Marpesia blickt dem vorüberschwimmenden Seehund hinterher. Von seinem in der Sonne schimmernden, nassen Kopf fällt ihr Blick auf einen Streifen Land voraus: Ist das am Horizont dort drüben Lesbos, von dem gestern Abend die Rede war?

Adonis tritt dicht neben seinen Fahrgast und blickt in die Richtung ihres ausgestreckten Armes: Dort drüben? Ja, das ist Lesbos. Du kannst den Meeresarm zwischen Festland und Insel sehen. An ihm liegt Mytilene. Du erinnerst dich?
Die “Landratte” versucht sich auf die ungewohnte Art der Seemänner zu orientieren: Wir nehmen also den Weg über das offene Meer? Du sagtest gestern, Mytilene sei fast so groß wie Athenai. Ich weiß von Lesbos nur, daß dort Sappho gelebt und gedichtet hat.
Das Wort Athen scheint Adonis seltsam zu berühren. Er läßt seinen Arm sinken und seine Stimme wirkt bei der Antwort ungewöhnlich scharf: Völker sind oft voller Neid über den Reichtum anderer. Die Bewohner von Mytilene haben das von den Athenaines erfahren müssen.

Marpesia erinnern Tonfall und Bemerkung des Phöniziers über die Athener an die Erfahrungen ihres Volkes mit Griechen, die sich Achaier nannten: Aber jetzt beschäftigt der Vorrang unter einander Athenaies wie Spartiates. Da haben alle Anderen ein wenig Ruhe.
Bei den scheinbar gleichen Erfahrungen mit Athenern und Spartanern gewinnt Adonis immer mehr Zuversicht, daß sein Fahrgast ihm gewogen geblieben ist. Gestern hatte er doch etwas wenig umsichtig alle Grenzen überschritten: Wenn sie ihre Kriege nicht auf das Meer ausweiten würden, kämen sie einem vielleicht weniger als Peirates vor. Da vorn kommt die Mündung des Kolpos von Pyrrha. Die Landschaft an seinen Ufer wirkt so unberührt.
Für Marpesia ist einer Meinung mit Adonis, das Seekrieg Piraterie ist. Doch sie staunt, wie Adonis die Landschaft an der Bucht wertet: Die Häfen, die ich kenne, spiegeln Betriebsamkeit. Du mußt Recht haben. Sappho versammelte ihre Mädchen in ländlicher Umgebung, hörte ich. Kommen wir noch näher an die Insel?
Als sie erneut von der Dichterin von Lesbos spricht, steht vor Augen des Kapitäns das Bild Marpesias, wie sie an den Ufern bei Pyrrha mit Mädchen spricht: Ja, wir kommen der Insel noch näher. Wir wollen den Windschatten nutzen. Noch sind ja die Etesien nicht ganz vorüber.

Sind Erinnerungen an die Buchten auf Lesbos der Grund, daß Marpesia bemerkt, wie Adonis Stimme weicher wird: Wenn du von Mündung sprichst, ist sie sicher nicht so leicht am Ufer zu entdecken. Wie muß ich mir so einen Kolpos vorstellen?
Adonis sieht die Weite der ruhigen Wasserfläche vor Pyrrha vor sich: Stell’ dir vor, wir segeln durch einen engen Durchlaß. Plötzlich ziehen sich die Ufer zurück. Ein See entsteht. Die Landschaft, die den glatten Wasserspiegel faßt, wirkt sehr boukolikos.
Beim Wort bukolisch zieht das Kopftheater der Priesterin die Kulisse eines friedlichen Teiches ihrer Heimat auf: Deinen See kann ich mir vorstellen. Aber wenn Lesbos zwei Seen umschließt, ist es dann größer als Chios?
Während Adonis das näherkommende Ufer absucht: Ja, es ist fast doppelt so groß. Es hat aber keinen so hohen Berg wie Chios. Sieh mal, jetzt kannst du die Einfahrt in den Kolpos erkennen.
Marpesia löst sich von dem Bild ihrer Vorstellung und entdeckt das Kap, das die Durchfahrt ankündigt: Euer Windschatten scheint zu funktionieren. So wie die Gestade an uns vorüberziehen, segeln wir heute schneller als gestern.

Den Kapitän überrascht erneut, wie genau sein Gast die dem Seemann gewohnten Signale deutet: Du bist ja eine richtige Nautis. Ich brauche dir gar nicht zu erzählen, daß wir auf diesem Stück dem Boraios noch weniger entgegensegeln. Das müssen wir erst wieder, wenn wir an Eresos vorüber sind.
Die “Seefahrerin” fröstelt. Noch spürt man den Nordwind stärker als die Sonne. Doch ihr Licht macht den Rand der Insel mit Schatten lebendig: Ist die Stadt, die man da vorne erkennen kann, Eresos?

Die Landmarke des bevorstehenden Kurswechsels erinnert den Kapitän an eine alte Geschichte: Hinter Eresos kommen wir in den Teil des Meeres, den Achilleus einst beim Krieg um Ilion unsicher machte. Man kann das Kap, hinter dem Chryse liegt, da drüben über dem Ende der Insel schon erkennen.
Der Name Achilleus ruft Marpesia schmerzlich Homers Ilias ins Gedächtnis: Chryse, ist das nicht die Stadt des Chryses? Dann kann ja auch Thebe nicht weit sein, aus dem Achilleus Chryseis entführte? Entschuldige meine dummen Fragen. Ich bin zum ersten Mal in dieser Gegend.

Wieder hat eine ungewohnte Situation die Priesterin verleitet, dem Kapitäne einen weiteren Hinweis für sein Puzzle zu geben: Ja, weil Agamemnon Chryseis ihrem Vater Chryse nicht herausgeben wollte, strafte Apollon die Achaies mit der Pest. Die kamen über das Meer, aber wie bist du nach Ephesos gekommen?
Dieses Mal geht Marpesia zum Angriff über: Natürlich zu Pferd! Du möchtest zu gern auf deine Vermutung von gestern zurückkommen, nicht wahr? Kennst du Amazones?
Adonis ist über die Wendung begeistert: Nein, bisher bin ich keiner Amazon bewußt begegnet. Nicht einmal an der Pforte des Herakles. Doch wenn ich mir alle Hinweise zusammenreime, traf ich unbewußt bereits auf mehrere. Einige Male schon brauchte ich eine Heilpriesterin!
In aller Eile läßt Marpesia alle Argumente Revue passieren. Konnte sie das von ihrem Orden festgeschriebene Verhalten Fremden gegenüber einhalten: Daß ich eine Heilpriesterin bin, erzählt mein Habit. Doch warum sollen Heilpriesterinnen Amazones sein?
In diesem Augenblick wird der Phönizier erstaunlich lebendig: Ich glaube die ganze Mannschaft wird mir beipflichten. Wollen wir hören, was sie zu sagen haben?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert