Die Neulinge unter den Zuhörern werden schon ganz aufgeregt. Waren ihre Vorfahren neuem Morden ausgesetzt? Mußten sie wiederum fliehen? Die Erzählung war für die Zuhörer so spannend geworden, daß sie sie ohne Kommentar kaum ertragen konnten. Es durfte doch nicht schon wieder ein Unglück geschehen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich beruhigt hatten und wieder zuhören konnten: Wer Geschichten erzählt, darf vorher nicht alles verraten. Ich erzähle nicht wegen der Effekte, doch einen Trost biete ich euch. Wenn es sicher ist, daß Lysippe und ihre Begleiter unsere Vorfahren waren, gäbe es uns heute nicht, hätten nicht wenigstens einige von ihnen die Strapazen überlebt.

Nach einer kleinen Pause beginnt die Fortsetzung für diesen Tag: Überall, wo man sich nicht auskennt, drohen Gefahren. Nichts verläuft in immergleichen Bahnen. Im Gegenteil. Ab jetzt änderte sich alles. Sie waren an Speisen gewohnt, die aus dem Garten kamen und gekocht wurden. Sie kannten auch Fisch, den man kochte oder briet. Inzwischen gab es nichts mehr, um Feuer zu machen. Den rohen Fisch, der als Letztes als Nahrung übriggeblieben war, konnte nur roh herunter gewürgt werden.

Noch hatten sie auf der Fahrt niemanden verloren. Doch sie waren völlig erschöpft und fast verhungert, als sie gegen Abend an eine Nase der Felswände kamen, die aus dem Fluß aufragten. Das Hindernis hatte dafür gesorgt, daß sich an ihm Kies abgelagert hatte. Diese Landzunge bot gerade für alle Platz. Einige zogen nicht einmal mehr ein Boot als Behausung für die Nacht über sich, wie sie das bisher immer gemacht hatten. Vor Entkräftung schliefen sie sofort ein. Der Schlaf machte den Hunger vergessen. Selbst Lysippe muß völlig erschöpft gewesen sein, denn zum ersten Mal hatte sie keine einzige Wache aufgestellt.

Hinter der flußaufwärts gelegenen Felsenwand kamen vollig unbeschwert einige Männer hervor mit Angelgeräten in der Hand. Sie erschraken, liefen so schnell sie konnten in ihr Dorf zurück. Ohne es zu ahnen, waren die Flüchtlinge in den Machtbereich eines weithin gefürchteten Volkes geraten. Eines Volkes, daß sich stark genug fühlte, um nicht gleich anzugreifen und Störenfriede zu vertreiben, sondern abzuwarten und zu beobachten. Wegen zweier besonderer Eigenschaft wurden die Bergbewohner von allen Anderen gefürchtet. Die Dürftigkeit ihres Lebensraumes zwang sie zu immer neuen Finten, der Natur und dem Wetter das eigene Überleben abzutrotzen. Dieses Dasein hatte sie gelehrt, immer erst die eigenen Chancen zu ergründen und solange unbemerkt zu bleiben, bis man siegreich zuschlagen konnte.

Der Häuptling befahl seinen Männern, sich zu bewaffnen und zog mit ihnen zum Nachtlager der Eindringlinge. Vorsichtig spähten die heimlichen Beobachter um die Ecke. Sie erkannten, von den Eindringlingen ging keine Gefahr aus. Das waren keine Eroberer, die in friedliches Land eindringen wollten. Die schliefen so fest, daß man sogar über sie hinwegsteigen konnte. Sie hatten die Wahl. Wenn sie gar nichts taten, und die Schlafenden nicht auf den Zugang aufmerksam machten, würden die ganz einfach verhungern. Doch dazu waren die gefürchteten Krieger zu gastfreundlich. So entschied der Häuptling, unser Volk kampflos gefangenzunehmen. Man konnte die Gefangenen am Leben lassen und später als Sklaven verkaufen. Um selbst Sklaven zu halten, gab es in ihrer Heimat zu wenig zu essen. Mit dieser Entscheidung ging das Volk der Berge des Himmels ein großes Risiko ein. Schon für die Heimischen reichten die Vorräte für den Winter kaum. Alle würden sich sehr einschränken müssen.

