Die Gedanken des Fragers über die “Bürger” erstaunen Marpesia mindestens wie die ihrer Großtochter: Nach Solons Gesetz nehmen nur Polites an der Volksversammlung teil, sitzen zu Gericht und werden in Ämter gewählt. Solon konnte nur Erfolg haben, wenn er die alten Vorrechte nicht zu sehr beschnitt. Als Hopliten, als “Bürgersoldaten”, verteidigen die Polites ihre Polis, ihren Oikos und alle von ihrem “Haushalt” Abhängigen. Um äußere Feinde zu bekämpfen bilden sie eine Phalanx. Neben den Oplites gibt es noch Metoikes. Die “Metöken” haben die gleichen Pflichten nur weniger Rechte als die “Hopliten”, selbst, wenn sie so reich sind wie die und sich eine Kriegsrüstung leisten können.
Die “Nichtbürger” stoßen bei einer Zuhörerin auf Unverständnis: Bei uns gibt es keine Amazonen, die keine sind. Adonis und andere Durchreisende sind ja nur Besucher.
Der Einwurf läßt Marpesia fröhlich loslachen: Ich kann dich gut verstehen! Mir fiel in den Städten zuerst eine Masse zielstrebiger, jedoch nicht immer gutgekleideter Passanten auf. Eine Frage bei einem mir vertrauten Einheimischen bestätigte meine Annahme. Das waren Sklaven. Beim nächsten Gang entdeckte ich Bessergekleidete, denen die Anderen immer und überall ehrfürchtig Platz machten. Allein der Blick dieser Elite zwang, eine gewisse Unterwürfigkeit an den Tag zu legen. Eine Rückfrage bei meiner Vertrauensperson, erklärte die Geehrten als Polites. Jetzt hatte ich ein Bild von den “Bürgern”, die reich genug waren, um gut gerüstet in einen Krieg zu ziehen. Bis dahin war für mich Reichtum etwas anderes gewesen, als die Möglichkeit, alles zu kaufen zu können, auch Sicherheit. Wir häufen bis heute kein Geld an. Doch zu den Ämtern Athens war dieser “Reichtum” das Tor.
Weil es in Themiskyra keine Sklaven gab, waren die Amazonen bei Besuchen in Amisos überrascht, daß die Hellenes Sklaven für die schweren und schmutzigen Arbeiten beschäftigten. Nun ergreift eine der Jüngeren die Chance, eine Frage zu stellen, die sie schon länger bewegt: Die Hellenen teilen sich in Polites und Sklaven. Ich habe auch von Metoikes gehört. Sind die keine “Bürger”? Und was sind wir als Fremde in Hellas, Sklaven oder “Metöken”?
Marpesia freut sich über das unerwartete Interesse: Ihr wißt, daß sich Athen und Sparta zur Zeit auf dem Meer bekämpfen. Die Kosten für Athens Flotte bringt die kleine Kaste der Polites auf. Freie Bewohner Athens, die keine Bürgerrechte besitzen nennt man Metöken. Jeder Fremde, der sich in der Stadt niederläßt, ist ebenso “Mitwohner” wie ansässige Athener, die keiner Ehe, nur einer Pallakida oder Synkoimitis entstammt. Wie Kinder aus einem “Konkubinat” und von “Beischläferinnen” gehören auch Freigelassene zu den Metöken. Freie, Sklaven und Metöken kleiden sind so ähnlich, daß sie in einer Menschenmenge kaum unterscheiden sind. Das macht es einem Polites schwer, Sklaven zu erkennen, die es in der Öffentlichkeit am beanspruchten Respekt fehlen lassen. Ein Polites meint, man sei ihm von Gesetzes wegen Achtung schuldig. Ein Sklave, der genügend Ansehen oder Geld erwirbt, kann sich freikaufen.
