Die Vermutungen über den Priester Chryse erinnerten Marpesia wieder an
ihren Beruf. Tief erregt fliegt sie förmlich um ihre eigene Achse: Chryses hat
mich wieder zum Ausgang unseres Gesprächs geführt! In der Realität einer
Iatrike bedeuten Diagnosen mit wenig Hoffnung Niederlagen. Wer verliert schon
gern einen Kampf, besonders einen Kampf ums Leben?
Adonis überkommt das Bedürfnis sie zu trösten. Sacht legt er seinen Arm um
Marpesias Schultern: Jetzt verstehe ich. Wie du, bin auch ich immer auf der
Seite der Verlierer. Das schlimmste ist, bei dir es ist ja nicht dein Kampf ums
Leben, sondern der eines, der bei dir Hilfe suchte! Das Mitleiden hat deine Art
geprägt.
Tief in ihre Gedanken versunken erschrickt Marpesia über die unerwartete
Berührung: Aber auch das Abstand gewinnen prägt den iatros. Zuviel Mitleid
behindert beherztes Helfen. Man muß oft gegen sich selbst kämpfen.
Erschrocken über seine Zudringlichkeit, zieht Adonis seinen Arm wieder
zurück: Ein Kapitän muß ebenfalls oft seine Furcht bekämpfen, um sich, seine
Mannschaft, seine Fracht und sein Schiff heil ankommen zu lassen. Wie du
siehst, wir haben noch mehr Gemeinsamkeiten.
Ohne die Wärme von Adonis Arm fröstelt Marpesia plötzlich: Oft ringt man gegen
widrigste Umstände. Doch gerade auf scheinbar verlorenem Posten wird man immer
wieder beschenkt. Immer wieder belohnen Wendungen den Beharrlichen, mit denen
niemand mehr rechnen konnte.
Adonis hofft, die auf Marpesia lastenden Schatten mit den an Land
vorüberziehenden Landschaften ein wenig aufhellen zu können: Sieh mal, das Ufer
hat sich verändert. Es ist nicht mehr so schroff. Der helle Streifen ist der
Strand, der uns jetzt fast bis Troia begleiten wird.
Ihr ersichtliches Frösteln veranlaßt Adonis, Marpesia ihre Kapuze wieder
überzuziehen. Wie als käme es aus weiter Ferne, tönt es unter dem Kapuzenrand
hervor: Erwähnst du Troia, weil dort Achilleus die Amazon Penthesileia erschlug?
Ist es nicht schrecklich, daß die Menschen Dinge oft erst schätzen, wenn sie
sie gerade unwiederbringlich gemacht haben?
Betrübt darüber, daß er sowohl die Stimmung wie auch das Frösteln seines
Fahrgastes verschuldet hat, legt Adonis wieder seinen Arm um Marpesias
Schultern. Zu Adonis Erstaunen nimmt sie den Trost an und kuschelt sich an
seinen Arm: Wer bestätigt diese Wendung anschaulicher als Achilleus und
Penthesileia?
In ihrem selbstvergessenen Gespräch beginnen sie, die Reling entlang zu
wandern. Marpesia nimmt den letzten Satz als erneute Herausforderung: Du
meinst, ich bin so erregt, weil ich eine Amazon bin. Die muß in dieser Gegend
natürlich an die berühmte Gegnerin von Achilleus denken.
Ihr “Entdecker” verteidigt sich vehement: Ich denke hier jedenfalls immer an
die Frau, die ihren Gegner nach ihrem Tod bezauberte. Wie mußte Achilleus
bedauern, ihr Ende herbeigeführt zu haben.
Marpesia stoppt und entgegen der Regel, fremden Blicken auszuweichen, blickt
sie Adonis sogar in die Augen: Ist dir schon mal aufgefallen, wie viele
Geschichten die Ellenes erzählen, in denen Mädchen oder Frauen eine Rolle
spielen. Fast sind sie Opfer oder Preis. Oder sie haben ungefragt der Lust von
Siegern zu dienen.
Obwohl er sich als Mann betroffen fühlt, erwidert Adonis dankbar ihren Blick.
Er ist froh, etwas ablenken zu können, indem er über das Meer hinter Marpesias
Rücken weist: Ich denke oft an das Verhältnis von Mann und Frau. Doch mit der
Rolle von Mädchen oder Frauen in den Geschichten der Ellenes hast erst du mich
konfrontiert. Übrigens, hinter dir und der Insel, die gerade auftaucht kommt
Troia. Dort liegt auch der Grabhügel der Amazon Myrine.
Marpesia wendet sich um, um die Insel und vielleicht auch die Orte
amazonischer Denkmale nicht zu verpassen: Mein Volk fürchtet die Ellenes. Doch
ich staune auch darüber, daß die Ellenes, wie kaum ein anderes Volk, die
Menschen so nimmt, wie sie nun mal sind.
Adonis bleibt hinter ihr stehen und vervollständigt ihren Gedanken: Stimmt, sie
sehen selbst ihre Götter mit menschlichen Eigenschaften. Aber lassen nicht alle
Völker ihren Eroes ihre Unarten durchgehen?
Marpesia erfreut, daß er ihr so gar nicht heroisch genau gegenüber steht, als
sie sich zurückdreht. Nur Adonis Vermutung zum Ursprung der Heilpriesterinnen
bohrt weiter in ihr: Fällt dir Myrine ein, weil du ihrer gleichnamigen
Nachfahrin in Lybia begegnet bist?
Die Priesterin sieht ihm seine Erinnerungen an Nordafrika förmlich an, als
er zögernd sagt: Myrine hat mir imponiert. Leider habe ich sie nicht so
kennengelernt, wie dich.
Marpesia lacht voller Mitgefühl: Doch du hast sie nicht vergessen. Hier berufen
sich viele Städte auf eine Gründung durch eine Amazon, doch was blieb von
ihnen? Wenn es gut geht, vage Erinnerungen an den Onoma.
Der Name laßt Adonis laut denken: Das gilt auch für die Meeresstraße, die dort
hinter dem Kap beginnt, den Hellespontos. Auch er ist nicht anonym.
Namenlos ist dieser Teil des Meeres selbst für Marpesia nicht. Sie blickt
aufmerksam in die tief zwischen Troas und Chersones hineinragenden
trichterartigen Bucht. Ihr Blick fällt auf eine Nebelwolke, die sich in der
Enge aufstaut: Ich komme zum ersten Mal in den Meeresarm, in dem Helle ertrank
und ihm damit seinen Onoma gab. Mir scheint vor uns weint Nephele wieder um
ihre Tochter Helle.
Wegen des Nebels eilt Adonis an seinem Posten. Er ruft Marpesia noch zu: ich
habe die Wolke auch gerade bemerkt.
