Eine der ganz jungen Zuhörerinnen will wissen, ob das Meer das Schwarze Meer sei. Sie wird von den Älteren, die die Geschichte bereits kennen, mit der Aufforderung, “halt nicht auf” zum Schweigen gebracht. Doch Marpesias läßt der Kleinen Recht geschehen: Nein, heute nennen wir das Meer Kaspia Thalatta. Unser Volk folgte seinem Ufer bis ein noch höheres Gebirge daran stieß. Seine Abhänge lenkten den Weg entlang des Meeres quer zur bisherigen Richtung. In der alten Richtung öffnete sich das breite Tal, durch das sich der Kyros, wie wir ihn heute nennen, in die Talatta ergießt. Sein Ufer lud zwar nicht zum Verbleiben, aber zur Rast ein.

 Die erlaubte es Marpesia lange gehegte Gedanken mit ihrem Volk zu teilen. Große Völker werden in einer immer dichter bewohnten Welt – nicht zu ganz Unrecht – bedrohlich empfunden. Deshalb mußte unser stark anwachsenes Volk geteilt werden. Jeder Teil sollte die Verbindung mit den andern aufrecht erhalten. In seiner künftigen Umgebung würde jeder Stamm umso besser überleben, je mehr er sich den Umstände angepaßte. Um das Volk aufzuteilen, übergab unsere weise Königin ihren Kindern die Führung. Die stellten es jedem Einzelnen frei, sich einem der vier künftigen Stämme anzuschließen.

 Als sich alle entschieden hatten, nutzten sie – nach Lysippes Wunsch – das Meer und den Fluß, um sich ein erstes Mal zu trennen. Lysippes Sohn, Tanais, behielt mit seinem Gefolge den Weg an der Küste bei. Der Gebirgsrand führte sie an einen Strom, der in den Pontos euxeinios mündet. Am Tanais, wie er heute genannt wird, ließen sie sich nieder. Mit ihren Nachbarn, Skyten und Sarmaten, leben sie einträchtig. Schon bald hörten wir von ihnen. Schiffer, die die Thalatta überquerten, berichteten davon. Deine Überlegung war also gar nicht so falsch.

 Doch die kleine Fragerin, an die sich Marpesia wendet, hat sich auch von der andächtigen Stille erfassen lassen, die alle Zuhörer über die Teilung des Volkes erfaßt hatte. Schließlich müssen einige Jungen Druck von ihrer Seele ablassen. Sie wollen nicht länger auf Themiskyra warten. Um sie zu erlösen, setzt die Erzählerin wieder ein: Lysippe schloß sich ihren Töchtern an, die dem Kyros folgten. Bald zweigte der Araxas von ihm ab. Die Namen der Flüsse haben wir erst später kennengelernt. Bei einer erneuten Rast trennten sich die Zwillinge Myrine und Molpadia von uns.

 Sie verabschiedeten sich von ihrer Mutter und folgten dem Araxas. Sie erreichten den Thospitis-See mit seinem bitteren Wasser. Dann stießen auf das Tal des Euphrat. Nach dem Sonnenstand führte er lange Zeit in die beabsichtigte Richtung. Als er sich dann dahin wandte, woher sie kamen, lockte ein weithin sichtbarer Berg als Aussichtspunkt. Von ihm aus glaubten alle am Horizont das von Lysippe gesuchte Meer zu erkennen. Doch ein Weg führte sie vom Berg in Richtung Morgendämmerung.

 Das Land wurde immer flacher. Von oben erschien es nach dem mageren Bergland mit seinen tief eingeschnittenen Tälern und hohen Bergen wie ein Paradies. Sie wurden von der Fruchtbarkeit regelrecht überwältigt. Nicht nur Ziegen lieferten dem Menschen Nahrung. Man hatte gelernt, den Bienen ihren köstlichen Honig zu nehmen. Außer Wein wuchsen Früchte, die uns damals unbekannt waren. Inzwischen seid ihr an Feigen, Oliven und Getreide gewöhnt. Die Menschen wohnten in Häusern aus Lehm, die wie dicke Amphoren aussahen. In der nächsten Stadt versuchten Kundschafter einen Hinweis zu bekommen, wo man siedeln könnte. Ihr kennt die Stadt als Alpa. Dort lebten Händler, die reisten durch die Welt. Doch sie kannten außer Städten nur Wüsten. Um uns weiterziehen zu lassen, mutmaßten sie hinter Aigyptos unbewohntes Land. Myrine und Molpadia konnten nur mit viel Mühe wieder Zuversicht verbreiten.

 Marpesias Geschichte hatte wieder einmal eine viel zu aufregende Wendung genommen, als daß ihre Zuhörer Ruhe bewahren konnten. Die Landmarke, von der Myrine und Molpadia einen Weg gesucht hatten, kannte alle. Wenn man von den beiden Amazonenvölker vom Rande der Welt zurückkam, half sie, den Weg über die Berge nach Themiskyra zu finden. Und weil alle von anderen Erzählungen wußten, wo die Esperides lebten und wo Erythria lag, erschreckte der weite Ritt, den die Stämme noch vor sich hatten. Marpesia pflichtet ihnen bei: Ja, sie brauchten viel Geduld und Mühe. Als sie an die Grenzen von Ägyptos kamen, verwehrten ihnen die Truppen des Pharaon den Zugang. Doch als Myrine und Molpadia versprachen, sich durch das Land geleiten zu lassen, ließ man sie passieren.

 Dem Stamm, der weiter an der Thalatta entlang ziehen wollte, empfahlen die Aigyptes die Pforte des Erakles. Das Ende der Welt schien ihnen für neue Siedler gerade nah genug. Aber auch, wenn man dem Neilos folgte, wurde die Bevölkerung dünner, besonders in Erythria. Das lag für die Aigypties am anderen Ende der Welt. An beiden Orten würden die Amazones finden, von was sie gesprochen hatten, Land nahe am Meer. Den wenigen Bewohnern würden sie mit ihrer Landnahme sicher nicht zu nahe treten.

 Sie wären keine Amazones gewesen, wenn sich nicht bald mit ihren Nachbarn gemischt hätten. So entstanden die dunkelhäutigen Amazones von Erythria. Wie man an Peris Vater sehen kann, sehr hochgewachsene Menschen mit ungeheuer schnellen Bewegungen. Für die Ellenes sind die Esperides ein mythisches Volk. Doch für uns Amazones sind sie Realität. Auch sie mischten sich mit ihren Nachbarn. Wegen der blendenden Sonne wählten alle die Gewänder der Heiler mit ihren schützenden Kaputzen als Oberbekleidung. Kaum hatten sie ihren ersten Han errichtet, bekamen sie Kontakt mit Völkern, die, wie Odysseus, mit ihren Schiffen auf sie gestoßen waren.

 Die Geduld der Jüngeren ist erschöpft. Sie hatten zwar von Völkern aus Atlantis, India und Punt gehört, aber immer noch nichts von Themiskyra. Nach einer bedeutungsvollen Pause erlöst Marpesia sie: Das für euch Beste, kommt zuletzt. Uns lenkte der Kyros in die Berge des Kaukasos. Über einen Paß, erreichten wir ein weites bewohntes Tal. Vorsichtig nahm Antiope Kontakt mit den Bewohnern auf. Das Volk von Kolchis empfing sie gastfreundlich. Nun wiederholte sich, was die Amazones in Ferghana erlebt hatten. Die Kolches kannten ein unbesiedeltes Tal am nahen Thermodon. Die Lage gefiel uns. So gründeten wir Themiskyra. Ihr könnt jetzt zufrieden zu Bett gehen. Über Kolchis und Themiskyra folgt demnächst mehr.

 Jeder der Zuhörer hatte mindestens einen Bekannten oder gar Verwandten an den Pforten des Herkules oder an der Erythra Thalassa. So gab es auf dem Weg ins Bett noch viel zu erzählen. Obwohl Adonis früh aufstehen mußte, hatte er ausgeharrt. Die Geschichte der Amazones interessierte ihn zu sehr. Obwohl es sehr spät geworden war, begleiteten Marpesia und Melanippe ihn zum Han. Sogar die todmüde Perry schloß sich an. Am Morgen war Adonis froh, daß er den kurzen Schlaf zwischen den Wachen auf See noch nicht verlernt hatte. Er war schon zur Abreise bereit, als der Führer der Karawanen kam, um ihn zu wecken. Gerade als sie sein Packpferd geladen hatten, tauchten Marpesia, Melanippe und Peri auf, um sich von ihm für sein Abenteuer zu verabschieden.

 Peri überraschte die Erwachsenen mit ihrer Beobachtungsgabe. Sie hatte zwei Öllampen mitgebracht und hielt je eine Marpesia und Adonis vor das Gesicht: “Nun seht euch noch einmal richtig in die Augen! Ich habe euch so oft dabei gesehen!” Sie wird von beiden völlig überrumpelt, als die sie begeistert in die Arme nehmen. Dann folgen Marpesia und Adonis ihrer Aufforderung, voller Hoffnung sich einst wieder zu sehen. Fast gewaltsam wendet sich Adonis um und schwingt sich auf seine Pferd. Nun beleuchtet Peri die zwei Frauen, mit denen sie der Karawane hinterher blickt. Sie verschwindet sehr schnell im Zwielicht, doch erst als sie nicht mehr zu hören ist, setzen sich die drei Generationen auch in Bewegung.

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