Lange saßen die Ereiferten noch bei einander und suchten eine befriedigende Lösung. Natürlich fanden sie keine. Sie konnten es wenden, wie sie wollten, es bestätigte sich immer wieder nur die Doppelgesichtigkeit. Alles hat mindestens zwei Seiten. Nichts an der gehörten Geschichte konnte anders ausgelegt werden, denn sie war von Marpesia nicht erfunden worden. Sie hatte nur, wie immer, alle Seiten hell ausgeleuchtet, auch die, über die andere auf leichte Art schnell hinweggingen. Die Müdigkeit milderte die Enttäuschung. Auch die Eifrigsten begaben sich schließlich zur Ruhe. Als sie über die Geschichte geschlafen hatten und wieder über Herakles sprachen, kommt es Einigen vor, als hätte er immer wie ein kleines Kind reagiert. Als sie dann Marpesia begegnen, fällt deren ungemein zufriedenes Lächeln auf. Das reizt schließlich zur Frage nach dem Grund.
Die Fragerin staunt, denn das Lächeln der Königinmutter wird noch breiter: Ich habe mehr erreicht, als ich gestern beim Worte suchen erwartete. So oft wie heute, habe ich euch selten in Grüppchen stehen sehen. Und immer höre ich euch von Herakles sprechen.
Damit löst sie eine Lawine der Rechtfertigung aus: Bleibt das aus? Du hast es herausgefordert. Früher war Herakles das Ziel deines Ärgers und deines Spotts. Doch er blieb unangefochtener Heros. Jetzt, wo du nach seinen Beweggründen suchst, wird er vergleichbar mit uns.
Marpesia bekommt ein schuldbewußtes Gesicht: Entschuldigt. Wenn ich über Hellenen schimpfe, bin ich ungerecht. Eigentlich denke ich nur an Einzelne, die Schreckliches verüben. In Wirklichkeit bewundere ich die Hellenen. Sie sind Geschichtenerzähler wie ich. Vielleicht enttäuschen mich gerade deshalb die Unarten mancher ihrer Stammesgenossen so sehr.
Da prustet es aus Perithymone heraus: Oder wenn der Heros Herakles reagiert wie ein Kind!
Marpesia nickt in vollem Einverständnis: Deshalb holten die Götter Herakles wohl auch in ihren Kreis. Wenn man Homer liest, scheinen einem die Götter der Hellenen sehr menschlich geraten. Wenn sie so zahlreich auftreten, wie auf dem Olymp, werden sie Kindern sehr ähnlich. Wie ein Kind würde kein Gott des Olymp daran denken, sich zu verantworten. Doch bei den Menschen straften sie Hybris. Den Göttern gleichen zu wollen, hielten die Olympier für vermessen. Damit wurden sie für die Mächtigen dieser Welt nachahmenswerte Vorbilder. Nach Homer traten olympische Götter sogar in Wettstreit mit Menschen. Wenn sie verloren, wie bei Marsyas oder Sisyphos, rächten sie sich aber furchtbar.
Einige der Zuhörer finden: Die Vielzahl von Göttern reizt eher zur Konkurrenz als zum Verantwortung tragen. Auserwählte Menschen ließen sie sogar zu sich aufsteigen. Weil sie sich mit den Menschen so vergleichbar verhalten, bieten sie sich zum Sprechen über sie regelrecht an. Richtig schwierig wird es erst, wenn man versucht, sich die große Mutter vorzustellen. Ma mischt sich in das Tagesgeschäft der Menschen nicht ein.
Den ganzen Tag hält die Diskussion über den göttlichen Herakles die Amazonen auf Trab. Als es Zeit wird, Geschichten zu erzählen, wählen sie ein anderen Idol, Theseus. Diesem Wunsch folgt Marpesia gern: Da kann ich ja anknüpfen, wo wir gestern endeten. Theseus ist Herakles’ jüngerer Vetter. Aber auch er erschreckt mich!
In dem Moment tritt Melanippe hinzu: Vielleicht erschrecken dich die Hellenen auch, weil sie ein so absolut von männlichen Träumen regiertes Volk sind. Amazonen müssen Chauvinisten das Fürchten lehren. An dem, was Hellenen über uns berichten, ist das abzulesen. Hellenische Bildhauer und Maler sehen uns in ihren Gemälden, Standbildern und Reliefs ganz anders. Ihre Bildnisse von uns sind sehr schmeichelhaft. Selbst die kämpferische Atalante wird in der Literatur nicht so schrecklich dargestellt, wie wir. Die uns Amazonen zugesprochenen Eigenschaften sind einem Herakles oder Theseus und deren skrupelosen Verhalten angemessen.
Marpesia blickt ihre Tochter voller Einverständnis an und setzt ihren Gedanken fort: Aber es könnte sein, daß noch etwas Anderes wirkt. Die Griechen erzählen mit Schrift. Bei Völkern, die nur erzählen, darf kein Wort verändert werden, weil sich die Geschichte sonst unabänderlich verändern würde. Vielleicht bin ich etwas eifersüchtig darauf, daß ich meinen Geschichten nicht einen mir genehmen Verlauf geben kann. Ich denke mir, die Schreiber der Hellenen stoßen auf andere Schriften zu ihrem Thema. In ihrer Lust zum Wettbewerb nehmen sie sich das Recht, eine eigene Wirklichkeit zu erfinden. So muß es viele Wahrheiten bei Geschriebenem geben. Wie soll man unterscheiden, ob eine Geschichte Geschehenes berichtet oder umgeformt?
Melanippe greift Marpesias Skepsis auf: Man kann nicht erkennen, ob ein Schreiber widergab oder seine Geschichte seinen Wünschen anpaßte. Wahrheit ist für Jeden etwas Eigenes. Einen inspiriert das Erlebte. den andern eine entzückende Darstellung davon. Wenn man den Urheber kennt und den Zeitraum, in er den Text niedergeschrieb, läßt sich noch manches erschließen. Doch Bücher haben einen unzweifelbaren Vorzug. Ihr Wissen stirbt nicht mit den Erzählern. Bücher sind wunderbar und gleichzeitig höchst gefährlich. Ihrer Gefahr versuchen wir vorzubeugen. Schon bald wird Marpesia ihre Version von Adonis Besuch vorstellen. Ihr alle werdet dafür sorgen, daß der Besuch des Phoinikos hier in Themiskyra so erzählt wird, wie er sich für uns abgespielt hat.
Zaghaft erinnert eine Stimme Marpesia an Theseus. Die wäre nicht Peris Großmutter gewesen, hätte sie nicht gleich eine Erklärung parat gehabt: Entschuldigt meine Abschweifungen. Ich will euch nur in den Stand versetzen, selbst zu urteilen, auch über meine Geschichten. Alles hat eine Vorder- und eine Kehrseite, Menschen, Leben, Liebe und Geschichten. Bei Theseus wird das besonders deutlich. Über ihn kann man nicht sprechen, ohne an Medeia zu denken. Ohne sie gäbe es keinen Theseus. Sie sind die männliche und weibliche Seite einer Medaille.
Die Erzählerin ist ganz von ihrem Gedanken erfüllt: Deshalb will ich jetzt erzählen, wie es zu Theseus kam. Was ihr hört, wird von allen Geschriebenen abweichen. Iason wollte sein Erbe auszulösen. Dazu mußte er von unseren Nachbarn das goldene Vlies holen. Damals war es noch nicht so einfach nach Kolchis zu gelangen. Bis zu Iasons Argo, mit der er Kolchis erreichte, war außer Herakles erst ein griechisches Schiff hier her gekommen. Auf dem fuhr Aietes, der König von Korinth. Korinth war damals eine der größten Städte Griechenlands und das Einfallstor in die Peloponnes. Hier schneiden sich Verkehrswege und der Isthmos. Die ”Landenge” machte die Stadt zu einer bedeutenden Handelstadt. Die Güter wurden am Golf von Korinth im Hafen Lechaion und am saronischen Golf in dem von Kenchreai umgeschlagen. In Korinth trafen sie auf einander.
Die Beschreibung von Korinth reizte das Publikum nicht: Korinths Lage half seinen Töpfern, Teppichwebern und Schmieden über Hellas hinaus berühmt zu werden, ganz besonders aber dem „korinthischen Erz“. Erz und Bronze heißen in Hellas beide Chalkos. Viele glaubten, die Metalle hätten ihren Ursprung in der Stadt. Doch der Ruhm begründete sich allein darin, weil man in Korinth die begehrten Waffen bekam. Die Grundlage dafür lieferten auch Bodenschätze aus Aigina und Delos. Der Handel wurde immer weitreichender. Er sorgte für die Verbreitung der „Fohlen“, der berühmten Münzen Korinths. Auf einer Seite von ihnen wurde das Abbild des Pegasos aufgeprägt, der den Münzen ihren Namen gab. Für die horrenden Gewinne hatte Korinth ein Schatzhaus auf Delos.
Vorsichtig blickt Marpesia zu Perithymone. An Münzen mit Pegasos hatte sie kein Interesse. Ihr ging es darum das fliegende Pferd zu reiten. Völlig ungerührt blickt sie die Erzählerin an: Zur Zeit des Aietes war die Nachfrage nach den berühmten Erzen so groß, daß immer mehr eingeführt werden mußte. Ein wichtiger Lieferant war Troia. Doch häufig standen die Winde widrig und die Schiffe kamen nicht, wie sie sollten. Deshalb suchte der König Möglichkeiten, das begehrte Material selbst zu gewinnen. Genau wie Korinths Kunden die Stadt für den Ursprung der Erze hielten, nahm auch Aietes an, daß es in Troia, wo er es erwarb, gefunden und aufbereitet wurde. Als Händlerkönig, reiste er seiner Ware entgegen. Der Nachahmer wegen verschwieg er seine Absichten.
Der Name Aietes ist in Themiskyra als früherer Nachbar bekannt. Entsprechend interessant ist seine Herkunft. Das verzögert die Fortsetzung der Geschichte etwas: Als guter Handelspartner wurde Aietes in Troia überaus freundlich empfangen. Aus eigener Erfahrung erkannte er, daß auch Troia nur mit Waren anderer handelte. Die Güter, die seine Aufmerksamkeit erregten, bezog Troia vom Ende der Welt, vom Pontos. Dort mußte er hin! Im eigenem Interesse behinderten die Troier fremde Schiffe an der Durchfahrt durch die Pforte zum Pontos. Diese Politik brachte ihnen etwas später den Krieg mit den Achaiern. Wie schon die Korinther ließ Aietes die Troianer über seine Absichten im Unklaren. Er wollte im Leinen- und Getreideanbau berühmten Kolchis dessen Methoden studieren. Landwirtschaft schien Troia keine Gefahr. Es ließ Aietes weiter reisen.
Die Amazonen kennen natürlich alle Erzeugnisse ihrer Nachbarn. Bei ihrem Aufenthalt bei den Kolchern lernten sie neben deren Hausbau auch den geheimnisvollen Umgang mit Erz kennen. Sie hatten etwas beizutragen. Auf ihrem Weg nach hier waren sie immer wieder auf Völker gestoßen, die Erz verarbeiteten. Im Tal der himmlischen Pferde hatte sie die erstaunlichen Fähigkeiten der Schmiede und Gießer kennengelernt. Dort hatte man von den unüberwindlichen Bergen des Kaukasos als einer Quelle des Erzes gehört.
So können alle gut nachvollziehen, was Marpesia berichtet: Genau wie wir das Pferd in Ferghana, fand Aietes am Pontos in der Kunst des Hephaistos, das, was er suchte. Er bemerkte erst zu spät, daß er zuviel Zeit verloren hatte, um sich seinen Thron in Korinth zu erhalten. Man würde ihn für einen Fremden halten, wie es Homer von Odysseus erzählte. Er hatte keine Söhne. Als Hellene unterschied er zwischen Aufgaben von Töchtern und Söhnen. Ihm blieb nur, auf Großsöhne zu warten und diese auszusenden, um sein Recht zu wahren. Der Überfall von Herakles auf uns und die Nachrichten seines Schwiegersohns Phrixos, nahmen sein Zuversicht.
Marpesia kann ohne viele Rückfragen enden. An diesem Abend kehrt überraschend schnell Ruhe ein. Die war nach den Aufregungen der vergangenen Tage auch erforderlich.
