So ruhig wie der vergangene Tag endete, beginnt der nächste Morgen. Selbst bei Begegnungen den Tag über bleiben Fragen aus. Nicht einmal von Perithymone, die sich auf ihre Initiationsreise vorbereitet, wirde Marpesia auf Medeias Reise angesprochen.
Die Frage, die Marpesia erwartet, scheint sich einfach niemand zu stellen: Aietes hatte in Medeia eine unstillbare Sehnsucht nach dem Land seiner Väter wachsen lassen. Nur in ganz seltenen Fällen gab er zu, daß es auch Nachteile gab. Doch den Weg dorthin hatte Aietes gut verriegelt. Und nun waren auch noch die unfreiwillig zurückgekehrt, die der König mit einem Auftrag durch die geschlossenen Türen des Hellespontos hatte schlüpfen lassen wollen. Sie wußte nicht, welches Unglück größer war, ihre Neffen in der Gewalt von Argonauten. Es waren immerhin Leute, die den gleichen Ursprung hatten wie ihr Vater. Aber auch am ehemaligen Hof ihres Vaters sah sie ihre Neffen scheitern. Für sie hatte jede Münze zwei Seiten!
Die Reaktion läßt Melanippe einspringen: Nein, stöhnt nicht über diesen alltäglichen Spruch. Man muß viel zu oft eine Sache von beiden Seiten betrachten, um ihren Wert zu kennen. Medeia wollte sehen, wie andere Hellenen die Medaille ihres Vaters betrachteten. Zum Erstaunen Aietes und Chalkiopes war die sonst Vielbeschäftigte plötzlich am Hof. Noch merkwürdiger fanden sie es, daß Medeia die Ankömmlinge freundlich behandelte. Niemand, am wenigsten Aietes ahnte, daß er selbst den Anstoß für ihr Verhalten gegeben hatte. Er schwärmte zu oft von seinem alten Zuhause. Über die Unzulänglichkeiten seiner neuen Heimat hörte Medeia ihn viel mehr klagen.
Alle wissen, daß Medeia Melanippes großes Vorbild ist. Doch, daß sie sich so früh einbringt, erstaunt alle: Die Ankömmlinge boten Medeia die Chance, zu hören, was es über das gegenwärtige Hellas zu wissen gab. Der Besuch der Argo konfrontierte Aietes jedoch mit Eigenschaften seiner Landsleute, denen er im Umgang lange nicht ausgesetzt gewesen war. Wie er neigten sie dazu, aus allem einen Agon zu machen.
Nachdenklich geht Marpesia auf Melanippes Beobachtung ein: Doch anders hätten die kleinen zersplitterten Völker der Großmacht Persis nicht widerstehen können. Es ist noch nicht so lange her, da fiel Leonidas aus Sparta. Er versuchte, eine Übermacht von Persern zu hindern, den Paß an den Thermopylen zu überschreiten. Für Aietes war “Persien” neben Troia Hauptabnehmer von Gold. Gold wird über Land, wie alles andere, über unsere Hani transportiert. Als Aietes nach Kolchis kam fiel ihm erstes der Goldreichtum des Phasis auf. Er suchte den Ursprung des Goldes im Wasser. Bald stammte Gold, mit dem er Troia versorgte, vom Ufer des Araxas. Kura und Araxas waren zwei viel mächtigere Flüsse als der Phasis. Sie flossen ins Kaspische Meer. Das goldene Vlies von Kolchis hielt man im Westen für eine göttliche Hinterlassenschaft.
Die Aussage ergänzt Melanippe: Um das goldene Vlies woben sich in Hellas die verschiedensten Mythen. In Kolchis wußte jeder, daß es nur ein Widderfell war, in dem man aus dem Wasser des Phasis Gold sammelte. Das erste Vlies wurde der Göttin zum Dank für ihre Gabe geopfert. Aietes konnte es damit seine Söhne nicht auslösen. Sollten sie die Argonauten ihn ernst nehmen, mußte er verbergen, daß ihm das goldene Vlies nicht gehörte. Nur absolut herrschende Könige wie in Hellas wurden ernst genommen. Als solcher lud er die Argonauten in sein Haus.
Selbstvergessen spann eine Stimme die Geschichte weiter, wie Medeia dann ihren Helden kennengelernt hatte, wie sich Liebe einstellte, wie sie ihren Vater betrog, als zauberkundige Hexe mit nach Griechenland reiste, um dort weiteres Unheil anzurichten.
