Adonis findet das Tempo atemberaubend. Auch die Pause zum Tränken der Pferde fällt dieses Mal sehr knapp aus. Denn ganz Themiskyra erwartet, daß Marpesia ihre Geschichte fortsetzt. Sie ist noch nicht ganz vom Pferd gesprungen, da wird die Erzählerin auch schon gerufen. Schließlich hatte Lysippe mit den Ihren die Freiheit errungen.

 Doch Marpesia begann mit einer Einschränkung: Freut euch nicht zu früh! Als sie den letzten Paß überwunden hatten, wiesen ihre Führer auf weitere Überraschungen. Auf der einen Seite stieß der Blick, wie gewohnt, wieder gegen angrenzende Berge. Doch zur anderen Seite hin erstreckte sich die unter ihnen ausdehnende Landschaft bis in die Unendlichkeit. Die Berge schienen aus einem weiten Meer zu ragen. In dieser unerhörten Weite mußte es doch auch einen Platz zwischen Wasser und Meer für unser Volk geben. Das Volk der Berge des Himmels erklärte jedoch, die unendliche, leicht wellige Ebene sei die Wüste Tak la Makan, in den Worten der an ihren Rändern Lebenden, “das Land aus dem man lebend nicht wieder herauskam”. Sie selbst kannten das nur vom Hörensagen. Doch sie würden die Wüste an ihrem Rand umgehen.

 Ihre Führer wiesen die Amazonen auf die berühmte Karawanenstraße unten im Tal hin. Die aufkommende Freude dämpften sie: Auf dieser Straße waren die bisher einzigen Feinde gekommen. Sie hatten sogar das gefährliche Volk der Berge des Himmels ernsthaft bedroht. Mit den besten Wünschen, einen ansprechenden Lebensraum und die gewünschte Sicherheit zu erlangen, trennte man sich. Endlich konnte unsere Vorfahren die hohen, lebensbedrohlichen Berge hinter sich lassen. Sie verspürten das erleichternde Gefühl, ihnen entronnen zu sein. Die um Marpesia versammelten seufzten tief auf. Was hatten ihre Voreltern alles erleben müssen. Aber jetzt waren sie in Sicherheit.

 Doch als sie ihre Erleichterung aussprachen, mußte die alte Erzählerin sie ein weiteres Mal enttäuschen:
O nein, seid nicht wieder so voreilig, noch war nichts gewonnen. Für die von der winkenden Freiheit Beeindruckten hatte die Gefangenschaft bis jetzt auch Sicherheit bedeutet. Übrigens habt ihr schon einmal daran gedacht, wie es wäre, wenn euch all dieses wiederfahren würde? Ihr habt euch gerade vorgestellt, daß sich einiges änderte, als Lysippe mit den Ihren plötzlich allein war. Um euch das Einfühlen zu erleichtern, will ich ins Bild rücken, an was sie sich orientieren mußten.

 Am Fuß der Berge erreichten sie die berühmte Wüste, von der das Volk der Berge des Himmels so ehrfürchtig gesprochen hatten. Um ihnen den Weg in dieser lebensbedrohlichen Gegend ein wenig zu erleichtern, hatten sie ihnen sogar einige ihrer Zottelrinder gegeben. Sie selber benutzten die Tiere zum Transport. Die Boote der Amazonen waren nach dem Überfall liegengeblieben. Als man sie holen wollte, waren sie als Brennholz verwandt worden.

 Nun lag vor den Amazonen in der frühlingswarmen Sonne wieder eine winterlich weiße Landschaft. Wie man es aus den Bergen kannte, blinkte hier nur eine unendliche Weite wie eingeschneit. Doch als sie den Schnee, wie gewohnt, in die Hände nahmen, um ihn zu Bällen zusammenzuklauben, rieselte er durch die Finger wie Wasser. Zum Erstaunen aller, stellte der Schnee sich als Sand heraus. Berge von Sand, Wellen von Sand, Quellen von Sand, Regen von Sand und Hagelstürme von Sand. Gebilde aus Sand geformt durch den Wind. Ein glühender Luftzug formte aus rieselndem Material die traumhaftesten Gebilde und ließ manch einsamen Zweig geheimnisvolle Zeichen in den Sand schreiben. Das war also die Wüste. Ihren Weg würde von nun an der Sand seine Bedingungen aufprägen.

 Die meisten Kinder haben wieder Neues zu verdauen. Ältere erinnern sich an Pferdetransporte von Ferghana. Die Salz- und Sandwüsten auf dem Weg dorthin haben sich in die Erinnerung eingeprägt. Mit der Beschreibung des Sandes hat Marpesia ihren jungen Zuhörern wieder das Stichwort geliefert. Es läßt sie wieder einmal das Zuhören vergessen. Eigene Erfahrungen lassen die Phantasie überschäumen und jeder beschreibt dem anderen, wie schön es ist, sich durch den Sand zu wälzen, auf ihm zu spielen, ihn zu formen oder auch nur zu beobachten, wie der Wind mit einem Halm immer wieder neue Kreise in den losen Sand malt. Manche wissen sogar zu erzählen, daß Sand gesehen wurde, dessen lose Material aber fast zu Stein geworden war.

 Nun greift Marpesia wieder ein. Sie hatte die Vorstellung von Wüste erzeugen wollen. Doch dazu ist jeder Angesprochenen auf eigene Erinnerungen angewiesen. Weitere Nachhilfe wird nötig:
Oja, ihr habt mit euern Beschreibungen von den Erscheinungen im Sand recht. Er kann gut mit der Unwirklichkeit des Schnees in seinen vielfältigen Formen konkurrieren. Ihr habt euch schon ein wenig in die Lage unserer Vorfahren versetzt. Aber geht noch einen Schritt weiter, vergeßt eure Erlebnisse. Versucht euch vorzustellen, wir würden über die hohen pontischen Berge ziehen und alles euch Gewohnte hinter uns lassen. So ähnlich erging es Lysippe und ihren Begleitern. In ihrer Heimat waren sie mit einer Blätterwelt vertraut gewesen. Nach der Flucht hatten sie sich an eine erstaunlich karge Welt von Felsen, Schnee und Eis gewöhnt. Diese Steinwüste hatte erst kürzlich einen zauberhaften Wandel erlebt. Wie im Märchen begann sie zu grünen und bald darauf zu blühen. Sie fühlten sich an das Land ihrer Mütter erinnert. Richtiges Heimweh drückte alle.

 In dieser Verfassung verglichen sie die Vegetation und das anfangs so traumhafte Grün kam ihnen plötzlich wie der schüttere Haarwuchs des Alters vor. Dieses Bild verstärkte sich noch, als sie nun auf der nackten Sandhaut lagerten und über die stoppeligen Steinfalten zum grünen Schopf, der die Höhen einfaßte, hinaufblickten. Sahen sie jedoch zur Seite, dann fanden sie sich in einer den jüngeren Erfahrungen ähnlichen, aber noch unwirklicheren Sandwelt wieder. Stellt euch Sand als Meer vor: bis weit an den Horizont reichen die Wellen aus Sand. Auf ihrer Oberfläche wieder gekräuselt, wie Wasser unter dem Windhauch. Sand, soweit man sehen kann. Vielleicht erkennt ihr nun, wie euer Spielmaterial plötzlich zu einem bedrohlichen Element werden kann.

 Der Stamm mußte sich vorsehen, daß niemand in dem Sand verlorenging, daß man sich nicht verirrte in den immer wieder zum Verwechseln ähnlichen Formen. Für den Reisenden ist die Orientierung in der Wüste vergleichbar schwer wie auf dem Meer. Doch verwirrt die Ödnis nicht nur als unwegsame Barrikade. Wüste und Meer weisen für Lebewesen noch weitere behindernde Gemeinsamkeiten auf. Weder Meerwasser noch Sand kann man trinken. In der Schneewüste hatten unsere Eltern gelernt, den Durst zu löschen, indem sie Schnee tauten, um Trinkwasser zu erhalten. Die vor ihnen liegende Landschaft war zwar nicht so kalt, wie die Gegend, die sie gerade verlassen hatten, schien aber noch bedrohlicher. Lysippe ahnte, in welcher Gefahr sie sich befunden hatten, als die Häuptlinge erwogen, sie im Winter bereits fortzuschicken. Die Königin blieb äußerst wachsam und hielt ihr Volk an, seine Übungen mit Ernst weiterzuführen. Das erhielt ihnen nicht nur ihre Wehrhaftigkeit, es half sogar gegen die sich ausbreitende Verzweiflung über die Unwirtlichkeit.

 Marpesia hatte gerade die Phantasie der Kleinen so angeregt, daß zu befürchten war, es würde eine sehr unruhige Nacht werden. Da der weitere Verlauf aufregend blieb, beendete sie für heute ihre Erzählung.

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