Dank vieler weiterer Wenden taucht der Hafen von Chios nun überraschend
schnell auf. Sie sieht den Steuermann mit einer letzten Anweisung an die
Mannschaft einen Tampen in die Hand nehmen. Als das Segel fällt, tritt er an
die Bordwand und wirft einem Mann das Reep über das Wasser zu. Der hat auf dem
Kai bereits darauf gewartet, fängt das Tau auf und schlingt es um einen Poller.
Das Schiff hat sein Tagesziel erreicht. Es liegt nun fest und aus dem
Empfangskommando tönt es herüber: Hallo Pairates, habt ihr es tatsächlich
geschafft?
Der Pirat genannte Adonis springt von Bord an Land: Hallo Pharmarkeus, für dich
fahren wir doch sogar durch den Styx!
Der als Seeräuber Bezeichnete prallt auf dem Kai fast mit einem Mann zusammen,
der mit offenen Armen so auf ihn zu eilt, als müsse er ihn vor dem Höllenfluß
retten. Marpesia ahnt es muß der Kurpfuscher genannte sein: So weit würde ich
es nie kommen lassen. Du bist nicht Charon und fährst in den Tartaros. Selbst
Charon würde sich nicht mit den Etesien einlassen!
Adonis beweist mit einer innigen Umarmung, daß er nicht der Fährmann auf dem
Fluß vor der Unterwelt ist. Dann dreht er sich um und reicht Marpesia die Hand
zum Sprung auf den Kai: Chios ist das Gegenteil von Tartaros! Und wir haben
einen Fahrgast, der Respekt gebietet.
Marpesia lacht und wiegelt nach dem Gruß an den Giftmischer Genannten ab: Er
übertreibt. Doch ihr müßt euch sehr mögen. Ich habe kaum jemals gehört, daß sich
Zwei so liebenswürdig begrüßten, wie ihr euch. Sie wendet sich lachend an den
Kapitän: Bisher glaubte ich, mit einem ehrenwerten Nauarchos zu reisen.
Durch die Frozzelei Marpesias angestachelt, fallen dem “ehrenwerten” Kapitän seine Absichten wieder ein. Er weist seine Mannschaft an, die auf dem Kai lagernde Fracht unter Deck zu verstauen. Auf einen Zuruf des Mannes aus Chios bilden seine Begleiter eine Kette und reichen den Leuten an Bord stabile Kästen zu. Aus der Art der Verpackung schließt Marpesia, daß dort wertvolle Ware verladen wird. Die Eile deutet sie als Hinweis, daß die Reise früh am kommenden Morgen fortgesetzt werden soll. Als die Fracht richtig verstaut ist, bittet der Absender Adonis und seine Männer zum Mahl. Wie viele Male vorher übernehmen einige der Insulaner für den Abend die Wache am Schiff. Die Mannschaft samt Fahrgast folgt ihrem eilig voranschreitenden Gastgeber in die Stadt. Auf dem Weg fallen Marpesia die gut gepflegten Häuser auf: Die Straßen sind unglaublich reinlich, sogar im Verhältnis zu Ephesos. Hier müssen wohlhabende Menschen wohnen.
Adonis ist den bemerkenswerten Zustand des Ortes gewöhnt: Kein Wunder, daß
du staunst. Chios wird die reichste unter den Inseln von Ellas genannt.
Der Vergleich der Inseln ihres Erbfeindes Hellas gibt Marpesia das Stichwort:
Deshalb fällt es unserm Wirt wohl nicht schwer, uns alle einzuladen?
Adonis rüttelt übermütig freundschaftlich am Arm seines Nachbar: Mir fällt auf,
bist du nicht dem Gewerbe der Heilpriester behilflich? Er wendet sich an
Marpesia: Unser Hypokrates stellt aus dem Harz eines Pistazienbaums das
wohlriechende Mastiche her.
Fröhlich kommt von dem Mastixverarbeiter die Antwort: Wenn du Byzantion
erreichst, sorgst wieder für neuen Ruhm der Pharmarkes des “Hypokrates” von
Chios.
Marpesia begreift, daß ihr Gastgeber eine bekannte Arznei von Chios zubereitet:
Von dir stammt also, was alle Welt gegen den Hustenreiz einnimmt.
