzählte, daß sie einen Sohn gehabt hätten und Wilhelm sei ihm so ähnlich. Sie, die Familie Schmull, Vater Mutter und Tochter möchten gern, daß Wilhelm bei ihnen bliebe.
Die freundliche Frau Schmull wußte gar nicht, wie glücklich sie Wilhelm machte. Ja, gern wollte Wilhelm bleiben. Allmählich wußte Wilhelm auch den Zusammenhang, warum die Maurer “Schmull” gerufen hatten.
Jetzt war er “Schmull”! 


 Für Leute, die den Zusammenhang nicht so genau kannten, war er “Herr Schmull”. Die “Herr Schmull” sagten, glaubten, er sei ein Sohn des Hauses. Für die anderen war er nur “Schmull”! 
Sogar als einfacher “Schmull” besaß er Privilegien. Die erste Arbeit im Hause Schmull vergaß er nie. Er mußte Fleisch holen. Er kannte Misburg noch nicht, noch kannte er Schmulls Gewohnheiten. Er ging zum ersten besten Schlachter und forderte das Fleisch, wie Frau Schmull gesagt hatte. Wie er mit dem Fleisch heimkam, sagte Frau Schmull in ihrer leisen Art: “Nein, Wilhelm, das tragen sie man wieder zurück! Waren sie auch beim Schlachter Tegtmeyer, der weiß doch wie ich es gern habe.” – – Wilhelm mußte zurück. Jetzt kannte er den Namen vom Schlachter, wo Wilhelm künftig einkaufen mußte; aber das Fleisch mochte er nicht zurückbringen. Er wickelte es aus, besah die andere Seite. – Die sah viel besser aus! Wilhelm wickelte es wieder ein und ging zurück. Als Frau Schmoll das Fleisch auswickelte, bekam sie die schöne Seite zu sehen und sagte: “Ja, Wilhelm, ja, so wollte ich es haben!” Bei Schmull mußte das Fleisch koscher sein, das wurde Wilhelm so nach und nach gewahr, darum auch der bestimmte Schlachter. Wilhelm führte nun ein gutes und leichtes Leben. 

 Er war für einen unbedarften Dorfjungen mit einer schnellen Auffassung begabt. Das hatte ihm beim Pferdehändler geholfen, “saure” Äpfel zu erkennen und Mängel zu überspielen. Seinem Lehrmeister gleich erkannte er Chancen beim Gegenüber sofort und ergriff sie ehe der sich versah. Bei seinem Onkel hätte er sich die Finger nicht schutzig zu machen brauchen. Mit ihren sauberen Fingern und ihren Träumen von Eleganz und vom Leben ihrer betuchten Auftraggeber überspielten Schneider ihre Armut im Verhältnis zu den “Mist”-Bauern. Aber plötzlich brauchte Wilhelm mehr als Bauernschläue. Der Kodex von Schneidern und Pferdehändlern galt bei der Familie Schmull nicht. Die Sorge um das tägliche Brot, die ihn zu seinem Cousin nach Misburg getrieben hatte, spielt hier keine Rolle, sondern gutes Benehmen. Im Umgang mit der gebildeten Mathilde kam Wilhelm unbewußt mit Inspiration in Berührung, ihm fielen Sachen ein, auf die er in Kreutz oder in der “Zementquetsche” nie gekommen wäre. Dann stieß der Schneidersohn, Pferdehändler und Gesellschafter einer vermögenden Familie auf Menschen, deren Beruf sie dem Leid anderer Menschen aussetzte. Und das alles forderte Jettchens Phantasie heraus.

 Er ging Frau Schmull zur Hand oder leistete Mathilde, die fast den ganzen Tag Klavier spielte, Gesellschaft. Auch gingen sie oft im Park spazieren. Direktor Schmull mußte er aus Verlegenheiten helfen, wenn er von einem Herrenabend kam und ihm etwas Menschliches passiert war. Das erste Mal frug Wilhelm: “Soll ich den Anzug in die Reinigung tragen?” “Nein, häng ihn man in den Schrank!” sagte Herr Schmull. Als Wilhelm den Schrank öffnete, hingen schon einige darinnen, also kam dieser noch dazu. Von nun an wußte Wilhelm, wo er mit diesen so menschlich bekletterten bleiben sollte. Es kamen noch mehrere in den Jahren dazu.


