Alle haben sich mit großen Erwartungen versammelt. Selbst die, denen Herakles egal ist, hat die Erregung seiner “Verehrer”, wie Marpesia sie lästernd nennt, erfaßt. Besonders für die war ein mit Arbeit und Übungen angefüllter Tag nur so vorübergeflogen. Mit dem Gedanken, daß es scheinbar nichts gab, was den Heros von seinem “Podest” holen konnte, begann die Erzählerin: Ihr könnt euch sicher denken, daß eure Altersgenossen in Hellas mindestens so gern von Herakles hören, wie ihr. Und wie das bei Heroen ist, mit jeder Wiederholung wird seine Geschichte phantastischer. Bei uns wird erzählt, er war der erste Grieche, der zu uns kam. Was drängte ihn, uns Amazonen aufzusuchen? Ich denke, ihn forderte das heraus, von dem ihr hören wollt, eine Sage. Doch auch Heroen beginnen ihr Leben als Kind. Er hatte alles, was man sich in einem Land wie Hellas nur wünschen konnte, eine großartige Herkunft, einen Stiefvater, der ihm auch noch den letzten Wunsch erfüllte.
Aus den Reihen vor ihr tönt Erstaunen. Zum Einen will keiner mit Hellenen verglichen werden, zum Anderen hatte Marpesia bisher bei ihren Erzählungen über Herakles ihren Gefühlen viel mehr freie Bahn gelassen: Das ist für einen Stiefvater aber ungewöhnlich. Oder war sein Sohn so auffällig, daß er ihm den Sohn seines größten Gottes schon von Weitem ansah?
Der “Sohn” fordert Peri heraus: Das unterscheidet Zeus von Ma. Die große Mutter erschuf die Welt. Die Götter der Griechen kamen dagegen in eine schon bestehende Welt. Wenn sie keine übermenschlichen Fähigkeiten hätten, könnte man die Olympier für eine ganz normale griechische Familie halten. Zeus, ihr Götterkönig ist ein echter Männergott. Das richtige Vorbild für Könige, die wie er, keinen Krieg, keine Gewalt und keine Vergewaltigung scheuen.
Peris Einwurf ermutigt einen Knaben: Zeus benötigte einen außergewöhnlichen Sohn. Ihm drohten die Giganten mit Krieg. Das Orakel hatte den Sieg von einem Sterblichen abhängig gemacht. Er mußte für einen Kampf gewappnet sein, den selbst Götter nicht gewinnen konnten. Von allen Menschenfrauen schien Zeus nur Alkmene geeignet, einen solchen Sohn zu gebären.
Marpesia lächelt, als sie von einer Seite ihre alten – oft für übertrieben gehaltenen – Worte und von der anderen einen gut informierten Herakles-Verehrer hört: Jede von Zeus “Beglückte” war sicher genauso überrascht, wie Alkmene, als sie mit Herakles schwanger wurde. Sie hatte sich Amphitryon zum Ehemann genommen. Er war so anerkannt, daß die verschiedensten Könige ihm Krieger überließen, als er auszog, den Tod der Brüder seiner Frau zu rächen. Sie waren im Kampf ihres Vaters Elektryon um den Thron von Theben gefallen. Die Rache war Alkmenes Bedingung für den Vollzug der Ehe gewesen. Die Nacht vor Amphitryons siegreicher Rückkehr nutzte Zeus, Alkmene in seiner Gestalt zu schwängern.
Melanippe ist extra gekommen, ihrer Mutter bei ihrer angekündigten Variante des Themas zu unterstützen. Begeistert von den neuen Gesichtspunkten, versucht sie sich einzudenken: Welch unbändigen Zorn muß Zeus in Amphitryon ausgelöst haben. Als er die schwer verdiente Hochzeitsnacht nachholen durfte, schwärmte Alkmene von der für sie ersten Begegnung mit ihm. Er schwankte zwischen Staunen und Entrüstung, als er sie unterbrach. Vehement stritt er ab, schon einmal bei ihr gelegen zu haben. Alkmene war völlig verwirrt. Was ging in ihr vor, als sie Amphitryons Empörung verstand? Ein Unverschämter hatte sich in all die Lust geschlichen, die sie für ihren Geliebten aufgespart hatte. Zu allem Überfluß nahm Zeus ihnen noch jeden Zweifel. Stolz verkündete er, er habe Alkmene in Amphitryons Gestalt die “Ehre” erwiesen.
