Am nächsten Morgen übernimmt Adonis das Kommando. Nachdem Hanno ausgeschlafen ist, kommt er zu Marpesia und fragt: Ich hoffe, du hattest eine gute Nacht. Ahnst du, was ich möchte?
Marpesia lächelt ihn mitfühlend an: Du kommst nie ohne Grund. Heute möchtest du wissen, was ich getan habe, was euern Kapitän zu neuen Entschlüssen gebracht hat.
Hanno machen seine Gedanken etwas abwesend: Du weißt also etwas! Schon, als du in Ephesos zugestiegen bist, habe ich geahnt, das wird keine normale Fahrt. Doch dann habt Adonis und du mich gerettet.
Marpesia wiegelt ab: Das kannst du vergessen! Der Eine war der Bruder. Er hätte alles auch ohne mich getan. Er wäre dir in jedem Falle hinterhergesprungen. Adonis und ich haben fast nur über Geranes gesprochen. Die sind als Eltern genauso gestraft, wie du mit uns.
Hanno fährt gespielt empört auf: Ich bin nicht gestraft. Doch bei Geranes und gestraften Eltern kann es ja nur darum gehen, was passiert, wenn es ihnen gelingt, alle ihre Eier auszubrüten …
Marpesia erstaunt, wie ähnlich die Brüder sich sind und spielt mit ihm ihr Adonis-Spiel: … dann wartet jederzeit ein Kranz piepsender Schnäbeln im Nest. Sie ragen den Eltern wie eine Krone entgegen, die Huldigung verlangt.
Hanno aus voller Brust der Überzeugung: Vogeleltern müssen schon sehr findig sein, um jeden Schnabel zu befriedigen.
Marpesia erinnert sich, wie sie Kraniche beim Fischen überraschte: Ich habe mal einen Geranos beobachtet, wie er jeden Fisch, den er aus dem Fluß angelte, am Ufer in einen Kreis legte, die Schwänze zur Mitte.
Hanno kichert vor sich hin: Außer einer erstaunlichen Form ist das eine gute Idee. So kann er alle Fische auf einmal greifen und mit einem Flug jedem seiner Sprößlinge seinen Anteil geben.
Marpesia nickt wieder: Nicht nur für seine Klugheit gilt uns der Geranos als Vorbild, sondern auch für sein Wachsamkeit und Vorsicht. Du bist zwar nicht gerade vorsichtig aber mindestens so wachsam wie sie. Was bedrängt dich an der neuen Idee deines Bruders?
Zögernd formt Hanno seine Worte: Adonis hat mich schon oft überrascht. Geranes fliegen gemeinsam, aber er plant einen Alleingang. Er kommt mir vor wie Ikaros. Braucht man lange für seine Reise? Ist sie nicht ein gefährlicher Höhenflug?
Marpesia kann seine Befürchtungen nachempfinden: Aber Adonis fliegt ja nicht. Vergleiche seine Absicht mit euern Reisen! Den Unterschied zwischen Land und Meer werde ich ausgleichen. Ich lasse ihn über die Hälfte des Weges von uns begleiten.
Hanno bleibt schicksalsergeben: Deshalb hast du uns auf die Geranes gebracht. Wie sie sind wir dauernd auf Reisen. Ich danke dir für alle deine Hilfe. Du hast ja schon mal bewiesen, was passiert, wenn man euch an seiner Seite hat. Was soll dann schief gehen?
Da gesellt sich auch Adonis zu den Beiden: Das stimmt. Hat Hanno geklagt, daß er mich nicht aufhalten kann? Morgen sind wir in Amisos. Ich muß meine Sachen packen.
Marpesia blickt Hanno mitleidig an, bevor sie sich Adonis zuwendet: Hanno fürchtet, dich zu verlieren! Ich kann ihn verstehen. Für mich ist der Weg mit Not und Rettung verbunden. Hält es euch zu lange auf, wenn ich euch das Märchen von der Kranichfeder erzähle?
Adonis und Hanno kommen aus einem Land, in dem man Märchen liebt: Nein, Märchen lassen träumen! Gestern haben wir mehr geschafft als geplant. Erst morgen nähern wir uns wieder der Küste.
Marpesia fliegen plötzlich die Worte zu: Der Geranos ist so etwas wie das Wappentier der Amazones. Er steht für die Flüchtigkeit des Seins und die permanente Suche nach Heimat.
Hanno lächelt mit einem Rest von Kummer: Stimmt schon, fast überall auf der Welt trifft man Geranes, Amazones und Nautes. Wo ist deren Heimat?
Marpesia stupst den “Seemann” aufmunternd an: Überall heißt nicht ohne Patris. Wo wir gerade leben ist für uns Matris. Wir haben viel gemeinsam!
Hanno lacht über das Spiel mit Vater- und Mutterland: Dein Märchen fängt gut an. Ich hoffe Adonis findet ein “Mutter”-Land.
Seine Reaktion beruhigt Marpesia: Dann weiter. Wenn ein Junge oder ein Mädchen mit der Feder eines Geranos nach Hause kommt, prophezeien die Alten eine bevorstehende Liebe.
Daß Amazonen ihre Heimat an die Mutter binden, hatte Adonis erwartet. Während er die Anspielung seines Bruders verdaut, fällt ihm eine Fortsetzung ein: Eines Tages kommt ein Junge einem Kranich sehr nahe …
Marpesia lächelt ihm bestätigend zu: … sie treffen sich immer wieder. Schließlich versteckt der Kranich sein Gefieder …
Das Verstecken holt Hanno aus seiner Reserve: … und verwandelt sich in ein schönes Mädchen. Der Junge verliebt sich sofort.
Marpesia genießt die Übereinstimmung mit den beiden Brüdern: Kein Wunder, bedeutet “schön” nicht, daß ihm das Mädchen gefällt. Dann folgt sie ihm auch noch. Beide schwelgen in Liebe. Doch eines Tages bringt der Knabe erneut eine Kranichfeder mit nach Hause …
Adonis ahnt den Fortgang: … genau in dem Moment hört die Geliebte Rufe von Geranes am Himmel und erinnert sich an ihre Herkunft.
Hanno vollendet widerwillig den Gedanken seines Bruders: Sie holt ihr Federkleid und fliegt den Geranes hinterher.
Marpesia betrachtet ihn erstaunt: Du klingst traurig. Dir gefällt die Wendung nicht?
Hanno nickt betrübt: Mir würde besser gefallen, wenn sie bei ihm bliebe. Doch ich verstehe, mir soll der Abschied leichter werden.
Marpesia lächelt ihm verständnisvoll zu: Der Geranos war keine Ehe eingegangen. Es war Liebe. Nichts ist von Dauer, besonders die Liebe nicht. Hoffen wir, dein Bruder findet seine Geranos-Feder.
Hanno läßt sich tatsächlich von seinem Kummer ablenken: Amazones mögen Aphrodite mehr als Hera, nicht wahr?
Marpesia blickt erstaunt auf: Ja, Hera versteht nichts von Liebe. Liebe läßt sich nicht regeln.
