er Alltag hat den Mitteilungsdrang der jüngeren Amazonen nur unterbrochen. Ein Knabe mit besonderer Neigung zu Herakles erscheint mit einer Keule und hat sich ein riesiges Fell umgehängt. Seine Altersgenossen wissen nicht, was sie von seinem Eifer halten sollen. Marpesia gegrüßt ihn scheinbar ernst: Hallo, Herakles, müssen wir uns jetzt fürchten?
Sie erntet Gelächter. Um den kleinen “Heros” nicht zu entmutigen, winkt sie ihn zu sich heran: Wolltest du allen zeigen, wie man sich in Hellas dein großes Vorbild vorstellt?
Der Kleine fühlt sich ernst genommen und antwortet eifrig: Ja. Doch ich will deine Geschichte nicht aufhalten!
Im Einvernehmen mit ihrer Mutter übernimmt es Melanippe, den heutigen Abschnitt zu beginnen: Die Hellenen halten Herakles für besonders erfolgreich im Umgang mit dem Bogen. Kein Wunder! Das ist eine für für einen Hellenen ziemlich ungewöhnliche Fähigkeit. Die Hellenen zogen im Kampf über größere Entfernung den Wurfspeer vor. Mit ihm konnten sie umgehen. Das versprach eine höhere Treffsicherheit. Bogenschützen waren so selten, dass fast jeder von ihnen gerühmt wurde. Dazu gehörte Alkon, Herakles’ erster Lehrer am Bogen. Er soll einen Pfeil gespalten haben, den er durch die Ringe auf den Helmspitzen einer Reihe von Soldaten geschossen hatte. Alkon war die Mühe mit seinem “selbstbewußten” Schüler schneller leid als erwartet. Ihm folgte sein Sohn Phaleros. Den Gleichaltrigen unterstützte nicht einmal die Achtung der Hellenen vor dem Alter. Er begleitete Herakles und versuchte geduldig bei sich bietenden Gelegenheiten ihn anzuleiten.
Das Schießen interessiert die von Herakles begeisterten Zuhörer. Jeder hätte am liebsten seinen Bogen geholt, um die eigene Fertigkeit im Umgang damit vorzuführen. Obwohl niemand die lange erwartete Geschichte aufhalten will, folgt ein Schwall Fragen: Handhabten griechische Schützen die Bogensehne nicht anders als wir? Zogen die Hellenen den Bogen nicht nur bis zur Brust? So schießen bei uns nicht einmal die Kinder. Wir Amazonen spannen die Bogensehne bis zum Ohr. So fliegen unsere Pfeile viel weiter und erreichen trotzdem sicher ihr Ziel.
Nun teilt sich das Interesse, für die einen kann gar nicht genug von Herakles’ Ruhm mit dem Bogen die Rede sein. Andern Zuhörern scheint die Technik der Hellenen dagegen eher kindisch. Peri verkürzt die Diskussion: Die meisten Taten, die Herakles zugeschrieben werden, sprechen für mich für alles, nur für keinen Bogenschützen. Das bekräftigt auch sein Beiname Palaimon, der Ringer. Für seine bekannten zwölf Arbeiten für Eurystheus brauchte er in aller erster Linie Kraft.
Mit viel Überzeugungskraft lassen sich auch die ewig Naseweisen zurückhalten. Ihre Unruhe ist kaum noch wahrnehmbar: Habt ihr euch so schnell wieder beruhigt, weil ihr Angst habt, ich könnte es aufgeben, über den Rest der zwölf Arbeiten des Herakles zu sprechen? Die Aufgaben machen euch Spaß, nicht wahr? Eben hörte ich die Frage: Wie kam es überhaupt zu den Arbeiten des Herakles? Herakles hätte den Thron von Mykenai beanspruchen können. Doch darauf saß Eurystheus. In Hellas wird erzählt, um sich aus der Herrschaft des Eurystheus zu befreien, mußte der Heros zwölf Aufgaben lösen. Ich glaube, alle Könige haben Angst um ihre Herrschaft. Jeder versucht Konkurrenz auf ehrenvolle Weise auf Abstand zu halten. Könige wie Eurystheus trugen unerwünschten Heroen oft Aufgaben auf, an denen sie nach menschlichem Ermessen scheitern mußten. Das haben wir schon von Bellerophon gehört.
