Peri bekommt unerwartet Gelegenheit, sich im Han um ihre Kranken zu kümmern. Denn Marpesia holt Adonis ab. Sie möchte ihr Versäumnis gutmachen. Sie wird von der jungen Kriegerin sofort angesprochen: Wir waren Dir ja erst gram, daß du dich einfach über unsere Regeln hinwe gsetzt hast. Doch nun bin ich dir dankbar. Wir können viel lernen.
Erstaunt gibt Marpesia zurück: Ihr habt ja Recht. Denn, was Amazones mit Adonis können, geht längst nicht mit allen Fremden!

Die Bogenlehrerin macht sich zufrieden auf den Weg. Sie muß ihrer Freundin von ihren Erlebnissen berichten. Marpesia und Adonis wandern durch Themiskyra zurück. Die Begleitung schärft Adonis Sinne. Zum ersten Mal fällt ihm auf, wie unscheinbar die Hauptstadt der Amazonen auf Durchreisende wirken muß: Ihr habt viele kleine Häuser, die in ihren Gärten fast verschwinden.
Marpesia weist über die Dächer hinweg und antwortet in der ferghanischen Sprache: Das ist der Eindruck, den wir uns wünschen. Doch wenn du genauer hinsiehst, dort über den Dächern kannst du die Firste der großen Häuser sehen.
Adonis lacht und geht auf die Herausforderung ein: Wenn das als Tarnung beabsichtigt ist, habt ihr euer Ziel erreicht. Die Giebel der kleinen Häuser täuschen über die Dächer der Langhäuser hinweg.

Marpesia sieht ihren Begleiter ganz erstaunt an: Du bist ja besser als ich. Du hast gute Lehrer. Jetzt ist es nur noch unbedingt wichtig, daß du außer der Sprache die Tabus der verschiedenen Völker kennenlernst.
Adonis spielt seine Übung herunter: Ich muß noch sehr nach Worten suchen. Und an Grammatikos mag ich gar nicht denken. Die Tabus haben sicher mit den Gottheiten oder dem Glauben der Menschen zu tun, denen ich begegnen werde.
Marpesia lacht über die “Grammatik”: Dafür klingst du wie ein Einheimischer. Viele Tabus lassen sich nicht allein mit Vernunft oder aus den eigenen Erfahrungen erschließen.
Adonis denkt über die Tabus im Westen nach: Alle außer euch halten den Rang der Männer und der Ehre hoch. Sowas wird für mich kein Problem sein. Auf Ausnahmen wie euch wirst du mich schon noch hinweisen. Ich kann ja auch meine Gastgeber über ihre Nachbarn befragen.

Das war der Schlußsatz vor der Mahlzeit. Es folgten das übliche Geplauder, bis Peri sagte: Es gibt nicht nur gemeinschaftliche Übungen, wie heute Vormittag. Es gibt auch Einzelbelehrung. Bei so Vielem stört die ganze Truppe eher oder es werden – auch für uns – gefährliche Dinge geübt.
Melanippe ergänzt: Das gilt besonders für die Küche, wenn gelernt wird mit Messer und Feuer umzugehen, oder für den Han beim Umgang mit Pharmaka und Kranken.
Ein Gespräch mit ihr ist immer noch selten. Adonis folgt ihr noch aufmerksamer: So wie ihr eure Besonderheiten aufzählt, merkt man, daß ihr das Leben bei uns sehr gut kennt.

Peri lächelt schalkhaft: Heute lerne ich etwas, was du garantiert nicht kennst. Ich begleite heute eine Patrouille und lerne deren Geheimnisse. Kommst du mit?
Adonis nickt: Wie bei Vielem tauchen wir auch bei einer Einzelübung als Zwilling auf.
Peri winkt ab. Und so werden sie dann auch empfangen: Bringst du den Phoinikos mit?
Bevor wir in die Hütte gehen, um unsere Pfeiftechnik zu verbessern, zeigt uns Peri ihr Können. Hast du etwas, was du den Han fragen kannst? Ich grüße dich Adonis.
Peri nickt, legt ihre Hände an den Mund und beginnt sehr variantenreich und in der Lautstärke unterschiedlich zu pfeifen. Als sie aufhört, sagt der Mann von der Patrouille: Ach, war der Leimhändler da?
Dann wendet er sich an Adonis: Wenn ihr und wir phonein, formen wir mit den Lippen Worte, die wir aus den Chrome aus den Höhlen von Mund-, Rachen- und Nase bilden.

