Marpesia erwacht mit dem Gedanken, daß mit Adonis’ Abwesenheit, die Übungen und die reguläre Arbeit wieder mehr ins Alltägliche zurückfielen. Seine Fragen hatten sie “besonders” gemacht. Doch heute wird der Alltag allein dadurch unterbrochen, daß Hippolytes Tod Anlaß zu Fragen gibt. Es bleibt nicht aus, daß er mit Penthesileias Ende verglichen wird. Marpesia überlegt, worauf ihr phönizischer Gast sie bei Hippolyte und Herakles hingewiesen hätte. Ihn als Vorbild hatte sie bei ihren Zuhörern die gleichen Empfindungen ausgelöst, die sie bei sich selbst irriterten.

Als sich ihre Zuhörer sammeln, geht der Erzählerin auf, daß Adonis jede Revanche in Frage stellte. Sie mußte versuchen, diesen Gedanken einzubeziehen: Ich glaube, wieder einmal beeindruckte eine von ihm getötete Amazone ihren hellenischen Gegner. Solange Herakles Hippolytes Gürtel in Händen hielt, verstärkte sich die Erinnerung an sie immer mehr. Er schien eine geheimnisvolle Macht auf ihn zu haben. Die Wirkung ließ auch nicht nach, als Eurystheus den Gürtel längst in Händen hielt.

Nach ihren ersten Worten läßt Marpesia ihren Blick wegen möglicher Fragen kreisen. Sie konfrontierte ihre Zuhörer vielleicht mit zu viel Neuem: Eurystheus hatte “Sagenhaftes” über das Symbol amazonischen Königtums gehört. Der Gürtel der Amazonen sollte sein, was er für sich wünschte, ein Tabu der Unberührbarkeit. Den Tabubruch ahndete der sofortige Tod. Weil aber der Gürtel einer Königin ein noch höheres Symbol darstellte, war sich Eurystheus sicher gewesen, Herakles dieses Mal nicht wiederzusehen. Doch statt ihm hatten viele der mitgereisten Heroen den Tod gefunden. Auf der Rückfahrt fühlte sich Herakles zum ersten Mal wehrlos. Den Vorwürfen der Überlebenden hatte er nichts entgegenzusetzen. Unter einem Pfeilhagel war ihre Welt zusammengebrochen. Nur Flucht hatte sie überleben lassen. Und er hatte eine Königin vor sich liegen gehabt, Auge in Auge. Zum ersten Mal hatte er eine Frau nicht genommen, sondern erschlagen.

Der Gürtel und seine Wirkung lösten überraschende Veränderungen aus. Sonst kommentierte Marpesia immer viel bissiger. Melanippe staunt über die plötzliche “Milde” ihrer Mutter: Eine Verfolgung verurteilten die schnellen Schiffe der Hellenen zum Scheitern. Es blieb nur, Herakles Spuren in Themiskyra zu beseitigen. Die Rückreise vom Treffen aller Amazonen sollte genutzt werden, sich nach dem Mörder unserer “Schwester” umzuhören. Doch jedes Mal, wenn Späher sein letztes Ziel erreichten, war er schon wieder auf und davon. Bei ihrer Suche nach Herakles trafen Späherinnen sehr viel später auf Deianeira. Die wußte auch nicht, wo er sich gerade aufhielt. Sie erzählte, daß ihn Hippolyte aus dem Hause trieb. Er könne nicht vergessen, wie sie ihm in die Augen sah, als er sie erschlug.

Marpesia verstörte der Schrecken in den Gesichtern. So mußte Melanippe die eingetretene Stille überbrücken: Eurystheus war es wieder einmal mißlungen, den Mann mit dem unerhörten Glück bei den aufsehenerregendsten Aufgaben loszuwerden. Der gewann einfach jeden Krieg – und wenn es keinen gab, brach er Streit vom Zaun. Als Herakles Rückkehr die hilflose Wut ihres Vater in panische Angst verwandelte, begann Admete, sich schlau zu machen. Sie hörte vom berühmten Schlangengurt der Mädchen von Lybia. Es hieß, der Gurt sei die Behausung einer sehr kleinen, aber sehr giftigen Schlange. Diese Art Schoßtier ginge auf die Amazonen von Kyrene zurück. Manche Mädchen in der Wüste sollen den Skarabäus einer Schlange vorziehen. Admete staunte, daß es Herakles unbeschadet gelungen war, einen solchen Gürtel seiner Eigentümerin zu entwenden.

Die Darstellung ihres Gürtels löst noch heftigere Diskussion aus. Die Pause nutzt Marpesia ihre neue Geschichte von Herakles für sich zu ordnen.

