Auch am nächsten Morgen und in den folgenden Pausen sind “Merkmale” und “Kennzeichen” der verschiedenen Völker Thema. Die Hellenen hatten dafür den Begriff Charakter geprägt, den die Amazonen übernommen hatten. Als sie sich am Abend um Marpesia sammeln, muß erst einmal das Auffällige an den verschiedenen Völkern, die ihnen auf ihren Reisen begegnet waren, ausführlich erörtert werden. Schließlich diskutiert man Medeias Zwangslage und findet bald, daß sie nicht anders handeln konnte. Iason war zu lange abwesend gewesen, um Iolkos nach Pelias Tod für sich einzunehmen.

Wieder einmal folgt Marpesia einer ungewollten Wendung: Ganz Iolkos war davon überzeugt, daß Medeia den Betrug an Iason rächen wollte. Natürlich nahm niemand der Fremden ab, daß sich Pelias im Übermut selbst umgebracht hatte. Schließlich ließ der Haß gegen die Fremde die Iolker handgreiflich werden. Medeia und Iason flohen in die Stadt, aus der Medeias Vater stammte. Es dauerte nicht lange und die korinthischen Frauen lernten Medeias Fähigkeiten zu schätzen. Auch das, um das ihr Vater sich vergeblich bemüht hatte, versuchte sie. Sie suchte die Schmiede von Korinth auf. Doch was ihrem mit Metall vertrauteren Vater schon widersinnig erschienen war, stieß bei seinen ehemaligen Untertanen auf völlig taube Ohren.

Melanippe füllt eine Gedankenpause ihrer Mutter: Nur einer der älteren, abgeschlagenen Jünger des Hephaistos ließ sich auf ihre Anregungen ein. Was hatte er noch zu verlieren? Und siehe da, Medeias Rezepte machten seine Waren denen der bisher tonangebenden Konkurrenten unerreichbar überlegen. Plötzlich konnte er der Nachfrage kaum Herr werden. Die dadurch Benachteiligten bestürmten den Alten um seine Geheimnisse. Aus seinen Bemerkungen schlossen sie, daß er auf Medeia gehört hatte. Nun erst fiel ihnen ein, wie sie den Rat einer Frau hochnäsig beiseite geschoben hatten. Auf einmal wurde Medeias Herkunft zum Thema.

Melanippe läßt ihrer Mutter wieder den Vorrang: Weil der letzte Nachfolger der Regenten des Aietes gerade verstorben war, erkannte man das Recht Medeias an und machte ihren Mann Iason zum König. Medeia blieb sie in Korinth die Kolcherin. Die Furcht vor ihrem Wissen ließ auch hier ihren Ruf ins Unermeßliche wachsen. Mußte eine Frau aus der Fremde, die Goldschmieden erfolgreiche Rezepte und Kindern und Kranken Leben schenken konnte, nicht eine unbekannte Göttin sein. Man hatte ja schon vor den eigenen Göttern Angst. Das Land ihres Vaters schien sich gewaltig verändert zu haben. Oder die lange Abwesenheit hatte ihn Unerfreulicheres vergessen lassen. Negative Erinnerungen hatte ihr Vater äußerst selten. Die deutete er nur an. Die Tochter war sich sicher, der zeitliche Abstand hatte seine Erinnerungen in ein rosiges Licht getaucht.

Marpesia muß ihre bisherige Erzählung überdenken. Sie möchte Iason nicht ungerecht darstellen: Längst hatte Medeia erkannt, daß nicht ein besonders herausragender Geist Iason zurückhaltend schweigen ließ. In Kolchis hatte sich ihre ganzen Familie mit einander ausgetauscht. Sogar ihr Vater nahm an den Gesprächen teil. Der Austausch hatte ihr Bild von einem Partner geprägt. Sie stellte sich vor, wie er sich in ihr und sie sich in ihm spiegelte. Oft versuchte sie, Iason in ein Gespräch zu ziehen. Doch jeden Versuch konnte sie nach wenigen Worten nur abbrechen. Sie stellte fest, daß er sie noch weniger verstand als ihr Vater. Ein Helene konnte nicht doch einer Frau folgen. Bekümmert zog sie sich immer mehr zurück. Aus ihrem Kummer erlösten sie der weise Pittheus und seine gelehrsame Tochter Aithra. Sie gewöhnten sich daran auf dem Weg zwischen ihren beiden Residenzen in Korinth zu pausieren, um sich mit Medeia auszutauschen. Aus den Begegnungen wuchs eine enge Freundschaft.