Das reizt den kleinen Heraklesliebhaber vor Marpesias Füßen, sie zu ergänzen: Aber Herakles hatte ja viele Fähigkeiten. Er verdankte sie seiner einzigartigen Ausbildung. Sein Stiefvater, Amphitryon, hatte ihm außer Alkon noch andere hervorragende Lehrmeister besorgt. Der König selber war ein bewunderter Wagenlenker. Er unterrichtete den Sohn, Wagen zu lenken.
Etwas erschrocken rückt er zurück, doch Marpesia beschwichtigt ihn: Du hast mir Worte erspart. Aber zunächst mußte der doppelt Betrogene seine Gefühle bezwingen. Wie Alkmene Heras Eifersucht ängstigte, fürchtete Amphitryon Zeus Rache. Außerdem förderte seine Einstellung nicht gerade seine Versuche, Herakles Bildung zu vermitteln. Als es Amphitryon nicht gelang, Herakles in Taktik und im Umgang mit Waffen zu unterweisen, schob er das auf seine fehlende väterliche Zuwendung und Geduld. Nur beim Wagenlenken hatte er Erfolg. Die Pferde ließen Herakles jugendliche Unbelehrbarkeit einfach nicht durchgehen. Wegen seiner scheinbaren Unfähigkeit bat Amphitryon Freunde um Hilfe. Der berühmte Kastor versuchte Herakles in die Kunst des Fechtens, der Taktik, Strategie und des Reitens einzuweihen – zum Teil sicherlich ebenfalls vergeblich.
Marpesias kleiner Soufleur nickt zufrieden: Den Faustkampf brachte Herakles der Sohn des Gottes Hermes, Autolykos, bei.
Marpesia lacht über das Stichwort, das er ihr liefert: Herakles betrachtete Autolykos sicher als zumindest annähernd gleichrangig. Ich kann mir vorstellen, daß Kastor sich schneller zufrieden gab, als er beabsichtigt hatte. Seine Freundschaft zu Amphitryon war sicher nicht so groß, daß er sich an einem Besserwisser aufreiben mochte. War Herakles nicht der Sohn des Zeus? Der mußte längst nicht alles tun, was man ihm auftrug. Noch bei den ersten seiner zwölf Arbeiten fühlte er sich bestätigt. Den Löwen von Nemea zu erwürgen brauchte er nur sehr viel Kraft.
Sofort unterbrach sie der kleine “Herakles”. Er reckte sich und warf sich in die Brust: Aber einem Löwe war er doch schon am Kithairon begegnet. Amphitryon klagte über den Schaden, den das Tier anrichtete. Da nahm Herakles den Stamm eines abgestorbenen Olivenbaums als Keule und erschlug das Untier. Danach fühlte er sich siegessicher, als Eurystheus verlangte, den Löwen von Nemea zu erlegen. Herakles fand den Schädel und das Fell des Löwen gegen alle Waffen gefeit. Er konnte ihn nur erwürgen und ihm sein widerstandfähiges Fell abziehen. Das Löwenfell zog er sich über und den Löwenschädel machte er zu seinem Helm.
Marpesia ergriff ihn an seinem Fell, hob ihn über ihren Kopf und lachte: Man kann sich gar nicht vorstellen, wo plötzlich die vielen Löwen in Hellas herkamen. Doch die Kraft, einen Löwen zu erwürgen, brauchte er auch, um den Augiasstall zu reinigen, kretische Stiere zu zähmen, Bullen niederzuringen, den Kerberos zu bändigen und aus dem Tartaros zu holen oder den Eber aus dem Erymanthos Gebirge in tiefstem Schnee zu binden. Er muß ebenfalls sehr ausdauernd gewesen sein. Sonst hätte er sicher nicht die keryneiische Hirschkuh erschöpfen können, um sie mit einem Netz zu fangen.
Inzwischen ist absolute Ruhe eingekehrt, so daß Marpesias sich eine kurze Pause erlauben kann: Eurystheus hatte seinem Gegenspieler bereits acht Aufträge gegeben, um ihn loszuwerden. Dafür hatte er den Gefürchteten meist auf Untiere gehetzt, die Artemis und Apollon gehörten. Er kannte die Unbarmherzigkeit dieser beiden Götter. Doch völlig unerwartet kehrte der Ausgesandte jedes Mal erfolgreich zurück. Warum hatten die göttliche Geschwister den Heros ausnahmsweise verschont? Lag es daran, daß ihrer beider Mütter von Hera verfolgt worden waren? Oder hatte Zeus sie überzeugen können, daß Herakles ihnen nur dann behilflich sein konnte, wenn man sein Leben erhielt?
Die Aufzählung der Fähigkeiten riefen einen anderen Liebhaber des Herakles auf den Plan: Manche waren auch Kinder der schrecklichen Echidne, wie die Hydra von Lerna. Ihre vielen Köpfe konnte er nur mit dem Schwert abgeschlagen. Und um die menschenfressenden Rosse des Diomedes aus Thrakien zu Eurystheus zu treiben, mußte er schon reiten können.
Da fühlt Peri sich wieder gefordert: Du weißt schon, den Beinamen “menschenfressend” trugen die Pferde nur wegen ihrer Wildheit. nicht, Sie fraßen nicht wirklich Menschen. Auch die stymphalischen Vögel können lange nicht so geheimnisvoll gewesen sein, wie sie klingen, wenn bronzene Kastagnetten sie vertreiben konnten. Marpesia begann heute damit, seine Kunst im Schießen zu erwähnen. Doch berühmt wurde er dafür erst bei seinen Aufgaben nach seinem Besuch hier bei uns.
Marpesia lächelt über den “Kampf” der Beiden. Sie hält einen Langbogen aus massiver Esche über ihren Kopf: Herakles hat bei uns gelernt, was Bögen können. Ich habe unseren Bogenbauer gebeten, den Bogen des Herakles nachzubauen. Peri hat ihn mitgebracht. Ihr wißt, mit ihm kann ein Pfeil die gleiche Weite erreichen, wie mit unseren Bögen. Wenn ihr ihn in die Hand nehmt, denkt aber daran, mit ihm hatte der stärkste Mann seiner Zeit geschossen. Da er bei den Skythen ähnliche Bögen gesehen hatte, wählte er den Skythen Teutaros zum Lehrmeister. Ihr könnt am Namen des Skythen erkennen, daß es eine Legende ist. Klingt „Teutaros“ nicht wie „teutaein“? Unsere Devise „fleißig üben“ wurde zum Namen eines vermeintlichen skytischen Lehrmeisters. Die Hellenen geben bewunderte Leistungen am liebsten als eigene aus. Ihrer Geschicklichkeit mit dem Bogen wegen, haben sie die Skythen deshalb zu Abkömmlingen des Herakles gemacht.
Fast alle probieren den Bogen zu spannen, an dem Peri schwer zu schleppen hatte. Vergeblich! Selbst Marpesia ist mit ihrem Ergebnis unzufrieden: Der Sohn des Herakles mit dem Namen Skythes soll der einzige gewesen sein, der den des Herakles Bogen spannen konnte. Er erhielt ihn vom Vater geschenkt. Was hätte Herakles angestellt, hätte er unseren Bogenbaumeister gehabt? Beim Raub der Herden des Geryon hatte er gelernt, mit dem Bogen umzugehen. Nachdem er den Hirten Eurythion und den Bruder des Kerberos, den Hund Orthos, mit der Keule erschlagen hatte, erschoß er den zur Hilfe eilenden Geryon mit Pfeil und Bogen. Beim Raub der Äpfel der Hesperiden benutzte er ebenfalls seinen Bogen. Er wollte den Wächter lautlos töten, um seine Herrinnen nicht zu wecken.
Heute übernimmt Melanippe das letzte Wort: Auch bei der Jagd auf den erymanthischen Eber wollte er seinen Bogen benutzen. Er ging sehr oft nachlässig mit seinen Waffen um. Beim Aufbruch traf einer seiner Pfeile seinen Lehrmeister Cheiron. Doch Herakles kann seinen Fähigkeiten nicht getraut haben. Sicherheitshalber hatte er den Pfeil ins Blut der Hydra getaucht. Gegen ihr Gift war der selbst Heilkundige machtlos. Seine Wirkung ließ Cheiron den Tod suchen. Das soll auch für heute das Ende sein.
Cheirons Leid heizt die Phantasie der sachverständigen Zuhörer wieder an. Wieder zog eine geschwätzige Karawane dem Nachtlager zu. Sie hätten zwar gern gehört, wie es war, als der Sohn des Zeus auf die Amazonen traf. Doch bis Morgen konnten sie schon noch warten.
