Als der Kapitän sich wieder bei seinem Fahrgast einfindet, empfängt Marpesia ihn etwas bewegt: Das Meer hat mir soeben eine Vision beschert. Es zeigte mir den Kontrast zu euerm Bemühen, uns voraneilen zu lassen. Der Blick an den Horizont vermittelte mir den Eindruck von Bewegungslosigkeit. Ein Seemann muß schon alle seine Sinne auf Meer, Wind und Schiff konzentrieren bei solchen Irritationen! Genauso, wie ich es bei euch gerade sah.
Der Kapitän fängt Marpesias Blick aus der Tiefe ihrer Kapuze auf: Vielen Dank für das Kompliment. Du hast gerade meinen Blick geschärft. Auch mir fällt jetzt die Wirkung des Horizonts auf. Darf ich dich stören?

Um wieder Sicherheit zu gewinnen, nimmt Marpesia den Herrn des Schiffes genauer in den Blick und lädt ihn mit einer knappen Geste ein: Hätte ich dich angesprochen, wenn ich allein sein wollte? Mußt du dein Schiff nicht mehr steuern?
Adonis stellt sich zu ihr an die Bordwand: Nein. Wir haben das tiefe Meer erreicht. Hier drohen keine Riffe, Untiefen oder Zusammenstöße. Selbst Piraten haben so dicht vor einem Hafen Respekt. Ich kann jetzt alles meinen Männern überlassen.

Als sie zu Zweit auf den scheinbaren Rand des Meeres blicken, verliert seine Weite für Marpesia ihren erschreckenden Zauber: Ich verstehe, Seeräuber fürchten die Weite des hohen Meeres. Aber ihr steuert es genau deshalb an.
Der Phönizier kann über seinen Gast nur staunen: Deine Gedanken über Meer und Seeleute überraschen mich. Ich hatte in dir eine Heilpriesterin vermutet. Und jetzt kennst du dich mit der Seefahrt aus.
Marpesia wiegelt ab: Nein, ich reime mir das nur zusammen. Was das Reisen angeht, verlasse ich mich lieber auf Pferde.

Adonis hält auch reitende oder fahrende Frauen nicht gerade für selbstverständlich: Sowohl dein Name wie auch deine Stimme bestätigen meine Vermutung. Auf einem Kauffahrer sind Frauen seltene Fahrgäste.
Marpesia sieht Adonis skeptisch an: Fürchtest du, eine Frau könnte Unglück an Bord bringen?
Der Kapitän lacht fröhlich: Nein! Aber du hast es schon einmal mit einem Ellenos versucht. Die sind abergläubisch. Allerdings sollten wir bedenken, auch Phoinikes sind Männer!
Marpesia denkt kurz über Griechen und Phönizier nach und fällt dann in das Lachen ein: Für solche Befürchtungen bin ich zu alt.
Adonis fühlt sich von ihr gefangen: Zu alt, daß ich nicht lache. Mich beeindruckt, daß eine Frau Kenntnis über so viele Dinge des Reisens haben kann. Du mußt oft reisen. Du hast uns für deine Reise doch bewußt ausgewählt, oder?

Beim Wort Reise wendet sich die Priesterin wieder dem Meer zu. Um sich zu vergewissern, beugt sie sich über die Bordwand und blickt aufs Wasser hinunter: Ich wollte nicht warten! Und ihr wart die Ersten. Bei meinem Volk habt ihr ohnehin den besseren Ruf.
Ohne sie aus den Augen zu lassen, folgt ihr Adonis: Betrachtest du die Bugwelle? An ihr erkennt man die wahre Geschwindigkeit.

Marpesia versucht Worte für ihre neue Erkenntnis zu finden: Schiffe und Pflüge teilen ihr Element. Erstaunlich, wie unterschiedlich Acker und Meer reagieren. Der Pflug wirft eine bleibende Furche auf. Der Kiel eines Schiffs pflügt durchs Wasser. Doch das Meer scheint sein Eindringen kaum wahrzunehmen. Sofort verliert sich die Spur des Schiffes wieder in der Wasseroberfläche.
Adonis Augen folgen Marpesias Blick an der Bordwand hinunter: Ich muß zwar beobachten, wie mein Schiff auf das Meer reagiert. Doch erst du bringst mich darauf, daß wir es gerade – wenn nicht verletzen – dann doch für einen Moment teilen.
Der Blick über die Bordwand beruhigt Marpesia. Die Wellen malen ihr Profil an den Bug des Schiffes. Mit jeder von ihnen verliert die Weite an analoger Unendlichkeit: Wunderbar, so zu reisen. Nicht ein Wurm wird zerquetscht. Pferdehufe tragen dauernd Spuren der bedauernswerten Kreaturen.

Von den Beobachtungen seiner Mitfahrerin beeindruckt, ahnt Adonis, daß er den Beginn einer Folge von Erkenntnissen einer Priesterin erlebt hat, die Laien, wie ihm, sonst verborgen bleiben: Laß dich vom Frieden nicht täuschen. Das Vorgebirge hält ab, was danach auf uns lauert.
Marpesia läßt sich gern aus ihren verwirrenden analogen und digitalen Eindrücken von Reise und Wellen in die Welt zurückholen: Am Pontus heißt es, mit den Winden im Frühsommer kommt Frieden auf das Meer. Ich glaube, auch sonst fällt es schwer, ein Kriegsschiff durch den Bosporos zu rudern. Doch für dich ist die Fahrt durch dieses Schlupfloch sicher keine Großtat.
Adonis lächelt geschmeichelt: Danke für dein Vertrauen. Der Bosporos ist eng. Auch uns Phoinikes fällt es schwer, ihn in der Zeit der Etesien heile zu überwinden. Doch die gehen ja gerade vorüber.

Marpesia ist noch immer nicht ganz in der Gegenwart: Ich habe den Eindruck, dein Schiff fährt so auf die Thalatta hinaus, daß kein noch so aufmerksamer Beobachter das angepeilte Ziel erraten könnte.
Adonis Lachen wird fast ausgelassen: Du traust mir zu viel zu. Jedes Schiff, das von Ephesos auf die Reise geht, muß die gleiche Route nehmen. Wir stehen auf der Seeseite. Komm auf die andere Seite des Schiffs. Dort wirst du es selbst sehen. Es wäre auch besser für deine Haut.
In diesem Augenblick wird Marpesia bewußt, daß sie sich die ganze Zeit der prallen Sonne ausgesetzt hatte: Du hast recht, gegen Mittag brennt die Sonne zu stark vom Himmel. Ich könnte mir mein Fell verbrennen. Gehen wir in den Schatten.

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