Sie sind so spät gekommen, daß es schon wieder Zeit ist, dem Bogenmeister in den Wald zu folgen. Gemeinsam suchen sie nach geeignetem Holz für Pfeile. Da gibt er auch Vieles zu bedenken. Das Holz muß gerade gewachsen sein. Das Gewicht hat Einfluß auf Flugweite. Die Eigenschaften für einen weiten Flug entsprechen nicht der Stabilität beim Aufprall und Auszug. Die Kinder lernen, wo man die geradesten Zweige findet. Der Bogenmacher zeigt, welches Holz ohne viele Blattknoten wächst. Die Knoten wirken auf den Flug eines Pfeils ein. Er macht darauf aufmerksam, welche Stäbe hart genug sind, um dem Druck der Sehne standhalten zu können und wie gekerbt und geschärft wird.
Als sie vom Bäumeklettern und Ausprobieren zurückkehren, sind alle schon in Gedanken bei Marpesias Geschichte, die sie heute fortsetzt. Die Erzählerin läßt ihren Gast nach so viel Amazonenerlebnissen ein wenig in Gewohntes zurückkehren: Wir waren die Phoinikes des Ostens. Unsere Vorfahren durchfuhren die Meere. Viele fuhren mit ihren Schiffen auch für die Herrscher unserer Nachbarreiche über fremde Meere.
Einige ganz junge Zuhörer, die die Sage zum ersten Male gehört hatten, fragten noch einmal nach Lysippe: Unsere Urmutter hat uns alle aus einem unbekannten Land hierher geholt? Die Amazones wurden damals schon bedroht?
Die nichtendenwollenden Erörterungen zwingen die Erzählerin schließlich mit Nachdruck um Geduld zu bitten: Ihr erhaltet auf alle Fragen nicht nur eine Antwort. Ihr werdet noch viel mehr Überraschendes hören.
Die Älteren nicken zustimmend, während die Geschichte weitererzählt wird: Allein um die Geschichten, die mit dem Namen Lysippes verbunden sind, zu hören, braucht ihr viele Tage Geduld. Und keine Geschichte ist vom Schicksal unseres Volkes zu trennen. Beginnen wir mit dem Weg, den sie fand, die von einem qualvollen Tod Bedrohten zu retten. Wie wir hier alle ein Pferd besitzen, nannte damals jeder ein Kanu sein eigen. Versetzt euch in die Königin! Die Angreifer waren zu Fuß aus den Wäldern gekommen. Also hielt Lysippe die Boote für die aussichtsreichste Möglichkeit, zu fliehen. Sie retteten sich in die Kanus. Für die Flucht übers Meer waren die Boote zu klein. So paddelten sie in aller Eile den großen Fluß hinauf. Von dem breiten Wasser wußten man nur, daß es aus den Himmelsbergen kam, dem höchsten und gefährlichsten Gebirge der Welt.
Es war noch höher als der Kaukasos. Sie würden in Regionen geraten, in die sich noch nie jemand von ihnen getraut hatte. Einige hatten gehört, daß das Land ausschließlich aus Fels bestehen sollte. Das Gestein würde sogar Flüsse umlenken und das Befahren unmöglich machen. Schließlich würden sich die steilen Hänge zu Wänden aufrichten, über die es keine Wege gab. Nur gefährliche grausige Geister, die alles Leben vernichteten, sollten in den Bergen hausen. Doch nicht diese Berichte hatten sie bisher abgehalten, die bedrohliche Gegend zu besuchen. Es hatte einfach keinen Grund gegeben, die Heimat zu verlassen. Lysippe bedauerte das nun. Der ihnen lange vertraute Fluß bot ihnen Weg und Nahrung zugleich. Noch fühlten sie sich einigermaßen sicher.
Das war nachvollziehbar. Wenn die Zuhörer sich gruselten, zogen sie sich am liebsten auch irgendwohin zurück, wo sie sich auskannten. Sie hatten sich bisher nie in die Boote gesetzt, weil sie Angst hatten, sondern um Fische aus Fluß oder Meer zu angeln. Mit Kanus konnte soviel anstellen. Die Begeisterung über ihre Erinnerungen lenkten sie von dem Unglück ab, von dem Marpesia gerade berichtete. Dann holte die Frage eines ganz jungen Zuhörers, ob es gelungen sei, die Boote bis hierher zu bekommen, alle auf den Boden von Marpesias Geschichte zurück:
Die Frage wird gleich beantwortet, deshalb hör gut zu. Bald versperrten Stromschnellen die Weiterfahrt. Die Gepeinigten glaubten sich schon am Ende. Doch angetrieben von ihrer Angst, schafften sie es, die Boote über die Felsen zu tragen. Und wie ein Wunder fanden sie nach dem Hindernis eine neue Ebene, auf der das Gewässer so dahinfloß, daß man die Fahrzeuge wieder zu Wasser lassen konnte.
Selbst reizvolle Landschaften vermochten sie nicht aufzuhalten. Ihren Sinn beherrschte nur eins: Paddeln soweit es ging. Nur weg von dem erlebten Grausen. Noch einige Male konnten sie Hindernisse, ja sogar hohe Wasserfälle überwinden. Doch die Berge wurden immer höher und traten noch näher an die Ufer. Irgendwann kam man nicht mehr weiter. Das Wasser war auch für das leichteste Boot zu flach. Und es floß zu schnell, um noch dagegen anzukommen. Einige Tage lang schleppten sie die Boote und ihre wenige Habe am Ufer entlang oder durch die eiskalte Strömung. Sie drehten Abends erschöpft die Boote um, um darunter zu schlafen. Es schien keine Aussicht zu bestehen, auf dem Wasser weiterzukommen. Bis hierhin hatte Lysippe die Reste unseres Volkes ohne Verluste zusammenhalten können. Vor Erschöpfung fiel auch ihr kein Ausweg ein. In ihrer Not beschlossen sie, am nächsten Tag ausgeschlafen zu beratschlagen, wie es weitergehen konnte.
Bis jetzt hatten die Fliehenden nur den Gedanken gehabt, der Bedrohung hinter sich zu entgehen. So waren sie auf ihrer Flucht, in eine neue Gefahr geraten. Ihnen fehlte nicht nur der Weg. Es fiel ihnen auch immer schwerer, noch Nahrung zu finden. Sie stammten aus den üppigen Wäldern am Meer und kannten nur lebendiges Grün. Hier war aber alles trist Grau-Braun. Woher sollten sie wissen, wie Menschen in der Kargheit dieses Gebirges leben konnten. Sie schliefen hungrig und frierend ein. Ohne zu ahnen, waren sie über die offensichtlichen, sie beunruhigenden Mißstände hinaus, in das Gebiet eines rauhen Gebirgsvolkes eingedrungen.
Adonis hätte noch gern mehr gehört, aber die Erlebnisse des Tages hatten ihn ermüdet.
