Nun erfüllt sich der lange gehegte Wunsch vieler Zuhörer Marpesias. Sie hören von Herakles. Doch was von ihm berichtet wird, wirkt auf viele lähmend. Sie wollten einen Herakles, der gegen Unrecht und Gewalt kämpfte. Dieser jedoch verkörperte beides. Zum Ausgleich versuchen Marpesia und ihre Miterzählerinnen, dem Alltag etwas vom Gewöhnlichen zu nehmen. Fragen, wie Adonis sie bei Übungen und Arbeiten stellte, lenken die Bedrückten auf ihre eigenen Besonderheiten. Und wirklich, langsam setzt ein, was Marpesia erhofft. Die bisher von Herakes Versessenen beginnt sein Leben zu irritieren. Es hatte nichts mit einem erfüllten Dasein gemein, wie es Amazonen vorschwebt. Sie erfüllte es, wenn sie einen Menschen oder ein Tier retten oder einen Verletzten oder Kranken heilen konnten. Wie leer und hohl mußte sich einer fühlen, der nur darauf aus war, zu zerstören?
So vergeht der Tag dann doch schneller, als erwartet. Es ist mucksmäuschen still, als Marpesia an diesem Abend mit ihrer Gechichte beginnt. Ihre leisen Worte scheinen wie früher zu dröhnen: Ich hatte gestern den Eindruck, einige von euch hielten Atalante und Deianeira für Amazonen. Das ist nicht verwunderlich, beide könnten Schwestern von uns sein. Ich wüßte aber nicht, daß Amazonen je in Kalydon gewesen wären. Die Erinnerung an eine Amazone führten Herakles genau dort hin. Er hatte immer nur Sieger sein wollen. Doch als er Hippolyte im Augenblick ihres Todes ins Gesicht sah, berührte eine Verliererin ihn. Bei jedem Mädchen, das ihm danach über den Weg lief, erwartete er die gleiche Berührung von einer Lebenden. Herakles Hochzeit mit Deianeira zeigt, wie nahe sie seinen Erwartungen kam.
Melanippe übernimmt die Faden: Schon auf seiner nächsten Fahrt begegnete ihm in Ephyra, dem Anschein nach ein weiteres Abbild Hippolythes. Doch Amyntor weigerte sich, Herakles seine Tochter Astydameia anzuvertrauen. Für ihn hatte der Freier bereits zu viele Mädchen verraten. Seit seiner Kindheit hatte sich nichts verändert. Herakles versetzte es in glühenden Zorn, wenn er einen Willen nicht bekam. Er griff die Stadt an, erschlug den Vater und entführte Astydameia. Die verschüchterte Waise konnte nicht viel mit Hippolythe gemein haben. Um sie doch zu finden, erinnerte er sich wieder an Iole. Mit einem großen Heer drang er in Oichalia ein.
Die Tochter überläßt ihrer Mutter die Fortsetzung: Mit seiner unerwarteten Niederlage erkannte Eurythos sich in Herakles. Er mußte seine Tochter vor Seinesgleichen schützen. Zu spät, Herakles erschlug ihn und schickte Iole, wie eine günstig erworbene Ware, nach kurzer Anprobe, weiter nach Trachis. Zum Dank, daß er die letzten Untaten seines “Sohnes” gelingen lassen hatte, wollte er seinem “Vater” Zeus ein Opfer bringen. Er trug Iole auf, Deianeira ein besonders gutes Gewand für das Opfern senden zu lassen. Deianeira nahm es inzwischen als ihr Schicksal hin, ständig neue Geliebte neben ihrem Mann zu sehen. Doch das gerade eingetroffene Mädchen war fast noch ein Kind. Sie war voller Mitleid für die Waise und erfüllte Ioles Auftrag. Deianeira wählte ein Kleidungsstück aus, das Herakles einst besonders gefallen hatte.
Mit einer kleinen Pause macht Marpesia auch den Begriffstutzigsten auf den Höhepunkt ihrer Geschichte aufmerksam: Deianeira grauste sich vor dem Hemd. Nessos trug es, als er in ihren Armen durch einen Schuß von Herakles starb. Davon unberührt schlüpfte der Heros in das prächtige Gewand und begann mit dem Schlachtopfer vor dem Altar. Die Anstrengung erhitzte ihn. Sein Schweiß löste Nessos Blut aus dem Tuch. Nun ätzte das Gift der toten Hydra, mit dem Herakles Nessos umgebracht hatte, die Haut des Kentauren- und Hydramörders. Als man ihn von der Marter befreien wollte, riß das Kleidungsstück ihm das Fleisch von den Knochen. Herakles sah sich nach Schuldigen um. Doch der Schmerz wurde so unerträglich, daß er in das Altarfeuer sprang. Seine Suche nach immer neuen Spielen brachte ihn um. Sie machte ihn zum unbeabsichtigten Opfer seiner Opfer.