Melanippe hörte kopfschüttelnd zu: Du hast gut gelesen! Das berichten die Hellenen von Medeia. Die pontische Version klingt etwas anders. Medeia war ein sehr starkes Mädchen mit eigenem Willen und großem Wissen. Ihre Erziehung hatte sie kritisch gemacht. Als ihr Vater sein Problem mit einer Hochzeit zu lösen suchte, wollte sie lieber sterben, als in eine Verbindung zu treten. Ihr Vater hielt Iasons Mitreisende, besonders Herakles, für akzeptable Schwiegersöhne. Sie konnte sich keinen der glänzenden Heroen der Argo als Partner vorstellen. Es stieß sie ab, wie Herakles demonstrierte, unverletzbar zu sein. Den anderen Heroen genügten es, Männlichkeit unübersehbar vor sich her zu tragen. Medeia schien der Geist der Heroen mit ihrem Körperwuchs nicht Schritt gehalten zu haben. Selbst mit der besten Ausbildung kam man einfach zu Wort.
Marpesia freut sich, daß ihre Tochter sich übt, ihre Aufgabe als Erzählerin zu übernehmen: Der um seine Reputation bemühte Aietes ahnte nicht, daß Medeia die Heimreise der Argo längst in die Wege leitete. Sie wußte, wenn das heilige Vlies ersetzt wurde, verlor es sein färbendes, wertvolles Erz. Dieser Moment stand kurz bevor. Der Rang den sie sich als Heilerin erworben hatte, erleichterte ihr den Handel. Aietes hatte seinen Kindern Gold aus den Gruben des Transkaukasos geschenkt. Das tauschte Medeia gegen das Gold, das aus dem Vlies gewaschen sollte. Sie erhielt das begehrte Vlies unversehrt.
Marpesia nickt Melnippe zu, weil sie merkt, daß der etwas auf der Seele brennt: Ihr wißt, ich verehre Medeia. Ich glaube, sie hatte die gleiche Idee wie ich. Im Zusammenleben von Mann und Frau hoffte sie, die gleiche Einheit erreichen zu können, die ihr beim Mischen von Metallen mit Gold gelang.
Der Lieblingsgedanke ihrer Tochter scheint Marpesia Menschen zu überfordern: Ich möchte noch einmal zum Beginn des Besuchs zurückkehren. Die lästigen Gäste konfrontierten Aietes schon mit Umständen, vor denen er geflohen war. Nun wurden ihm noch Geiseln auferlegt. Wie hellenische Könige versuchte er sich die ungeliebten Gäste vom Hals zu schaffen. Er erlegte Iason undurchführbare Aufgaben auf. Sollte er die unerwartet bewältigen, versprach er ihm die Aushändigung des Vlieses.
Leise murren die Zuhörer. Die Geschichte war schon mehrfach zu hören. Ein Nachbar von Marpesia versucht zu erklären: Ich glaube, ich ahne, weshalb die Geschichte eines Einzelnen später noch für Andere Anspruch genommen wird. Als Amazonen denken wir nicht wie Heroen. Die befinden sich im Wettbewerb ähnlicher Abenteuer. Sie wären beleidigt gewesen, erschiene die Prüfung zu leicht. Ihnen gestellte Aufgaben mußten anderen unerfüllbar erscheinen. Wie jeder seiner Vorgänger war auch Iason davon überzeugt, gerade ihn hätten die Götter ausersehen. Wäre er der gewesen, für den er sich hielt, hätte ihn später das Gerede über Medeia nicht gestört, im Gegenteil. Doch wie alle Anderen war er nicht bereit, zu lernen.
Marpesia nickt dem Sprecher zu: Du beobachtest wirklich scharf. Wie du, sah natürlich auch Medeia, daß ihr Vater sein Wort nicht halten konnte. Ihr Anliegen war aber die Befreiung ihrer Neffen. Sie versprach Iason, zu helfen, das Vlies zu gewinnen. Mit dem erworbenen Fell gelang es ihr, Aietes’ Großsöhnen und sich die Mitnahme in das ersehnte Land ihres Vaters zu erkaufen. Wie zu erwarten, sandte Aietes der Argo kolchische Schiffe hinterher. Um ihre Herkunft nicht zu verraten, reisten die Argonauten am Heimathafen vorbei. Auf Korkyra holten die Kolcher Iason schließlich ein. Und ihr Vater veranlaßte, was weder er noch Medeia wollte.
