Zweite Szene des Schauspiels
Das Ringen um die Geschichte
Darsteller:
Jettchen (Mutter des Autors)
Inspiration

 

 Die Inspiration kommt kreuzunglücklich vom Autor. Er ist für sie plötzlich unerreichbar. Er hat nur noch sich und seine Freundin im Kopf. Verliebsein kapselt ab. Enttäuscht zieht es sie erneut zu Lutz’ überfließender Mutter an den Küchentisch. Während Inspiration die Gedanken von denen, die sie besucht, auch hört, ohne anwesend zu sein, nehmen die Besuchten sie nur ganz selten wahr: Vielen fehle ich! Doch Jettchen muß sich die Zeit zum Nachdenken immer aus ihrem bis oben angefüllten Arbeitstag stehlen. Ich fühle mich ihr sehr verwandt. 


 Jettchen steht vorm Herd: Ich habe lange nicht mehr geschrieben. Als die Kinder noch klein waren, reichte es gerade zu meinen kleinen plattdeutschen Geschichtchen im Dorfboten. 
Inspiration ist Wechsel gewöhnt. Als neunfältige Muse hatte sie als Klio Geschichtsschreiber, als Kalliope Epiker, als Melpomene Tragiker, als Urania Astronomen zu neuen Werken angeregt und als Thalia bei der Komödie, als Erato beim Liebeslied, als Euterpe beim Flötenspiel, als Terpsichore bei der Lyrik und als Polyhymnia beim Tanzen beflügelt. Die Künste lebten weiterhin von ihren Einflüsterungen. Inzwischen waren Erfinder und Entdecker auf Inspirationen angewiesen: Jettchen braucht mich weniger für ihre Geschichten, die sie im Dorfboten oder zwischendurch Lutz erzählte. Die junge Mutter erinnert mich an Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies. Sie braucht mich für den Alltag. Wie überlebt man nach einem Bombardement? In einer Notwohnung, wie ihre Eltern mit Vieh, Garten und Einmachen.


 Als hätte Jettchen sie vernommen, blickt sie zur Tür: Man glaubt gar nicht, was ein Haushalt an Zeit frißt, wenn man alles mit der Hand machen muß. Dabei geht es mir jetzt gut. Allein die große Wäsche nahm drei Tage in Anspruch und dann war sie noch nicht gebügelt. 
Inspiration fällt ein: Der Aufschwung riß Jettchen mit. An dem wollte sie mit ihren Lieben teilhaben. Statt mit Kunst wurde ich mit Möbeln, Gasherden und Anbau konfrontiert. 
Jettchen stellt den Topf auf den Herd, den sie in der Hand hatte: Mit unserm Umzug hat sich so viel verändert. Es gibt in der Nachbarschaft Frauen. Die erkennen mich sogar an, obwohl ihre Männer auf der Direktion arbeiten. Die Jungs haben sich das Haus in Diedersen vorgenommen.  Inspiration lacht leise: Dabei möchte Jettchen hier bleiben. Seit einiger Zeit führt sie in einem teueren Modeladen an der Georgstraße Kleider für die gestandene Frau vor. Sie geht voll mit ihrer Zeit. Als wäre sie meine Schwester, interessiert sie mit sich selbst Andere an Mode.


 Jettchen blickt irritiert zur Tür, als wollte sie sich versichern, ob die Inspiration nicht doch zur Tür hereingekommen war: Plötzlich kitzelt mein Gehirn so! Ich muß Schreiben! Das fing nach dem Tod von Mama wieder an. Beim Ausräumen der Wohnung fanden wir die Familienbibel.
Inspiration kann sich an Gespräche erinnern: Nach dem Tod von Oma Isernhagen, wie die Kinder sagen, konnte der blinde Opa Wilhelm ja nicht allein bleiben. 
Jettchen: Als älteste Tochter erbte ich, wie es darin stand, die Bibel, dabei wären mir die Lexikonbände von der Anrichte im Wohnzimmer lieber gewesen. Doch die waren schon weg.
Inspiration: Ohne zu fragen hatte Willi Wilhelms teueres Fahrrad und auch das Lexikon schon zu Geld gemacht. Die Bibel war viel benutzt und verlangte nach einem Buchbinder.


 Jettchen nimmt den Stift und zieht den Block heran: Als das Buch neu gebunden wiederkam, traute ich mich, darin zu blättern und stieß auf die Familiengeschichte. Jetzt kamen in Diedersen Webstuhl und Spinnrad zum Vorschein. Überall taucht unsere Geschichte auf. 
Als sie die “Pflicht” plötzlich beiseite schiebt, fällt Inspiration ein: Jetzt geht dir deine Herkunft nicht mehr aus dem Sinn. Sie will mit Macht aufs Papier. Und nichts ist schneller als das Wort! Was du nicht gleich aufschreibst, verfliegt. Dazu fressen dich Haushalt und Familie auf.

Jettchen schreibt auf das Blatt: Die drei hatten eine lange Unterredung. Onkel wollte nur Wilhelm wieder mitnehmen, er hatte es der Tante versprochen. Wo war nur der dumme Junge? – Wilhelm war gleich morgens zum Pferdehändler Kuhnert gegangen, dort half er im Stall füttern, Wasser holen und striegeln. Beim Pferdehändler Kuhnert gab es immer Arbeit. Wilhelm ging nicht einmal mittags nach Haus.


 Solange der Onkel auch wartete, Wilhelm kam nicht und als Wilhelm kam, war der Onkel fort.
Jette und Ernst hatten sein Erscheinen am Tag zuvor mit Erstaunen aufgenommen und Jette sagte: “Du kannst doch nicht so einfach aus der Lehre laufen! – Wissen Onkel und Tante denn, daß du hier bist?” Wilhelms Worte waren nur: “Ich geh da nie wieder hin. Die neuen Stiefel will ich gar nicht!” Von den Küken sagte er kein Wort. Wilhelm hatte sich im Bett seine Gedanken gemacht, er rechnete damit, daß der Onkel kam. Er hatte vor, sich zu verstecken; aber dann fiel ihm Pferdehändler Kuhnert ein und Wilhelm freute sich, daß er darauf gekommen war. Es war eine wunderbare Idee.

 
 Zuhause war es nicht mehr so wie früher, wie sollte es auch. Ernst und Jette waren froh über Wilhelms guten Start gewesen. Sie hätten sich um ihn nicht mehr sorgen müssen und nur warf der dumme Junge alles über den Haufen. Ernst schimpfte mit Jette, als habe sie die ganze Schuld.
Ja, nun hatte man einen aus der Lehre gelaufenen Sohn! Was für eine Blamage. Doch Wilhelm war nicht der Erste und der Letzte. Die Welt blieb davon noch lange nicht stehen. Es ging alles seinen gewohnten Gang.


 Eins hatte Wilhelm vom Onkel gelernt, er konnte später in der Inflationszeit, wo es nichts gab, für seine eigenen Jungen die Hose nähen, oder hatte er es von seinem Vater gelernt? – 
Pferdehändler Kuhnert mußte über Land und fragte Wilhelm, ob er Lust habe, mitzukommen? Wilhelm wußte nicht, Pferdehändler Kuhnert sollte seine Eltern fragen. Wilhelm mochte nicht fragen. Er ging abends auch nicht gern nach Haus; aber er mußte ja, sein Bett stand dort.


 Und dann wurde es für Wilhelm doch ganz schön. Er traf sich mit allen seinen Freunden. Es war so wie früher! Wo waren sie nur alle so schnell hergekommen? Es gab ein Schulterklopfen und sie redeten alle durcheinander und gingen dabei auf den Berg. Als sie oben waren, sagte einer: “Wollen wir mal runterpinkeln?” “Ja!” Alle wollten und stellten sich in Reih und Glied: “Wer am weitesten kommt!” Dann schrieen sie: “Mensch Wilhelm! Was hast du für einen Strahl!” Es stand einwandfrei fest, Wilhelm, der Kleinste, hatte es am weitesten geschafft. Wilhelm war stolz. Er drehte sich auf die Seite und als er wach wurde, hatten sie ihm kalte Lappen auf dem Bauch und den Rücken gelegt. Er fragte sich warum. Wilhelm hatte die kalten Lappen bis unter die Arme. Er setzte sich auf und dann begriff er die Bescherung. So einen spitzen Berg gab es ja überhaupt nicht und darum war er der Beste gewesen. Nun war der ganze Segen im Bett und wie naß das Bett war. Das Unter- und Oberbett. Wilhelm rollte sein Hemd, das er als nasse Lappen empfunden hatte, bis unter die Arme auf. Ihm ging aber auch alles schief. Konnten die dummen Küken nicht am Leben bleiben, dann wäre Wilhelm noch bei Onkel und Tante und hätte nicht weglaufen müssen. Dort war es doch schöner, er merkte es jetzt, wo er mit dem nassen Hemd auf dem Bett saß.

 
 Warum kam jetzt nicht eine gute Fee und brachte alles wieder in Ordnung? Wilhelm wäre so froh gewesen und die Tante erst recht. Da hätte der Onkel nicht mit einem Donnerwetter die Hand sausen lassen müssen, nur, um der Tante beizubringen, daß sie mit ihrem Jammern nach Wilhelm aufhören sollte. Onkel konnte doch nichts dafür und Ernst und Jette, den Beiden wäre eine große Sorge abgenommen. Es gab aber keine gute Fee und so zog sich Wilhelm an. Das nasse Hemd blieb vorläufig aufgerollt bis unter die Arme. Wo sollte er auch damit hin. Er hinterließ Jette nur noch das nasse Bett.
Was sie wohl sagen würde? O, war Wilhelm unglücklich und er schämte sich so. – – 

 Inspiration fühlte mit ihm. Solange Kinder spielten, hatte sie ein leichtes Spiel. Doch sie hatte verspielt, wenn Hunger die Phantasie beherrschte, Armut die Kinder zur Arbeit zwang, und Erwachsene mit “Das wurde immer so gemacht” jeden Widerspruch einfach totschlugen, starb  jede Einsicht. Wilhelm hatte Frau und Kindern sicher nichts von seinem Mißgeschick erzählt. Jettchens Mutter wußte das sicher von ihrer Schwiegermutter. Nur kurz rief das Essen auf dem Herd die Hausfrau zur “Raison”: Bei Pferdehändler Kuhnert hielt er sich in Trab und abends, als er nach Hause wollte, war das Hemd getrocknet. Er ging nicht gern nach Haus. Er brauchte auch nicht. Pferdehändler Kuhnert war bei Jette und Ernst gewesen und hatte so gut auf die beiden eingesprochen. Sie brauchten sich um Wilhelm keine Gedanken zu machen, er würde auf Wilhelm schon aufpassen. Er, Pferdehändler Kuhnert, wollte bloß Gesellschaft und weil es bloß vorübergehend war, hatten sie nichts dagegen. Inzwischen würde sich schon “etwas” passendes für Wilhelm finden.

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