Ihre Zuhörer finden Marpesia manchmal einfach unausstehlich. Der neue Denkprozeß ihrer Erzählerin ist ihnen zu ungewohnt. Sie begeben sich nicht gern auf unbekannte Pfade. Mit Waffen umzugehen, sich mit ihnen zu üben, entspricht mehr ihrer Neigung nach Sicherheit. Warum sollte man sich mit eigenen Träumen oder denen Anderer auseinandersetzen. Sie wollten lieber etwas von Taten hören. Doch Marpesias neue Ansprüche an die Phantasie beginnen schließlich doch zu reizen. Dieser Eindruck läßt Marpesia fortfahren: Ich ahne ja, einige von euch sind sich mit Herakles einiger als mit ihrer Lehrerin. Ihm wie den meisten Menschen scheint es unausweichlich, ihre Kräfte unter Befehlen zu verströmen. Muß man sich erst über das „Warum“ Gedanken machen, wenn man sofort agieren kann?

Wieder einmal springt die neugierige Enkelin ihrer Großmutter bei: Bald wußten alle, daß Herakles Zeus zum Vater hatte. Jeder vermied ihn, zum Widerspruch zu reizen. So lernte er keinen Maßstab im Umgang mit Anderen. Für ihn waren Eurystheus Aufträge eher Anregungen, andere in Erstaunen zu versetzen

Marpesia nickt ihr zustimmend zu: Aber für jeden Menschen gilt: Gedankenloses Machen läßt das Vollbringen immer ins Leere münden. Deshalb stürzte Herakles sich sofort in jedes sich bietende nächste Abenteuer. Und in ein orientierungsloses Loch wartete nach jedem Vollbringen auf sein Gemüt. Lebte er mit Vorbedacht, fehlten ihm nach getaner Tat nicht die Ziele. So wartete er förmlich auf Eurystheus’ Ideen, um sich zu bewähren. Die neunte Aufgabe des Eurystheus war, den “machtvollen” Gürtel unserer Königin Hippolyte für seine Tochter Admete zu holen. Die Hellenen legten selbst die Macht ihrer Götter Ares und Aphrodite in deren Gürtel. Manche Göttin lieh sich den Gürtel Aphrodites aus, um deren Liebreiz zu erlangen.

Marpesias Vergleich Hippolytes mit Aphrodite überhören ihre Zuhörer, als der Name ihrer Königin fällt. Niemand wurde jemals müde, Hippolytes traurige Geschichte zu hören. Alle waren auf den Fortgang erpicht: Die Hellenen fürchten uns so, daß sie alles, was mit uns zu tun hat, mit ihrem Kriegsgott Ares in Verbindung bringen. Nach der Meinung der Hellenen soll der Gürtel unserer Königin einmal Ares gehört haben. Wenn es uns gelungen war, dem Kriegsgott den Gürtel zu entwenden, mußten wir Ungeheuer sein. Eurystheus hielt uns dafür. Für ihn würde niemand von uns lebendig zurückkehren. Herakles ließ sich von all dem Gerede nicht aufhalten. Töchter des Ares waren genau die richtige Herausforderung für einen Heros wie ihn. Er wußte nur nicht, daß uns Ares zu dieser Zeit noch völlig unbekannt war.

Manche sagen, bei diesem Spiel sei er vorsichtiger gewesen. Er rüstete neun Schiffe aus. Seine Seeleute und Rudersklaven beförderten ein Heer Freiwilliger. Alle berühmten Heroen Griechenlands hatten sich eingefunden. Durch Hellespont und Bosporos ging es nach Mariandyne in Mysien. Hier nahm sie König Lykos, der Paphlagonier, gastfreundlich auf. Die Hellenen halten ihn für einen Enkel des Tantalos. Er kannte seinen Gast, besonders dessen jüngste Taten noch nicht so genau, daß er sich fürchten mußte. Auf seiner Fahrt war Herakles nämlich an der Insel Paros vorübergekommen. Dort wohnten Söhne des Minos. Als einige seiner Mannschaft dort landeten, um Wasser zu holen, wurden sie erschlagen. Herakles rächte sich fürchterlich und nahm König Alkeus und seinen Bruder Sthenelos als Geiseln mit sich auf die Schiffe.