 Es war das 20. Jahrhundert angebrochen. – Man war schon einige Jährchen darinnen. So um die Mitte der ersten 10 Jahre. Da kaufte sich Wilhelm ein Fahrrad. Er war der erste, der in Misburg ein Fahrrad besaß. Es hatte 236,- Reichsmark gekostet. Das war viel Geld, wohl genauso viel, wenn sich heute jemand ein Auto kauft. In den Parkwegen von Schulls Anwesen lernte Wilhelm das Fahren. 

 Es kamen nach und nach noch einige Radfahrer in Misburg dazu und sie gründeten einen Radfahrerverein. Sie veranstalteten Rennen von Misburg nach Steuerndieb und zurück. Sie machten auch Kunstfahren auf dem Saal in Meyersgarten. Bei so einer Veranstaltung lernte er Siefka König von Norderney kennen. Sie nannte sich Siffi. Wilhelm machte aber bald Soffi daraus. Sie hatte in Hannover das Nähen gelernt und war in ihrer Freizeit bei Tante und Onkel Gröhne in Kirchrode. Tante und Onkel Gröhne hatten im Bethesda eine Hausmeisterstelle. Tante Gröhne war die Schwester von Stintje, Soffi’s Mutter. Vielleicht war auch darum Soffi nach Hannover gekommen, damit sie hier so was wie einen “Halt” hatte. Soffi war ein großes, schlankes aber ernstes Mädchen. Vielleicht gerade darum fühlte sich Wilhelm zu ihr hingezogen. Sie erinnert ihn an seine Mutter, auch sie war ernst; eine große und stolze Frau. Die Mutter war größer als der Vater.

 Sophie mußte Tante Gröhne ihm von erzählt haben. Tante wollte gern Wilhelm mal kennenlernen und so brachte Soffi ihn eines Tages zum Kaffeetrinken mit. Die Einladung nahm Wilhelm an, nur mit an die Kaffeetafel setzen, das schlug er aus, nicht daß er zu stolz war, nein, er hatte Sorge, er aß den guten Leuten ihre Sonntagsbrocken weg.
Gröhnes hatten zwei Töchter. Mariechen war in der Heil- und Pflegeanstalt in Langenhagen Schwester. Sie liegt auch dort auf dem Friedhof begraben. Sophie war mit einem Kassens Böhlke verheiratet. Die Ehe war nicht gut, sie hatten zwei Söhne.


 Hinterher sagte er: “Die Leute sind ja so arm, da kann man doch nichts essen!” Ja, wenn man Wilhelms Umgebung bei Schmull in Betracht zog, dann waren die Leute wirklich arm; aber sie wußten von ihrer Armut nichts, sie waren nie bei Direktor Schmull gewesen, also waren sie zufrieden mit dem, was sie hatten. Tante Gröhne stellte fest, daß Wilhelm sehr eingebildet sei.
Aus irgendeinem Grund mußte Soffi nach Norderney zurück. Ob Wilhelm und Soffi sich ein Versprechen gaben, steht in Frage. Es muß wohl so gewesen sein, denn Soffi wurde Wilhelms wegen sehr, sehr krank. 

 Aber nun stellt Jettchen erschreckt fest, wie spät es schon geworden war und signalisiert Inspiration damit das Ende dieser erfreulichen Zusammenkunft. Mit Gedanken an Herrn von Trais und sein Laufrad verließ Inspiration die Küche. Wie ihn, hatte sie auch Wilhelm mit seinen Fahrrad, zu Geistesblitzen verführt. Sie ließ ihn sogar davon profitieren, daß sie es war, die die romantische Liebe initierte.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert