Marpesia wendet sich an die Mädchen: Und könnte es bei euch nicht vielleicht auch ein uralter Traum des weiblichen Geschlechtes sein, so unbeherrschte Wesen, wie diese Helden, zähmen zu können? Kommt es nicht häufig genug vor, daß Mädchen dem Irrtum unterliegen, die größten Frauenverächter wollten sich gerade von ihnen zügeln lassen? Gehören zu solch einem Erfolg nicht übermenschliche Fähigkeiten?
Die Erzählerin erkennt, daß Beide, Jungen und Mädchen sich getroffen fühlen. Hoffnungsvoll fährt sie fort: Womit könnte ein Mädchen einen reizvoll Unbesiegbaren becircen? Mit ihrem Aussehen, mit ihrem Charme, mit viel versprechenden, süßen Worten? Wieder stoßen wir auf Homer. Er läßt das schon jene große griechische Zauberin Circe versuchen. Beim Gastmahl des Alkinoos läßt Homer Odysseus seinen Besuch bei ihr als einen der Höhepunkte seiner Irrfahrten schildern. Mit dieser Erzählung gab sie dem Umgarnen von Männern ihren Namen. Ich verstehe allerdings nicht weshalb ein Mann, dessen Irrfahrten ihn zur Enthaltsamkeit gezwungen hatten, betört werden mußte. Für mich stand dem Listenreichsten der Hellenen die Bezauberndste gegenüber. Doch genau so ungerührt, wie zuvor schon Kalypso, verließ er sie, als ihm nichts mehr einfiel, wie er sie noch besitzen könnte. Der Begehrte meinte alle Erwartungen erfüllt zu haben.
Dieses Mal hat die Erzählerin in ein Wespennest gestochen. Bei vielen fließen die Gedanken über. Man kann kein Wort verstehen. Sie alle sind natürlich anders, ganz anders. Sie sind keine Circe. Sie sind Amazones und sie fürchten weder Odysseus noch irgend einen anderen Hellenen. Sie sind doch keine kleinen Kinder, die sich leichtfertig verprügeln lassen wollen. Und wer sagt schon, daß sie sich verlieben wollen. Marpesia nutzt eine Pause: Aber so, wie es euch als Wahnsinn erscheint, sich dem Überlegenen, dem offensichtlich Stärkeren zu stellen, genauso widersinnig ist es, wenn Liebende glauben, Geliebte beeinflussen, verändern oder halten zu können. Doch mir geht es um das Spiel mit der Liebe. Mit Vernunft lassen sich Gefühle nicht beherrschen. Deshalb ist die Liebe bei den Hellenen so unbeliebt, wie Amazonen! Wer von euch hatte schon einmal die Absicht sich zu verlieben? Ist es gelungen?
Erwartungsvoll macht sie eine Pause. Ihre Zuhörer lassen die Chance ratlos verstreichen: Am Zauber, den die Liebe erweckt, sind immer zwei Menschen beteiligt. Diesen Zauber scheren weder Volkszugehörigkeit noch andere Grenzen. Und wie jeder von euch weiß, auch Liebe kann verletzen, manchmal sogar töten. Kein Mensch kann diesen Zauber allein bewirken. Der Zauber liegt nicht im Willen, sondern im Wesen … vielleicht auch im Bild des Geliebten. Das Bild in mir prägen Mächte von außen, wie Ma bei uns und bei den Hellenen Aphrodite. Weil die Hellenen sich kennen, halten sie Mädchen von der Öffentlichkeit fern. Ein Junge von euch hätte kaum eine Chance einem Mädchen in Hellas zu begegnen. Und wenn ihr Mädchen euch wie hier, in Hellas einfach einen Partner wähltet, hielte man euch dort für eine verdorbene Porne. Ihr werdet jetzt einwenden, daß gerade ich die Richtige bin, über Partnerschaften mit Fremden zu sprechen. Ihr habt Recht, in meiner Familie gibt es ungewöhnlich viele Verbindungen mit anderen Völkern.
Während ein ganz kleines Mädchen zu Marpesia gelaufen kommt und an ihr wegen einer Frage herumzupft, platzt Peri kurz dazwischen: Ich glaube, du hast gerade deshalb die meiste Erfahrung und damit ein Recht darüber zu sprechen. Wenn Mütter beim Erziehen ihrer Kinder Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen machen, wie bei unseren Nachbarn, müssen später ihre Männer und Frauen auch unterschiedliche Vorstellungen von Liebe haben.
Marpesia reicht der kleinen Fragerin die Hand. Ermutigt will die wissen: Was ist eine Porne?
Die Erzählerin nimmt die Kleine auf den Schoß: Du weißt, daß sich beim Frühlingsvollmond die älteren Mädchen mit Jungen und Frauen mit Männern treffen, um sich liebzuhaben. Seit Lysippe wählt sich jede Amazone ihren Partner selbst. Du magst doch sicher auch den einen oder anderen deiner Spielkameraden lieber als die Andern. Aber diese Wahl treten wir in der Nacht des ersten Frühlingsvollmonds an Ma ab. Sie führt die Paare dieser Nacht zusammen.
Die Kleine nickt sehr ernsthaft. Sie scheint bereits ihre Vorliebe getroffen zu haben. Marpesia streicht ihr lächelnd übers Haar: Bei allen unseren Nachbarn bestimmt die Familie den Partner. Und bei den Bürgern von Athen nimmt sogar der Staat darauf Einfluß. Die Athener finden für alles Gesetze. Das Verhältnis von Mann und Frau regeln sie mit der Ehe. Ihr lassen sie Hera als Göttin vorstehen. Ich sehe dir an, Hera ist dir egal. Doch, was ich dir gerade ansehe, weiß Ma schon lange. Sie ist ja nicht umsonst unsere Göttin der Liebe. Sie denkt aber auch an die, die zu schüchtern sind, ihre Wahl deutlich zu zeigen. Weil jeder unseres Volks mit Liebe in die Reihen der Erwachsenen gelangen soll, überlassen wir Ma die Wahl. So treffen sich Jungen und Mädchen zum ersten Mal, manche Männer und Frauen zum widerholten Mal in der Dunkelheit der Nacht. Und weil die Treffen festgelegt sind und alle gemeinsam aufbrechen, können Hemmungen gar nicht erst auftreten.
Die Kleine guckt ganz verständig: Liebhaben ist etwas ganz Besonderes. Es geht um zwei Menschen, die so genau zu einander passen, daß sie auch ihre Geheimnisse teilen können. Ich weiß nicht, ob ich das möchte.
Marpesia nimmt den Kopf der Kleinen, die sie an sich erinnert, in beide Hände und strahlt sie an: Ma denkt ganz besonders an die sich zurückhalten und an die, die sich meist nicht erwählt fühlen. Ich verrate euch jetzt etwas, was man bei eurem Gegiffel über eure erste Vollmondnacht im Frühling nicht glauben sollte. Ihr glaubt nicht, wie oft die Priester und Priesterinnen bei der Initiation Mutlosen gegenüberstehen. Ihr ahnt nicht, wie viele von euch sich in diesem Moment von der Natur benachteiligt fühlen. Die Priester lehren ihre Aspiranten, daß sie Ma nie wieder so nah kommen werden. Und dann schenkt Ma beim ersten Schritt in die geheimnisumwobene Nacht der Hingabe an die Göttin allen die gleiche erregende Erwartung. Selbst denen, die die Neigung verspüren, sich als Lebenspartner lieber einen aus dem gleichen Geschlecht zu suchen.
Die Kleine stellt sich vor Marpesia auf, stemmt die Hände in die Hüften und sagt: Gut, daß Ma weiß, wen ich besonders mag. Wenn ich Hellas wohnen würde, könnte ich dem Jungen, den ich ausgewählt habe, nicht begegnen? Selbst, wenn mein Freund mich auch mag. Aber ich habe gehört, in Hellas kann man alles kaufen!
Alle fallen in das Gelächter der Erzählerin ein, die die Kleine, die sich immer mehr an sie kuschelt, übers Haar fährt: Das glaube ich dir gern. Du bist ja auch eine Amazone. Du hast Recht, bei unsern Nachbarn spielt etwas eine Rolle, was bei uns bedeutungslos ist, das Geld. Für Geld kann man dort kaufen, was dir ganz sicher unverkäuflich erscheint, das Zusammensein eines Mannes mit einer Frau. In Hellas dürfen Männer und Frauen nur in der Ehe beisammen sein. Eine Frau, das die außerhalb einer Ehe tut, nennt man Porne und einen Mann Pornos. Aber auch eine Braut bringt zu ihrer Hochzeit eine Aussteuer mit in die Ehe. Das stört die Hellenen nicht. Doch ein Mann, der sich lieben läßt, übernimmt in den Augen der Hellenen die Rolle der Frau. Für seine Konkurrenten ist er damit so etwas wie ein Pornos. Solon wollte Käuflichkeit aus der Polis heraushalten und weil er fand, ein Polites, der sich selbst verkauft, würde auch die Polis verkaufen, verwehrte er jedem Pornos ein Amt in der Polis.
