Der Tag nach Adonis Abreise verläuft für Peri und ihre Mutter wie gewohnt. Nur Marpesia muß sich ablenken. Sie hält sich den ganzen Tag in den Gärten auf. Gerade sind einige der wichtigsten Pflanzen heikel. Sie gedeihen ausschließlich unter regelmäßiger Obhut. Die körperliche Arbeit tut gut. Nur das endlose Bücken strengt sie inzwischen mehr an, als die bohrendsten Fragen. Obwohl sie es schon ermüdend findet, immer wieder auf ihre Geschichte angesprochen zu werden, wohin sie auch geht. Jedes Mal vertröstet sie Ungeduldige auf die Zeit des Erzählens. Nur wenn sie allen erzählt, kann sie relativ sicher am Faden ihrer Geschichte spinnen. Zwischendurch kommt Peri vorübergeflogen und fragt nach Adonis.
Marpesia vertröstet auch sie. Am Abend würden sie sicher von einander hören. Bis Ferghana übernachtete die Karawane in den Hani und konnten sich melden. Die Antwort hätte sich das Mädchen auch selber geben können. Die Reise nach Ferghana war wirklich relativ sicher geworden. Ein bißchen unzufrieden mit sich selbst kehrt Peri zu ihrem normalen Alltag zurück. Für alle Anderen ist es ein Tag wie jeder andere. Es war nur ein Bewohner des Han abgereist. Dort läuft Peri vor dem Abendessen vorsichtshalber vorbei. Sie hat Glück, Adonis Karawane hat das nächste Etappenziel erreicht und eine Nachricht nach Themiskyra gesandt. Peri eilt zu ihrer Großmutter, um sie zu beruhigen. Marpesia hätte sich nie eingestanden, daß die Nachricht es ihr leichter machte, sich auf ihre Geschichte zu konzentrieren. Nun brauchen die Neugierigen nicht vergeblich auf die Fortsetzung der Geschichte der Amazonen zu warten.
Und weil Marpesia keine Rücksicht auf Adonis’ Reisevorbereitung nehmen muß, hört man sie zum ersten Mal wieder in der Sprache der Amazonen: Kehren wir zum Stamm Antiopes, also zu unserer Geschichte, zurück. Antiope war mit Hilfe einiger Kolcher mit ihrem Volk zwischen den Bergen und dem Pontos weitergezogen. Ihr kennt das Gebirge dort hinter uns. Diese hohen, steilen Berge nennen manche Fremden, die ab und an hier auftauchen, die „Bergkette der Amazonen“. Die Ebene davor, durch die der Thermodon fließt, stellten uns unsere “Pfadfinder” als unser Ziel vor. Es ist nicht zu glauben, aber es gab niemanden hier, der Antiope das Land streitig machen würde. So beschloß unser Volk, sich hier nieder zu lassen. Für die Kolcher war das das Signal, zurückzukehren. Sie übergaben uns eine Botschaft an den Herrscher eines an unsere neue Heimat grenzenden Reichs. Von dessen Hauptstadt erzählten sie begeistert. Mit Kolchis war Nichts vergleichbar, was Hattusa zu bieten hatte. Ihr Schwärmen machte uns Amazonen neugierig. Bisher hatten wir Städte gemieden.
Noch bevor wir uns dauerhaft einrichteten, zog Antiope mit einigen Spähern nach Hattusa. Bei ihrem Aufenthalt in Kolchos hatte sich eine der Schülerinnen Medeias den Amazonen angeschlossen. Antiope ließ sich gern von ihr leiten, denn sie beherrschte die Sprache der Hethiter. Sie empfahl, als fahrende Heilerinnen aufzutreten. Und von ihr hörte Antiope, daß die Hethiter alles Land bis an die Grenze von Aigyptos beherrschten. Doch wie sehr sich Hattusa ausdehnte, hatte keine der Amazonen erwartet. Antiope ließ die Pferde außer Sichtweite der Stadt bei einer Wache zurück. Ihre Beraterin ging davon aus, daß berittene Heilerinnen in Hattusa unnötig auffallen würden. Kaum begrenzte die Mauer, die Stadt umgab, den Blick, da nahm auch schon deren Mächtigkeit alle völlig gefangen. Ihre Führerin aus Kolchis machte sie auf die in die Wände des Tores eingebauten, aus Stein gemeißelten Tiere aufmerksam. Als die Wachen, in der Sprache der Hethiter angesprochen, die Besucherinnen ungehindert passieren ließen, wich die Beklemmung.
