So endet das Treffen am Vormittag mit “Hippokrates Edidemien”. Nach dem Essen erzählt Marpesia Adonis: Der Heiler aus Sina und ich machten uns zum Abschied gegenseitig Geschenke. Er legte mir das Kranichtuch um, das auch du so liebst.
Voller Gedanken über seine Zukunft nimmt Adonis das Wunderwerk noch einmal in die Hand. Am Nachmittag treffen sich alle wieder im Han. Melanippe beginnt: Die Epidemeies, über die wir sprachen, überfallen uns wie Kriege. Wenn man sich nicht kampflos ausliefern will, muß man sich gegen beide wehren.
Adonis kann sich nicht zurückhalten: Beim Krieg erkennt man zwar wenigstens den Feind. Aber seine Überlegenheit kann einem auch den letzten Mut nehmen.
Die Kinder platzen heraus: Stimmt, beim Krieg gibt es wenigstens Waffen, bei der Pest nicht!
Marpesia möchte noch mehr herauslocken: Und was wißt ihr über Mut und Waffen?
Wieder meldet sich der kleine Verteidigungsfachmann: Erakles erschlug, was ihm begegnete, mit seiner Keule. Theseus und die Krieger vor Troia nahmen Schwerter und Speere zum Töten.
“Herakles” erzeugt in einem Mädchen ein Bild: Wenn man Homer liest, glaubt man, alle Männer vor Troia waren erst zufrieden, wenn sie viel Blut vergossen hatten und rauben konnten.
Das Gleiche bewegt den kleinen Fachmann: Ein bewaffneter Held hält einen Unbewaffneten für wehrlos. Sein Irrtum wird ihm erst bewußt, wenn ihm ein Angegriffener entwischt.
Marpesia versucht die Wogen zu glätten: Er glaubt weiterhin an seine Überlegenheit. Deshalb trainieren wir, kaltes Blut zu bewahren und auszuweichen. Wie kommt es gar nicht erst so weit?
Aus allen Kindermündern tönt: Wir halten uns Angreifer mit unseren Bögen vom Leib.
Der kleine “Krieger” ergänzt: Wir müssen uns gegen unterschiedlichste Waffen verteidigen. Deren Reichweite müssen wir einschätzen, wenn ein Angreifer unsern Pfeilen trotzen konnte.
Marpesia nickt ihm zu: Deshalb zeigen wir euch die Waffen unserer Gegner und wie man damit umgeht. Da uns in aller Regel Männer angreifen, sind dafür auch Männer unsere Lehrer.
Der “Kleine” hat noch eine Erklärung: Wenn Kinder und Frauen mit Männern üben, lernen sie, größeren und stärkeren Gegnern zu widerstehen, besser noch, auszuweichen!
Eines der Mädchen: Wir entdecken dabei, wie Schwache sich auch verteidigen können.
Der kleine Fachmann: Wenn uns ein Gegner ganz nahe kommt, müssen wir nur noch seinem Dolch entwischen. Speer, Schwert oder Keule verlieren wegen fehlenden Raums an Wirkung.
Adonis, streicht dem mit stolz geschwellter Brust vor ihm Stehenden über das Haar: Ist das Risiko nicht sehr groß? Du bist doch viel schwächer als der Angreifer, von dem du sprichst!
Der Kleine blickt mitleidig: Wenn man mich angreift, muß ich mich doch verteidigen! Schon Lysippe hat uns gesagt, was wir tun können, wenn uns ein Angreifer zu nahe rückt.
Peri fügt hinzu: Bei unserer Verteidigung kann uns helfen, was wir zum Heilen benutzen.
Ein Mädchen, dem Adonis das nicht zugetraut hätte, ergänzt eifrig: Wenn ich berührt werden könnte, kann ich mich befreien, wenn ich die Punkte erreiche, die Arme oder Beine lähmen.
Der kleine Junge erinnert an die Punkte, die er gezeigt hat: Oder du triffst sogar einen Punkt, der ihn bewußtlos macht. Dann kannst du dich in Sicherheit bringen.
Adonist staunt über Marpesias Schüler: Schützen Helm und Brustpanzer diese Punkte nicht?
Der Kleine baut sich vor Adonis auf: Zwischen Panzer und Helm gibt es Stellen, die man nur genau und fest genug auf den Punkt treffen muß, um einen Gegner außer Gefecht zu setzen.
Das Mädchen ruft dazwischen: Wenn ich aus meiner Hand einen Kranichkopf mache, überlebt der Getroffene nicht, wenn ich will. Und es fließt noch nicht einmal Blut.
