Selbst der Respekt kann die Beiden nicht abhalten, sich ihren Interessen zuzuwenden. Nachdem sie ihnen Spaß gewünscht hat, findet Melanippe: Habt ihr etwas dagegen, wenn wir uns erst der Geschichte der Iatrike zuwenden. Schon unsere Vorgänger kämpften gegen bedrohliche Tabus.
Marpesia bedauert: Selbst die aufgeklärten Ellenes, über die ich so oft schimpfe, haben welche!
Wegen ihrer Einsicht zwinkert Adonis ihr zu: Dadurch, daß sie alles aufschreiben, seid ihr in der Lage ihre Erkenntnisse und Irrtümer zu nutzen. Selbst, wenn ihr oft anderer Meinung seid.
Marpesia bleibt sehr nachdenklich: Die Ellenes verhelfen uns auch dazu, unser ganz besonderes Problem zu verstehen. Jede Gegend dieser Welt hat ihre eigenen Tabus und die rühren …
Adonis ergänzt, wie so oft, ihren Satz: … von den unterschiedlichen Göttern.
Erinnerungen an Hadarqa geben Melanippe ein: Nur Asklepios kannte keine Tabus.
Adonis folgt diesem Hinweis: Die Ellenes schreiben, daß es Asklepios gelang, Tote zum Leben zu erwecken. Aber das waren ja auch noch Zeiten, in denen die Götter mit den Menschen …
Marpesia wiederholt ihr geliebtes Spiel mit Adonis: … verkehrten. Asklepios ist ihnen begegnet. Er hätte wissen müssen, daß die Ellenes ihre Götter nicht ohne Grund sehr menschlich sehen.
Adonis vermutet: Er fühlte sich sicher. Artemis hatte gebeten, Ippolytos wieder zu erwecken.
Melanippe schüttelt den Kopf: Bei den Olympies darf man sich nie sicher fühlen. Sie werden mindestens so rachsüchtig wie Menschen dargestellt. Ich bin mir sicher, Cheiron hatte seinem Schüler Asklepios immer wieder von seinen Erfahrungen mit Olympies warnend erzählt.
Zu dem Kentaur fällt Adonis ein: Cheiron müssen die Ellenes bewundert haben. Fast alle ließen ihre Söhne von ihm erziehen. In ihren Schriften ließen sie sogar Götter bei ihm Rat holen.
Marpesias Stimme klingt ganz geheimnisvoll: Was keiner weiß, Cheiron war einer von uns.
Melanippe entzaubert das Geheimnis: Zwischen Kolchis und hier gebar Philyra Cheiron.
“Philyra” weckt Erinnerungen in Adonis: Ich kenne in der Nähe eine Insel mit dem Namen. Wie schon die Argonautes hat mein Bruder sie jetzt sicher auch zum Navigieren benutzt.
Marpesia blickt Adonis mitfühlend an: Na, ihr werdet euch vor deinem großen Abenteuer ja noch einmal hier sehen. An der Geburtsstätte von Cheiron müßte er schon wieder vorüber sein.
Adonis sieht dankbar zurück: Ich freue mich schon auf das Treffen. Wie er mit Mädchen umging, muß Cheiron einer von euch gewesen sein. Kyrenes Art erinnert mich sehr an euch.
In Melanippes Stimme schwingt viel Sympathie mit: Mich erinnert die wenig lenkbare Kyrene an Koronis. Beide waren genau der Mädchentyp, der Apollons anzog, ob sie wollten oder nicht.
Adonis ist noch bei Koronis Sohn: Wenn ich bedenke, was eure Kinder schon für Reiter sind, glaube ich, mit seinen Fähigkeiten mußte Cheiron für Ellenes zum Kentaur werden.
Marpesias Lachen merkt man ihr Verhältnis zu den Hellenen an: Frauen zu Pferd sind ihnen erst später begegnet. Doch dann in einer Zahl, daß sich das Bild “Kentaur” nicht länger halten ließ.
Melanippes Ton wird bitter: Ihr größter Eros mußte natürlich ebenfalls ein Schüler Cheirons werden. Sie störte nicht, daß er so gedankenlos war, seinen Lehrer qualvoll leiden zu lassen.
Adonis fragt: Denkst du, Erakles hatte sein Wissen für das Gift seines Pfeils von Cheiron?
“Herakles” steigert Melanippes Zorn immer mehr: Das kann kaum anders sein! Doch weshalb geben die Ellenes einem Eros, wenn er damit nicht umgehen kann, vergiftete Pfeile in die Hand.
