Die anderen Kinder sind mitgerissen: Nicht alle von uns sind so gut. Für das, was du eben erlebt hast, muß man lange und regelmäßig üben. Wir müssen es ja fast wie im Schlaf können.
Adonis ist beeindruckt: Ich bin ungeheuer beeindruckt. Abwehr braucht nicht nur Kraft, wie Männer wie Erakles glauben. Odysseus List war gegen ihn erfolgreicher, doch gegen euch?
Der kleine Naseweise: Sogar gefürchtete Feinde der Ellenes, die Skytes, hatten uns unterschätzt. Nachdem sie uns ein erstes Mal begegnet waren, nannten die uns beeindruckt “Hamazona”.
Die “Skyten” lassen die Andern herausplatzen: Bei ihnen heißen Kriegerinnen “Hamazona”.
Die zwei ähnlich klingende Worte bringen Adonis zum Lachen: Da fragten die Ellenes nicht lange. Sie übersetzten, was sie hörten, einfach in ihre Sprache. Und so wurdet ihr zu Brustlosen.
Marpesia fällt in sein Lachen ein: Sieh uns an und du bemerkst, wie richtig Vorurteile wieder einmal sind. Selbst unsere Nachbarn, die uns ja doch sehen, glauben diese Propaganda.

 Melanippe bleibt skeptisch: Wir sind auch nicht anders, nur weil bei uns Frauen herrschen. Frauen sind körperlich zwar schwächer. Sie können Männern aber ziemlich ähnlich sein. 
Marpesia wird ganz ernst: Der Kampf Penthesileias gegen Achilleus beweist das. Sonst ist gegen uns nur schwer anzukommen, weil wir gelernt haben, uns als Schwächere durchzusetzen.
Das beeindruckt Adonis: Schwäche erfolgreich zu machen! Das ist eine geniale Idee!
Marpesia nickt: Andere zwangen uns auf, uns zu wehren und wir entdeckten Schwachpunkte.
Das gibt Peri ein: Wir lernten, daß Mittel unserer Heilkunst uns gegen Gewalt helfen konnten.
Melanippe beendet das Thema: Ein Heiler und Lehrer der Kampfkunst in Ferghana bestätigte uns darin. Du wirst zu seinem Volk kommen, es machte Marpesias Tuch. Dann erinnere dich!

 Die Übungen des Tages hatten alle sehr aufgeputscht. Nach dem Essen warten alle schon ungeduldig. Marpesias Fortsetzung sollte sie ablenken. Ihre lebendige Darstellung ließ die Stimmung der Zuhörer so schön immer wieder zwischen Ausweglosigkeit und erfolgversprechender Aussicht schwanken. Sie waren noch immer damit beschäftigt, wie jetzt statt Kälte pralle Sonne und große Trockenheit Lysippe und ihre Leute herausforderte. Marpesia erlöst sie: Man darf nie die Nerven verlieren. In dieser Disziplin war Lysippe unschlagbar. Als schon einige aufgeben wollten, erinnerte sie sich an die Bemerkung des Volkes der Himmelsberge, daß zwischen dem Gebirge und der Wüste der Verlauf einer Karawanenstraße war. Die Weisen hatten sie davor gewarnt, zu versuchen, die entsetzliche Wüste Tak lama kan zu durchqueren. Ihr Namen beschrieb sie sehr deutlich: „Wer hinein geht, kommt nie wieder heraus“. Allein der Name zeigte das Unmögliche.

 Vom Sandland hieß es, es sei eine riesige vergessene Schüssel. Auf ihrem Boden tauche hin und wieder, wie liegengebliebene Bröckchen, eine Oase auf. Weil man die Amazonen möglichst schnell möglichst weit von sich entfernt wissen wollte, hatten die Späher der Königin sogar die Brunnen entlang des Weges genannt. Lysippe erinnerte sich an die Rolle, die der Fluß in ihrer Heimat gespielt hatte. Sie wußte, daß Straßen Leben und Gefahr, erquickendes Wasser und Nahrung aber auch Gesellschaft oder Bedrängnis fremder Menschen bedeutete. Am Rande des Berglandes gab es noch etwas Grün und ab und zu Quellen oder Bäche, die bald danach im Wüstensand verrieselten. Meistens fand man in tiefen Brunnen gerade ausreichend Wasser. Eine nicht zu unterschätzende Gefahr aber stellten Karawanen je nach Anzahl der die Lasttiere begleitenden Männer dar. Doch als die Berge sie auf einmal wieder einzukreisen schienen, waren sie unbehelligt geblieben. Drüben, fern am Horizont, über die Wüste hinweg hatten sie sich schon länger immer wieder angekündigt.

 Sie waren an eine der Stellen gekommen, die in der Wegbeschreibung der Weisen eine wichtige Rolle gespielt hatten. Sie selbst waren noch nie so weit gelangt. Aber sie hatten gehört, daß man hier versuchen müsse, die Bedrohung des Lebens durch den Sand und die unentrinnbare Sonne gegen die der Höhe der Felsen und der Unbegehbarkeit des Eises auf den Bergen auszutauschen. Sonst würde man – erreichte man das Ziel überhaupt – ungewollt in einem ungeheuer großen Bogen zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren.

 Die Spannung wird für die Zuhörer wieder so unerträglich, daß Marpesia unterbrechen muß, um die Aufgeregten wieder in die Realität zurückkehren zu lassen. Sie wappnen sich, um weiter zuhören zu können. Sie kennen ihre Erzählerin. Es würde noch einiges auf sie zukommen: Ihr habt Recht, eine Pause zu machen, um Atem zu holen. Den Amazonen gelang es bald, die erwähnten Hinweise auf den Weg zum Paß zu finden, der sie zu einem weithin sichtbaren Turm hinaufführen sollte. Er bildete die Scheide des Berglandes. Als es von hier ab wieder in ein Tal hinab ging, entdeckten Lysippe und unsere Vorfahren erleichtert, daß sie nicht wieder auf einer Hochebene mit unendlichen Sanddünen gelandet waren.

 Sie hatten ein wunderbar grünes Tal betreten. Hier würde man sicher nicht wieder Feinden in die Hände fallen. In die Erleichterung schlich sich bei manchem aber auch die Furcht vor dem Unbekannten. Die unerschrockene Lysippe baute auf das intensive Üben, das sie auch auf Pausen während der Wanderung beibehalten hatte. Aus den Berichten der Weisen hatte sie deren Erfahrung im Kopf behalten. Mit diesen unterschiedlichen Empfindungen kamen sie nach Fergana, dem Tal der himmlischen Pferde.

 Nicht zu bremsender Beifall rauscht auf. Endlich ein bekannter Ort. Wenn Ferghana auch soweit entfernt liegt, daß man nur selten hinkommt, vermitteln allein sein Name Geborgenheit. Sehr beruhigt suchen alle, bis auf die Ablösungen der Wachen, das Nachtlager auf. Einem der Mädchen sieht Marpesia heute länger hinterher, Prinzessin Perithymone. Während sie ihr eigenes Lager aufsucht, muß sie an ihre Tochter denken. Als sie die gerade regierende Königin Melanippe geboren hatte, benannte Marpesia ihre Tochter nach einer großen Vorfahrin. Ihr Name erinnert viele sicherlich an die großen Kämpfe der Amazonen gegen die Griechen.

 Doch im Frieden zeigte sie ein liebeswürdiges Wesen. Den Charakter, der jene Melanippe auszeichnete, wünschte sie ihrem Kind. Der Wunsch war nur teilweise in Erfüllung gegangen. Die Tochter war kaum zu bändigen gewesen. Und nun träumte deren noch wildere Tochter schon lange von einem fliegenden Pferd. Irgendwann einmal hatte sie vom Pegasos gehört. Seitdem versäumte sie keine Gelegenheit, um sich nach solchen Pferden zu erkundigen. Auf ihre bisherigen Fragen hatte das Mädchen die unterschiedlichsten Auskünfte, nicht-ernstzunehmende, unbeteiligte oder erschrockene erhalten. Mit diesen Gedanken schlief auch ihre Großmutter endlich ein.

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