Entgegen aller guten Absichten läßt der erwähnte Kampf auf Paros verschiedenste und wildeste Vermutungen aufkommen. Die ungestümeren Zuhörer können ihre Meinungen darüber nicht unterdrücken. Marpesia faßt die Aussagen zusammen: Waren die Hellenen berechtigt gewesen zu landen? Immerhin brachen sie in ein fremdes Reich ein! Oder hatten sie sich an Land gar so verhalten, daß die Insulaner gezungen waren, sich zu wehren? Für uns ist es nicht egal, welche der streitenden Parteien Recht hatte, Herakles oder die. die er bezwang. Doch wer kennt eine verläßliche Antwort? Ich weiß nur, die Literatur der alten Griechen ist eindeutig auf der Seite des Herakles, immer! Amazonen müssen nach den Gründen fragen. Sie müssen über das Warum nachdenken, wenn sie gegen körperlich Stärkere, wie Herakles, auch nur die geringste Chance haben wollen.

Das fordert Melanippe heraus, fortzufahren: Sein Heer muß schon mächtig gewesen sei, wenn es einen König und dessen Bruder zwingen konnte, mitzureisen. Die Paphlagonier waren von den Bebrykern, einem Thrakerstamm, aus einem Teil ihres Reiches vertrieben worden. Lykos empfing Herakles so freundlich, daß der sich ermuntert sah, ihn zu unterstützen. Ein Krieg gegen die Bebryker schien im Augenblick reizvoller als die Weiterreise nach Amazonien. Das vermeintliche Verständnis ihrer Besucher verlieh Lykos und seinen Leuten einen unerwarteten Schwung. Sie eroberten einen großen Teil ihres Landes zurück. Aus Dankbarkeit soll Lykos seinem Mitstreiter zu Ehren eine Stadt Herakleia genannt haben. Sie heißt heute noch so. Von ihr war es über das Meer dann nicht mehr weit bis an den Fluß Thermodon, wie ihr wißt.

Einige, die die Geschichte kennen, spinnen sie fort. Doch jeder erinnert sich besser als sein Nachbar. Sie überbieten sich gegenseitig. Im Durcheinander der Stimmen stellt Marpesia die Zwischenrufer vor die Wahl. Nun will niemand ein Wort ihrer Erzählung verpassen: Es war die Zeit, in der sich alle Amazonenstämme nach dem Gesetz von Lysippe in Themiskyra trafen. Gerade als hier alles überquoll und in fröhlichem Chaos durcheinander tollte, traf Herakles ein. Die Amazonen um Antiope und Melanippe hatten es viel weiter als der, den der Gürtel der Hippolyte hierher trieb. Eine kam von den Pforten des Herakles, die nach seinem Raub im Garten von Hesperos ihren Namen hatten. Die Andere war am Ausgang der Erythra thalatta zu Hause und bisher von Herakles verschont geblieben. Er ahnte nicht, hier von ihm Beraubte zu treffen.

Melanippe hatte sich mit ihrer Mutter geeinigt, sie bei Herakles’ Geschichte zu unterstützen. Sie setzt das Gehörte fort: Auch während der Feierlichkeiten wurde streng auf Sicherheit geachtet. Gleich nachdem die Schiffe am Kap erschienen, benachrichtigten die Wachen die Königinnen. Als die Schiffe auf dem Strand aufsetzten und die Besatzungen an Land kamen, standen sie dem Heer aller Amazonenstämme gegenüber. Die überraschende Demonstration der Wehrhaftigkeit erzwang von den Ankömmlingen ihre Taktik zu ändern. Bei unseren Vorfahren befriedigten sie deren Neugier. Damals kamen ja noch nicht oft Schiffe über das Meer zu uns. Die Ankömmlinge griffen zur List. Um ihre friedliche Absicht darzutun, kamen sie ohne sichtbare Waffen an Land. Sie gaben sich als Kaufleute aus und breiteten ihre Waren am Strand aus.