Doch kaum ereichten die von der mächtigen Mauer Beeindruckten den Torausgang, raubten ihnen breite, gepflasterte Straßen ein weiteres Mal den Atem. Lasttiere “schwammen” in unübersehbaren Scharen von Menschen. Und dazwischen rollten hochbeladene Fuhrwerke durch die Stadt. Solche Transportmittel waren ihnen bisher noch nicht begegnete. Genau wie die große Wasserspeicher, an denen sie in der Nähe der Burg vorüberkamen. Sie versorgten die Bewohner der Oberstadt mit Trinkwasser. Die Leute in der Unterstadt schöpften sich ihr Wasser im Fluß, der Hattusa durchfloß. Antiope ließ sich von der Palastwache melden. Heilpriesterinnen fielen in den Bereich der Königin der Hethiter. Sie empfing die Abordnung freundlich und begleitete ihre Gäste neugierig zu ihren Pferden hinaus. Mit Antiope ritt sie in die Stadt ein. Nach diesem ungewohnten Erlebnis sicherte die eine Königin der anderen nicht nur beim Ansiedeln ihre Unterstützung zu. Das unerhörte Ereignis verbreitete sich rasend.
Staunend über seine Königin hoch zu Roß, ging der König über die Vereinbarungen der Frauen noch hinaus. Zum Zeichen der Freundschaft mit den erstaunlichen reitenden Heilerinnen ließ er Antiopes Helm mit verzierten Blechen aus dem von ihr bewunderten hethitischen Stahl beschlagen. Seine Wache trug Schwerter aus dem Metall. Als die Frauen sachkundig die scharfen Waffen bewunderten, ließ der König ein Turnier “Bronze gegen Stahl” veranstalten. Die Anfangs sehr zurückhaltend agierenden Hatti wurden in arge Verlegenheit gebracht. Ihr Respekt vor den zuvor unterschätzten Frauen wuchs ins Unermeßliche. Beim Abwehren ihrer Gegner erwies sich die Härte und Schärfe der Waffen aus Hattusa denen der Amazonen hoch überlegenen. Den König und seine Berater beeindruckten die kämpferischen Fertigkeiten ihrer Gäste und deren Beweglichkeit. Sie beobachteten die Gäste auch bei ihren täglichen Ausritten genau. Ihr Tempo machte sie für die Herren von Hattusa als Kuriere interessant. Sie hätten freie Bahn, wo ein als Hethiter erkennbarer Bote sofort aufgehalten würde.
Marpesia hält erstaunt inne. Peri ahnt sofort, weshalb: Alle finden das Zuhören in der Sprache der Amazonen so erholsam, daß keiner an eine Unterbrechung denkt.
Da weiß die beruhigte Erzählerin, daß niemand schläft. Sie würde auch schon früh genug wieder gebremst und fährt fort: Die gegenseitige Hochachtung sorgte dafür, daß Antiope mit Streitäxten aus dem neuen harten und scharfen Metall aus Hatti nach unserem Muster und einem Vorrat an Spitzen für Pfeile wieder nach Hause ritt. Doch auch die Daheimgebliebenen überraschten Antiope bei ihrer Rückkehr. Die ersten Langhäuser nach dem amazonischen Vorbild und der Technike kolchikos waren schon begonnen.
Das bisher gewohnte griechische Wort führte ihre Großtochter prompt zum ersten Einwurf: Entschuldige, wenn ich unterbreche. Du bist wieder in die alte Übung verfallen. Aber wir haben von den Hellenen ja auch den uns bisher unbekannten Begriff “Technik” übernommen.
Marpesia nickt ihr lächelnd zu. Ohne sich bremsen zu lassen, folgt ihr nächster Satz: Als alle ein Dach über dem Kopf hatten, richtete Antiope in einem der Häuser einen Han nach Lysippes Vorgaben ein. Diese Einrichtung für Kranke und Unterkunft für Reisende zog unerwartet schnell Besucher an. Auch das Herrscherpaar aus Hattusa hörte in kürzester Zeit von diesem Haus für gesunde und kranke Menschen, Pferde, Kamele und Waren. Beim Abschluß ihres Vertrages mit ihren neuen Kurieren schlugen sie vor, als Niederlassung in ihrer Hauptstadt einen ähnlichen Han zu errichten. Die Hatti verwendeten für ihre Häuser Steine aus der Umgebung. Die Enge der Stadt erlaubte kein Langhaus. So erhielt der einen Hof umschließende Han von Hattusa die danach überall übliche Form und Einrichtung. Nach seinem Vorbild entstand als nächstes das berühmte Haus am Baum des Amazonen in Ephesos. Um die Nutzer in Themiskyra nicht zu irritieren, ersetzten wir sogar den ersten Han durch einen mit Ephesos und Hattusa Vergleichbaren. Nach diesem Muster entstand in der Folge das Netz von Unterkünften, das euch bekannt ist.