Der Hinweis auf die beim “Sprechen” von der Mundregion modulierten “Laute” macht Adonis aufmerksam: Aber Peri hat eben doch auch Signale von sich gegeben. Ob das eine Sprache ist kann ich nicht ermessen.
Der Führer der Patroulie nickt: Das kann ich verstehen. Beim gepfiffenen “Phonein“ wird eine Glotta durch Pfiffe ersetzt. Lippen und Mundraum modulieren die Phone. Zusätzlich erhöht man die Lautstärke ab und an mit den Fingern.
Adonis versucht sich die Beziehung der “Laute” für die “Sprache” vorzustellen: Langsam kann ich mir eure Art von “gepfiffenem Sprechen“ vorstellen.
Peri eifrig: Und der energiereiche Pfiff erlaubt die Kommunikation über viele Stadia.

Da ertönt ein anderer Pfiff von weit her und Peri übersetzt: Ja, mein Cousin hat sich bei mir verabschiedet. Kaum ist der Pfiff vertönt, folgt ein weiterer, den dieses Mal ein Mann von der Patrouille übersetzt: Er ist gestern Nachmittag an uns vorbeigeritten, Richtung Meer.
Die Vielzahl der Melodien und Unterbrechungen, sowie ihre unterschiedliche Lautstärke läßt den perplexen Adonis ahnen: Eine ganz erstaunliche Sprache. Ihr seid ein Volk mit vielen Sprachen.
Der Mann der Patrouille: Das ist nur eine Variante der Sprache der Amazones. Habt ihr nicht auch mehrere Sprachen? Spricht man nicht auch bei Schrift von Sprache?
Adonis fällt das Erlebnis auf dem Han wieder ein: Das stimmt, gestern lernte ich eure Lichtzeichen kennen, die unserer Segelsprache ähneln. Warum soll man dann nicht auch mit Pfeifen sprechen können. Doch ich habe schon Mühe, eure Sprache zu lernen.

Peri lacht: Du willst ja, von uns aus weiterziehen. Da brauchst du unsere Sprache nicht. Doch so, wie du uns gerade hörst, klingen wir, wenn die Redenden sich nicht gegenüber stehen.
Adonis erinnert sich an irritirende Laute in den vergangenen Tagen: Jetzt weiß ich, welch ungewöhnliche Vögel ich gehört habe. Mein Eindruck stimmte. Es ähnelt dem Gesang der Kraniche, die sich viel über das, was vor ihnen liegt, zu berichten haben.
Peri: Ja und man hört es ähnlich weit. Die Buchstaben unterscheiden sich in Lautstärke, Tonhöhe und Unterbrechung. Unklarheiten klären sich durch den Textzusammenhang.
Adonis klingt schicksalsergeben: Das werde ich in der Zeit, die mir bleibt, nie lernen.
Der Mann der Patrouille: Tröste dich. Wir lernen das von Kindesbeinen an.

Wieder in Themiskyras Mitte und von Peri für einen Moment alleingelassen, muß Adonis einhalten. Zum ersten Mal kann er die Kinder gut verstehen, wenn sie sich nach dem Beisammensein blitzschnell in ihre ureigene Welt verziehen. Er setzt sich auf den Platz, auf dem am ersten Tag gesessen hat und versucht, zu sich zu kommen. Nicht lange, da holt ihn Peri auch schon zum Essen. Ihr zielgerichtetes Tun zeigt Adonis, Marpesia wird nachher wieder erzählen. In Erwartung fliegt das Abendessen nur so vorüber.

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