Kann man eine Person Autor nennen, die nur niederschreibt, was man ihr zuflüstert?
Meine Mutter Henny fütterte mich in der Zeit des Krieges mit Milch und Fantasie. Nach den Erzählungen meiner Mutter lag die “heile” Welt in Polynesien. Diesen Traum zerbombten die Amerikaner auf Bikini. Einen ganz nahen Rückzugsraum entdeckte ich mit meiner Cousine Dagmar. Unser armseliges Haus bot schon Raum für die Fantasie. Von da ab sehnte man sich zu ihm zurück.
Meine Mutter lehrte mich: Sehnsucht braucht Worte auf Papier, viel Sehnsucht am besten mit “10-Finger-blind”. Die Briefe an Gabi schrieb ich trotzdem mit der Hand. In ihnen tauchte der Liebesstern auf, von dem unser Sohn Tinus wie von einem Nachbarort redete. Eine Bewohnerin dieses Sterns begleitete Tinus Schwester Esther beim Einschlafen. Sie gab ihr den Namen Virola.
Die Empfindung einer Welt verpaßter Gelegenheiten bei Studium und Arbeit wollte in “Frustgeschichten” verarbeitet werden. Beschreibungen von Bildmotiven, die meine Sekretärin tippte, machten sie neugierig. Ab nun ersetzten die Geschichte der Griechen, ihre Mythologie und Lebensumstände “Virola”. Sie kehrte als “Perythymone” zurück, als Heike vom Pegasus träumte. Mir schien, die Geschichte “wie die Amazone Perithymone den Pegasus fand” würde mir in den Stift diktiert. Nur einer konnte mir so vom Kleinasien vor 2400 Jahren zuflüstern, Aphrodite. Auf Dagmars Geburtstag blickte ihre Tochter Christine so wissend, daß sie mir ein Appell meiner Einflüsterin schien, sie endlich wieder unter Menschen kommen zu lassen.
