Marpesia: Und uns laßt jetzt dafür sorgen, daß unser Soma mit Energeia versorgt wird. Auch heute kommt Adonis recht spät zum Essen. Es gibt ja auch so viel zu lernen. Als Peri und Adonis von ihrer nachmittäglichen Übung zurückkehren, warten Marpesia und Melanippe schon auf die Beiden. Und zu ihrer Überraschung sagt Adonis, als könne er Gedanken lesen: Ich frage mich, welche weitere Schlüsse ihr aus den Erkenntnissen in Ägyptos gezogen habt.
Melanippe lacht: Zunächst konnte ich Marpesia zeigen, was ich gelernt hatte und was Taharqa und ich vermuteten. Zum Glück wurde auch zu meiner heilen Rückkehr ein Schwein geopfert.

 Marpesia ist ihr Stolz auf ihre Tochter anzumerken: Seitdem gehe ich jedes Mal in die Küche, wenn ein Tier geopfert wird. Bevor die Köche dem Tier die Eingeweide entnehmen, zeige ich den künftigen Cheirourges die Lage und die Form der Organes und die Verbindung zu einander.
Vom „Aufschneiden“ von Toten oder Kranken hatte Adonis bisher nur Vages gehört: Das Schneiden kenne ich nur bei Eiter. Forderte Hippokrates nicht, bei Eiter zu schneiden?
Ganz Heilerin geht Marpesia darauf ein: Eiter ist eine Ausscheidung des Soma ohne von der Natur dafür vorgesehenen Ausgang. Eiter muß man zum Abfließen verhelfen.
Melanippe fährt aus Erfahrung fort: Durchs Schneiden tritt eine direkte Erleichterung auf.

 Marpesia geht auf den größten Heiler der Ellenes ein: Hippokrates wußte auch, daß die Aigyptiais früher in ähnlichen Fällen sogar den Schädel öffnten. Sieh mal unseren Skeptikos.
Die “Zweiflerin” genannte Melanippe fährt auf: Und jetzt brauchen sie Hilfe. Doch uns half es. Marpesia lacht erneut: Jetzt versucht Melanippe zu verstehen, was im Körper eines Menschen vorgeht. Erst mit diesen Wissen können wir uns bei Diagnosen ein sichereres Urteil erlauben.

 Auf dem Weg zum Essen stößt Peri zu ihnen. Sie hat für Adonis eine Nachricht aus dem Han. Hanno läßt ihm ausrichten, daß er auf der Rückfahrt noch einmal in Sinope anlegen möchte. Adonis freut sich auf die bevorstehende Begegnung und bemerkte erst jetzt, wie sehr ihn das Kennenlernen einer ungewohnten Kultur mit Beschlag belegt hatte: Jetzt bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Ich lasse mich von Neuem so in Beschlag nehmen, daß ich alles andere vergesse. Wie gut, daß sich mein Bruder gemeldet hat.
Marpesia legt ihm tröstend eine Hand auf den Arm: Das ist das Problem von Auswanderern. Man kann schlecht Beides haben, die gewohnte Sicherheit und das aufregende Neue.
Jetzt lacht Melanippe: Glaube nicht, Marpesia, hätte an deine Herausforderung gedacht, wenn du an diesem Abend von einem vergleichbaren Ereignis hörst.

 Schon beim Abendessen ist zu bemerken, die Begeisterung über ihre große Königin ist nicht zu bremsen. Noch mit vollem Mund übertreffen sich alle gegenseitig mit Bezeichnungen für ihre Heldin. Aber schließlich fragt Marpesia, ob die eifrig mit einander Plaudernden auf ihre Fortsetzung verzichten wollen. Das erste Wort bringt alle schnell zu andächtigem Schweigen:
Noch unter der Wirkung ihrer fliegenden Krieger, versprachen die Häuptlinge alles, nur um die Kunst der Amazones zu erlernen. Sie fühlten sich zwar überlegen, wollten diese erstaunlichen Fähigkeiten jedoch nicht gegen sich selbst angewandt wissen. So wurden aus Gegnern Partner.