Adonis fühlt mit: Cheiron läßt mich daran zweifeln, daß Erakles so stark war, wie die Ellenes behaupten. Wer Pfeile mit Gift präpariert, muß an sich und seiner Stärke zweifeln.
In Marpesias Stimme klingt Trauer an: Erakles ist einer der Gründe, warum ich schlecht über die Ellenes spreche. Aber vielleicht erwarte ich wegen ihrer Philosophes auch zu viel von ihnen.
Adonis versteht sie gut. Auch er hat mit Helden Probleme, doch “Philosophen” schätzt er: In ihren Schriften ist einer meiner Lieblinge Prometheus. Auch er soll am Kaukasos gewesen sein.
Bei dem Namen bricht aus Melanippe heraus: Wie kann man einen Gott erfinden, der einen Findigeren an einen Felsen schmieden und einen Adler seine Leber zerhacken läßt?
Adonis wird nachdenklich: Cheiron besuchte Prometheus. Heilten sie sich gegenseitig?
Melanippe wird versöhnlicher: Es heißt, sie beendeten ihr beider Leid. Götter kennen weder Krankheit noch Tod. Wir glauben nicht, daß einer der Olympies dabei die Hände im Spiel hatte.
Marpesias stimmt ein: Auch die Geschichte mit dem Adler finden wir nicht glaubwürdig. Wir nehmen an, Prometheus hielt sich hier in Kolchis wegen einer kranken Leber auf.
Melanippe ergänzt: Gift schädigt die Leber. Der ewig Neugierige kann sich vergiftet haben. Und nur die für den Umgang mit Pharmaka berühmten Iatres von Kolchis konnten ihm helfen.
Marpesia lacht laut: Man hält ihr Tun für Mageia. Man haßt den vermeintlichen Magoi Medeia.
“Magie” und “Magier” erinnern Adonis wieder an den Beginn des Gesprächs: Ich weiß nicht warum, doch bei Medeias Namen sehe ich immer Marpesia. Aber was war mit Asklepios?
Marpesia nickt: Wie Medeia meine Lehrerin war, so war Cheiron Lehrmeister von Asklepios. Das Schicksal der beiden ähnelt sich. Artemis erschoß die mit Asklepios schwangere Mutter, weil Apollon eifersüchtig auf Ichys war. Cheirons Mutter wurde von Göttern vergewaltigt.
Adonis erinnert sich wage: Ich habe gehört, Apollon wollte Koronis, doch die liebte Ichys.
Melanippe klingt für Adonis sehr mitfühlend: Der eifersüchtige Apollon versuchte vergeblich, durch die unscheinbare Wache einer Krähe Begegnungen der Beiden zuvor zu kommen.
Marpesia ergänzt ein wenig unwirsch: Die Wächter-Krähe macht mich ärgerlich. Wer bewachen läßt, kann nicht lieben. Eifersucht hat mit Liebe gar nichts zu tun!
Marpesia kann ihren Unmut nicht verbergen: Die Olympies scheinen auch auf Iatres eifersüchtig zu sein. Sie ließen Asklepios seine Hilfe büßen, aber Erakles holten sie in den Olymp.
Melanippe scheint ein neuer Gedanke zu kommen: Cheiron und Asklepios zeigen uns die Grenzen eines Iastros. Cheiron spornt uns zu Gegengiften an und Asklepios warnt vor Tabus.
Marpesia nickt eifrig: Das wurde ganz deutlich, als du auf dem Weg von Kyrene nach hier in Ephesos am Baum der Amazones Hippokrates aus Kos trafst.
Die Begegnung begeistert Melanippe noch immer: Ja, Hippokrates war in Ephesos. Weil der dein Freund ist, wagte ich mich, ihm unsere neuesten Überlegungen anzuvertrauen.
Marpesia wird nüchtern: Er fand, mit seinen Kollegen dürfe man über so etwas nicht reden – auch nicht nur andeutungsweise. Für die würden unsere Gedanken Blasphemia sein.
Die “Gotteslästerung” läßt Adonis vermuten: Als Mitglied einer Familie, die sich auf Asklepius zurückführt, weiß Hippokrates das ja aus erster Hand.
Marpesia strahlt: Ich mag ihn, weil er an sich einen höheren Anspruch hat, als andere Iatres.
Melanippe nickt: Das bewies er mir in unserm Gespräch. Er ging auf Details unserer Vermutungen ein. Aber ihm war ganz wichtig, daß wir auf Tabus achteten.
