Den Bruder wieder heile an seiner Seite, betrachtet Adonis Melanippe: Doch dich hält weder Feind noch Freund von deinen Entdeckungen ab. Erinnerst du Andere, die mit Iatrike ihren Unterhalt verdienen, nicht an Prometheus? Dem warf man Blasphemia vor.
“Medizin und Gotteslästerung” treibt Peri zu den Kranken. Zwei Brüder und ihr jüngstes Erlebnis geben Marpesia ein: Sein Bruder Epimetheus würde vertrauensselig seine neuesten Gedanken ausplaudern, bevor sie sich als richtig erwiesen hätten. Wir schweigen lieber.
Doch Melanippe gesteht: Ich kann deine Befürchtung nachvollziehen. Als Taharqa kam, mir seine Absicht mit der Heilunst zu erklären, hatte ich bei ihm ein ähnliches Gefühl.
Adonis nickt nachvollziehend: Und du verschwiegst ihm deinen Eindruck nicht?
Melanippe scheint gerade völlig abwesend: Er pflichtete mir bei. Er hatte die gleichen Skrupel wie ich. Aber er entdeckt hinter der Abordnung aus Ägyptos plötzlich ein Gesicht, das ihm …
Adonis nickt einfühlend: … eindeutig zunickte. Das konnte für ihn nur Ma gewesen sein.
Sein erneutes Einfühlen gefällt Marpesia: Als Taharqa noch einmal hinsah, um sich zu vergewissern, wurde das Gesicht zu einem Schemen. Da war er sich sicher und sagte zu.
Melanippe kehrt aus weiter Ferne zurück: Wie er mir davon erzählte, schien mir plötzlich, Ma säße neben ihm und nickte mir aufmunternd zu.
Hanno versteht: So ähnlich ging es mir, nur habe ich niemand gesehen. Passiert euch das oft?
Melanippe ist wieder zuversichtlich: Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, Ma begegnet zu sein.
Marpesia fügt hinzu: Mit ihrer Hilfe gelingt vieles, auf das man von allein nicht kommen würde.
Adonis stimmt zu: Gut, daß ihr nicht auf die gehört habt, die euch davon abhalten wollten!
Melanippe blickt erstaunt: Du kennst so etwas auch? Das Flüstern von unerhörten Dingen?
Adonis wird eifrig: Ja, manchmal habe ich den Eindruck, eine höhere Macht lenkte mich gerade.
Marpesia spielt eifersüchtig: Dir antwortet er prompt. Ich warte immer noch darauf, was Adonis für eine Erscheinung im Han von Themikyra hatte.
Melanippe erwartet eine Bemerkung zu den Räumen und wird wieder einmal überrascht, als
Adonis sagt: Dann muß ich mich doch aufraffen. In den hellen Räumen des Han ist mir …
Marpesia unterbricht ihn: Gut, daß wir die Krankenzimmer wegen der Hygiene häufig kälken. Mancher deiner Blicke verrät, du ahnst mehr, als du sagst. Nun vermute ich etwas.
Adonis setzt seinen Satz fort: … aufgefallen, was im normalen Tageslicht wohl untergeht, doch Helle hervorhebt. Peri schien mir eine dunklere Haut zu haben, als alle Kinder um sie herum.
Erinnerungen an ihre Liebe lassen Melanippe fröhlich loslachen: Das ist kein Wunder. Ich stelle mir vor, was du erst sagst, wenn du ihren Vater siehst.
Adonis fühlt seine Vermutung gewiß werden, als Peri zurückkehrt und sich an ihre Mutter schmiegt: Das liegt an meinem Vater. Neben ihm scheine ich so weiß, wie du, schwarze Stute.
Die zärtliche Umschreibung von Melanippes Namen erinnert Adonis: Deshalb hast du so eigenwillig stolze Züge. Die ist mir bei dunkelen Menschen besonders bei Nubiai aufgefallen.
“Nubier” fordert Melanippe zu einer Korrektur: Hadarqa sieht zwar aus wie ein Nubiai, und er ist mindestens so stolz, doch er kommt aus Erytheia. Ihre Eile hat Peri auch von ihrem Vater.
Der “Nubier” aus dem “Rotland” gibt Hanno ein Stichwort: Ich bin in der Erythra Thalatta gefahren. Die Menschen von Erytheia habe ich als sehr hochgewachsen in Erinnerung.
Das “Rote Meer” erinnert Adonis: Als du zu mir kamst, hast du erzählt, die Leute von Erytheia könnten mit Pferden um die Wette laufen. Jetzt erstaunt mich Peris Geschwindigkeit nicht mehr.
Über Melanippes Miene zieht wieder ein Hauch von Sehnsucht: Du hast Recht. Hadarqa schlägt in Peris Länge und auch in ihren Zügen sehr deutlich durch.
Adonis findet Peris Anblick reizend: Mich zieht eine bestimmte Art von Fremdheit an. In der Erythra Thalatta war ich noch nie. Doch deinen Vater kann ich mir jetzt sehr gut vorstellen.
