Noch nie hatte Adonis eine Heilpriesterin ohne Kopfbedeckung gesehen. Und noch nie hatte eine Frau ihn so frei angesehen. Er fängt Marpesias Blick auf und zwinkert ihr zu: Du sprichst meine Gedanken aus. Heimat ist überall, wo man sich sicher und geborgen fühlt. Von Amisos war schon die Rede bei unserer Reisevereinbarung. Ich habe schon Güter dort hin gebracht. Doch ich kann mir nicht vorstellen, daß du dort lebst.
Welch ein Geheimnis verband sie mit dem Phönizier für sein vertrauliches Zwinkern? Sie blickt dem vor ihr Stehenden tief in die Augen. In ihnen scheint ein geheimes Einverständnis zu schimmern: So kann nur ein Phoiniker über das zu-Hause-fühlen sprechen, dessen Heimat ein Schiff ist. Ich stamme tatsächlich nicht aus Amisos.

Der Kapitän macht in Gedanken noch einen weiteren Schritt auf seine Passagierin zu: Nein, du siehst einer anderem Heimat entgegen. Amisos ist eine Kolonie der Ellenes. Du sprichst zwar ihre Sprache so akzentfrei, daß man dich für Eine von ihnen halten könnte. Doch mir drängt sich eine Vorstellung auf: Sehnst du dich nach Themiskyra, Marpesia?
Die Sympathie der Priesterin für Adonis kann nicht verhindern, daß sie ein eisiger Schreck durchfährt. Mit einer etwas fahrigen Geste zieht sie die Kapuze wieder über ihre Stirn: Danke für dein Lob über meine Sprachfertigkeit.
Gerade war eingetreten, was Amazonen immer versuchten, zu verhindern. Nun mußte die Priesterin dem Mysterium des Meers nacheifern und versuchen, ihre Spur verwehen zu lassen. So fügt sie hinzu: Schon im Gewühl des Hafens von Ephesos hast du deine Spürnase bewiesen. Auch dein Schiff führst du weitsichtig. Dennoch hast du übersehen, daß mein Ziel nicht meine Heimat sein muß.

Genau in diesem Augenblick macht ein Mitglied der Besatzung seinen Kapitän auf das näherkommende Kap aufmerksam. Adonis nickt ihm dankbar zu: Entschuldige, ich muß unser anregendes Gespräch abbrechen. Über unser Plaudern habe ich Zeit und Raum vergessen. Aber jetzt ist mein Mittun gefordert. Der große Kurswechsel steht an. Doch später würde ich unser Gespräch gern fortsetzen. Vorerst bin ich mir sicher, daß ich auf unsere Mitreisende bauen kann.
Voller Dank für die gewonnene Zeit gibt Marpesia zurück: Das Schiff ist ja nicht so groß, daß man sich aus dem Wege gehen könnte. Doch im Ernst, nicht nur weil es von der ungewohnten Bewegung des Bodens ablenkt, ich freue mich schon auf die Fortsetzung.

Bevor das zu erwartende Gewimmel der Mannschaft auf Deck beginnt, nimmt sie ihren Beobachtungsplatz am Bug wieder ein. Sie beobachtet die Vorkehrungen ihres neuen Freundes, dem Schiff eine neue Fahrtrichtung zu geben. Allein das läßt Marpesia ihren Schrecken vergessen. Sie sieht, wie der Kapitän das Ruder übernimmt und mit dem abgelösten Steuermann einige Worte wechselt. Der bringt die Mannschaft auf ihre Posten und tritt dann auf die Priesterin zu: Ich hoffe, ich störe dich nicht. Das Wendemanöver beginnt gleich. Adonis bat mich, dir vorher etwas zu zeigen, was ihm am Ruder gerade aufgefallen ist.

Gespannt auf Adonis Entdeckung, folgt Marpesia dem Steuermann durch das Schiff. Bei ihrer Ankunft weist Adonis mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf das Kap und sagt: Wir verlassen jetzt den Schutz des Landes. Ab jetzt bekommen wir den Wind voll ins Segel und die See wird rauher. Du könntest seekrank werden. Betrachte mal die Wellen vor und hinter dem Kap.
Die Priesterin wendet den Blick und bemerkt eine Linie, die die Wellen zu teilen scheint: Zwischen uns und dem Kap verläuft eine Grenze. Aus unserer Richtung sind die Wellen glatt, dahinter sind sie mit feinen Kräuseln bedeckt. Die scheinen schräg über die Wellenkämme zu laufen.
Der Steuermann nickt erstaunt: Daß du als Landratte das erkennst! Der Wind beginnt seine Richtung zu ändern. In diesem Augenblick erlebst du das Ende der Etesien. Damit habe ich meine Aufgabe erfüllt. Soll ich dich an deinen Platz begleiten?

Der Hinweis auf eine ungehinderte Weiterfahrt begeistert Marpesia, obwohl ihr Magen zunehmend protestiert: Nein danke, das schaffe ich allein. Du wirst sicher beim Wenden gebraucht. Vielen Dank für deinen Hinweis.
Der Steuermann grüßt und mengt sich sofort unter die Mannschaft. Nun ist es die vermeintliche Amazone, die dem Phönizier für seine Fürsorge verschwörerisch zuzwinkert, als sie an ihm vorübergeht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert