Einen Tag lang sind die Amazonen wieder nur unter sich. Marpesia hatte Themiskyra den Gast auferlegt. Und nun quälen sie Skrupel. Hatte der Fremde ihrer Gemeinschaft geschadet? Gestern schien ihr der Tagesablauf mit anderen Gemeinschaften der Amazonen vergleichbar. Alle waren für die Erhaltung und das Vermitteln der hierzu verwendeten Techniken eingespannt. Der Tag endete wie gewöhnlich. Eine Erzählung von ihr ließ alle sich zusammengehörig und unabhängig fühlen. Für sie war der Tag mit dem beruhigenden Gefühl der Verbundenheit ausgeklungen. Oder war es vielleicht nur ihr Eindruck, weil sie zur altgewohnten Sprache zurückkehren konnte und nicht mehr ins Griechische übersetzen mußte?
Adonis hatte darüber gestaunt, daß amazonische Erzählerinnen ein festgelegtes Repertoire vortragen. Marpesia läßt sich jedoch von den Wünschen ihrer Zuhörer leiten. Sie vergessen über die freie Auswahl der Geschichten, daß ein bis in die Wortwahl festgelegter Kanon den schier unerschöpflichen Geschichtenvorrat bildet. Ihr Gast staunte noch mehr, wie man es hinnahm, daß ausnahmsweise in Griechisch erzählt wurde. Auch etliche Handlungen der Amazonen waren dem Phönizier unbekannt. Seine Fragen ließen im Gegenzug Marpesia vieles bewußter werden.
Auf den Alltag der Amazonen hatte Adonis Besuch kaum Einfluß gehabt. Er hatte versucht, ihn so ursprünglich wie möglich kennen zu lernen. Immer wieder hatte er seine Gastgeber auf Unterschiede aufmerksam gemacht, die ihn erstaunten. Nun, wo der Alltag nicht mehr mit fremden Augen wahrgenommen wird, nimmt Marpesia hierbei Adonis Abwesenheit als Mangel wahr. Um das Widerspiegeln der Umstände und Auffassungen nicht ganz aufzugeben, läßt sie sich das Alltägliche nun noch einmal so durch den Kopf gehen, als würde sie mit ihm darüber sprechen.
Als die Zuhörer zum gewohnten Ort kommen, ist Marpesia bereits anwesend. Sie sitzt im Kreis aller Erzählerinnen. Sie bemerken die Versammlung erst nach einer Weile, so sehr sind sie im Gespräch versunken: Entschuldigt, ihr wartet auf eure Lieblingsgeschichten. Besonders liebt ihr Geschichten von Lysippe und den Königinnen, deretwegen immer wieder griechische Heroen nach Themiskyra gekommen sind.
Den Versammelten vermittelt Marpesia’s Ton den Eindruck, als spreize sie sich. Doch sie muß nur ihren eigenen Mangel an Aufmerksamkeit verkraften: Ihr wundert euch sicher, daß alle Geschichtenerzählerinnen versammelt sind. Das ist der Grund, weshalb ich euch nicht sofort bemerkt habe. Die Urgeschichten von Lysippe lernen meine Nachfolgerinnen von mir Wort für Wort, um unsere Geschichte unverfälscht zu erhalten. Die Erzählungen über Herakles und Theseus, die ihr erwartet, gehören nicht dazu. Heute, im Laufe des Tages fragte ich mich, ob Adonis meinen Blick auf die Heroen vielleicht verändert haben könnte.
Marpesia nickt ihrer Stellvertreterin zu. Die setzt den Gedanken fort: Ihr nahmt Adonis zu Beginn sehr zurückhaltend auf. Das schien mir absolut richtig. Doch er integrierte sich so, daß jedes Vorurteil schwand. Und jetzt hat er sich auch noch dorthin aufgemacht, von wo wir geflohen sind. Er ist fast einer von uns geworden. Marpesia fragt sich: Muß nach seinem Besuch vielleicht vieles anders erzählt werden? Adonis hat auf unsere Vorstellungswelt gewirkt. Nach ihm müssen wir, was wir der Geschichte der Amazonen von Lysippe hinzufügen, gründlich prüfen. Marpesia beruhigte sich erst, als wir ihr alle ihre alte Version bestätigten. Wir sind der Meinung, Adonis hätte ihre Aussagen über die Heroen sicher geteilt. Er hatte eine so sachliche Sicht auf die Anrainer der Thalatta. Jedoch fand er, Heroen sind Geschichte. Wir müssen uns dringend mehr mit den Nachfolgern der Heroen, den modernen Hellenen, auseinandersetzen.
Die Versammelten, die Marpesias Geschichten kennen, staunen. Ihre Erzählerin dachte sogar darüber nach, ob man “Herakles” freundlicher sehen konnte, als sie das immer tat. Es geht noch unerwarteter weiter: Aus den Schriften philosophisch gebildeter Hellenen wissen wir, auch sie kennen mein Problem. Sie haben dafür zwei ähnlich klingende Worte, Ethnos und Ethos. Das “Volk” und die “Gewohnheit und Sitte” bedingen einander! Immer wieder hört man, wir sind anders als alle anderen Völker. Jeder wird erklären: die Volksgemeinschaft, zu der ich gehöre, ist ganz besonders. Was geschah, als sich Hellenen und Amazonen zum ersten Mal begegneten? Die Begegnung im Krieg erinnerte uns an unsere alte Heimat. Uns stand wieder einmal eine Horde mordbereiter Männer gegenüber.
Peri, die oft mit Mutter und Großmutter über dieses Thema spricht, fällt ein: Im Frieden scheinen vor allem wir den Hellenen unterschiedlich zu sein. Bewaffnete Frauen und Mädchen der Amazonen sprangen ihnen sofort in die Augen. Männliche Waffenträger waren für sie so normal, daß sie die geflissentlich übersahen. Bei allen anderen Völkern liefen ja nur Knaben und Männer mit Waffen herum. Bei den Hellenen dürften sogar nur “freie” Männer Waffen tragen und nutzen. Frauen in Waffen erschreckten die Hellenen. Nach ihrer Vorstellung konnten Amazonen keine Männern haben. Oder aber, wir hatten unseren Männern ihren “natürlichen” Vorrang streitig gemacht.
Die auf Geschichten von Heroen Wartenden lassen sie sich nur widerwillig mit Betrachtungen des Ranges konfrontieren: Adonis Fragen haben mich darauf aufmerksam gemacht. Für jeden, der es anders gewöhnt ist, ist es schwer zu verstehen, daß bei uns kein Geschlecht Anspruch auf Vorrechte eingeräumt bekommt. Die Heroen, auf deren Geschichte ihr wartet, wollten sich mit Töchtern des Ares messen. Sie wären nicht gekommen, hätten sie verstanden, daß unsere Königinnen nicht von Ares abstammten und nicht durch Vorrecht, wie sie selbst, herrschten. Ihr wißt ja, wenn wir Frauen Waffen tragen, tun wir es, weil Angreifer ein männerloses Volk zwangen, sich zu verteidigen. Weil der Kriegskönig mit den Männern auf großer Fahrt war, wurde die erste Kriegskönigin gewählt. Sie führte das Restvolk so überzeugend, daß sie selbst nachwachsenden Männern Repekt abrangen. Wir haben keine Heroen, weil wir nicht, wie die Hellenen, ausgewählte Jungen dazu erziehen.
Peri, die das Unverständnis erkennt, versucht ihre Großmutter aus ihrer Sicht zu unterstützen: Von euren Übungen wißt ihr, daß Männer von Natur aus größer und kräftiger werden können als Frauen. Bei uns verleiht ihnen das keine Vorrechte. Alle Völker, die wir bisher kennen gelernt haben, schätzen jedoch alles, was ihnen einen Vorteil gegenüber einem Gegner verschafft. Die Hellenen machen das mit ihrer Vorliebe für Agones offensichtlich. Adonis Bemerkungen über die Neigung zum Wettbewerb haben Marpesia aufmerksam gemacht. In wie viel Fallen können wir landen, wenn wir Fremde, denen wir begegnen, nicht genauso gut verstehen, wie uns selbst!
Die ”Wettkämpfe” erzeugen sofort Bilder von den Spielen im Gymnasion und als Krönung der Spiele von Olympia. Sie machen es den Zuhörern schwer, sich die Vorrechte hellenischer Männer und deren Folgen vorzustellen. So kann Marpesia fortfahren: Ich weiß, ihr wartet darauf, daß ich endlich von Herakles und Theseus spreche. Wenn Herakles und Theseus sich keine Vorrechte herausgenommen hätten, würden sie euch nicht interessieren. Mit ihnen begannen unsere Erfahrungen mit den Hellenen. Heute sind es nicht mehr Heroen, die uns ab und an “auf die Pelle” rücken. Händler und Handwerker aus Hellas sind inzwischen sogar zu dauerhaften Nachbarn geworden. Adonis hat mich aufgefordert, auf meiner nächsten Reise zu den Hesperiden, in Karthago Rast zu machen. Die Macht des Stärkeren, über die ich hier bei den Hellenen klage, könnte ich dort durch Phönizier erfahren. Die Andersartigkeit bei Hellenen beklagen wir nur, weil wir ihr gerade bei ihnen begegnen.
Wieder kann Peri sich nicht bremsen: Jetzt verstehe ich, warum Adonis zu mir sagte: Setze nie ein ganzes Volk mit einem gleich, den du von ihm kennst. Ich habe ihm erklärt, daß ich ihn in vielerlei Hinsicht für eine Ausnahme halte. Sonst hätten wir uns nicht bemüht, uns mit ihm auf griechisch zu verständigen. Er fand, um fremden Eigenheiten zu begegnen, müßten wir uns mit den Begriffen der Fremden auseinander setzen. In Athen habe man ein Mittel gegen die Willkür des Stärkeren entdeckt, die Demokratia. Regiert in Athen nicht statt eines Königs oder Heros der Demos, die Demotes attikos, wie man sie dort nennt?
Mit “Volk” und “attischen Bürgern” leitet Peri Marpesia zu ihrem nächsten Aspekt: Dine, du schaffst es immer wieder, mich auf bewundernswerte Seiten zu lenken. Die Philosophes von Athenai finden Heroes zwar interessant. Doch unter der Herrschaft von “Heroen” will kein “Philosoph” in “Athen” leben. Zunächst schufen die Athener ein Gericht, das bei Blutrache und Gewalt Recht sprach. Es lag auf dem Areios Pagos. Unter dem Recht des “Areopag” wurden auch Bürger, die sich verschuldet hatten, in die Sklaverei verkauft. Nun wurde Solon ausgewählt, diese Entwicklung rückgängig zu machen und Gleichheit zwischen Arm und Reich zu schaffen. Solon sah nur eine Chance, seine Ideen durchzusetzten. Wenn er die politischen Rechte nach den Klassen der bestehenden Wehrordnung verteilte, konnte ein Gesetz die Willkür ersetzen. Doch er ahnte, die Gleichheit würde ganz schnell auf der Strecke bleiben.
Der Areopag ist der Versammlung bekannt. Ein Zuhörer hat ein besonderes Problem: Ich habe gehört, Solon hätten Zweifel, wie die Athener sein Recht umsetzen würden, sogar aus Athen vertrieben. Hier redet niemand über gleiche Rechte, wie es die Polites im Athen tun, wie ich gerade höre. Dabei gibt es bei uns sichtbar unterschiedliche Menschen, zum Beispiel braune, wie Peris Vater.
