Auf dem Weg zum Platz, wo sie ihre Geschichte erzählt, hält Marpesia Adonis zurück und sieht ihn lange an: Heute ist deine letzte Nacht in Themiskyra, in der du ausschlafen kannst. Bei Widrigkeiten auf der Reise sollen dich Erinnerungen stärken. Kommst du heute in mein Haus?
Bevor Adonis antworten kann, hören sie schon Rufe nach Marpesia. Die Geschichtenerzählerin wird schon sehnsüchtig erwartet. Besonders von Peri, die, seit sie zum ersten Mal von himmlischen Pferden hörte, immer wieder die Frage stellt: Gibt es wohl Pferde mit Flügeln?
Wie sonst so oft, kann sie heute ihre Jugend nicht, überspielen. Aber sie kennt ihre Großmutter zu gut, um nicht schon an deren Miene ablesen zu können, welcher Art die Anwort sein würde, die sie sogleich erhalten würde: Dine, Mädchen, was bist du ungeduldig. Aber, wie komme ich auf diese Frage, deine Mutter war ja nicht anders.
Laß uns doch erst einmal in das Tal hinabsteigen und die Bewohner kennen lernen, bevor wir uns über deren Reittiere unterhalten. Von Menschen drohen größere Gefahren als von Tieren. Aber keine Angst, die Ferghaniais waren feundlich und nahmen die Ankommenden auf, als sie von Königin Lysippe darum gebeten worden waren. Die Wanderung durch die Wüste und über die Berge hatte die Reisenden so ausgezehrt, daß sich niemand vor ihnen fürchtete. Anfangs wollte kein einziger ihrer Gastgeber glauben, daß dieses Lumpenvolk eine so lange Reise hinter sich gebracht haben konnte. Jedoch, als immer mehr Eigenheiten des Gebirges und der Wüste geschildert wurden, wuchs mit jedem Detail die Bewunderung. Wie hatte man mit so einer kläglichen Ausrüstung und mit solch langsamen Lasttieren den hindernisgespickten Weg überhaupt bewältigen können?
Erst als unsere Vorfahren sich so weit erholt hatten, daß sie sich umsehen konnten, erlebten sie, was du, Prinzessin, dir wünschst. Sie lernten ein völlig neues Tier kennen, das Tier, das dem Tal seinen Namen gab, das Pferd. In unserer alten Heimat hatte es keine Pferde gegeben. Die Tiere, die ab damals unser Leben entscheiden sollten, hießen zwar himmlische Pferde, aber sie hatten auch damals keine Flügel, wie du, Dine, vielleicht hoffst. Du kennst sie selber nur viel zu gut, reitest du doch auf einem Abkömmling. Haben wir nicht alle immer Not, dich von deinem Pferd zu trennen? Du erinnerst mich mit dieser Regung sehr an Lysippe. Ihr und ihrem Stamm ging es bald genau wie dir. Schien es ihnen doch fast so, als wären es geflügelte Wesen, so schnell waren die Tiere.
Da auch in Fergana jede Hand gebraucht wurde, um die Bewohner des Tals zu erhalten, lernten sie bei der Arbeit mit ihren Gastgebern bald die Zucht, Pflege und das Reiten der Vierhufer. Lysippe sorgte aber dafür, daß ihr Volk auch in der neuen Sicherheit seine Kriegstechniken nicht vergaß, sondern sie weiter übte. Ihnen sollte nie wieder so etwas geschehen, wie das, was sie aus ihrer Heimat vertrieben hatte. Natürlich war es Lysippe, die erkannte, daß der Waffentanz und das Schießen mit Pfeil und Bogen auch mit dem oder vom Pferde aus möglich sein mußte.
Anfangs betrachteten unsere Asylgeber die Verteidigungskunst, die wir Amazonen mitgebracht hatten, mit dem gleichen „Ernst“ wie ihre Vorgänger. Sehr skeptisch wurden sie jedoch, als wir auch noch ihre Pferde mit einbezogen. Als Lysippes Volk das sichere Sitzen auf dem schnellen Tier erlernt hatte und die Schüsse mit dem Bogen auch aus der Bewegung heraus immer sicherer wurden, nahmen auch sie wahr, wie sehr wirkungsvoll diese neue Kombination war. All das, was ihr heute täglich übt, das entstand damals durch Lysippes Einfall. Aber auch …
Wieder mußte die Erzählerin unterbrechen, weil das Mädchen dazwischenplatzte. Perithymone war schließlich die Tochter der regierenden Königin und Lysippe war nicht nur die Stammutter, sondern Peris Vorfahrin in direkter Linie. Sie wollte ihrer Urahne nachstreben und konnte sich deshalb nicht bremsen.
Schließlich brachten die anderen Mädchen die Prinzessin zum Schweigen, weil sie die Geschichte weiter hören wollten. Und auch Marpesia meinte:
Ja, Dine, gedulde dich. Ihr werdet noch genug von Lysippe hören. Aber auch von unseren neuen Freunden etwas zu wissen, lohnt sich. Wir wohnten bei ihnen und waren auf ihr Wohlwollen angewiesen. So hatten sie einen großen Anteil an dem, was sich zwischen den Ferganaleuten und den Amazonen entspann. Daß sie begnadete Pferdezüchter waren, habe ich schon angedeutet. Aber, was nicht jeder mehr weiß, sie steuerten ganz Wesentliches zu dem bei, was man heute als unsere Reitausrüstung kennt. Sie hatten sich zu außerordentlich befähigten Metallarbeitern entwickelt. Man kann nicht entscheiden, auf welchem der beiden Gebiete sie befähigter waren. Die Griechen würden sagen: sie waren hervorragende Söhne des Hephaistos und des Poseidon.
In Fergana wurden unseren alten kurzen Lederschilde, die wir immer noch benutzen, mit Bronze beschlagen. Gemeinsam entdeckten wir später, daß ein Schild, der wie ein Halbmond geformt ist, zu Pferde für eine Frau leichter zu handhaben ist. Auch unsere Helme, die früher aus Leder gewesen waren, wurden grundlegend verbessert. Die Ferghaniais erfanden den Beschlag aus Metall. So blieben die Helme leicht zu tragen, schützten aber sicherer. Ganz aus Leder blieben schließlich nur noch unsere Kampfkleider. Zur größeren Abschreckung stellten wir sie schon damals manchmal aus den Fellen gefürchteter Tiere her.
Die Zuhörer, besonders Peri, hätten gern noch mehr gehört. Doch Marpesia machte auf sie einen so entschlossenen Eindruck, daß sich alle, bis auf die Wachen, zur Ruhe begaben. Adonis hatte die Einladung nicht vergessen, während der ganzen Geschichte mußte er immer an das denken, was ihn erwartete.