Die Mutter nickt ihrer Tochter zu und übernimmt wieder den Faden: Wie muß sich Alkmene gefühlt haben, als sie sich des unschuldigen Betruges bewußt wurde? Was muß sie als Mutter einem Sohne gegenüber empfunden haben, als sie erkannte, unter welch unverschämter Täuschung sie ihn empfangen hatte. Der durch Betrug zur Betrügerin Gewordenen half die Natur ihrer Bedingung einzuhalten. Zu dem ungewollt Empfangenen empfing sie auch von Amphitryon. In Hellas kam es ja öfter vor, daß sich Zwillinge schon vor der Geburt stritten. Doch Herakles erwies sich so besitzergreifend, daß für seinen Bruder kaum Raum blieb. Dann bezog Hera auch Alkmene in ihren Ehekrieg gegen Zeus ein. Sie erschwerte die Geburt der Zwillinge. Dabei half ihr Herakles, der auch jetzt auf seinem Vorrang bestand. Als Säugling erinnerte er seine Mutter noch mehr an seinen Vater. Da sie Hera’s Eifersucht fürchtete, suchte Alkmene nach einem Ausweg.
Überraschte Gesichter veranlassen Marpesia auf eigentlich Selbstverständliches einzugehen: Eine junge Mutter und ein junger Vater haben schon genug damit zu tun, sich in einer bisher völlig unbekannten Situation zurechtzufinden. War es nicht schon schwer genung, einem völlig fremden Lebewesen das Leben zu schenken? Sie verstanden weder dessen Geschrei, noch verstand es seine Eltern. Der neue Mensch wollte unter seinen Bedingungen erhalten werden. Er konnte auf seine verschiedenen Bedürfnisse jedoch nur mit dem in allen Fällen scheinbar gleichen Geschrei aufmerksam machen. Und nun schrien da Zwei, der Eine unüberhörbar. In Anfällen von Wut schrie Herakles, bis sein Kopf blau anlief und zu platzen drohte. Furcht vor seinem ausufernden Jähzorn und vor Zeus und Hera hielten seine menschliche Eltern davon ab, dem Ungebärdigen irgendwelche Grenzen zu setzen.
Melanippe erkennt einen kleinen Hilferuf ihrer Mutter. Der Versuch, den bisher hemmungslos Abgelehnten zu verstehen, war sehr mühsam: Wie so oft, steckten auch bei Herakles Geburt Zeus und Athene unter einer Decke. Athene kannte Zeus Absicht, Herakles zum Helfer im Krieg gegen die Giganten zu machen. Um eine Bedingung zu erfüllen, verstärkte sie Alkmenes Furcht vor Hera und gab ihr ein, Herakles auszusetzen. Doch Alkmene konnte nicht vergessen, wie sie den Schreihals zur Welt gebracht hatte. Nachdem sie Herakles sicher abgelegt hatte, verbarg sie sich, um zu sehen, was ihm geschah. Athene hatte ihre Mutter zu einem Spaziergang überredet und dabei stießen sie “völlig überraschend” auf das schreiende Kleinkind am Wegesrand.
Marpesia ist erstaunt, wie sehr ihre Tochter ihr nachfühlt: Hera bewunderte den kräftigen Körperbau des Kleinen. Sie wußte wohl, wen sie vor sich hatte, doch sie ließ sich von Athene überreden, seinen unüberhörbaren Hunger zu stillen. Nur Herakles’ gieriges Saugen fand Hera einfach unerträglich. Sie riß ihn sich von der Brust. Bevor sie sich vor Schmerz des Kindes gewaltsam entledigen konnte, griff Athene zu. Sie legte es zurück, woher sie es genommen hatte. Alkmene, die überrascht war, daß Hera Herakles die Brust gab, nahm den Knaben beruhigt wieder an sich. Sie ahnte nicht, daß die Milch der Göttermutter ihren Sohn unsterblich gemacht hatte. Beeindruckt von dem, was an ihrer Brust gelegen hatte, kehrte Hera heim. Jedoch dauerte es nicht lange, da hatte ihr Gemahl auch den letzten Rest von Wohlwollen dem Kleinen gegenüber aufgebraucht und sie brütete das nächste Unheil aus.
Was jetzt folgen muß, kennt Peri: Eines Nachts wurde Alkmene von einem Geräusch geweckt. Sie lief, nach ihren Kindern zu sehen und entdeckte Hera. Die ließ gerade zwei Schlangen in die Wiege der beiden Säuglinge gleiten und verschwand sofort danach. Alkmene schrie, sodaß Amphitryon mit seinem Schwert erschien. Doch er konnte nur noch wortlos auf Herakles weisen. Der stand mitten in der Wiege, in jeder Hand eine Schlange, die er gerade erwürgte.
Das Blut der Verehrerinnen des Herakles geriet in Wallung. Aber nicht die Begründung des Verhaltens ihres Helden brachte sie in Rage, sondern das Verhalten des Zeus und der Hera. Doch auch die Frage, ob man sie jemals vergewaltigen könnte, auch auf solch perfide Art, wie Zeus das Alkmene angetan hatte, erregte die Gemüter. Nur in einem waren sie sich alle sicher, daß ihre Große Mutter doch die würdigere Gottheit war, als all die griechischen Götter zusammen. Amphitryons Verhalten erschien ihnen für einen Hellenen erstaunlich mitfühlend. Aber wenn sie es sich richtig überlegten, hätten sie sich nicht anders verhalten können als Alkmene. Doch Dank Ma konnte ihnen ein ähnliches Schicksal ja nicht auferlegt werden. Nur Marpesia könnte mit ihrer Geschichte endlich zu dem kommen, was sie am meisten interessierte.
Melanippe war die Erzählung von Herakles schon immer wie ein Kampf zwischen ihm und Marpesia erschienen. Sie überläßt die Fortsetzung wieder ihrer Mutter: Ich weiß, worauf ihr wartet. Doch wovon träumte Herakles? Hielt er sich für unbesiegbar, weil er immer neuen Ruhm erntete? Was suchte er? Vielleicht sogar den Tod? Aber warum sollte er den suchen? Ihm fehlte doch nichts. Ich glaube, seine Kindheit erklärt sein Auftreten am besten. Es war einfach so, daß er viel zu viel besaß, um Wünsche zu haben. Ein Kind wird zu vieler Spielzeuge schnell überdrüssig und sucht stets nach etwas Neuem. Phantasiebegabte Kinder können die unscheinbarsten Dinge zu Spielzeug machen und Wunder in ihnen entdecken. Phantasie ist ein Geschenk. Sie und Denken werden durch Mangel gefördert. Aber so einfach, wie die meisten Menschen glauben, ist Denken ja nicht. Vielleicht blicken einige deshalb auf Denker herab.
Das war schon mehr, was alle hören wollen. Aber wer sich überwand und mit wachem Geist Marpesia folgte, für den wurde es plötzlich immer aufregender. Als sie fortfährt, begreift bald jeder, daß Eifersucht noch das Geringste war, was Amphitryon lenkte: Herakles sorgte dafür, daß das Paar sich um Iphikles Sorgen machen mußte. Dem nahm sein Zwillingsbruder aber auch alles, selbst wenn es nur aus Bosheit geschah. Sowie er laufen konnte, floh er vor dem Beisammensein. Doch bald hatte er das nicht mehr nötig. Herakles begann den gemeinsamen Unterricht zu meiden. Er suchte sich am Hof lieber ältere Knaben, mit denen er sich balgen konnte. Was er allein an ständig wachsender Kraft aufbrachte, zwang seine Spielgefährten durch Tricks und Finten so zu unterlaufen, daß sie seine jähzornige Wut nicht weckten. Ich erkläre mir Herakles Verhalten so: seine Wünsche wurden erfüllt, bevor er Vorstellungskraft entwickeln konnte.
Melanippe kommt ihrer Mutter wieder zur Hilfe: Versucht euch doch einmal vorzustellen, wie die Ehe der Eltern des Herakles gewesen sein muß. Es wird berichtet, daß Amphitryon überlegte, wie er dem bekannten Zorn des Größten der griechischen Götter entgehen konnte. Sollte er sich von seiner Frau trennen? Das hellenische Recht ließ das zu. Doch Iphikles kettete sie aneinander. Wenn sie ihn unterstützten, hatten sie oft ihr Unglück vor Augen. Welches Verhältnis muß zwischen Amphitryon und Alkmene bestanden haben, wenn ein so vielbeachteter Mann aus Angst vor seinem Nebenbuhler, die eigene Frau nicht mehr berührte. Und das noch, als Herakles längst aus dem Haus war.
Die Erinnerung an ihre eigenen Verhältnisse müssen die jüngeren Zuhörer erst einmal verdauen. Ein Herakles, der ihr Spielkamerad sein könnte, muß erst einmal verdaut werden. Man versucht sich gegenseitig mit Spielvorschlägen mit Herakles zu übertreffen. Bis die Älteren zum Aufbruch mahnen. Die sind erstaunt, was Adonis in Marpesia ausgelöst hatte. Soviel Wohlwollen hatte die sonst so Unbeugsame dem ungeliebten Herakles noch nie entgegengebracht. Ihre Tochter kann manche Bemerkung der vergangenen Tage nun noch besser verstehen, was ihre Mutter im Gespräch auf dem Heimweg freudig bemerkt.