Vor allem Frauen und Mädchen konnten Medeia verstehen. Freundschaft war ihnen so wichtig, daß das Thema für eine neue Unterbrechung Marpesias sorgte: Ich verstehe euch gut! Ihr alle habt eure Freunde. Freunde sind fast wichtiger als die Familie, in der ihr aufwachst. Freunde sucht man sich selber aus. Doch ich glaube, Hellenen finden im Unterschied zu uns Amazonen Freunde ausschließlich im eigenen Geschlecht. Eine Freundschaft zwischen den Geschlechtern erscheint ihnen suspekt. Medeia hatte in Iason den Freund gesucht. Aber der vermochte er allein durch seine Erziehung nicht zu sein. Er blieb ihr fremd. Doch wenn er etwa erreichte, verdankte er es meist Medeia. In vielen Völkern kann ein Mann eine überlegene Frau als Partnerin schlecht verkraften. So hatte sie viel Zeit für ihre Versuche und für Gäste.

Die Schilderung des Besuchs übernimmt Melanippe: Das von den Frauen begonnene Gespräch über Geburtshilfe, erinnerte Pittheus an seinen größten Kummer. An seinem ursprünglichen Hof in Pisa waren Aithra und Bellerophon einander versprochen worden. Der Bräutigam mußte das Land verlassen und ließ sich nie wieder bei seiner Braut blicken. Pittheus liebte seine Tochter sehr. Um Aithra das Gerede über die “sitzengebliebene” Braut zu ersparen, war ihr Vater mit ihr nach Troizen gezogen. Dort wandte die junge Frau sich ganz den für Hellenen unweiblichen Wissenschaften ihres Vaters zu. Beide fanden in Medeia eine verständnisvolle Zuhörerin. Je länger Aithra allein war, desto weniger verheißungsvoll schienen ihr die Männer, die ihr außer ihrem Vater am Hofe in Troizen begegneten. Als Pittheus dann sah, wie Aithra mit Medeias Kindern spielte, wollte er von ihr wissen, ob eine Frau nicht etwas vermissen würde, wenn sie keine Kinder bekommen würde. Medeia war von dem für einen Hellenen ungewöhnlichen Versuch, sich in ein Mädchen einzufühlen, begeistert.

Melanippe hatte Grund zu Fragen geliefert. Braut und Bräutigam sollten erklärt werden. Doch den Mädchen hatte es ganz besonders die “sitzengebliebene” Braut angetan. Als sie die üble Nachrede erklärt bekamen, waren sie sehr froh, in Themiskyra und nicht in Hellas zu leben.

Das hielt auch bei Marpesias Fortsetzung an: Pittheus fragte Medeia, ob sie nicht einen Mann für Aithra kenne. Dazu fiel Medeia ein Gast ein, den sie kurz zuvor kennen und schätzen gelernt hatte, Aigeus. Sie war nicht erstaunt, zu hören, daß Pittheus und Aigeus befreundet waren. Als Aithra dazu kam, das Thema erahnte und unwillig wurde, wiegelte Medeia ab. Sie hätten nur über die beiden einzigen Männer in Hellas gesprochen, denen sie sich bedingungslos anvertrauen würde. Nun wurde der Erechthide von Aithra bedauert. Seine Brüder bedrängten ihn in der Erbfolge. Sie behaupteten sogar, er sei zeugungsunfähig. Erben machten erst einen hellenischen König aus. Dabei hatte Aigeus seine Potenz bewiesen. Seine beiden Frauen wurden schwanger. Beide starben jedoch bei der Geburt. Schließlich suchte Aigeus Rat in Delphi.

Einige Frager brauchten ein wenig mehr Zeit. Der Unterschied zwischen Hellas und Themiskyra war einfach zu groß. Zunächst mußte noch geklärt werden, warum in Hellas Paare einander versprochen wurden. In Themiskyra fanden sie sich einfach.

Das, womit Marpesia fortfährt, rührt noch mehr auf: Wenn Aigeus kinderlos blieb, würden seine Brüder ihn beerben. Schon Aigeus Verbindung mit Melite war dem neidischen Pallas und seinen Söhnen ein Dorn im Auge. Ein Sohn aus dieser Verbindung wäre unanfechtbar gewesen. Doch dann hatte ihr plötzlicher Tod die Gefahr gebannt. Danach nahm er Chalkiope zur Frau. Sie war Großtochter des Abas. Er war König von Euboia, bis der Bruder des Aigeus, Lykos, dort Herr wurde. Lykos hatte kein Interesse an Kindern seines Bruders mit der Tochter seines Vorgängers. Wieder verstarb eine Frau des Aigeus bei ihrer ersten Geburt. Aigeus’ Schilderungen machten Medeia sicher, am Hof von Athen konnte nur ein wehrfähiger Sohn überleben. Vielleicht wußte das Orakel ja Rat.