Adonis staunt über den Elan der Kinder und sagt: Ich verstehe, daß die Ellenes euch fürchten.
Melanippe ahnt Adonis Abneigung gegen Krieg: Ohne Zuversicht wären wir gegen sie verloren.
Marpesia überkommen Erinnerungen: Wer einmal Blutrünstigkeit in den Augen sah, vergißt den Phobos nie wieder. Du hast nur davon gehört und bist schon bedrückt.
Der “Schrecken” berührt Adonis: Wenn uns Peirates überfallen oder auch unterschiedlichste Kriegsparteien, geht es immer um unsere Ladung, nie um uns. Man läßt uns oft ungeschoren.
Melanippe sieht ihn überrascht an: Es sei denn, sie wollen euer Schiff. Dann müßt ihr euch auch wirksam verteidigen.
Marpesia mischt sich ein: Beim Volk der Berge des Himmels haben wir sogar erlebt, wie durch Vorurteile ausnahmsweise sogar ein Nachteil zum Vorteil ausschlagen kann.
Peri hatte dieselbe Idee: Wir schienen ihren Häuptlingen auf den ersten Blick ungefährlich.
Melanippe setzt fort: Den wenigen alten Männern unter uns traute man mehr Wehrbereitschaft zu, als uns Frauen. Unsere Überwinder ahnten nichts von unseren bisherigen Lebensumstände.
Marpesia geht darauf ein: Unsere jungen und starken Männer waren die meiste Zeit auf See. Um uns eine Chance zu geben, mußten wir unsere Schwächsten stärken.
Melanippe ergänzt: Ein Schwächerer kann sich nur verteidigen, wenn er schneller ist und weiß, wo der Mensch besonders angreifbar ist. Nur gegen “verbrannte Erde” sind wir machtlos.
Adonis staunt: Ein für mich Schwacher hat vom Kranichkopf gesprochen. Was ist das?
Der Kleine baut sich vor Adonis auf: Wenn du willst, zeige ich es dir, ich bin auch vorsichtig.
Das erinnert Adonis an die Prahlereien seiner eigenen Jugend: Ich glaube, ich werde es ertragen.
Ehe Marpesia eingreifen kann, zuckt Adonis unter Schmerzen zusammen. Der Kleine verteidigt sich erschrocken: Ich habe doch den Oberschenkel gewählt, wo man Schmerz erträgt.
Adonis muß schwer kämpfen, um den erlittenen Schmerz zu unterdrücken. Er streicht dem Kleinen beruhigend über den Kopf: Ich habe mich mehr erschrocken. Aber wie schaffst du es, dir bei der Wucht die Finger nicht zu brechen? Ist das der Kranichkopf?
Der Kleine nickt und zeigt wie er seine Hand zum hart zustoßenden Kopf nach unten abwinkelt, wie er die Finger um den Daumen legt und zum Schnabel formt, um sie davor zu bewahren, beim Auftreffen zu brechen. Er lenkt Adonis von seiner Pein ab: Kennst du die anderen Kranichtaktiken? Der Springende Kranich verteilt im Sprung und mit den Füßen harte Schläge.
Das Mädchen, das sich schon beteiligt hatte, springt mit einem schrillen Schrei auf Adonis zu: So kann ich dich auch mit Hebel- und Haltegriffen außer Gefecht setzen.
Das Pärchen geht in ein Duett über: Sie war der singende Kranich. Ihr durchdringender Schrei soll Angreifer erschrecken. Schrecken macht unsicher und dadurch leichter angreifbar.
Wieder springt die Kleine sehr hoch. Ihre Arme gleichen Flügeln, deren Schlägen Adonis ausweichen muß, während sie bewußt atmend herauspreßt: Das ist der Fliegende Kranich.
Zu erst unbemerkt, nähert sich ihr Partner. Er scheint halb im Schlaf zu sein. Während Adonis über den nicht ernstzunehmenden Gegner noch rätselt, greift der Kleine zu und der Phönizier geht ungewarnt in die Knie: Ein Schlafender Kranich täuscht den Gegner. Seine tiefe Stellung vermittelt Furcht, erlaubt aber kraftvolles Zugreifen und befreit ihn sehr schnell vom Angreifer.
Da stellt sich das Mädchen auf ein Bein und spreizt das andere gestreckt ab. Während Adonis über die Akrobatik staunt, saust ihm ein unerwartet hoher Tritt entgegen. Impulsiv zieht er den Kopf ein, was ihn vor einer weiteren unangenehmen Erfahrung bewahrt. Die Kleine schmeißt sich entschuldigend an ihn: Entschuldige. Du hast toll auf den einbeinigen Kranich reagiert.