Nun sprudeln aus den jungen Zuhörern Kommentare heraus, die die Erzählung unterbrechen. Den Erzählerinnen scheint sich die Jugend überall auf der Welt zu gleichen. Diesen Unbeschwerten mußte bewußt gemacht werden, daß sie sich gegen Verschlagenheit zu wappnen hatten. Die enthusiastische Schar bemerkt beschämt, daß die Erzählerinnen plötzlich schweigen. Lächelnd löst Marpesia ihre Tochter wieder ab: Der vorsichtigen Hippolyte erschienen die Händler für ihr Gewerbe viel zu muskulös. Jedoch hatten sie auf jede Frage eine gute Antwort. Hippolythe hielt es für richtiger, die Festlichkeiten zum großen Treffen solange ruhen zu lassen und verteidigungsbereit zu bleiben, solange die Fremden am Ufer lagerten. Wir zogen uns von dem ungewohnten Besuch zurück und beobachteten ihn. Schließlich durften erste Neugierige mit der Mahnung, die Augen offen zu halten, den Markt besuchen.

Nach einer kleinen Pause übernimmt Melanippe das Wort: Es ist bewundernswert, welche Mühe ihr euch mit der Sicherheit gebt. man kann gar nicht vorsichtig genug sein. Doch wenn ihr euch vor einem Feinde schützen wollt, müßt ihr versuchen, ihn zu verstehen, euch sogar in seine Gedanken hineinzuversetzen. Und das ist sehr schwer. Denkt daran, wir sind ein sehr kleines Volk. Nur weil wir immer wieder versuchten, unser Gegenüber zu ergründen, hat unser Volk trotz mancher Fehlschläge bis heute überlebt. Wenn man es mit einem heimtückischen Feind zu tun hat, dürfte auch dem Listenreichsten von euch manche infame Idee dieses Gegners überraschen. Vielleicht kann unsere Geschichte heute euere Chancen erhöhen. Damals gelang es Herakles und seinen Leuten, einige von uns zu täuschen.

Die Fortsetzung überläßt Melanippe wieder ihrer Mutter: Einige allzu arglose Amazonen ließen sich in einen Hinterhalt zu locken. Sie wurden auf den Schiffen gefangen gehalten. Als man hier erleichtert den Abbau der Marktstände und den Rückzug der Fremden auf ihre Schiffe beobachtete, wurde die Abwesenheit einiger Mädchen bemerkt. Eine ganz aufgelöste Begleiterin, die den Wachen auf den Schiffen entweichen konnte, berichtete vom Mißgeschick.

Die Empörung der Zuhörer kennt keine Grenzen. Die Jungen vergessen sogar auf das Geschlecht hinzuweisen, was sie bei anderer Gelegenheit schon manchmal taten. Wütend platzen besonders die Neuen heraus. Mit soviel Verworfenheit hat niemand gerechnet. Aber auch die Erfahreneren sind dieses Mal außer sich über die Niedertracht. Einige fordern Rache, ohne daran zu denken, was ihre Vorfahren hätten tun können.

Als sich die Erregung legt, blicken alle wieder auf Marpesia: Seht mich nicht so hoffungsvoll an. Auch durch mich kann die Geschichte keinen anderen Verlauf nehmen. Hippolyte hatte eine böse Vorahnung, als sie den abziehenden Händlern einen Parlamentär hinterher sandte. Doch sie hatte keine Wahl. Ein Angriff auf die Schiffe war sinnlos. Er hätte ihre Abfahrt nur beschleunigt. Und einmal auf dem Meer, waren die Abreisenden nicht mehr einzuholen. Der Bote kam mit der Nachricht zurück, die Entführten könnten gegen den Gürtel Hippolytes eingetauscht werden. Ohne lange Beratung gingen die Königinnen auf die Erpressung ein. Ihre Bedingung war, der Anführer der Entführer sollte mit den Geiseln allein und unbewaffnet mitten zwischen beide Heere kommen. Dort würden Pferde angepflockt stehen. Wenn die Geiseln die Pferde besteigen konnten, würde der Gegner der Trägerin des Gürtels gegegnen.

So still war es schon lange nicht mehr gewesen. Ein Lächeln zieht über Marpesias ernstes Gesicht: Hippolyte wollte ihm zum Auslösen der Mädchen entgegenreiten. Im Vertrauen auf ihre Reitkunst hoffte sie, ihren ihr wertvollen Gürtel retten zu können. Diese Übergabe hielten die Mädchenräuber für annehmbar. So ritt Hippolyte auf den Anführer zu, wendete, hielt. Als sie sah, daß die Geiseln ihre Pferden bestiegen, rief ihm zu, daß sie sich weigere, seine Hinterhältigkeit zu belohnen. Sie ließ die Zügel schießen. Ihr Pferd brach aber nach den ersten Schritten zusammen. Ihr Gegner hatte, von der Königin unbemerkt, seine Keule hinter dem Rücken versteckt gehalten. Die hatte er dem Pferd Hippolytes zwischen die Beine geschleudert. Die Königin wurde vom stürzenden Pferd geworfen. Der Angreifer eilte zu seiner schrecklichen Waffe und beugte sich über Gestürzte. Als sie nicht aufgeben wollte, nahm ihr ein Schlag der Keule das Leben.