Alle versuchen, die quälenden Gedanken möglichst schnell abzuschütteln. Das entsetzte Schweigen läßt Melanippe das Wort ergreifen: Nun seid ihr unglücklich und ratlos. Mir erscheint eine Strafe sinnlos, wenn der Bestrafte das Ausmaß seiner Taten nicht einsieht. Wenn Menschen unverständlich handeln, sind oft ihre Götter Schuld. Wie so oft liefert Homer eine Erklärung. Ihre Söhne von Peleus sollten unsterblich werden. Dazu verbrannte Thetis ihre sterbliche Hülle. Bei Achilleus wurde sie unterbrochen. An seiner nicht von den Flammen beleckten Ferse fand er später den Tod. Auch Herakles, der Berserker in der Schlacht der Götter gegen die Giganten konnte auch nur so auf den Olymp gelangen. Menschen scheint das Feuer tödlich. Doch wie wollen Sterbliche die Götter der Hellenen verstehen? Es wird erzählt, der Höchste von ihnen hätte die Weisheit in Gestalt der weisen Metis gefressen. Für Amazonen bedeutet der Fraß des Zeus, daß er Metis und ihre Weisheit vernichtete!
Früher hatte man sich hinter Marpesia verstecken können. Nun, nachdem Adonis ihren Blick mehr auf die Heroen der Gegenwart gelenkt hatte, wütet sie weniger. Ungewollt setzt sie ihre Schützlinge damit mehr dem eigenen Empfinden aus: Wie sein Vater wird Herakles sich nie gefragt haben, wie sich die Mädchen fühlten, auf deren Körper er sich warf, nachdem er gerade Vater und Mutter erschlagen hatte. Wollen wir seine Nachfahren verstehen, müssen wir uns über Herakles Beweggründe klar zu werden. Die Hellenen kennen ähnlich unbeherrschte Ausbrüche von den Agonen, meist bei unerwarteten Siegen. Wie Pokale der Olympiaden oder der Panhellenischen Spiele sammelte Herakles Frauen. Ich glaube, er nahm gar nicht wahr, was er seinen Opfern antat. Es war alles nur Sport. An dem letzten Opfer reizte den Unbeherrschten allein, daß Iole ihm verwehrt wurde.
Marpesisas Autorität erlaubt einer der weniger Mutigen erst jetzt zu widersprechen: Wir haben doch inzwischen Hellenen zu Nachbarn. In keinem von ihnen konnte ich deinen Herakles wieder entdecken. Sie alle schienen mir kaum anders als wir.
Das reizt Peri zu einem Zwischenruf: Aber wenn es dort keine Heroen mehr gibt, ist es doch noch einfacher, in einem von ihnen einen Partner zu sehen. Das scheint Marpesia zu fürchten!
Melanippe greift beider Gedanken auf: Wenn Marpesia nicht empört über Herakles wütet, wird euch das Leid, das er bringt, unerträglich. Ihre bisherigen Gefühlsexplosionen radierten das Böse aus. Doch enttäuschende Idole werden schnell als das Gegenteil empfunden. Wenn wir uns schon mit ihrer Gewalt auseinandersetzen müssen, sollten wir uns um ihre Motive bemühen. Zeus und sein Sohn Herakles konnten die Welt nur mit einem auf sich bezogenen Blick betrachten. Ihre Welt blieb eng und klein. Zeus, Hera und Herakles lernten nie den Reichtum der Gemeinsamkeit kennen. Sie glaubten Liebe durch Vergewaltigung oder Ehe erzwingen zu können. Liebe machte man. Hera setzte Treue mit Liebe gleich. Für sie kam Liebe irgendwann mit der Ehe.