Es wird auch Adonis auf seiner Reise nach Ferghana Unterschlupf bieten. Als der König und die Königin von Hattusa unsere Fähigkeiten beim Heilen erkannten, bestimmten sie, daß jeder Han in ihrem Reich von Heilpriesterinnen aus Themiskyra geleitet wurde.
Das ist Wasser auf Peris Mühlen. Sie steckt ihre Altersgenossen an. Marpesia stellt sich vor, was sie erst sagen würden, wenn sie von Amazonen als Städtegründerinnen sprach: In dieser Zeit friedlicher Expansion lebten die drei berühmten Amazonenköniginnen Lampado, Hippo und meine Namenspatin Marpesia. Die heute überall siedelnden Hellenen, von denen noch öfter die Rede sein wird, glauben, daß mit den drei Königinnen die Teilung der Amazonen in drei Stämme geschehen sei. Sie gestehen jedem unserer Stämme die Gründung je einer Stadt zu. Fragt ihr aber in den Städten, dann ihr seid erstaunt, wieviele von ihnen uns ihre Gründung zuschreiben. Dabei führte nur der Bau der Hani dazu, daß viele Städte für sich in Anspruch nahmen, von einer Amazone gegründet worden zu sein.
Und das kam so. Schon die Kinder Lysippes hatten sich geteilt, wie ihr wißt. Auf der anderen Seite des Pontos Euxenios dehnten sich die Kinder des Tanais bis nach Thrakien aus. Von Themiskyra verteilten sich Amazones über ganz Hatti bis nach Syrien und über den Thermodon bis nach Phrygien. Lampado, Hippo und Marpesia gehörten zu den Nachkommen der Kinder Lysippes, die mit Antiope nach Themiskyra gekommen waren. Sie waren durch das Land gezogen bis sie wieder ans Meer kamen. Dort wurden auch die Hesperiden und die Sabaier volkreich. Vor der Teilung hatten sich alleversprochen, sich regelmäßig wieder zu treffen. Weil nach eine Weile plötzlich überall Amazonen auftauchten, glaubten alle anderen Völker, die Teilung sei erst durch Marpesia, Lampado und Hippo vollzogen worden. Deren Töchter Myrine, Kyme,Gryne, Smyrne, Kyrene, Thibe und Ephese – ach es waren so viele, mir fallen gar nicht alle mehr mit Namen ein, werden für Gründerinnen von Städten gehalten, obwohl sie dort nur einen Han errichtet hatten. Die Besucher des Han gewöhnten sich daran, den Namen der Leiterin für ihr Ziel zu verwenden.
Marpesia ist sehr erstaunt. Solange hatte sie noch nie ohne Unterbrechung erzählen können. Waren alle vor Langeweile eingeschlafen? Mit einer bewußten Pause stellt sie ihre Zuhörer auf die Probe: Wenn es früher gelungen war, unbemerkt von ihrer neuen Heimat zum großen Treffen zu uns ins weit entfernte Themiskyra zu ziehen, so fielen die größeren Gruppen den Nachbarn inzwischen auf. Die regelmäßig vorkommenden Züge sorgten für Besorgnis bei den Völkern, durch deren Lande unsere Verwandten zogen. Die Züge der Amazones hinterließen den Eindruck eines unermeßlich großen und starken Volkes. So entstanden allein durch das Einhalten von Lysippes Testament Sagen über uns. Oft fühlte sich ein Herrscher durch die Anreisenden bedroht. Manchmal kam es sogar zur Schlacht. Aber davon später. Zuerst möchte ich von der unter Hellenen berühmtesten Amazone berichten.
“Penthesileia” schallt es Marpesia entgegen. Sie hatte sich gründlich getäuscht. Die vielen Städte, die die Amazonen gegründet hatten und, daß Amazonen Anlaß zu Sagen gewesen waren, reißt die Zuhörer aus ihrer Konzentration. Vor Begeisterung sehen sie wieder einmal alles rosarot. Einer übertrifft den anderen mit seinen Ausschmückungen. Marpesia muß erneut eine Pause machen. Es gibt so viel zu kommentieren. Viele von ihnen kennen Hattusa und Ephesos von eigenem Besuch. Das reizt ihr Mitteilungsbedürfnis noch mehr. Sie merken nicht einmal, daß sie ihre Geschichtenerzählerin nicht mehr zu Wort kommen lassen.
