Aus Melanippes Stimme ist ein gewisser Stolz über die Einladung zu hören: Sie hatten von Taharqa gehört. In Kyrene stimmte man zu. Taharqas Name konnte den Auftrag erleichtern.
Adonis wird hellhörig: Gehört Taharqa zur Familie des Kämpfers gegen Asarhaddon? War der nicht einer der Pharaones aus Kusch?
Marpesia ist baß erstaunt: Woher kennst du Taharqas Namensgeber?
Adonis spielt das Erstaunliche darunter: Ich weiß nur, daß er mit seinem Heer meine Verwandten in Tyros unterstützt hat. Ist der junge Taharqa Priester? Balsamieren ist doch ein heiliger Dienst.
Melanippe bestätigt Adonis’ Gedanken: Das dachte ich auch. Doch seit ich in Kyrene war, weiß ich, nur das Wissen zum Balsamieren haben die Priester im Tempel bewahrt. Doch das fachgerechte Entnehmen der Organes war durch die neuen Herren in Vergessenheit geraten. Nun suchten sie einen Fachmann dafür.
Marpesia ergänzt: Obwohl Taharqa die Schwierigkeiten bestätigte, überließen die Priester ihm diesem Teil. Sie achteten später genau darauf, daß alles gereinigt und unversehrt war, was sie von ihm übernahmen.
Und Melanippe beantwortet Adonis erste Frage: Taharqas Vater bewunderte den Pharao mit diesem Namen. Er hatte sich mit den Phoinikes gegen die Fremdherrschaft der Perses erhoben.
Adonis kann Taharqas Vater verstehen: Noch immer herrschen bei uns und in Aigyptos die Perses. Doch um einen Ausländer als Fachmann zu holen, muß es sehr wichtige Gründe geben.
In Melanippes Stimme schwingen plötzlich verhalten Empfindungen: Der wichtige Grund war Amyrtaios. Sein Vater war verstorben. Er sollte nun wie ein Pharao mumifiziert werden.
Adonis beschäftigen die Wiederholungen: Bei uns sagt man, wie schon Taharqa gegen die Perses, kämpft Amyrtaios gegen Artaxerxes. Nur er sucht nicht bei uns sondern bei den Ellenes Unterstützung.
Erinnerungen lassen Melanippe ergänzen: Amyrtaios glaubt, für seinen Kampf gegen die Persers kann er nur mit Unterstützung von allen rechnen, wenn er den Krieg als Gottkönig führt.
Adonis begreift: Er glaubt, nur einem Pharao würden alle Aigyptes folgen und er würde siegen.
Marpesia springt ihm gewohnheitsmäßig bei: Er macht sich zum Sohn eines Pharao, wenn sein Vater wie ein Gottkönig mumifiziert wird.
Melanippe ergänzt mit immer noch belegter Stimme: Tahaqar wußte, es gab ein großes Risiko. In alten Zeiten zwang man die bei der Mumifizierung eines Pharao Beteiligten, ihrem Gott in die Ewigkeit zu folgen.
Marpesia blickt ihre Tochter besorgt an: Weil die Priester ihn für unverzichtbar hielten, sicherte Amyrtaios Tahaqar sicheres Geleit zu.
Adonis kramt in Zuhause Gehörtem: Das kam den Priestern sicherlich auch recht. Sie hatten nach der langen Fremdherrschaft ein Interesse, ihren Göttern wieder Beachtung zu verschaffen. Melanippe klingt, als käme ihre Stimme von weit her: Amyrtaios Absicht verhalf ihnen dazu. Die Priester machten Amyrtaios jedoch sofort klar, daß für sie sein Vater kein Gott war.
Adonis ahnt den Grund: Sie wollten ihm entgegenkommen, jedoch nicht für den Preis ihres eigenen Leben. Sie wußten ganz genau, sie durften sich nun keine Fehler erlauben.
Melanippe wird ganz sachlich: Ihr Auftraggeber ließ auch keinen Zweifel daran. Um der allgemeinen Anerkennung willen mußten alle alten Riten genauestens eingehalten werden.
Adonis begreift: Die Ankündigung allein würde große Aufmerksamkeit hervorrufen. Und wenn es um die Verwirklichung seiner Absicht ging, würden selbst Versprechen in Vergessenheit geraten.
Das gab Marpesia das Stichwort: Die Priester wußten, ihr Ehrgeiz konnte sie bei Amyrtaios in die Falle tappen lassen. So sorgten sie vor und versicherten Taharqa ihre volle Unterstützung.
Melanippe bestätigt die Skepsis ihrer Mutter: Die lange Pause war für die Priestern zu einem großen Risiko geworden. Alles vor der Mumifizierung war kontrollierbar, aber die Kanopen öffnete niemand mehr. Für diesen, für sie problematischen Teil, suchten sie einen Technites.
Der “Fachmann” läßt Marpesia kokettieren: Nun mußten sie nur noch ihren Auftraggeber im Auge behalten. Wie du siehst, es ist nicht mein Verdienst, wenn ich von etwas Neuem reden konnte. Auslöser waren Priester der Aigyptes. Doch es ist Zeit, zum Essen zu gehen!
Nach der Mahlzeit folgte für ihren Gast eine weitere Übung, sich bei einem Angriff richtig fallen zu lassen. Diese Technik fiel Adonis ziemlich schwer. Doch der Kleine vom Vormittag erinnert ihn daran, wie wichtig diese Kunst für sein Vorhaben sein könnte. Nach dem Ende der Übungen wartete er gespannt auf die Fortsetzung von Marpesias Geschichte über Lysippe.
Marpesia hatte am Abend zuvor sehr wohl bemerkt, daß ihre Zuhörer sich am Schluß zu langweilen begannen. Sie mühten sich aber redlich, sie das nicht fühlen zu lassen. Sie ahnte die Gedanken: Was geht es mich an, wie sich andere Völker am Leben erhalten. Dennoch schien Marpesia ihre Zuhörer fast für ihre Geduld zu bewundern. Sie sollten ja von den Amazonen hören. Mit gespielt verzweifelter Miene fuhr die Erzählerin fort: Ich hoffe, ich kann die Situation heute verständlicher machen. Im Gegensatz zu euch, bewundere nicht nur ich, sondern schon Lysippe den Einfallsreichtum der Bezwinger der Amazones. Sie stahl dem Volk des Himmels, wie es sich selbst nannte, mit den Augen vieles von ihrer Überlebenskunst. Inzwischen war ihr klar, wie es ihnen gelungen war, sie und ihren Stamm problemlos gefangenzunehmen. Deshalb sah die Königin besonders interessiert bei den Kriegerspielen ihrer Besieger zu.
Plötzlich erinnerte sie sich an unsere längst vergessenen alten Kampftänze. Bevor das Zeitalter des Friedens sie bequem machte, hatten die Königinnen dafür gesorgt, daß die alten Techniken des Stock- und Kampftanzes täglich geübt wurden. Lysippe erinnerte sich in diesem Augenblick sehr genau. Sie kannte die Wirkung des Tanzes noch. Und sie fand die Untätigkeit des Wartens in der Gefangenschaft als gefährlich für Moral und Selbstachtung. So begann sie mit den Amazonen, die Tänze ihrer Erinnerung zu üben. Dem Bergvolk schien das Tanzen rituell und ungefährlich zu sein. Woher sollte auch eine Gefahr kommen, wenn niemand von den Gefangenen außer Stöcken eine Waffe führte. Dann, kurz vor der Abreise zum Sklavenmarkt bat die Königin die Häuptlinge, ein Tanzfest der Mädchen zu Ehren der Muttergöttin feiern zu dürfen und lud sie dazu ein.