Als die Kleine zufrieden zu ihren Freunden zurückgeht, tritt Peris Mutter in die Runde und regt sich sofort auf: Ich glaube, ich komme gerade recht. Uns interessiert nicht, wie sich einzelne Paare lieben. Dafür wird in Hellas nicht von dem Geld gesprochen, das dort für Gunst fließt. Im Gymnasion kämpfen Knaben nackt. Erwachsene Männer kommen, um die Knaben zu bewundern. Mancher Jüngling ist von einer Schar Verehrer umgeben auf, die ihm wegen seiner Schönheit hofieren. Das ist für Hellenen ehrenvoll. Denn erwachsene Erastes lehren geliebten Knaben Verhaltensideale und geben ihnen Wertmaßstäbe mit auf den Weg. Doch der gleiche Polites handelt oft ehrabschneidend, um Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Bei den dort geltenden Moralvorstellungen am einfachsten, indem er ihnen Abartigkeit unterstellt.
Peri freut sich ihre Mutter zu sehen und fügt hinzu: Dagegen konnte Sokrates die Frozzelei der Liebhaber von Knaben leicht ertragen, von der Adonis berichtete. Man zog Sokrates mit seiner platonischen Liebe zu Alkibiades mit den Worten auf: Er ist zwar ein schöner Mann, aber ihm wächst bereits ein üppiger Bart.
Marpesia nickt heftig: Liebe muß nicht immer körperlich sein. So, wie ihr die Liebe und das Verhältnis von Männern und Frauen zu einander gewohnt seid, müßt ihr euch fragen, wie sehen die Ellenes, als Beispiel für alle unsere Nachbarn, Mann und Frau? Für die Ellenes bestimmt die Ehre das Bild vom Mann. Hopliten sehen sich als Handelnde. Sie sind der aktive Sämann und die Frau der auf die Saat wartende Acker. Hellenen unterscheiden akribisch zwischen Erastes und Eromenoi. egal ob zwischen Mann und Frau, beim Symposion oder bei Knaben im Gymnasion. Dem “Geliebten” und der “Geliebten” sind sexuelles Vergnügen versagt. Daß sich die Gyne nicht nur widerwillig hingibt, beweist Keramik, die eine aktive Hetäre abbildet. Nicht überall ist Themiskyra. Ich weiß wie schwer es ist, die Welt nicht aus dem eigenen Blickwinkel zu betrachten. Seht mal, Perithymone hat ganz schwarze Augen vor Ärger.
Die Angesprochene stößt hervor: Ich habe gerade bemerkt, daß Homer den Eindruck vermittelt, alle Männer kennen im Umgang mit Frauen nur ihre eigenen Wünsche. Seine Welt war für Frauen eine unabwendbare Bedrohung. Helena ist das Paradebeispiel. Die Gefährdung wuchs mit der Attraktivität einer Frau. Der begehrende Mann nahm sie mit List und Tücke ihrem Ehemann ab oder brachte die Beschützer der Begehrten um. Nur als Mutter von Söhnen und anerkannte Ehefrau hatte sie Aussicht auf eine relativ gesicherte gesellschaftliche Position. Nicht einmal die Ehe schützte absolut. Mit uns vergleichbar scheint mir nur Penelope. Aber sorgen die Frauen anderer Völker nicht vielleicht dafür, daß ihre Männer gar nicht erst auf die Idee kommen, auch Frauen könnten eigene Wünsche haben?
Die Kritikerin von Marpesia fällt ein: Wir haben das Vorbild in der Nachbarschaft. Selbst in unsere Nähe werden die Jungen der Hellenen durch ihre Mütter wie in Hellas verzogen. Solche Männer sind für eine Amazone abschreckend aber keine Bedrohung. Die Institution ihrer Ehe brauchen nicht. Unsere Frauen brauchen für ihren Selbstwert weder Söhne noch Familie, noch einen Mann. Dafür müssen wir lernen, uns selbst zu schützen.
Marpesia nickt zustimmend: Wenn ich euch so vor mir sehe, Junge und Alte, überkommt mich der Gedanke, daß viele unserer Handlungen in Träumen der Jugend, begründet sind. Die Jungen ertrinken fast in Träumen. Und die Älteren plagen sich im Kampf der Träume mit dem Unvorhersehbaren. Deshalb stellt sich mir sowohl bei den Bedauernswerten, wie auch bei den Angehimmelten und in die Sternegehobenen die Frage: Was hast du für Träume gehabt? Was von deinen Träumen hast du gefunden, was von deinen Träumen ist geblieben? Sind die, denen viel gelingt, glücklicher? Wer vieles kennt, dem bleibt auch viel mehr zu vergessen als einem Beschränkteren. Muß jeder den Weg zurück, den er kam, wenn seine Fähigkeiten nachlassen oder wenn das Glück sich abwendet? Und obwohl ich nicht glaube, daß Herakles sich jemals in Frage gestellt hat, werde ich euch morgen seine Geschichte erzählen.
Mit dieser Ankündigung entläßt Marpesia ihre Zuhörer voller Neugier auf den kommenden Abend.
