Einige Tage später kam Inspiration wieder zu Jettchen, um Abschrift 3 zu hören: Damals waren die Kinder nicht anders, als heute. Auch sie machten Dummheiten, so hatten die Jungen herausbekommen, daß zwei alte Frauen, die zusammen wohnten, sich des Abends oft flöhten. Sie stellten sich dabei über eine große Waschschüssel mit Wasser und schüttelte ihre Hemden darüber aus. Vor dem Hauseingang waren sechs Stufen und ein Podest vor der Haustür. Als sich die beiden Alten wieder flöhten, packte die Jungen Reisigbündel vor die Haustür und klopften ans Fenster. Die Alten machten die Tür auf. Die Bündel kamen mit den alten Schwestern in Bewegung und rollten mit ihnen die Treppe hinab. Es gab ein großes Gelächter unter den Jungen.
Ein andermal lauerten sie dem Herrn Pastor auf, wie er mit seinem Pferd des Weges ritt, um sich um seine Seelen, die ihm anvertraut waren, zu kümmern. Sie lauerten hinter Büschen mit einer Zwille und Steinchen. Im passenden Augenblick zielten sie dem Pferd aufs Hinterteil. Das Pferd erschrak und brachte den Gottesmann in arge Verlegenheit.
Fritz Kranert schoß den Vogel ab. Er wollte den Jungen seinen Mut beweisen. Er war der Sohn einer armen Witwe. Fritz wollte seinen Mut an einem warmen Wintermantel auslassen. Die Bürgermeistersfrau wollte groß Reine machen, den Frühjahrsputz, dazu hängte die Magd “Martel” die Sachen aus dem Kleiderschrank nach draußen auf die Leine. Darunter war auch der gute Mantel vom Bürgermeister. Jetzt wollte Fritz beweisen, was er für ein Kerl war. Er sagte: “Was meint ihr, wenn der Wintermantel keine Knöppe mehr hat, wie der Dicke seinen Mantel wohl zu macht?” So schlich er sich hin und schnitt die Knöpfe ab. Das hätte er lieber lassen sollen, denn zu sehen bekamen sie es ja doch nicht und es war auch nicht der Besitzer selber, der die fehlende Köpfe entdeckte, sondern Martel, wie sie den Mantel abbürsten wollte.
Ja, sie war so erstaunt, man sagt ja wohl, ihr blieb die Spucke weg.
Nach einer weiteren Pause überrascht Jettchen Inspiration mit Abschrift 4: Aber dann, als sie es recht begriff, rief sie die Frau. Der erging es wie Martel. Sie nahm den Mantel mit hinein und konnte es nicht begreifen. Im Haus war es wie ein Aufruhr. Mancheiner kam nun in Verdacht, der in Unschuld seiner Arbeit nachging und Tage später bekam Ernst, Wilhelms Vater, den Mantel zur Reparatur. Nun waren es wieder Ernst und Jette die erstaunt den Mantel betrachtet. Gewiß war es kein Weltwunder, aber der schöne Mantel! Es fehlten ja nicht nur die Knöpfe sondern ringsum der ganze Stoff. Da war es kein Wunder, daß ein Meister die Reparatur ausführen mußte.
Von den Jungen bekam nur Wilhelm den so zu gerichteten Mantel zu sehen. Er bangte um Fritz; denn Fritz war sonst nicht so, er wollte doch nur den Andern seinen Mut beweisen. Aber die Dinge gehen ihren Lauf und die Sonne brachte es an den Tag. Fritz Mutter bekam eines Tages den Bescheid, daß sie ihren Fritz nicht richtig erziehen kann. Er brauchte eine feste Hand. Wenn er einen Vater gehabt hätte, so meinte Wilhelm und besah heimlich die Hände seiner Eltern, doch da mußte er feststellen, da war kein Unterschied. Sie waren beide gleich groß und die Mutter hatte wohl die festere Hand, so glaubte Wilhelm.
Der Fritz kam in eine Besserungsanstalt. Von ihm hat Wilhelm nie etwas gehört und noch manches passierte, obwohl Fritz weit ab vom Geschehen war, so wird es wohl auch ewig bleiben. Gestern, heute und morgen, solange es die Jugend gibt. Das hätte die Jugend auch davon, wenn sie schon vernünftig oder gar weise wär?
Der vernünftige Mensch, was man annehmen müßte, er wäre es, dem fehlt es ja selbst an Einsicht und Vernunft, auch das wird bleiben, ist vielleicht ein ewiges Gesetz. “Wer schreit, hat Unrecht!”
Palmarum war vorüber und das Osterfest. Wilhelm war konfirmiert. Das Bündel geschnürt und Ernst, sein Vater machte sich mit Wilhelm auf den Weg.
Es dauerte nicht lange, da überraschte Jettchen sich und Inspiration mit Abschrift 5 ihres Manuskripts: Eine Bahn fuhr noch nicht. Pferde und Wagen hatten sie nicht, noch nicht einmal ein Fahrrad, denn das gab es noch nicht in Kreutz. Also ging man noch zu Fuß und der Weg war weit und führte durch einen tiefen Wald. Wilhelm war nicht gern von zu Hause weggegangen, aber der Onkel hatte ihm ein paar neue Stiefel versprochen und dafür war Wilhelm bereit und dann, so meinte er, wenn er die habe, könnte er ja wieder nach Haus.
Aber nun war der Weg so weit und dann kamen sie noch an einem verwitterten Kreuz vorbei. Wilhelm wußte, was es bedeutet, man hatte oft davon erzählt. Die Erwachsenen sprachen davon, so, als wenn der Weg nun gut halb geschafft ist; aber es hatte auch eine andere Bedeutung! Gerade als Wilhelm daran dachte, sagte sein Vater: “Hier haben sie mal einen umgebracht!” Unwillkürlich faßte Wilhelm seinen Vater an. Es grauste ihn den Rücken hinunter. Seine Füße wollten schneller gehen und er sah sich ab und zu um, als sei man hinter ihm her. Wilhelm wußte nun, allein würde er den Weg nicht gehen.
Daß aber Onkel und Tante ihn gar nicht wieder hergeben wollten, höchstens mal zu einem Besuch bei den Eltern, das fiel Wilhelm gar nicht ein. Onkel und Tante hatten schon so lange auf Wilhelm gewartet. Onkel wollte sich gern einen Nachfolger für sein gutes Geschäft heranziehen und einen Erben brauchte er. Es war ein schönes Haus mit Garten zu vererben. Und noch vieles Andere, was keine fünf Mäuler, wie bei Wilhelm zuhause aufgegessen und abgerissen hatten. All das, was Ernst und Jettes Kinder verschlangen, legten Onkel und Tante beiseite und schafften an. Sie hatten eine Kuh, Schweine und Federvieh für die eigene Versorgung. Da war alles in Hülle und Fülle. Wilhelm hätte sich so richtig wohl fühlen können; aber die Augen waren noch nicht für das richtige Sehen aufgetan. Wenn es Abend wurde, begann sein Herz zu weinen. Tiefe Traurigkeit umfing ihn. Nur einmal möchte er Zuhause hineinschaun!