Peri, die sich auf ihre “Große Reise” vorbereitet, hat sich schon mit “Metöken” befaßt: Du brauchst keine Angst zu haben, daß du wie ein Sklave behandelt wirst. Allein deine Herkunft bringt das Weltbild der Hellenen durcheinander. Wenn ein Athener erkennt, wohin du gehörst, hält er vor der gefürchteten Tochter des Ares sofort Abstand. Du bist solange sicher, wie er sich nicht als Ares Sohn betrachtet, und sich mit dir messen will. Mir macht das jedenfalls deutlich, daß bei uns das Geschlecht, bis auf das der Königinnen, egal ist. Töchter oder Söhne werden überall von Müttern erzogen. Die Mütter der Hellenen, und auch der Phönizier, wie Adonis erzählte, müssen ihre Söhne anders erziehen als ihre Töchter. Bei uns machen die Mütter in ihrer Erziehung keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Nur unsere Übungen gehen auch auf die Besonderheiten von Männern und Frauen ein. Denn unsere Gegner waren bisher vorzugsweise Männer der Hellenen.
Der “geschlechtliche” Unterschied löst leise Belustigung aus, die Marpesias Befürchtungen stützt: Was haben manche Männer an sich, daß sich andere Männer und sogar Frauen mit Verstand von ihnen begeistern lassen? Sie reizen sogar Erzähler dazu, immer neue Varianten ihrer Taten zu erfinden. Was die über ihre Helden sagen, zieht die Massen an und versetzt sie in Entzücken. Alle bewundern den Erfolg. Dabei ist kein “Heros” aus sich heraus erfolgreich. Erfolg setzt voraus, daß Andere Kenntnis nehmen. Verehrer unterstellen dem Erfolgreichen angeborene Überlegenheit. So werden sich Überschätzende zu Halbgöttern. Jeder von euch ist mehr wert, als einer von ihnen. Eine Amazone muß kein Übermensch sein, um zu bewerkstelligen, was Andere für unmöglich halten. Solltet ihr einem “Heros” begegnen, seid gewiß, daß auch er ein Mensch mit Schwächen ist.
Peri meldet aich nachdenklich: Ich muß bei den Nachfolgern der “Heroen”, den “Hopliten”, nur herausfinden, wo ich sie verletzen könnte, ohne es zu bemerken. Wir brauchen jedenfalls kein Gesetz für den Umgang mit einander und zu unserer Verteidigung. Du siehst sehr traurig aus.
Marpesia blickt alle eine Weile eindringlich an: Mir geht es wie euch. Bei dem, was man am meisten schätzt, ist man auch am empfindlichsten. Einige Philosophes in Athenai erkannten das Übel der Vorrechte. Ich schätze “Athen” für das, was seinen “Philosophen” einfällt. Aber damit weiß man ja leider noch lange nicht, was die Menschen daraus machen. Für sein Gesetz, das die Blutrache abschafft, bewunderte Ich Solon. Ich wollte sehen, in welcher Weise es wirkt. Man muß ja zwischen Absicht und Ausführung unterscheiden. Ich wußte, die Hoplites, die “Bürger in Waffen” unterstützen einander im Krieg. Und wann führen die Städte in Hellas mal keinen? Doch innerhalb der Polis fand ich Polites gnadenlos gegen einander kämpfen. Unter einander machten die “Bürger” den guten Ruf zur Waffe. Mit Moral setzten sie Ansprüche im Kampf um die Mehrheit durch. So holen sie auf schäbige Art den Agon in den Alltag. Solon hatte das vorausgesehen. Um die Polites von einander abzuhalten, machte sein Gesetz sie unberührbar.
Die Unruhe unter Marpesias Zuhörern wächst. Sie wollen nichts von “Bürgern” sondern von “Heroen” hören: Wenn es keine Heroen mehr gibt, können wir doch hören, was sie, als es sie noch gab, Gewaltiges taten. Und wie Amazonenfrauen ihnen Grenzen setzten. Selbst, wenn die Bürger Athens sich anmaßen, die Heroen der Gegenwart zu sein, mit denen werden wir fertig. Die haben doch statt einer Waffe eher Geld in der Hand. Aber das kann eine so alte Frau vielleicht nicht mehr verstehen.