Nach dem Tod von Hippolyte mußte sein Berserkertum doch wenigstens im Ansatz zu verstehen sein: Herakles war bei Eurystheus noch nie in so zahlreicher Begleitung erschienen. Die Familien seiner Mitreisenden waren zur Begrüßung im Hafen erschienen. Die Angehörigen derjenigen, die nicht zurückgekehrt waren, erwarteten eine Antwort. Vorwurfsvoll schweigend begleiteten sie Herakles, denn sie fürchteten seine maßlosen Reaktionen. Er war selbst die unausgesprochenen Vorwürfe leid, denen er seit der Flucht begegnete. Die anderen Überlebenden schwiegen voller Scham über Tod und Flucht. Eurystheus hätte am liebsten nie vom Gürtel der Hippolyte gesprochen. Admete mußte ihn mit List aus seinem Versteck holen, als Herakles erschien. Doch zu Eurystheus Erstaunen brach der Gefürchtete sofort nach der Übergabe des Gürtels wieder auf.

Nach einer kurzen Gedankenpause fährt Marpesia fort: Nachdem Admete gehört hatte, wie der Gurt gewonnen worden war, wollte sie ihn nicht. Sie schenkte ihn dem Tempel der Athene. Doch er glich der Aigis von Athene so gar nicht. Als die Priesterinnen von Spähern der Amazonen hörten, sandten sie den Gürtel den Priesterinnen der Artemis in Ephesos. Von den Ereignissen bei ihren Nachbarn unterrichtet, übergaben die ihn den Heilpriesterinnen vom Baum der Amazonen. Mich erstaunt, daß die Priester in Mykene den Gürtel erkannten. Ihr wißt ja, wir Amazonen haben kein vererbbares Reichssymbol. Jede Königin bringt ihren eigenen Gürtel mit. Der der Hippolythe wird nun zu ihrer Erinnerung in Ephesos aufbewahrt.

Eines der kleineren Mädchen drängt zu Marpesia: Meine Schlange spielt mit mir, wenn ich sie füttere. Wer mir meinen Gürtel gewaltsam abnimmt, stirbt an ihrem Biß. Was geschieht, wenn ich meine Leben verliere. Rächt meine Schlange dann auch den Tod ihrer Freundin?

Marpesia nimmt die kleine Hüterin ihrer Schlange in die Arme: Nach meiner Beobachtung hast du Recht. Hippolytes Schlange hat sicher auch versucht, ihren Mord an Herakles zu rächen. Doch dem hatte Hera schon Schlangen in die Wiege gelegt und er hatte sie erwürgt. Seine Erfahrungen mit Schlangen krönte sein Mord der Hydra. Wahrscheinlich blieb deshalb der Racheversuch von Hippolytes Schlange erfolglos. Der Tod seiner Begleiter berührte Herakles nicht. Heroen setzten ihr Leben aufs Spiel. Ihn beeindruckte immer noch die tapfere Hippolyte. Genau wie Achilleus stellte er fest, er hatte eine Frau erschlagen, die ihm in die Augen geblickt hatte. Er hatte sich nicht getraut, sie zu nehmen. So verhalten sich kleine Jungen, sie zerstören ihre Sandburgen, wenn sie nicht so gelingen, wie sie in ihren Träumen aussahen. Nun stellte Hippolyte statt Eurystheus die Aufgabe. Er mußte eine Frau zu suchen, die sie verkörperte.

Neben dem Zorn über den Mörder macht sich ganz leise Neugier breit, wen Herakles nach Hippolyte finden konnte. Melanippe versuchte den Bericht im Sinne ihrer Mutter fortzusetzen: Die Freiheit der Frau ist kein Vorrecht der Amazonen. Bisher waren Herakles drei männergleiche Frauen begegnet. Wie Philosophen für die man sich begeistern kann, weil sie ein ganz anderes Bild von Frauen haben, gibt es in Hellas auch große Frauen. Bei Herakles hätte eigentlich alles ganz anders verlaufen können. Herangewachsen, zog er von Mykene nach Theben. Dort half er Kreon gegen Lykos. Für seine Hilfe gab Kreon ihm seine Tochter Megara zur Frau. Herakles ging die Ehe ein, weil man das tat. Doch dann wählte Hera ein ganz außergewöhnliches Mittel, um ihn zum gefürchteten Heros werden zu lassen. Sie schlug ihn mit Wahnsinn und ließ ihn seine Kinder ermorden.

Nun kann Peri sich nicht mehr halten: Jetzt weiß ich, warum du plötzlich nachsichtiger als sonst redest. Gestern Abend hast du gesagt, nur eine Frau, Medeia, konnte Herakles vom Wahnsinn heilen. Sie half ihm, weil er einer der Wenigen war, die ihr beistanden. In Hellas hatte man vor ihr Angst und unterstellte ihr den Mord ihrer Kinder. Irgendwas muß ja an ihm gewesen sein! Vielleicht wollte Herakles mit den zwölf Arbeiten seine Untaten verdrängen.