 Die Partnerschaft sorgte für die Sicherheit der Amazonen aber auch für eine rege Geschäftigkeit. Denn nicht nur das Volk des Himmels hatte etwas zu verdauen, auch das Volk Lysippes bekam seine Lektion zu lernen. Es wußte ja nicht, was Winter bedeutete. In ihrer Heimat hatte man keine Vorräte für magerere Zeiten anlegen müssen. Die etwas vorausschauenderen Häuptlinge erkannten, daß ihre Gefangenen für das Klima in den Bergen nicht gewappnet waren. Ihre leichte Kleidung würde sie erfrieren lassen. Aber auch die Lebensmittel hatten bisher nur für weniger Menschen zu reichen brauchen. Die Zeit flog unter den Vorbereitungen nur so dahin. Das Jahr verging. Über das gegenseitige Üben, Lebensmittel heranschaffen und Fellbearbeiten war es später Herbst und zusehens kälter geworden.

 Sogar für die in den Künsten des Bergvolkes ungeübten Amazones gab es eine Aufgabe. Sie zogen mit den alten Frauen los und sammelten auf den hochgelegenen Weiden den getrockneten Dung der Bergrinder. Sie lernten, daß die Rinder in diesen baumlosen Gegenden nicht nur für Milch und Fleisch, sondern sogar für Heizmaterial sorgten. Die Tiere wurden regelrecht verehrt. Unsere Riten beim Tieropfer haben wir von diesem Volk übergenommen. Bald konnte man nicht mehr vor die Häuser treten, ohne sich in die Fellkleidung des Volkes der Himmelsberge zu hüllen. Aber nicht nur außerhalb konnte man erfrieren. Die an ihre heiße Heimat gewohnten leichtbekleideten Amazonen litten sehr. Das Volk der Berge des Himmels hatte trotz Vorsorge nicht genügend warme Kleidung für alle. So hüllte man die Älteren und die ganz Kleinen in die wenigen Pelze ein. Die Anderen mußten sich durch intensives Training warmhalten.

 Marpesias Schützlinge platzen fast vor Neugier. Gab es das tatsächlich? Ein Land, in dem es keinen Winter gab? So hatte man sich immer das Paradies vorgestellt. Und solch paradiesische Verhältnisse hatten ihre Vorfahren hinter sich gelassen? Manchmal kommen Fragen etwas später. Aber war es nicht gut, wenn sie überhaupt kamen? Die Erzählerin ist zufrieden, aber erinnert daran, daß die Amazones ihre ursprüngliche Heimat ja nicht freiwillig verlassen hatten. Dann treibt sie ihr Thema wieder voran:
Noch beherrschte das Volk des Himmels die Kunst der Amazonen nicht zufriedenstellend. Nur dieser Zufall schenkte den Amazonen erneut eine Chance zum Leben. Es war nicht nur schrecklich kalt geworden, auch die Vorräte schmolzen unter der gewachsenen Menge hungriger Mäuler schneller, als von den vorsorgenden Häuptlingen erwartet. Einige von ihnen hatten es längst bedauert, daß man versprochen hatte, die kostbare Ware nicht auf dem Sklavenmarkt einzutauschen.

 Doch je tiefer die Krieger in die Kunst der Amazonen eindrangen, desto offensichtlicher erkannte man auch deren Bedrohung selbst ohne Waffen. Lysippe bemerkte, was vorging. Es kostete sie große Anstrengungen, ihre Unruhe zu verbergen, als sie hörte, wie vorgeschlagen wurde, den Amazonen schon vorzeitig die Freiheit zu geben. Die Königin ahnte, daß jeder Mensch, der die Verhältnisse nicht ausreichend gewohnt war, den Winter in Bergen nicht überstehen würde. Die Stimmung trieb gefährlich auf eine unerwünschte Entscheidung zu. Die Ängstlichen erreichten schließlich eine Beratung der Fürsten.

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