Die
Kommandos zum Umsetzen des Segels beanspruchen alle Sinne des Mannes am Steuer.
Der störrische Nordwind fordert seine volle Aufmerksamkeit. Dennoch fängt
Adonis im Unterbewußtsein Marpesias Zwinkern auf. Seine intensive Beachtung
ihrer Tricks nutzen die Etesien. Sie flüstern ihm zu: Hast du verstanden, was
dein Fahrgast dir sagen wollte? Die Amazones sind die menschlichen Schwestern
der Etesien. Wer kann uns mit Gewalt bezwingen? Marpesias Zwinkern war ein
Hinweis unter Freunden!
Adonis erschrickt nachträglich über sich selbst:
Sie wirkt wie eine Schwester auf mich. Nein mehr noch wie eine Hetaira, der ein
Mann alles sagen kann. Das hat mich verführt, ohne Einwilligung auf ihren
Seelenmeeren zu navigieren.
Amüsiert über ihren sonst so ernstgenommenen Gegner,
der eine Amazone als Gefährtin seiner Eskapaden betrachtet, flüsterts im Wind:
Wenn sie tatsächlich eine Amazon ist, ist sie empfindlich wie ich. Dann muß sie
dich als Piraten auf ihren Gewässern empfunden haben, nicht wahr? Du jedenfalls
würdest so reagieren.
Verunsichert wirft der von seinem stürmischen
Gegner ernstgenommene Kapitän einen längeren Blick zu Marpesia hinüber: Dabei
möchte ich alles andere, als bei meiner sympathischen Mitreisenden Schiffbruch
erleiden. Bei dir gelang es mir bisher zumindest, dir Zugeständisse abzuringen.
Die Heilpriesterin erreicht ihren sicheren Platz. Als hätte sie die Zwiesprache zwischen Äolsharfe und Kapitän bemerkt, blickt sie zu ihm zurück. Oberflächlich scheint sie dem Forschenden unverändert. Doch Adonis ist sich sicher: Wie die Etesien läßt sie sich schwer in die Karten blicken. Sie vermittelt bewußt Unbekümmertheit.
Der alle gleichermaßen treffende Nordwind wuselt überall um Marpesia und
Adonis herum. Übermütig zerrt er an ihnen. Von diesen Herausforderern läßt er
sich gern ein Vorwärtkommen abringen. Doch er kommt nicht umhin, immer erst der
Frau mit der Kapuze einzupfeifen. Selbst, wenn sie sich verbirgt, steht sie ihm
am nächsten. Erst am anderen Ende des Schiffes trifft er auf den, der
aufgerichtet mit ihm ringt. So vermeint die Heilpriesterin ihn flüstern zu
hören: Haben zwei Begegnungen zu deiner Enttarnung beigetragen? Welcher deiner
Kusinen dort im Westen ist der Phönizier begegnet? Hat sie Adonis’ Nähe genau
so angenehm empfunden wie du? Wenn du deinem Gastgeber reinen Wein einschenkst,
denke an mich!
Am Ende eines Manövers kommt der Steuermann an der Frau mit der Kapuze vorüber
und bleibt vor ihr stehen. Er holt die auf die Einflüsterungen des Windes
Lauschende in die Gegenwart zurück, indem er nach vorn auf das Meer
hinausweist: Dort taucht gerade Chios auf! Da werden wir bereits erwartet!
Marpesia zieht sich an der Bordwand hoch, dreht sich um und blickt über den
Bordrand. Zwischen den im Wind flatternden Kapuzenrändern schnappt sie einen
Landstreifen im aufgewühlten Meer auf. Da fegt eine Böe heran und plustert ihre
Kapuze zu einem Ballon auf. Als hätte er darauf gewartet, serviert sich ein
erstaunlich hoher Bergkegel. In der Mitte der runden Öffnung thront er – wie
auf einem Tablett – über der Insel. Die grelle Nachmittagssonne stellt jede
Einzelheit heraus. Sogar die dort grasenden Ziegen sind zu erkennen. Oder sind
es die Schatten von Wolkenfetzen, die über die Macchia huschen?
Mit diesen Eindrücken von ihrem Etappenziel zieht die Heilpriesterin sich wieder
hinter die schützende Bordwand zurück. Nun bleiben dem Wind wieder nur die
Segeltaue. Umso emsiger zupft er an seiner Äolsharfe und läßt sie tönen. Für
seine Zuhörerin untermalt sie das betriebsame Lärmen der Mannschaft, das
aufbegehrende Flattern des Segels und die immer wiederkehrenden Kommandos mit
einem neuen Lied: Bei deinem Blick übers Meer auf Chios und seine Berge habe
ich mit deiner Kapuze gespielt. Wie viel mehr müssen Adonis und seine
Mannschaft gegen mich ankämpfen!
Zum Untätigsein verdammt, bemerkt sie, daß selbst das Meer mit dem Wind kämpfen
muß. Der zunehmende Seegang beginnt sich in ihrem Magen bemerkbar zu machen.
Doch der Gedanken, Adonis Frage nach den Amazonen wie die Etesien zu imitieren,
zaubert ein entspanntes Lächeln auf ihr Gesicht und das Unwohlsein verflüchtigt
sich.