Eine Weile läßt Marpesia allen Zeit, das Grausige zu verdauen: Auch mit diesem Ausgang hatte Hippolythe gerechnet. Als er sich über die Tote beugte, flog ein Hagel von Pfeilen auf ihn und seine Kriegerschar. Es gelang ihm gerade noch, sich zu nehmen, wo nach ihm verlangte. Der mörderische Dieb muß mit Schrecken gesehen haben, welch’ Lücken der tödliche Niederschlag in sein Gefolge riß. Nur durch ein Wunder erreichte er unbehelligt die Schiffe, die eilends die Küste verließen. Voller Trauer bestatteten wir Hippolythe. Mit dem verschobenen Fest des Großen Treffens feierten wir dieses Mal die von allen geliebten Königin. Bei jedem Beginn unserer Treffen erinnern wir uns daran. Nach der Leichenfeier für die einzige gefallene Amazone, wurden Berge gefallener Feinde der Erde übergeben. Wenn wir ans Meer reiten, mahnt uns noch heute eine kleine Hügelkette zur Vorsicht.

Erschüttert schweigen die Lauschenden. Doch dann bricht ihre gerechte Empörung durch. Keine Amazone kann sich zurückhalten, wenn sie anhören muß, wie eine ihrer Königinnen hinterlistig erschlagen wird. Und warum? Nur weil ein Herrscher um seine Sicherheit fürchtete. Er glaubte den, der ihn nicht einmal bedrohte, in den sicheren Tod zu schicken. So konnte ein Übermütiger sein Mütchen kühlen. Diejenigen, die die Geschichte kannten, staunen, wie viele der Schrecken ihnen entfallen waren. Dabei hatten sie alles bereits gehört. Die Zeit hatte barmherzig das Grauen getilgt. In ihrer Erinnerung hatte Herakles seine Schrecken nach und nach verloren.

Was Marpesia noch zu berichten hat, wird den Unmut weiter aufwühlen: Die Geiseln hatten in der Gefangenschaft aufgeschnappt, daß der Angreifer und Mörder aus Mykene stammte und auf den Namen Herakles hörte. Wir fanden, der Mann, der „Ruhm der Hera“ hieß, legte für seine Götterkönigin nicht sehr viel Ehre ein. Bei seiner kopflosen Flucht hatte Herakles hinter den regelmäßigen Pfeilschauern die ihm ungewöhnlich lang erscheinenden Bögen wahrgenommen. Er kam auf die gleiche Idee wie Odysseus. Um größere Reichweiten zu erreichen, ließ er sich einen ebenso langen Bogen aus Esche machen. Wie selten ein Hellene einen solchen “todbringenden” Bogen spannen konnte, zeigt Homer an Odysseus. Alle Freier versuchten sich an seinem Bogen vergebens. Da Hellenen nur im Stehen schießen, konnte ihnen nicht auffallen, daß Odysseus’ und Herakles’ Bögen zuviel Kraft verbrauchten, um mit ihnen beim Reiten sicher treffen zu können.

Marpesia staunte über sich selber. Sonst hatte ihr Wüten gegen Herakles sie danach friedlich werden lassen. Dieses Mal hatte sie zwar die gleiche Geschichte erzählt, aber versucht, Herakles Verhalten für kommende ähnliche Ereignisse aufzuarbeiten. Doch statt des erwarteten Abstands überraschte sie das Ausmaß an Teilnahme. Nie zuvor hatte sie der ersten Mord einer ihrer Vorgängerinnen so ergriffen. Die um sie Versammelten schwiegen. Sie fühlten sich fast selbst erschlagen. Ihnen war jede Lust zu Protest – aber auch jede eigene Idee zur Rache – verloren gegangen. Was kann einen Toten zurückbringen? Sehr still suchten dieses Mal alle ihr Lager auf.

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