Unverständnis für Orakel bricht sich Bahn und unterbricht ein weiteres Mal die Erzählung. Unter Amazonen glaubt niemand, die Zukunft vorhersagen zu können. Man legt viel mehr Wert darauf, zu lernen, Risiken gut abzuwägen. Die Skeptiker staunen darüber, daß fast alle Nachbarvölker an Orakel glaubten. Ihre Verwirrung läßt sie hilflos verstummen.

Marpesia findet: Aigeus Erfahrung scheint eure Skepsis zu bestätigen. Ihm wurde verheißen, keinen Weinschlauch zu öffnen, bis er nach Athen zurückgekehrt sei, wolle er großen Kummer vermeiden. Er sah keinen Zusammenhang zwischen der Weissagung und seinem Problem. Ungetröstet erschien er wieder in Korinth. Eigenschaften, die Medeia sich von einem Partner erträumte, offenbarte Aigeus in den folgenden Gesprächen. Auf Umwegen ließ sein Verständnis sie einige Regungen ihres Vaters verstehen. Aigeus ahnte nichts von dem, was er auslöste. Doch er fühlte sich so geborgen, daß ihm über die Lippen kam, wie sehr er litt. Jetzt, wo Medeia mehr hörte, sah sie ihren Verdacht bestätigt. Nicht die Natur, sondern die Erbfolge hatte Unsägliches unter Aigeus Frauen angerichtet. Nun vertraute auch Medeia ihm ihren Kummer an. Er erfuhr von den Sorgen einer Fremden in seinem Land. Bald teilte Aigeus Medeias Erlebnisse mit Aietes und Iason. Er bedauerte, daß sie über ihre Erfahrungen ihre Träume über das Geburtsland ihres Vaters verloren hatte.

Marpesia sieht ein, Aigeus Schicksal hat das Orakel noch nicht verdrängen können: Wir glauben nicht an die Vorbestimmung. Ihr werdet den Glauben an Orakel nie verstehen können, genau wie den Haß auf Allotria unter dem Medeia litt. Die Angst vor “Fremden” wird meist auf den Genos geschoben. Dabei hat diese Furcht mit der “Rasse” nichts zu tun. Ich bin durch meine Reisen und unsere Hani Fremde gewohnt. Dennoch entdecke ich auch bei mir Ansätze von Zurückhaltung gegenüber Fremdem. Ich halte es für richtig, daß man alles erst einmal prüft. Wer prüft, kann nicht hassen. Streben nicht Viele danach, aufzufallen? Macht es uns da nicht reicher, anders als Andere wahrgenommen zu werden? So entnahm Medeia dem Orakel einen Hinweis auf den gewünschten Nachfolger. Sie riet dem Untröstlichen zu einen Umweg über Troizen. Bei seinem Freunde würde er sicher zur Ruhe kommen. Als Gruß für Pittheus gab sie ihm einen Schlauch ihres besten Weines mit. Er würde damit ihre Sicht auf das Orakel verstehen.

Nun kann sich Peri nicht mehr bremsen: Mich stören neugierige Blicke nicht, auch wenn sie andauern. Ich bin stolz darauf, daß man mir meine Herkunft ansieht.

Die Großmutter fährt ihrer Enkelin verständnisvoll über das Haar und verabschiedet sich für diese Nacht. Doch die Diskussion über Fremdes und Fremde und deren Angewohnheiten, deren Glauben und deren Ängste hält noch lange an. Nicht alle mögen sich eingestehen, daß sie Marpesias Geständnis auch an sich selbst entdecken können. Aber auch die Andeutung über Medeias Entschlüsselung des Orakels gibt Gesprächstoff. Auf dem Weg nach Haus fragt Marpesia besort Melanippe, wie erst die Reaktion morgen sein wird. Dann wird vom Tod von Iasons Braut und vom Mord an Medeias Kindern die Rede sein. Die Reaktion ihrer Tochter verhilft ihr zu einer ruhigen Nacht. Medeia ist ja auch ihr großes Ideal!

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