Jettchen klappte den Block so entschieden zu, daß Inspiration klar war, das war es für heute. Doch wenn Jettchen nun wieder zu ihrer Metamorphose wurde, hatte die Einflüsterin einen “guten Draht”. Der würde sie im richtigen Moment rufen. Schon am nächsten Vormittag vernahm sie Jettches Ruf. Die Zeit mußte genutzt werden, es wurde ja schon früher dunkel: Aus dem Vorübergehenden wurden viele Jahre. Wilhelm wurde ein richtiger Pferdehändler. Noch später, als er selbst eine Familie hatte, konnte er das Handeln nicht lassen. Immer, wenn es etwas zu kaufen gab, handelte er. Wilhelm suchte sich die Geschäfte aus, wo er wußte, sein Talent anbringen zu können, sehr zum Leidwesen seiner Angehörigen. Die wollten nicht, daß Wilhelm in ihrem Beisein den geforderten Preis drückte. Kaufte er ein Paar Schuhe, so riß er die Schäfte so auseinander, als habe er einen alten Gaul, dem er vor dem Kauf ins Maul schauen mußte.
So waren mehrere Jahre vergangen, man hätte meinen können, es geschieht nichts mehr; doch da trafen die Briefe von Wilhelms Freund Franz Bartsch ein. Franz war hauptsächlich Wilhelms Cousin, weil sie sich aber gut verstanden, sprach Wilhelm von seinem Freund. Franz war ausgewandert und zwar nach Hannover, genauer gesagt nach Misburg. Er hatte Arbeit in der Zementfabrik gefunden. Franz sagte Zementquetsche. Daheim stellte sich jeder auf seine Art eine Zementquetsche vor und wenn man sie alle hätte sehen können, es wären wunderliche Dinge dabei herausgekommen.
Und diese Briefe gingen Wilhelm nicht aus dem Kopf. Franz verdiente richtiges Geld, das mußte man sich einmal vorstellen, richtiges Geld. Von nun ab träumte Wilhelm, beide Hände unter dem Kopf, als könnten sie helfen seine Träume zu verwirklichen.
Als er am Sonntag seine Eltern besuchte, traf er auf seine jüngste Schwester Marie und ihren Mann, Paul Warnke. Mit Paul sprach er öfter über Franzens …
Der Besuch erinnerte Jettchen an die Hausarbeit. Inspiration spürte einen leichten Unwillen. Sie konnte bleiben. Mit dem Schwung, mit dem Jettchen durch die Wohnung “fegte” saß sie sicher bald wieder vor ihrem Block. Gleich nach dem Essen ergänzte Jettchen den begonnenen Satz: … Briefe. “Ach”, meinte Paul: “komm doch mit mir, ich wollte mich bei der Reichsbahn bewerben. Wenn es klappt, bist du nicht so weit von Daheim!” Wilhelm bewarb sich mit Paul bei der Reichsbahn. Nach der Untersuchung wußte er, daß er nicht tauglich war. Wilhelm hatte einen Herzfehler. Paul war gesund, er wurde eingestellt.
Die Zementquetsche ging Wilhelm nicht aus dem Kopf und als Franz auf Urlaub kam, ging Wilhelm nicht von seiner Seite. Wilhelm hatte Franz gleich gefragt, ob er ihn nicht mitnehmen wollte. Und ob, Franz wollte, dann war er in der Fremde nicht so allein. Die Bahnfahrt war schon ein Erlebnis. Sie mußten mehrere Male umsteigen und Wilhelm wunderte sich, daß Franz immer einen besonderen Zug aussuchte. Oft mußten sie den Anschluß abwarten und unter Franzens Führung kamen sie in Misburg an. Wilhelm konnte erst bei Franz wohnen. Er nahm ihn am nächsten Morgen gleich mit zur Fabrik. Wilhelm hätte auch sofort anfangen können, nur er hatte keine Papiere. Ja, daran hatte er nicht gedacht, die hat er bisher nicht benötigt, weder bei Onkel und Tante noch bei Pferdehändler Kuhnert. Binnen fünf Tagen hatte Wilhelm sie in den Händen und er wurde eingestellt; aber nicht in der Fabrik. Er wurde den Maurern zugeteilt. Er bekam eine Karre und mußte Materialien herbeischaffen. Was Wilhelm nicht wußte, er wurde beobachtet.
Ein Herr stand wie fasziniert im Büro am Fenster. Er konnte es nicht fassen, – sein Sohn Wilhelm schob draußen die Karre! – Er war es! Doch dann schüttelte der Herr den Kopf, sein Sohn lag seit einem halben Jahr unter der Erde. – Aber diese Ähnlichkeit – Dieselbe Figur, derselbe Gang, die Tolle – Er mußte immer wieder hinausschauen, ja er ging sogar auf den Hof, so sehr hat es der junge Mann ihm angetan. Wilhelm merkte von allem nichts. Er verrichtete in seiner Unbekümmertheit seine Arbeit. Direktor Schmull von der Zementfabrik ging nach Hause. Er musste von dem Erlebten seiner Frau und Tochter Mathilde erzählen. Mathilde rief: “Vater! Schick ihn uns, bitte!“
Inspiration spürte, ihre Einschätzung von Jettchens Gemütszustand galt weiter. Die Geschichte ließ ihr jetzt keine Ruhe mehr. Sie hatte ihren Vater vor Augen. Bei ihm brauchte man Misburg nur zu erwähnen, und er sprudelte wie ein angestochenes Bierfaß auf dem Schützenfest. Kaum war das Geschirr abgewaschen, hatte sie ihren Block wieder vor sich: Am andern Tag sprach Direktor Schmull mit dem Meister, doch der wußte nicht so recht über Wilhelm Bescheid. Darum sagte Direktor Schmull: “Schicken Sie mir den jungen Mann mal ins Büro!” Als der Meister zu Wilhelm kam und zu ihm sagte, er solle ins Büro kommen – war Wilhelms erster Gedanke: “Ich war nicht fleißig genug, nun werde ich wieder entlassen!” Mit großer Aufregung betrat er das Büro. Ein feiner Mann mit einem Kneifer auf der Nase empfing ihn musternd, doch freundlich, wie es Wilhelm schien, mit den Worten: “Wie heißen Sie?” – “Wilhelm!” “Und weiter?” – Jetzt fehlte nur noch, dass er Schmull sagte. Direktor Schmull war ganz benommen. “Matschke !” hörte er. Gott sei Dank! Es wäre auch alles zu perfekt gewesen. In Allem, aber auch in allem glich der junge Mann seinem Sohn.
“Hätten Sie Lust bei mir zu Hause zu arbeiten?” – “Wenn der Herr es mit mir versuchen wollen?!” – Wilhelm war ja so aufgeregt. Er hatte mit einer Kündigung gerechnet, darum sagte er nur, als er gefragt wurde: “Wenn es der Herr mit mir versuchen wollen.” – “Dann gehen sie man gleich und melden sich bei meiner Frau.” Wilhelm wußte aber nicht, wen er vor sich hatte, er wußte den Namen nicht. Da hörte Wilhelm: ”Wissen Sie, wo ich wohne?” “Nein”, Wilhelm schüttelte den Kopf. “Wenn der Herr mir seinen Namen nennen würde?” – “Schmull! Direktor Schmull!” Der Herr Direktor Schmull ging mit Wilhelm hinaus und beschrieb ihm den Weg.
Wilhelm machte sich auf den Weg. Unterwegs kam ihm der Name “Schmull” so bekannt vor. Ja, er wußte es, die Maurer hatten ihn immer “Schmull” gerufen, wenn sie etwas benötigten. Er hatte sich da nichts bei gedacht. Vielleicht war es ein Spitzname. Auch jetzt kannte er den Zusammenhang nicht.
Als er klingelte, öffnete eine kleine freundliche Frau und bat ihn einzutreten. Aus einer seitlichen Tür trat sogleich ein junges Mädchen und strahlte Wilhelm an! “Nein, sowas! Der Wilhelm! –
Die kannte ihn? Wilhelm kam gar nicht zum Nachdenken.
