Marpesia empfängt den an seinen Fortschritten zweifelnden Adonis: Vielleicht gibt dir das heutige Erlebnis den Anstoß zu neuen Gedanken, wie Melanippe die Begegnung mit Taharqa.
Melanippe fühlt sich durch Marpesias Bemerkung herausgefordert: Es war nicht meine Entscheidung, mit Hadarqa nach Aigyptos zu gehen. Es war Fügung.
Adonis betrachtet Melanippe, die ihm mehr als beteiligt erscheint: Ja, die meisten großen Dinge geschehen nicht, weil Einer sich dazu entschlossen hat, sondern weil die Anderen Einen lassen.
Marpesia bemerkt Adonis Aufmerksamkeit: Melanippe kam nichtsahnend kurz nach der Anfrage aus Aigyptos nach Kyrene. Hadarqa, den sie nicht weiter kannte, überraschte sie.
Adonis lacht: Hadarqa hatte sicher zugesagt und danach Zweifel bekommen. Mir geht es jedenfalls so. Männer übernehmen sich leicht. Doch du scheinst es gewesen zu sein, die ihn ließ.
Man sieht Melanippe an, wie sehr ihr das Geschehen gegenwätig ist: So hat er es nie ausgedrückt. Als er mit mir sprach, hätte ich es auch nicht so empfunden.
Doch Marpesia bestätigt Adonis: Aber in Kyrene wollte ihn tatsächlich niemand begleiten.
Melanippe hat eine Erklärung dafür: In Kyrene wußte man, Pharaones, die Gottkönige der Aigyptiais, sollten auch in ihrem Leben nach dem Tode auf nichts verzichten müssen.
Adonis fallen Gespräche von zu Hause ein: Bei uns erzählt man, früher, als sie noch als Götter betrachtet wurden, begleitete ein Teil ihres Gefolges sie mit ins Grab. Es gab ein Risiko!
Melanippe nickt: Jetzt sehe ich das auch so. Damals beeindruckte Hadarqa mich. Er schlug den Priestern für die Bestattung im Tal der Könige einen Festakt mit internationalen Gästen vor.
Marpesia erinnert sich: Er baute für euer Überleben vor! Das überzeugte die Priester. Im eigenen Interesse sorgten sie dafür, daß Amyrtaios Hadarqas Vorschlag zu seiner Idee machte.
Diese Wendung kann Adonis sich sehr gut vorstellen: Das mußte Amyrtaios gefallen. Die Teilnahme ausländischer Abordnungen förderte seine Zwecke. Die Unwissenden würden seinen Anspruch bezeugen und ihn so stützen. Schließlich gehörte er nicht zur regierenden Dynastie.
Melanippe nickt: Mich gewann Taharqa vollends, als er mich fragte, ob ich glaube, man könne an einem Schwein üben, die inneren Organes eines Anthropos herauszunehmen.
Der “Mensch” beflügelt Marpesia: Wenn zwischen Anthropos und Ther kein Unterschied gemacht würde, hätten längst alle bemerkt, daß in beider Soma Vergleichbares vorgeht.
Die Idee von “Mensch” und “Tier” gibt Adonis ein: Jetzt verstehe ich, wie euch die Idee von der Syndesis der Organes kam. Die eingeatmete Luft und die Nahrung müssen sie erreichen.
Die “Verbindung” der “Werkzeug” läßt Marpesia an die Kinderschule gestern denken: Ja, die inneren Organes verarbeiten, was sie erreicht und wandeln es in Energeia für die Mys um.
Eine “Wirkung”, jedoch nicht auf ihre “Muskel”, hatte Melanippe erlebt: Taharqa und mir kam ein weiterer Zufall zur Hilfe. Es war gerade ein Schwein geopfert worden.
Adonis fällt eine Schwankung in Melanippes Stimme auf: Freuten sich die Köche, daß ihr ihnen Arbeit abnehmen wolltet. Bei uns haben sie immer Angst, die Chole zu verletzen.
Marpesia kennt das Problem “Galle”: Sie fürchten, der bittere Inhalt der Chole verdirbt alles.
Adonis verständnisvoll: Für viele macht Chole ja auch den Anthropos zum Cholerikos.