Als der Vorwurf heraus ist, halten alle Anderen erschrocken den Atem an. Marpesia kann über den jugendlichen Überschwang nur lächeln. Die Unterstellung liefert ihr die Stichworte, als sie fortfährt: Ich gebe zu, es liegt auch an meinem Alter, daß ich mit Heroen meine Schwierigkeiten habe. Früher hätte ich erwartet, daß euch allein Penthesileias Schicksal abschreckt.
Die Unzufriedene, der der Vorwurf gegen Marpesia entfuhr, muß sich vor den sie Umstehenden rechtfertigen. Doch zwischen ihrer erlahmenden Verteidigung entfährt ihr: Wie kann uns Penthesileia abschrecken? Sie war von Anfang an verurteilt. Ihren Gegner Achilleus hatte seine Mutter doch schon als Kind unverwundbar gemacht.
Marpesia nickt ihr zu: Du hast völlig Recht. Nur kam das erst bei seinem Tod heraus. Doch zu meinem Alter. Meine Vorbehalte sind keine Frage mangelnder Leidenschaft. Über meine Jugend kursieren genug Geschichten. Viele Narben haben mich gegen meinen Willen gelehrt, daß selbst Liebe verletzen kann. Ich habe besonders deswegen ein schlechtes Gewissen, weil mich Adonis Gedanken erst jetzt erreichten. Vielleicht übersah ich sie so leicht, weil auch ich einmal jung war. Bereits mit früheren Generationen hätte ich viel vorsorglicher umgehen sollen. “Die alte Frau” kann sich nur bei denen entschuldigen, die mangels Hinweisen von mir verletzt worden sind. Nun möchte ich euch vor meinen und ihren alten Fehlern bewahren. Nur wenigen Menschen schenkt die Natur ein glückliches Alter. Eure Heroen setzten es von Anfang an aufs Spiel. Aus ihrer Verehrung wurde ein Kult der Jugend. Erzählungen oder Bildnisse stellen fast nur die Jugend dar und das Alter meistens weise, im Gegensatz zu mir, wie ihr gerade feststellt.
Daß Marpesias Gründe so schwerwiegend waren, hatte niemand erwartet. Liebevoll nähern sich einige ihrer alten Königin, streicheln sie beschwichtigend und wenden sich gegen die Vorlaute: Jetzt siehst du, was du angerichtet hast. Du wirst noch profitieren können. Du warst noch nicht in Athen. Marpesia kann nur nachsichtig mit dir sein.
Marpesia schüttelt den Kopf: Ihr müßt euch nicht entschuldigen. Ihr habt uns zu einem weiteren wichtigen Unterschied gelenkt. Ihr wißt, ich spreche mit euch über die Unterschiede zwischen unsern Nachbarn und uns, damit ihr ihnen gefahrlos begegnen könnt. Ich hoffe, euch vor allzu argen Verletzungen oder dem Verlust eurer selbst bewahren zu können. Ich möchte, daß ihr gute Erfahrungen macht. Es fällt mir schwer, zu verstehen, warum euch gerade die Taten der Heroen erfreuen. Bei Männern ahne ich, sie identifizieren sich vielleicht gern mit einem siegreichen Mann. Doch glaubt ihr Mädchen, erfolgreicher zu sein, als eure Vorgängerinnen?
Der Einwurf Marpesias löst eine Dikussion zwischen Mädchen und Jungen aus. Nur Jungen konnten davon träumen, einem der beiden zu gleichen. So etwas konnte einem Mädchen nicht passieren. Sie waren viel reifer als ihre Altersgenossen und standen mit beiden Beine auf der Erde. Die Jungen protestieren vehement. Männer sind in der ganzen Welt als sachlich denkend bekannt. Marpesia hat all diese Vorurteile erwartet. Erlauben sie ihr doch, den Protestierern einen Spiegel vorzuhalten: Stört euch nicht an meiner Empörung. Ihr seid vielleicht nicht so leicht zu beeindrucken wie ich. Für mich gefährlicher sind die, die so einen Berserker für seinen “göttlichen” Wahnsinn bewundern und versuchen, ihn zu überragen. Seid ihr euch sicher, daß ihr anders seid? Wirkt ein Herakles auf einen Jungen der Hellenen anders als auf einen der Amazonen?