Während Peris Einwurf zu Medeia wieder heftige Entgegnungen hervorruft, greift Marpesia die verständisvolle Ironie ihrer Tochter auf: Nach seinem Mord an einer männergleichen Frau hatte Herakles sich vorgenommen, eine Frau zu finden, die ihm standhalten konnte. Seine Frau Megara hatte sogar noch nach seinem Kindermord zu ihm gehalten. Doch sie hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit der erschlagene Amazone. So verstieß er sie und gab sie seinem Neffen zur Frau. Er hatte natürlich schon den Ersatz vor Augen.

Alle warten gespannt auf die Auflösung. Marpesia nickt entschlossen: Zu seiner Trennung von Megara hatte Eurytos von Oichalia Herakles gebracht. Von ihm heißt es, der hätte von Apollon einen Bogen erhalten. Der Gott hätte ihn auch ins Schießen eingewiesen. Doch Pfeile von Göttern lenkt nicht der Bogen, sondern göttliche Macht. Eurytos hielt sich für unbesiegbar und setzte seine Tochter Iole zum Siegerpokal für den besseren Schützen aus. Der “Beste aller Bogenschützen der Hellenen” ahnte nicht, was Herakles tausendfach gesehen hatte. Er überwand Eurytos. Ungläubig verweigerte er den Preis. Seit seiner Kinderzeit ließ Herakles seinem Jähzorn freien Lauf. Er zettelte einen Krieg an, in dem bis auf Iole die ganze Familie des Eurytos umkam. Wie bisher mit Kriegern spielte Herakles nun mit dem Tod, wenn um das Ging, was er für Liebe hielt. Bald hatten die Könige mit annähernd heiratsfähigen Töchtern neuen Grund zu zittern.

Marpesia hatte gewußt, sie brauchte nur den Wettkampf mit dem Bogen zu erwähnen. Und jeder fühlte sich angestachelt, sein Können unter Beweis zu stellen. Wenn die Geschichten der Hellenen als Warnungen gedacht waren, mußten deren Erzähler sich ähnlich fühlen, wie sie gerade: Herakles hatte Iphitos erschlagen und machte erst einmal einen Umweg um Oichalia. Er trat seine lange geplante Reise nach Kalydon an, um die männergleiche Atalante wieder zu treffen. Doch statt ihrer traf er auf die Aufsehen erregende Deianeira. Die lenkte Streitwagen und konnte mit Waffen umgehen. Ihretwegen vergaß Herakles vorübergehend Iole. Mit Deianeira habe ich Probleme. Warum gab sie für ihn alles auf?

Der Hinweis auf Deianeira erinnert Peri an ihr Gespräch mit Taharqa: Entschuldige, ich komme mit Liebe! In Kyrene heißt es, Deianeira, Tochter des Dexamenos von Kalydon und der Kentaur Eurytion liebten sich. Doch Herakles riß Deianeira an sich. Können Nessos und Eurytion vielleicht eine Person sein? Nessos wußte von Deianeira, daß sie Herakles Untreue bekümmert war? Mich erstaunt, daß Nessos von Herakles Deianeira anvertraut bekommt. Hatte er vergessen, welche Erinnerungen Nessos seit Pholos an Herakles hatte?

Marpesia freut sich über Peris Hinweis: Ja, das stimmt, auf seinem Weg zum Erymanthos hatte Herakles beim Kentauren Pholos Rast gemacht. Der bewirtete ihn gastfreundlich. Doch Herakles wollte den Wein aus der Amphore, die Dionysos einst bei den Kentauren gelassen hatte. Pholos Nachbarn verteidigten den Wein des Gottes gegen einen für sie Unwürdigen. Der ermordete oder vertrieb die Verteidiger und nahm die Amphore mit Gewalt. Einer den Entkommenen war Nessos. Er lebte seitdem am Euenos. Der floß in sehr engen Schluchten durch den Korax und war nur in seiner versumpften Mündung zu durchqueren. Selbst für einen Kundigen war das nicht leicht. Bevor Nessos mit Deianeira durch den Euenos watete, bat er sie, sein neues Hemd zu nehmen, damit es nicht naß würde. Doch kam er nicht dazu, sich seines Gewands vollends zu entledigen. Herakles mißdeutete vom andern Ufer die Szene und erschoß Nessos.

Peri ergänzt: Nun mußte Herakles zurück, um Deianeira über den Fluß zu holen. Das Hemd des toten Nessos gefiel Herakales so gut, daß er es dem Toten ganz vom Leibe zog und Deianeira gab. In den Stoff war die Darstellung eines Liebeszaubers hineingewirkt. Das Bild hatte Nessos gewählt, weil es bewirken sollte, daß Deianeira ihm noch einmal ganz nahe kam, und wenn es nur während des Überqueren des Flusses war. Doch wieder beendete Herakles seinen Traum.

Mit der über einen Tag offenen Frage, wie es mit Deianeira und Herakles enden würde, entließ Marpesia ihre Zuhörer. Die hatten sich schon genug an Herakles Schießkünsten abgearbeitet. So zog an diesem Abend eine sehr schweigsame Truppe dem Nachtlager zu.

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