Es wäre ganz einfach gewesen, die Fremden verhungern zu lassen. Doch die Aussicht auf den Erlös für Sklaven reizte zu sehr. Die Erschöpften wurden im Schlafe überwältigt. Wieder war es Lysippe, die dafür sorgte, daß es keine Verluste gab. Sie sorgte dafür, daß die Amazones sich dem Volk der Himmelsberge widerstandslos ergaben. Niemand nahm einen Anderen gefangen, um ihm nicht sein Leben zu lassen.

Als man sich später verständigen konnte, wurde unseren Vorfahren ihr Schicksal klar. Auf der anderen Seite des Gebirges, gab es eine große Karawanenstraße. Auf ihr reisten Händler, die Sklaven gegen gute Ware tauschten. Die Händler kamen erst im Frühjahr, wenn die Wege wieder begehbar wurden. Bis dahin würde man zusammen leben müssen. Das war auch gut, die Gefangenen sahen zu erbärmlich aus, als daß man einen anständigen Preis für sie erzielen konnte. Dieser Eindruck machte das Volk der Berge des Himmels noch sicherer. Seine Krieger übten, vielleicht auch, um ihre Gefangenen einzuschüchtern, unter deren Augen.

Die jungen Amazonen atmeten auf, es hatte nicht wieder Mord und Totschlag gegeben. Aber Gefangenschaft und Sklaverei waren auch nicht das, was sie sich und ihren Vorfahren wünschten. Sie wollten zu gern wissen, wie die Geschichte weiterging. Doch war es gerade ihr Geschnatter, was ihnen das Gewünschte vorenthielt. Marpesia verschaffte sich nur durch ihr geduldiges Schweigen wieder Gehör: Ich liebe Fragen. Doch mit manchen eurer Fragen, erreicht ihr genau das Gegenteil. Besonders wenn das Fragen immer gleichen Inhalts nicht abreißt und keine Antwort zuläßt, dann halten Fragen mich nur vom Erzählen ab. Darum habt ein wenig Geduld. Lysippe beobachtete ihre neuen Herren aufmerksam bei ihrem Tagesablauf. Das gleiche riet sie auch ihrer nächsten Umgebung. Es interessierte sie, wie dieses Volk es fertigbrachte, in einer derart armseligen Gegend zu überleben.

Allein das Beschaffen der Lebensmittel erschien den ehemaligen Bewohnern des warmen, tierreichen und an Pflanzen überquellenden Tieflandes ein wahres Kunststück zu sein. Sie entdeckten bald, daß man neben Ziegen und Schafen merkwürdige, zottelige Büffel als Nutztiere hielt. Ganz erstaunt waren die Amazonen, zu sehen, daß man den Tieren ihre Milch nahm, um daraus Nahrung zu bereiten. Aber auch die Tiere selbst wurden verzehrt. Jeder Teil fand Verwendung, bis hin zum Fell als Kleidung für den Menschen und zum getrockneten Dung als Brennstoff für die Feuer in den Häusern. Als Reit- und Lasttiere zog man mit ihnen fort, um in wochenlangen Reisen Lebensmittel zu besorgen, die nicht selbst herzustellen waren.

Die jüngsten Zuhörer begannen unruhig zu werden. Was ging es sie an, wie sich andere Völker am Leben erhielten. Sie mühten sich redlich, ihre Langweile nicht offensichtlich werden zu lassen. Aber sie wußten, Marpesia erzählte nichts, was nicht irgendwann Bedeutung bekam. Marpesia schien sie für ihre Geduld fast zu bewundern. Sie sollten noch genug von den Amazonen hören. Doch jetzt war Nachtruhe angesagt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert