Am Morgen kommt Adonis zum ersten Mal nicht allein zum Versorgen der Pferde. Auf der Weide treffen sie auf den Vater seiner beiden Lehrer der ferghanischen Sprache: Ich habe es übernommen, die Karavane nach Ferghana zu führen. Ich würde dich heute gern mit deinem Packpferd bekannt machen.
Das letzte gemeinsame Frühstück nutzen Melanippe und Peri noch einmal zum ausführlichen Gespräch. Als die Königin sich den von ihr erwarteten Verpflichtungen widmet, treffen Adonis, Marpesia und Peri auf der Weide den Ferghanios: Ich habe dir ein Ippos ausgesucht, das mit deinem harmoniert. So wird es leichter zu fangen sein.
Peri sagt skeptisch: Ich finde es immer noch nicht leicht, ein Ippos mit dem Seil einzufangen.
“Pferd” erinnert Marpesia an ein verklemmtes Segel: Seeleute können mit Seilen umgehen.
Das relativ schnell eingefangene Pferd rechtfertigt Marpesias Behauptung. Zufrieden eilt Peri zu den heute angesetzten Übungen. Und Marpesia und Adonis machen sich daran, das Gepäck für die Reise zusammenzustellen und so zu verstauen, daß es das Packpferd sicher transportieren kann. Immer wieder kontrollieren sie während der Arbeit, ob sich ihre Verbindung auch über größere Distanz aufbaut. Der ferghanische Karawanenführer beendet die Vorbereitungen: Wir reisen früh. Denn, wenn es warm wird, machen wir Siesta. So verdoppeln wir jeden Tag. Doch jetzt wollen noch wir hören, auf was wir ab jetzt verzichten müssen, Marpesias Isotopica.
Als der Vater seiner Sprachlehrer Marpesias Geschichte als Geschichtwerk vorstellt, wird er für Adonis zum Philosophen. Er ahnt, daß der Ferghanios ihre gemeinsame Reise ähnlich wie Marpesia bereichern wird. So ist für die Reise alles vorbereitet, als man sich zum Abendessen trifft. Die Pferde sind in den Ställen des Han untergebracht und das Gepäck wartet in ihrer Nähe. So kann Adonis’ große Reise, die Kühle nutzend, mit der Morgendämmerung beginnen.
Marpesia setzt mit ihrer Geschichte an einer Stelle ein, zu der Peri den Helm ihrer Vormutter Lysippe mitbringt. Er wird noch immer von Allen in Ehren gehalten. Alle schmunzeln über Peris kindlichem Stolz. Doch als der Helm dann von Hand zu Hand geht, betrachten alle die Reliquie ihrer größten Königin voller Rührung. Die Erwachsenen werden wieder zu Kindern. Alle sind Peri dankbar. Jeder möchte das gute Stück aus nächster Nähe betrachten, ja sogar berühren. Das spornt auch Marpesia an: Dine holte einen Helm, der nicht nur an eine bedeutende Frau erinnert, sondern auch an eine glückliche Beziehung zwischen zwei Völkern. Beide hatten sich unheimlich viel zu geben und ihre Vertrautheit nahm zu. Man begann sich zu mischen. Die Zahl der Talbewohner wuchs. Bald war das Tal nicht mehr groß genug für all die Menschen. Lysippe und der König des Ferganatals beratschlagten, was gegen die Überbevölkerung zu unternehmen sei. Sie versammelten beide Völker zu einem großen Rat.
Für den Bestand beider Völker boten die Amazones sofort an, weiter zu wandern. Einige fragten gleich: “Wohin wenden wir uns am Besten?“ Lysippe hatte so oft von ihrer alten Heimat in der Nähe des Meeres gesprochen, daß alle in Ferghana glaubten, die Nähe eines Meeres wäre für sie zum Ansiedeln unumgänglich. Verwandte der Ferghaniais lebten in der Nähe eines Meeres, das den Amazones unbekannt war. Der Weg dahin war leicht zu finden. Der Fluss im Ferganatal gab die Richtung vor. Die Abreisenden brauchten ihm nur zu folgen. Das Tal mündete in eine unwirtliche Steppe mit wilden Tieren. Die Ferghaniais fürchteten die Steppe, weil riesige Schwärme von Mücken ihre Wasserstellen belagerten.
Das größte Problem blieb jedoch der Mensch. Der König von Ferghana sagte: “Das kennt ihr aus eigener Erfahrung. Umherziehende Fremde werden immer mehr als mißtrauisch betrachtet. Seßhafte sind voller Vorurteile gegenüber Durchreisenden. Kleine Gruppen betrachtet man als Landstreicher. Vor denen muß man Haus und Hof absperren. Die stehlen, was sie können. Am besten treibt man sie weiter. Größere Massen gefährden ernsthaft, selbst, wenn die nicht kommen, um zu erobern. Sie brauchen zu Essen und Platz zum Schlafen. Niemand hat Vorräte und Wohnraum im Überfluß.”
Die “Fremden” ließen Marpesia hinzufügen: Lysippe war optimistisch. Beim Volk der Berge des Himmels hatten wir erreicht, daß wir nicht als Sklaven verkauft wurden. Ja man wies uns später den Weg. In Ferghana gab es trotzdem Bedenken: “Über uns ragen ebenfalls Himmelsberge, doch wir empfingen euch anders. Jetzt lauert etwas euch Unbekanntes, Städte. In diesen großen Ansammlungen von Menschen in festen Häusern fürchten man mehr um seinen Besitz als jeder Wanderhirt. Nähert ihr euch ihnen überraschend, würden sie das sofort als Angriff verstehen.”
Die neue Gefahr macht Marpesias Geschichte wieder unerträglich spannend. Niemand kann mehr still sitzen bleiben. Fast alle hatten die Ankunft in Themiskyra erwartet. Jetzt müssen sie erkennen, wie schwer der Weg ihr Voreltern wirklich war. Marpesia läßt sie nicht erst in neue Diskussionen geraten: Es war eingetroffen, was Lysippe über die Liebe vorausgesagt hatte. Sie hielt mit ihren Erwartungen zurück. Würden die Ferghaniais ihren Partnern auch folgen? Daß es den Ferghaniais als Nomaden nicht schwer fiel sieht man daran, daß man heute kaum noch erkennt, wessen Mutter oder Vater Ferghanios oder Amazon war. Nur die Büffel von den Bergen des Himmels blieben auf Anraten zurück. Sie wurden durch Pferde ersetzt. Wir konnten an jedem Ort, an dem wir uns niederlassen wollten, mit ihnen sogar eine Zucht beginnen. Jetzt wißt ihr, daß ihr alle auf dem Rücken himmlischer Pferde reitet. Gegenüber unserer Ankunft machte sich ein stark angewachsenes Volk der Amazones unter Lysippes Führung wohlgenährt auf den Weg.
Die Händler und Reisenden in Fergana gaben uns ihr Wissen über die vor uns liegenden Länder mit. Der Abschied war herzzerreißend, dieses Mal gingen wir nicht aus Sorge um unsere Sicherheit. Dieses Mal verließen wir liebe Freunde. Es beunruhigte, zu hören, daß das Land in der Reiserichtung nicht weniger dicht bewohnt sein würde. Doch, solange Lysippe sie führte, würde sie ein sicheres Plätzchen finden.
Die Erzählerin bleibt nichts Anderes, als geduldig den hitzigen Austausch unterschiedlichster Erfahrungen abzuwarten. Schließlich drängt sie die voranschreitende Zeit, fortzufahren: Die Ferghaniais, die sich uns angeschlossen hatten, wußten, daß man den Fluß am Rand der Steppe verlassen mußte. Und die Amazones fanden ihre alte Erfahrung bestätigt und folgten dem Fuß der Berge. Hier würde sich mit größerer Sicherheit Wasser und Nahrung für Mensch und Tier finden lassen.
Unsere neuen Angehörigen aus Ferghana berichteten von den Handelsplätzen Marakanda und Kuroupolis. Das Wort Handel erinnerte unser Volk an die Berge des Himmels. Es umging diese Städte und traf auf einen weiteren Fluß. Den Oxos, wie wir ihn heute nennen, überquerten sie auf einer Fuhrt, von der schon in Ferghana gesprochen worden war. Dann führte eine Handelsstraße erkennbar quer durch die Steppe zu dem großen Meer, das ihr Ziel war. Die schwarze Wüste Karakum lenkte die Straße bald wieder an den Fuß eines anderen Gebirges. Als sie das Meer erreichten, entsprachen die Ufer nicht dem, was sie sich als Zuhause vorstellten. Das Land zwischen Meer und Bergland zu war schmal. Nicht ohne Grund lebten die Verwandten der Ferghaniais in den Bergen. Also zog man am Ufer weiter. Manchmal mußten sogar Berge umgangen werden, die den Weg versperrten.