Hanno hat Blicke zwischen Marpesia und Melanippe aufgefangen: Ich kann Adonis verstehen. Mir geht es ähnlich. Und euer Blick gab mir zu verstehen, ihr müßt aufbrechen.
Melanippe ist wieder ganz Königin: Wir blieben gern länger, doch dein Bruder muß in wenigen Tagen aufbrechen, will er zumindest für den kommenden Winter eine sichere Unterkunft.
Hanno nickt: Das habe ich geahnt. Deine Lieferung liegt im Hof, wir müssen sie nur umladen.
Adonis und Marpesia bleiben zurück: Was interessiert dich so an Eltern?
Adonis bemüht sich, nicht länger auszuweichen: Gerade bei Leuten, die ich mag, frage ich mich, warum mag ich diesen Menschen? Was ist so besonders an ihm? Haben wir Gemeinsamkeiten?
Marpesia frozzelt: Na weißt du jetzt, warum wir uns mögen? Gleiche ich, Melanippe oder Peri deiner Mutter oder deinem Vater?
Adonis denkt laut weiter: Nein, ich suche noch immer nach dem Grund. Bei euch ist mir aufgefallen, daß ihr euch sehr ähnlich seid. Doch bei näherem Hinsehen unterscheidet ihr euch merklich.
Marpesia lacht entzückt: Ist das ein Wunder, bei Kindern und Enkelkindern? Aber vermutlich interessieren dich die Väter! Hadarqa weißt du und Melanippe hatte einen Perses zum Vater.
Der “Perser” macht Adonis sehr nachdenklich: An Verwandten liegt es nicht, daß ich euch mag. Wenn Melanippe sich für ihre Forschung von Hadarqa trennt, muß sie ihr sehr am Herzen liegen. Bei ihrer Schilderung von Aigyptos bemerkte ich andauernd sehnsüchtige Regungen.
Marpesia fühlt sich ihm noch zugeneigter: Das hast du bemerkt? Sie leidet unter der Trennung. Doch Hadarqa geht es nicht viel besser. Er wollte auch ungern auf seine Tochter verzichten.
Adonis ist sichtlich bewegt: Das kann ich gut verstehen. So eine Tochter hätte ich auch gern. Nur gut, daß ich ihre Herkunft kenne, das hilft mir, taktvoller zu sein.
Der Hinweis auf Takt läßt Marpesia sagen: Wir sind bei den Ellenes als mannstoll verschrien. Für den Grund fehlt es den Ellenes an Phantasie oder ihre Vorurteile lassen sie ihn übersehen.
Adonis ahnt aus Marpesias Geschichten: Ihr wurdet zu einem Volk von Frauen, als Krieg euch die Männer genommen hatte. Doch ohne Männer kann es auf Dauer kein Volk geben.
Marpesia nickt: Die nach vorn blickende Lysippe erkannte, daß die Gewalt den nicht daran gewöhnten Frauen überraschend eine Freiheit gebracht hatte, die sie für die Zukunft erhalten wollte. Für Adonis ein neuer Aspekt: Aus meiner Erfahrung bei euch, kann ich ihr nur zustimmen.
Für Adonis ein neuer Aspekt: Aus meiner Erfahrung bei euch, kann ich ihr nur zustimmen.
Marpesia fährt fort: Das bezog sie auch besonders auf die Partnerwahl. Liebe schert sich weder um Versprechen oder um Gesetze. Wollten Liebhaber eine Ehe, mußten sie sich uns anschließen.
Adonis lächelt: Das ist ja genau das Gegenteil, von dem was die Ellenes über euch schreiben.
Marpesia wird sehr ernst: Für Ellenes bleibt kein Mann freiwillig bei uns. Lysippe prophezeite, wenn unser Volk unterginge, würde das Gewohnte siegen. Frauen müßten dann sehr lange und schwer um die individuelle Freiheit kämpfen, die uns der Überfall aufgezwungen hatte.
Adonis stimmt zu: Alle meine Reisen bewiesen, daß Lysippes Ansicht von der Welt stimmt.
Marpesia sieht Adonis wie auf dem Schiff an: Du bist mit deinem Verständnis eine erstaunliche Ausnahme. Meist stößt man auf die Meinung Xenes seien Barbares oder Allotries.
“Fremde, Stammeler und Hallodries” geben Adonis ein: Mich reizt die Xene. Ich glaube, eure Kinder sind so ungewöhnlich gelehrig und ansehnlich, weil ihr in Xenes Partner finden mußtet.
Peri beendet das Gespräch über die “Fremde” und die “Fremden”. Sie holt die Beiden auf den Hof. Hanno hatte Melanippe ihre Lieferung übergeben. Nun sieht seine Mannschaft zu, wie die Garde alles für den Heimritt verstaut. Die Abschiedsumarmung von Hanno und Adonis scheinen allen Amazonen wie ein Dank für die möglichgemachte Begegnung. Nach einem letzten Hoch begleiten Hanno und seine komplette Mannschaft die Besucher aus Themiskyra bis vor das Stadttor. Sie verfolgen, wie die “Amazonen-Post” sich auf ihre Pferde schwingt und im Gallop die Stadt hinter sich läßt.