Marpesia wird noch nachdenklicher: Die Götter der Hellenen kannten keine Liebe. Als die Hellenen Aphrodite begegneten, erkannten sie, daß ihnen Liebe fehlte. Bei Zeus und Herakles sprachen sie immer von Verführung. Selbst wenn sie sich die Mühe gemacht hätten, ihre Opfer zu verführen, hätte sie nicht unbedingt das Schwingen zwischen ihren und deren Augen erlebt. Verführen bedeutet doch, Verlangen in Gang zu setzen, das Gegenüber mitschwingen zu lassen. Herakles erinnert an Narkissos. Der nahm auch nur sich und nichts um sich herum wahr. Doch anders als Herakles brachten seine Händen niemanden um. Er betrachtete sich nur unablässig im Spiegel. Für die liebende Echo hatte er kein Mitgefühl. Allein, weil in Hellas Ehen von Eltern gestiftet werden, kann dort eine mitschwingende Echo nur mißverstanden werden.
Die Gedanken ihrer Erzählerin über das Verführen und das Verlangen hatte niemanden erwartet. Peri findet zuerst wieder Worte: Deine Echo hat mich an ein Gespräch mit Taharqa erinnert. Er sagte, Liebe kann man nur geben. Sie lebt vom Echo. Ich soll an ein Musikinstrument denken. Auf den gespannten Saiten wird ein Ton erzeugt. Er schwingt zwischen den Wänden des Echeion. Es überlagert sich im Raum des “Resonanzkörpers” und tritt verstärkt aus der Schallöffnung. Erst das Wunder des Schwingens macht Töne und Liebe vernehmbar. Empfindsame Gegenüber geraten ins Mitschwingen. Wie wollte Herakles diesem Geheimnis auf die Spur kommen? Ohne zu ahnen, um was er sich brachte, spannte er seine Saiten jedes Mal auf ein anderes Instrument.
Marpesia nickt ihr heftig zu: Dein Bild gefällt mir sehr. Wer nur so herumzupft, hört nicht einmal sein eigenes Echo. Wenn zwei ihr Mittönen erfahren, ist es mehr als das, was vom Anderen zurückhallt. Es schwingt in beide hinein und erfüllt sie mit gleichen Impulsen. Ihr Zusammenklang lagert sich übereinander. Sie erfahren vom Gegenüber, was Worte nie vermitteln können. Ein Fremder erfährt das Gleiche unter Fremden. Wenn wir uns, wie Herakles keine Zeit für die Rückhall nehmen, bleiben wir Fremden gegenüber wortlos. Wie wollen wir zu einem Verständnis kommen? Die Geschichte von Herakles erscheint euch immer wieder erzählenswert. Das ist nicht unverdient. Zeigt er doch, wie einander Fremde ihre gegenseitige Sprachlosigkeit überwinden können. Die Mimik gibt weitere Sicherheit. Sie ergänzt die Worte. Das Lauschen auf den gegenseitigen Widerhall erleichtert das Worte-finden bei Fremden.
Als müßte sie ihre eigene Erkenntnis verdauen folgt eine kurze Pause: Mit diesem Bild möchte ich mich für heute zurückziehen. Ich wünsche euch eine gute Nacht. Hoffentlich läßt Herakles euch auch bald zur Ruhe kommen. Wir sprechen inzwischen seine Sprache. Und dennoch fehlt mir alles, ihn zu verstehen. Ähnlich ergeht es mir auch mit seinem Landsmann Theseus. Wir wollen versuchen, uns auch ihm zu nähern. Vielleicht hilft euch das, hinter den Worten eurer Zeitgenossen ihre wahre Absicht zu erkennen.
Die versammelte Schar war viel zu erregt, um sich beschwichtigen zu lassen. Bis spät in die Nacht diskutierten sie über Herakles. Es mußte doch etwas Liebenswürdiges an ihm sein. Marpesia konnte doch nicht Recht behalten. Er war nicht einfach nur ein tumber Tor, einer der sich ungefragt schicken ließ, einer, der ohne lange zu fragen, mordete, nur um eine Frau zu beschlafen. Die Griechen hatten ihn nach seinem Tode sogar zum Gott gemacht. Man macht doch keinen Unwürdigen zum Gotte. Vielleicht war ihnen ja auch Einiges vorenthalten worden. Hätte man nicht auch einige dieser Geschichten, selbst wenn die Griechen sie erzählen, verschweigen können. O ja, dann wäre das Bild wieder so herrlich erschienen, wie es Alle lieben. Nichts kann sein, was nicht sein darf. Aber, wenn es Götter gibt, die einfach alles dürfen, hatte ihre Erzählerin nicht doch recht? Marpesia hoffte im Stillen, ihren Zuhörerkreis nicht überfordert zu haben. Sie fühlte sich jedenfalls vom Nachspüren von Herakles Motiven ganz ausgelaugt.
