Einige Tage darauf konnte Jettchen mit Inspiration über die Abschrift 6 sprechen: Doch selbst ein heimwehkrankes Kind nimmt der Schlaf in seine schützenden Arme und läßt es bis zum Morgen allen Kummer vergessen, ja vielleicht hat der Schlaf am Tag noch seine Wirkung nicht verloren, denn am Tag war Wilhelm ganz munter, was Onkel und Tante befriedigte. Auch mit ihrer Wahl, Wilhelm als Nachfolger für das Geschäft. Wilhelm brauchte nicht erst in die Grundbegriffe eingewiesen werden. Manches konnte er wie ein Alter.
Welch Wunder, da er doch zu Hause schon immer mit zufassen mußte, da konnte man von Talent oder besondere Gabe zu dem Beruf nicht sprechen. Es war eben eine Notwendigkeit, daß die größeren Kinder in einer kinderreichen Familie mithalfen. Das Geschick war nur verteilt, das Eine konnte dieses und das Andere jenes besser und von den Eltern wurde manches abgeguckt. Wenn die Zeit nicht so schnell gewesen wäre oder etwas eingriff, was besser an die Seite gedrückt würde; aber wer konnte schon wissen noch ahnen, daß es nur einer Kleinigkeit bedurfte, alle Pläne über den Haufen zu werfen. Der Mensch war ja so unwissend.
Es hätte einer guten Fee bedurft, die nun eingriff und die Tante mahnte: “Sprich nicht aus, was du auf den Lippen hast. Mach es lieber selbst, du ersparst dir Tränen!” Es gab aber keine gute Fee und so sagte Tante zu Wilhelm: “Ich glaube die Küken sind nun groß genug, sie können nun mit der Glucke in den Hühnerstall! Machst du das mal?” Die Küken mußten nun den Weg lernen, über die Hühnerleiter in den Verschlag zu gelangen und nun nahm alles seinen Lauf. Wilhelm versuchte es auf seine Art. Die Glucke hatte er bald oben, sie kannte ja den Weg. Es waren auch immer einige Küken bei ihr, doch das Gros jiffelte in einer Ecke herum, so daß die Glucke, so oft Wilhelm sie auch oben hatte, immer wieder mit ihrem Gegluckse sich zu ihrer Kükenschah begab, zuletzt kam Wilhelm auf den Einfall, er machte hinter der Glucke den Verschlag zu und nun fing er ein Küken nach dem Andern und schob es durch den Verschlag. Er war froh, wie er es geschafft hatte. Tante sagte zum Onkel, als sie allein waren: “Ich weiß gar nicht, daß wir solange ohne Wilhelm leben konnten, ich möchte nicht mehr ohne ihn sein!”
Bevor sich Inspiration für einige Zeit verabschieden mußte, um auch andern einzuflüstern, hörte sie von Jettchen noch deren Abschrift 7: Sie war eine liebe, gute Frau. Nur war sie unwissend, sie merkte nicht Wilhelms Traurigkeit am Abend. Abends wenn Wilhelm im Bett lag, überkam ihn eine tiefe Traurigkeit. Nun hätte die liebe Tante kommen müssen und nur mit einem Finger, mit dem Zeigefinger ganz sacht und leicht Wilhelms Wange streicheln müssen und nur einige beruhigende Worte sagen, vielleicht so: “Du bist ein lieber Junge! Schlaf schön und träume ganz, ganz was Schönes.” oder irgend eine Tröstlichkeit, und mit streicheln nicht aufhören, immer etwas dazu sagen. Das Kind hätte sich so geborgen gefühlt und all seine Verlassenheit wäre geschmolzen und der Schlaf hätte schon bald ihn aufgenommen. Die Tante war lieb, aber sie verstand Kinder nicht. Ihre Augen sahen Wilhelm nur am Tag, wenn er vor Übermut sprühte, aber nicht am Abend, wenn er in seinem Bett lag.
Am andern Morgen, als alles seinen gewohnten Gang ging, war einiges, was nicht weiter ging. Die meisten Küken waren tot. Wilhelm hatte sie nicht gelehrt, den Weg über die Hühnerleiter zu finden, sondern sie gezielt durch die Klappe geworfen. Nun wollte er nicht mehr bleiben. Er sagte nichts der Tante, nichts dem Onkel. Wilhelm riß aus. Da bangte nicht der lange Weg, der dunkle Wald, noch das verwitterte Kreuz. Er lief, er wollte nur nach Haus. Wilhelm lief aus seiner Lehre. Daß er seinen Eltern und noch mehr Onkel und Tante Kummer bereitete, davon wußte er nichts.
Als Onkel und Tante ihn nirgends finden konnten und er sich auch abends nicht einfand, machten sie sich große Sorgen. Die Küken waren der Tante nicht so wichtig, sie wollte nur Wilhelm wiederhaben. So sehr hatte sie sich an ihn gewöhnt, sie war traurig und weinte. Onkel machte sich zeitig auf den Weg. Wenn Wilhelm zu Hause war, dann wollte er ihn schon wieder mitbringen. Die Hauptsache war, der dumme Junge hatte nicht sonst etwas angestellt. Die Gedanken gingen seltsame Wege – Onkel stöhnte erleichtert auf, als er bei Ernst und Jette ankam und hörte, Wilhelm war angekommen.
Inspiration sah, daß sie Jettchen keine großen Anstöße geben mußte. Ihre Anwesenheit wurde mehr von den großen Dichtern und Schriftstellern, Komponisten und Architekten benötigt. Von lauter Leuten die Jettchen bewunderte und deren Werke sie verschlang. Aber Inspiration mußte sich auch um einen Liebling Beider kümmern. Dafür war ein Sprung durch die Zeit nötig. Jettchens Saat war nämlich aufgegangen. Doch was daraus sproß, hoffte im fernen Osten wiederzufinden, was seiner Umgebung verloren schien.