Der flappsige Hinweis amüsiert Melanippe: Wir waren ja keine geübten Schlachter. So öffneten wir ganz vorsichtig mit sehr scharfen, frisch geschliffenen Messern den Körper des Ther.
Adonis hat Mühe, sich an Schlachtungen zu erinnern, die er erlebt hat: Und die Köche haben euch sicher genau auf die Hände geschaut.
Marpesia denkt laut: Nur ungeübte Köche haben diese Angst. Doch uns fehlt die Übung!
Melanippe sieht aus, als wäre sie nach Kyrene zurückversetzt: Taharqa hatte für alles Namen. Wir prägten uns ein, wo Herz, Lunge, Magen, Leber, Niere, Galle, Blase und Gedärme sind.
Marpesia fügte begeistert hinzu: Als sie wieder zu Hause war, machte Melanippe mich darauf aufmerksam, daß auch ich die Innereien des Menschen dem Namen nach alle kannte.
Melanippe geht im Geist noch einmal zurück: Als wir nach Ägypten aufbrachen, hofften wir, unsere Annahme stimmt, und die Organes des Anthropos sind denen des Ther nicht unähnlich.
Marpesia läßt sich erneut mitreißen: Ihr habt euch überlegt, was sie vermutlich tun. An ihren Beziehungen zu einander konnte ihr euch die Lage der einzelnen Organes besser einprägen.
Man merkt Melanippe die Erinnerung an eine doppelte Annäherung an: Trotzdem zogen wir mit viel ungeklärten Fragen nach Aigyptos. Doch wir machten wir uns gegenseitig Mut.
Adonis ahnt das Ergebnis: Zu euerm großen Glück traft ihr Zustände an, die euch Antworten lieferten und zur Erfüllung eueres Auftrages beitrugen.
Damit löst er Melanippe aus anderen Erinnerungen: Ja, unsere Vermutung bestätigten sich tatsächlich. Wir konnten den Körper öffnen, ohne eines seiner Organes zu verletzen.
Adonis staunt über die für ihn neue Art Heiler: Dann habt ihr seine Bestandteile entnommen?
Melanippe setzt nüchtern fort: Ja, wir haben sie gereinigt. Für die zeremonielle Entnahme mußten wir sie danach wieder an ihren ursprünglichen Platz zurücklegen.
Marpesia möchte ihre Tochter vor unnötigen Gefühlsaufwallungen bewahren: Aufschneiden geht an die Nieren, selbst Tote. Nach dem Eingriff mußten sie den Tempel sofort verlassen.
Melanippe bemerkt die Bemühungen ihrer Mutter: Für die Priester hatten wir unsere Aufgabe erfüllt. Nach unserer Vorbereitung konnten sie nun die heilige Öffnung des Körpers vollziehen.
Marpesia bemerkt ihren Erfolg: Sie entnahmen öffentlich die Organes, zogen sich zurück, behandelten die Organes mit ihren geheimen Mitteln und verteilten sie auf Kanopen.
Ganz nüchtern erinnert sich Melanippe: Auch für den Umgang mit dem Körper beim Einbalsamieren brauchten die Priester uns noch. Die letzte “alte” Bestattung war zu lange her.
Marpesia erinnert sich ungern: Das Balsamieren braucht seine Zeit. Und mit jedem Tag länger wurde man in Kyrene und hier immer unruhiger.
Adonis fragt neugierig: Zum großen Festakt der Bestattung hatte Amyrtaios dann tatsächlich Gäste aller Nachbarvölker eingeladen? Die überzeugte sein Aufwand mit dem Toten sicher alle.
Marpesia geht darauf ein: Nur die Perses kamen nicht, sie hatten genug mit den Nachfolgern des Darius zu tun. So erreichte Amyrtaios die Ehren des neuen Pharao von Aigyptos.
Melanippe setzt sich gern wieder in das Erlebnis zurück: Auch eine große Abordnung Amazones hatte sich eingefunden. So kamen wir in sicherem Geleit wieder nach Kyrene.
Adonis ist noch völlig von der Bedrohung beeindruckt: Und so seid ihr dem Grab entgangen?
Das macht mir Hoffnung.
