Es ist noch stockfinster, als Peris Stimme ertönt: Adonis, ich komme, dich zu wecken.
Aus dem Schlaf gerissen, fragt Adonis gähnend: Wollt ihr heute abend zurück sein?
Da tönt aus dem Dunkel Melanippes Stimme: Ja! Du hast nicht mehr viel Zeit, wenn du noch dieses Jahr bis Ferghana kommen willst. Wir möchten uns gern zu Mittag mit Hanno treffen.
Adonis freut sich: Dann sehe ich ihn ja noch vor meiner Abreise. Ich bin sofort da.
Als er kurz darauf zum Essen erscheint, zieht Marpesia ihn mit einer Katzenwäsche auf. Mit ihnen frühstücken alle aus dem Trupp, der Adonis schon vom Hafen abgeholt hatte. Kurz darauf schwingen sich eine Königin der Amazonen, deren Mutter und Tochter, sowie die Leibwache und ein Phönizier in die Sättel und galoppieren über das Land. Adonis gelingt, sich bei Melanippe verständlich zu machen: Wehren sich die Bewohner der Straße nach Amisos nicht, wenn ihr so früh an ihren Dörfern vorüber gallopiert?
Um von Adonis verstanden zu werden, reitet Melanippe dicht an ihn heran: Beunruhigt sind sie sicherlich. Sie kennen das aus der Zeit, als wir noch als Eilboten für die Herren dieser Welt ritten. Unser Getöse bedeutete selten Gutes.
Adonis gibt jedoch zurück: Es war zumindest ein Signal. Jetzt wird es ihnen fehlen.
Melanippe pflichtet ihm bei: Da es seltener geworden ist, werden sie heute hoffentlich keine falschen Schlüsse daraus ziehen.
Da wird Adonis bewußt, was allein sein Besuch bei Hanno alles auslöst. Es folgt ein langer Ritt, auf dem nur für Eingeweihte die Pfiffe zwischen Vor- und Nachhut vernehmbar sind. Als die Pferde getränkt werden müssen, setzt Adonis beim Absteigen fort: Bei euch lerne ich täglich, daß die Dinge immer wieder anders sind, als sie mir nach meiner Erfahrung scheinen. Gestern erst fiel mir etwas auf.
Marpesia übergibt einem Jungen aus der Wache ihr Pferd zum Tränken mit den anderen: Beim Stockkampf gestern Vormittag, am Nachmittag bei den Kranken oder bei meiner Geschichte?
Adonis sieht Peri zu, wie sie hilft, die Pferde zu tränken und Melanippe, die mit dem Anführer der Wache den weiteren Tagesverlauf berät, so tröpfeln die Worte: Nein, bei den Kranken.
Marpesia überlegt, was Adonis in den Räumen des Han aufgefallen sein könnte: Die Pflege ist doch mit vielen Wiederholungen verbunden. Die war es sicher nicht.
Adonis wagt sich nicht gleich, die Katze aus dem Sack zu lassen: Kennst du das? Du hast lange Zeit eine Ahnung und dann entschleiert sich plötzlich, was dich lange unbewußt irritierte.
Es ist inzwischen hell genug, daß Marpesia Adonis fragend anblicken kann: Nun mach’ doch nicht so ein Geheimnis um deine Entdeckung. Wir reiten gleich weiter.
Adonis scheint sein Entdeckung aber so intim, daß ihm klare Worte schwer fallen: Ich finde eure Kinder sehr bemerkenswert. Ich staune, wie sie mich als Fremder aufnehmen.
Marpesia befriedigt die Antwort zwar nicht, doch: Das stimmt allerdings. Wahrscheinlich geht von dir Vertrauen aus. Normalerweise hält man bei uns Neue erst einmal auf Abstand.
Adonis ist froh, daß sie nicht weiter nachhakt: Aber du hast es auf dem Schiff sehr schnell fertig gebracht, mich und meine Mannschaft auf deine Seite zu bekommen.
Weil sie sein Ausweichen wohl bemerkt, lacht Marpesia: Jetzt stellst du dein Licht aber unter den Scheffel! Du hast eine viel größere Menge für einen Fremden eingenommen als ich.
Adonis kämpft mit seiner Entdeckung: Dieses Mal geht es bei mir nicht um einen Wandel, sondern um einen Eindruck, der sich immer mehr zu bestätigen scheint.