Hier herrschte der Phaiakenkönig Alkinoos. Von ihm verlangten Aietes’ Boten die Herausgabe Medeias und des Vlieses. Alkinoos erkannte kein Anrecht auf das Vlies. Und Medeias Rückkehr machte er davon abhängig, ob sie inzwischen eine Ehe eingegangen war. In der folgenden Nacht heirateten Medeia und Iason in der Grotte der Makris. So ging Kolchis leer aus.
Den schlechten Leumund ihrer Heldin hält Marpesia für üble Nachrede: Nun hinderte Medeia nichts mehr, das von ihrem Vater gepriesene Land zu entdecken. Verborgenes reizte sie. Von äußerem Schein ließ sie sich nicht täuschen. Herakles war dem Vernehmen nach unüberwindbar. Wenn der sich einem Iason unterordnete, mußte der über verborgene Fähigkeiten verfügen. Das Geheimnis wollte sie enthüllen. Sie war gespannt, was sie entdecken würde. Wäre sie Aietes, wären ihre Erwartungen gering. Ihrem Vater bereiteten seine Landsleute nur Probleme. Ihr Ehemann schien ihn bestätigen zu wollen. Oft mußte sie mit ihrem hellen Geist eingreifen, um ihm aus manchmal tödlicher Verlegenheit zu helfen.
Die Erzählerin gibt ihrer Tochter das Wort: Die hellenischen Ansichten über die Ehe und die Geschlechter, ließen Medeia scheitern. Ich nehme an, Iason konnte ihrer Vorstellung von Mann und Frau nicht annähernd folgen. In der Schmelze im Miteinander mit ihr fürchtete er, sich zu verlieren. Ängstlich beharrte er auf seiner “Unabhängigkeit”. Der Traum Medeias von Gemeinsamkeit mündet in einem Nebeneinanderher. Jason wollte nur den Heros in sich retten. Das Zusammenspiel war ihm gleichglültig, wenn er nur möglichst viele Höhepunkte erreichte.
Besonders die Mädchen bedauern die junge Ehefrau. Sie mußte sich mit dem Meer und den Winden herumplagen. Und dann fand sie nicht die erhoffte Gegenliebe. Marpesia kehrt zur Reise zurück: Kaum noch erwartet, erreichten sie Iolkos. Und Iason stellte fest, daß sein Onkel seine Eltern gefangen hielt. Die überraschende Rückkehr gab den Gefangenen die Freiheit zurück. Iason bat seine Gemahlin, den in der Haft erkrankten Vater zu heilen. An der Genesung seines ungeliebten Halbbruders erkannte Pelias die Kunst der Kolcherin. Nun forderte er von ihr, verjüngt zu werden. Medeia kannte Mittel, wie man Patienten mehr Elan verschaffen konnte. Die von ihr geforderte Therapie jedoch lehnte sie ab, weil Pelias Zustand dafür zu angegriffen war.
Einer der Knaben hat noch andere Aspekte im Auge: Pelias hatte von Iason das unerreichbare Goldene Vlies zum Tausch gegen den Thron gefordert. Als er es bekam, betrog er Iason erneut um sein Erbe.
Für eine billige Replik ist Marpesia Medeia zu fein: Du hast Recht, ohne an sein Versprechen zu denken, klagte Pelias seinen Töchtern seinen vergeblichen Versuch. Sie durchsuchten Medeias Gepäck. Sie konnten die verschiedene Arzneien aber nicht unterscheiden. Nun bedrängten sie die Kolcherin. Die hatte die Übergriffe längst bemerkt. Erschöpft ließ sie sich die Mittel abringen, warnte aber sehr nachdrücklich vor dem Risiko. Iasons Onkel hielt ihre Vorbehalte für Mißgunst. Alle Warnungen schlug er in den Wind und drängte seine Töchter zum Versuch. Als er aus dem Heilschlaf nicht wieder erwachte, gab man selbstverständlich der Ausländerin die Schuld. Was nicht zum Genos, der “Rasse” gehörte, war allotrios, also “fremdartig”, und damit von vornherein anrüchig.
Die anschließende Diskussion war nicht so ausschweifend, wie sonst so oft. Obwohl die Amazonen durch ihre vielbesuchten Hani Fremde gewohnt waren, konnte niemand Antipathie und Sympathie Andern gegenüber bestreiten. Bei den Auffälligkeiten Fremder stellte sich die Frage nach der individuellen oder gemeinschaftlichen Herkunft der Besonderheiten. Ihre Zuhörer sollten sich die verschiedenen Völker vorstellen können. Dazu mußten die Erzählerinnen ihre unterschiedlichen Eigenheiten chakterisieren.