Vergnügt darüber, daß alles so reibungslos geklappt hat und vor Vorfreude
auf das köstliche Mahl rangelt Adonis wieder mit seinem Freund: Es muß dir
genug einbringen. Bei jedem Besuch verwöhnst du uns mit den vorzüglichen
Speisen und dem berühmten Wein deiner Insel.
Der Angerempelte läßt weder die Worte noch die Arme des Phöniziers ohne
Antwort: Als Zahnputz- oder Haarfärbemittel bringt Mastiche meinen Konkurrenten
viel mehr ein als mir als Pharmakon.
Da haben sie auch schon ihr Ziel erreicht. Freundlich begrüßt die Besitzerin
des Anwesens die Ankömmlinge an der Pforte: Du überrascht mich immer wieder,
Adonis. Ich habe erst viel später mit euch gerechnet.
Sein Nachbar fällt vor Vergnügen lachend ein: Kann ich nicht froh sein? Meine
Lieferung kommt nach Byzantion noch ehe die Etesien ganz zu Ende sind.
Erstaunt blickt die Wirtin auf den Gast mit der Kapuze: Euerm Fahrgast
gewähren die Götter des Meeres und der Winde wohl eine besondere Gunst?
Sie geleitet ihre Gäste zum Essen in einen von einem Ölbaum beschatteten
Hof.
Auf dem Weg zur Tafel geht Adonis auf die unausgesprochene Frage ein: Ja, heute
haben wir einen besonders seltenen Fahrgast. Viele Seefahrer fürchten die Frau
an Bord. Doch Marpesia zollten die Götter Achtung. Die Etesien zogen sich von
uns zurück.
Marpesia, der die Wirtin den Ehrenplatz zwischen Kapitän und Gastgeber zuweist,
anwortet: O, ich glaubte schon, den Meeresgöttern Opfern zu müssen. Allein
durch Adonis Kunst blieb mir das von allgemein gefürchtete Opfer erspart.
Kaum haben alle Platz genommen, wird eine Schüssel mit frischem Wasser
gereicht. Die Gäste waschen sich ihre Hände und trocknen sie in einem Tuch, das
ein Bediensteter nach dem Waschen reicht.
Als die Hausherrin mit der ersten Speise an den Tisch kommt, wendet sich die
Heilpriesterin an ihren Nachbarn: Ich habe vom Meer aus einen sehr hohen Berg
gesehen.
Die bedienende Wirtin bemerkt stolz: Das ist der Pelimaion.
Und der Hersteller des begehrten Hustenmittels freut sich über ihre Frage: Für
mich ist er das Symbol meiner Heimat. Wenn ich von einer Reise zurückkehre,
halte ich immer Ausschau nach ihm.
Er wendet sich dem Kapitän zu: Legt ihr morgen in Lesbos an?
Adonis bemerkt gerade, daß Marpesia es sich gutgehen läßt: Du hast uns wieder
einmal mit einem köstlichen Mahle überrascht. Wenn du dich umsiehst, entdeckst
du nur zufriedende, satte Gesichter. Nein, wir werden Lesbos nur passieren.
Eine Marmorlieferung von Mytilene nach Byzantion haben wir wegen des unsicheren
Windes verschoben. Ich möchte an einem Tag durch den Hellespontus.
Der über den fast unerwartet schnellen Transport seiner Waren beglückte
Gastgeber blickt durch die Reihe seiner Gäste: Für den Geschmack müßt ihr euch
bei unserer Wirtin bedanken. Doch deine Absicht kann ich verstehen. Immer, wenn
die Ufer nahe sind, ist es auch raublustiges Gesindel. Das macht es den Ellenes
und Perses nach, die sich ja auch um jede vermögende Polis hier rangeln. Dann
wollt ihr morgen früh aufbrechen.
Adonis erhebt sich und gibt damit das Zeichen zum Aufbruch für seine
Mannschaft: Wir sollen ja schnell nach Byzantion kommen. Deine Abnehmer warten
sicher genauso wie du schon am Hafen.
Marpesia, ganz Heilpriesterin, befindet: Medizin hat es immer eilig. Und es ist
sicher später geworden, als Adonis erwartet hat.