Marpesia lacht begreifend: Meinst du unsere “Liebe auf den ersten Blick”. Die verteilst du jetzt ja auf meine ganze Familie.
Adonis fühlt, daß ihm seine alten Freundin auf die Spur kommt: Jetzt machst du mich sogar noch auf eine Wiederholung aufmerksam.
Marpesia wird ungeduldig: Du schaffst es immer wieder, mich neugierig zu machen.
Adonis entschuldigt sich: Im Vergleich zu dir bin ich im Neugierigmachen ein Waisenkind.
Marpesia lächelt nachsichtig: Mir hilft oft, die Worte einfach für sich sprechen zu lassen.
In dem Moment kommen ihnen im vollen Licht der roten Morgensonne Melanippe und Peri entgegen. Dabei fällt Adonis ein Unterschied im Hautton von Mutter und Tochter auf. Trotz ihrer Neugier beendet Marpesia das Gespräch: Wie ich sehe, sind wir bereit zum Aufbruch.
Melanippe ist über die Auskünfte der Späher sehr beruhigt: Die Pferde sind getränkt und auf der Strecke vor uns ist alles ruhig. Wenn wir jetzt aufbrechen, können wir unsern Plan einhalten.
Schon hat jeder sein Pferd am Zügel und schwingt sich auf die Satteldecke. Kurz darauf gallopiert wieder eine “Amazonen-Post” über das Land. Manchmal bewegt sich ein Schatten bei den Häusern und blickt lange dem eiligen Trupp hinterher.
Als sie den Han von Amisos betreten, werden sie mit Hallo begrüßt. Die ganze Mannschaft ist wieder versammelt. Adonis wendet sich begeistert an Melanippe: Wolltet ihr mich überraschen? Das ist euch gelungen.
Im Kontrast zur Mannschaft begegnen sich Adonis und Hanno sehr still. Die beiden Brüder haben sich so viel zu sagen, was im Tumult unter ihnen bleibt. Marpesia und Melanippe beobachten, wie die zusammensteckenden Köpfe sich im Gespräch langsam zurückziehen, weil zwischen ihnen Peris Kopf auftaucht. Hanno nimmt Peri herzlich in die Arme. Das ist das Signal für Mutter und Großmutter, sich zu den Beiden zu gesellen. Sie hören, wie Hanno gerade sagt: Früher, als ich noch einen Kapitän hatte, auf den ich mich verließ, ist mir nie aufgefallen, daß da etwas ist, was man nicht sehen kann, was dennoch oft die Entscheidung erleichtert.
Adonis setzt hinzu: Besonders, wenn man sich entscheiden muß: Freund oder Feind?
Melanippe wird sehr nachdenklich: Das ist unser Problem. Was sich uns nähert, kann Freund sein, Räuber, oder ein Gegner, der nur eins im Kopf hat, Wunden schlagen, möglichst töten.
Marpesia geht auf ihre Art auf die Situation ein: Auf den Meer kann ein anderes Schiff auch Peirates bedeuten. Eine Kaperung haben wir hier ja gerade erlebt!
Noch bevor sich Peri für ihre “Piraterie” verteidigen kann, stellt Hanno fest: Auf Peri habe ich mich sehr gefreut. Aber Peirates halten keinen Seemann auf, immer wieder auf Reisen zu gehen.
Marpesia gesteht: Mir geht es ähnlich! Sehnsucht nach dem Fremden treibt in die Ferne.
Die vorsichtige Melanippe findet: So stelle ich mir Seeleute vor: Auf der Ausfahrt stachelt sie Neugier an. Dann treibt sie Sehnsucht nach Haus. Doch, sind kriegführende Völker nicht genau zu fürchten wie Peirates? Ich habe ihre Heere oft als mörderische Räuber erlebt!
Hanno wird ganz ernst: Ja, die lassen einen manchmal vergessen, daß sie vorgeblich keine Peirates sind. Dann entfährt es ihm: Ich wußte nicht, daß man in Kolchis unsere Schrift schreibt.
Adonis lacht laut los: Dann hast du alles lesen können?
Hanno stupst ihn scheinbar empört an: Du weißt, daß ich ihre Sprache nicht verstehe.
Peri springt ihm bei: Das hat mich in Kolchis auch überrascht. Die Buchstaben scheinen bekannt, doch egal, ob Freund oder Feind, alle sprechen eine eigene Sprachen.