Dieses Mal wurde Marpesia vor Begeisterung unterbrochen. Das Tanzfest Lysippes war eines der aufregendsten Ereignisse im Jahresablauf der Amazonen. Jeder kannte es. Das Fest wurde immer noch gefeiert. Bei diesen Wettspielen im Amazonentanz wurde geübt, die Reaktionen der Tänzer zu beschleunigen, den Tanzpartner über die eigenen Absichten zu täuschen und seine Aktionen so umzulenken, daß sich seine Energie gegen ihn selbst wendete. Weil nur Laien die Wirkung des Stockes unterschätzten, war es ein Waffentanz ohne Waffen. Die Siegerin wurde bis zum nächsten Fest Kriegskönigin.
In das aufgeregte Geschnatter hinein, setzte Marpesia ihre Erzählung fort:
Ja, begeistert euch nur. Das war genau die Wirkung, die Lysippe bei unseren Überwindern beabsichtigt hatte. Ihre Überlegungen hatte sie jedoch für sich behalten. Nur sie wußte, mit welchem Risiko sie spielte. Die zu Überzeugenden sahen anfangs recht uninteressiert beim Tanze zu. Doch bald machte es ihnen mehr und mehr Freude, den Mädchen zuzuschauen, wie sie sich graziös und mit Schwung bewegten. Ha, diese Männer, sie haben immer nur eins im Sinn. Lysippe durfte es deshalb beim Publikum nicht zu offener Gier kommen lassen.
So bat sie die Häuptlinge, einige Krieger auszusuchen, die sie und einige ihre Mädchen in voller Bewaffnung angreifen sollten. Die Fürsten, aber auch ihre Krieger wehrten sich zuerst empört. Sie fanden es unter ihrer Würde, gegen Unbewaffnete und noch dazu gegen Mädchen anzutreten. Sie hatten ihre Ware auch nicht so gut herausgefüttert, um sie nun in einem Spiel zu beschädigen. Aber schließlich siegte der Stolz und eine höchst wachsame Neugier bei den Herrschern. Was hatte dieses Weib vor, wollte es sich selber umbringen? Doch das konnte man verhindern. Von den Häuptlingen vorgewarnt gingen die Krieger dann etwas zu unbesorgt in das Treffen. Sie fanden ihre Gegnerin nie, wo sie sie vermuteten, und wenn sie dann eine zu fassen bekamen, flog ihnen wie durch Zauber die Waffe aus der Hand und der Angreifer lag japsend mit dem Rücken auf dem Boden. Immer berühmtere Kämpfer fühlten sich vergeblich herausgefordert.
Die Amazonen jubelten. So war es gut. Sie wollten viel lieber von Erfolgen als von Gefangenschaft hören. So wie Marpesia es schilderte, so mußte das Tanzfest sein. Genauso lernte jede Amazone, sich zu verteidigen. Aber warum hatte Lysippe verboten, ihre Bögen zu benutzen, sie hätten doch mit Leichtigkeit mit diesem Gegner fertigwerden müssen? Die Übereifrigen hatten völlig vergessen, daß ihre Vorfahren gefangen waren, Marpesia erinnerte sie schnell genug daran:
Ihr seid übereifrig, die Friedenszeit brachte uns zwar den Bogen, wir hatten gelernt ihn zur Jagd zu verwenden. Im dichten Gestrüpp der Wälder ist nur die Jagd mit dem Bogen erfolgreich. Es hatte lange Zeit niemand daran gedacht, den Bogen zum Kampf einzusetzen. Und in der Gefangenschaft gab es keine Bogen. Nach der Überrumpelung war den Amazonen kein Bogen geblieben.
Aber auch ohne diese Waffe erreichte Lysippe ihr Ziel. Ihre Bezwinger waren aufmerksam geworden. Die besiegten Krieger waren beschämt und wütend. Doch ihre sich steigernde Wut machte sie zu noch leichteren Opfern. Schließlich brachen die Häuptlinge die Kämpfe ab. Lachend, um ihre friedliche Absicht zu bekunden, forderten sie Lysippe auf, ihr Geheimnis verraten. Aber die war nur bereit ihre Kunst nach einem Handel preiszugeben: gegen den freien Abzug. Doch davon werde ich morgen berichten.
Voller Eindrücke, aber sehr müde, suchte Adonis sein Lager auf.
