Der Kapitän geleitet seinen Fahrgast zwischen seiner Mannschaft hindurch. Sie ordneten im Schatten des Segels eifrig die für die Segelmanöver verwendeten Taue: Die Sonne spiegelt sich gern im Meer. Jeden, der sie dabei beobachtet, läßt sie erröten, sogar noch im Schatten. Nicht einmal deine Kapuze kann sie davon abhalten.

Während Marpesia sich bemüht, auf keines der Seile zu treten, bemerkt sie, daß die Sonne sich auf der Landseite als heller Fleck in der Leinwand des großen Segels abzeichnet: Ihr Phoinikes seid ja auch für euer Rot berühmt. 
Adonis staunt nicht schlecht, nur Wenige kannten die Purpurfabrikation der Phönizier: Du denkst an die Purpurschnecke, aus der wir das begehrte Rot gewinnen. 
Die Priesterin registriert amüsiert sein Erstaunen: Und für deinen Hinweis auf einen Sonnenbrand bist du selbst der beste Beweis. Eine dunklere Hautfarbe sah ich bisher nur bei Menschen von den Ufern der Erythra Thalatta.
Wer mußte sein Fahrgast sein, wenn er Leute vom Roten Meer kannte. Der Kapitän konnte gerade noch seine Überraschung verbergen: Was die Erythra Thalatta angeht, auf ihr fahren Verwandte von mir. Sie handeln Purpurrot gegen Aroma und Libanotos aus der Gegend von Saba. Aber nimm doch Platz.

Mit Gedanken beim Rote Meer und dem Gewürz- und Weihrauchhandel nimmt Marpesia den angebotenen Platz ein: Wir bekommen Aroma mit Karawanen. Libanotos verwenden wir nicht. Ich habe gehört, es wird mit Gold aufgewogen. 
Der frische Wind und das Segel vor der Sonne macht es angenehm, am Bordrand zu sitzen. Adonis beobachtet, wie sein Fahrgast sich wohlig räkelt: Meine Onkel dort sind sehr reich. Doch wir sehen uns sehr selten. Wir haben keine gemeinsamen Häfen. Sie legen in Aigyptos am Ufer der Erythra Thalatta an. Ich war noch nie dort!

Die Kutte oder Chlaina, wie man zur Zeit Marpesias sagt, bläht sich im kühlenden Wind. Als die Priesterin einen Blick über das Wasser wirft, erkennt sie eine Uferlinie: Jetzt verstehe ich, warum jedes Schiff diese Route nehmen muß. Du kannst nur der Küste dort hinten folgen. Dem Schatten des Segels nach ist dort Boraius, die Richtung in der der Pontos liegt.

Im Geiste schon hoch im Norden auf dem Schwarzen Meer schiebt Marpesia die Kapuze in den Nacken. Sie möchte den Wind spüren, der sie ihrem Ziel näher bringt. Adonis betrachtet ungeniert ihr ins volle Licht getretenes Gesicht: Ja, im Augenblick segeln wir der atlantischen Pforte entgegen. Jetzt weiß ich auch, an wen du mich erinnerst. An den Säulen des Herakles lebt ein Reitervolk, dem du angehören könntest.
Als Adonis gerade zu dem Schluß kommt, daß ihr scharfes Profil eher eine Beziehung zu einem anderen Gesicht als ihr angedeutetes Alter erahnen läßt, wendet Marpesia ihm ihr Gesicht voll zu: Du hast gut beobachtet. Ich habe am Garten der Esperides Verwandte.

Die Bemerkung über die weitverzweigte Verwandtschaft vom Schwarzen Meer bis zu den Hesperiden aus dem Rif-Gebirge an der Meerenge von Gibralta fügt ein weiteres Puzzleteil in Adonis Vermutung über die Herkunft seines Fahrgastes: Sowie wir das Kap erreicht haben, wenden wir uns dem Boraius zu und schlüpfen zwischen Chios und dem Festland hindurch. Bis dahin habe ich Zeit. Wenn ich dir nicht lästig falle, können wir danach noch öfter plaudern.

Der Kapitän sieht seinen ungewöhnlichen Fahrgast so unverwandt an, daß er Marpesia aus ihren Gedanken an das Ende der Reise reißt: Warum musterst du mich? 
Normalerweise wies ihr Blick andere sofort in ihre Schranken, dieses Mal nicht: Entschuldige, wenn ich dich anstarre. Ich sehe dein Gesicht zum ersten Mal. Ich weiß nicht, wo deine Heimat ist und doch du kommst mir erstaunlich vertraut vor. Ist es nicht gut, sich zu kennen, wenn man gemeinsam reist?
Das Argument der gemeinsamen Reise überzeugt die Priesterin. Es ist nicht zuletzt Adonis vertrauliche Art, die Marpesia alle Bedenken über Bord werfen läßt. Sie genießt es, ihre Kapuze nicht mehr über dem Kopf zu haben. Wäre sie nicht in dem abgesonderten Raum eines Schiffes und reizte die angenehme Kühle des Windes nicht so sehr, sie zu spüren, hätte sie sich leichtsinnig gefunden: Was ist Heimat Adonis? Im Augenblick bietest du mir mit deinem Schiff ein Heim. Die ungewohnten Planken werden mir zur Heimat geworden sein, noch ehe wir Amisos erreicht haben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert