Als sie den Anlandeplatz erreichen, ist das Holz noch nicht zu sehen. So setzt sie ihre Erzählung fort: Aber wir sahen auch andere Möglichkeiten. In der Wüste wohnte man in Zelten.
Peri nickt: Wenn es nur Sand und Sonne gibt, kann man sich kaum auf Dauer aufhalten.
Marpesia meint aber: Nur wo man Wasser findet, umstehen es oft Häuser aus Lehm. Die sind innen schön kühl. Doch für Lehm regnet es hier in Themiskyra zu viel. Was sahen wir noch?
Die kleine Baumeisterin antwortet: In Ferghana ziehen Pferdeherden von Weide zu Weide. Weil die Zelte nicht jeden Tag neu wieder aufgebaut werden müssen, können sie viel bequemer sein.
Sie steckt Peri an: Obwohl sie Lysippes Häusern gleichen, fanden sie bei uns wenig Anklang.
Die kleine Baumeisterin: Wir wollten ja wieder seßhaft werden. Dafür lernten wir in Kolchis Häuser kennen, wie wir sie bis dahin noch nicht gesehen hatten, obwohl sie aus Holz waren.
Die Menge: Der Kaukasos ist ja auch voller Wald. Da bieten sich Dendres zum Häuserbauen an, wie früher bei uns. Nur hier sind sie viel schwerer als in unserer alten Heimat.
Die kleine Baumeisterin kommt richtig in Fahrt: Und im Winter wird es viel kälter. Deshalb legt man im Kolchis die schweren Dendres so übereinander, daß sie zur Wand werden. Im Gebirge errichtet man neue Häuser nur, wo weder Lawinen noch Steinschlag drohen.
Die kleine Partnerin der Baumeisterin fügt hinzu: Dort meidet man möglichst auch Überflutung.
Die kleine Baumeisterin ist kaum zu bremsen: Die Menschen von Kolchis singen gern. Sie haben sehr viel Phantasie. Mit den ersten Stämmen legen sie die Form und die Größe des Hauses aus. Dann stapeln sie Schicht um Schicht Dendres übereinander, bis das Haus die erträumte Höhe hat. Die Dächer der Kolches erinnern an die des Volkes der Berge des Himmels.
Ihre Partnerin nimmt das Duett wieder auf: Wie dort muß man im Kaukasus nicht nur Regen sondern auch dem Schnee trotzen. Dicke, schwere Polster lasten im Winter auf den Dächern.
Plötzlich platzt die kleine Baumeisterin heraus: Seht mal, da unten kommen meine Eltern.
Adonis erblickt auf einem sehr flachen Wasserfahrzeug einige Menschen, von denen einer steuert und die anderen, wie ihm scheint, das Anlegen vorbereiten. Sie werfen Leinen ans Ufer. Die werden aufgefangen und an in den Boden gerammten Pfosten am Ufer festgemacht. Das Fahrzeug bremst und legt an. Den Seefahrer begeistert die Wahl der Anlegestelle. Eine Biegung des Flusses drückt, was den Fluss herunterkommt, gegen das Ufer.
Alle Kinder laufen hinter dem Mädchen her, das seine Eltern umarmen möchte. Die hatten die Schar schon erwartet. Um die Arbeiten nicht zu behindern, kommen sie ihrer Tochter am Ende des Fahrzeugs entgegen. Adonis und Marpesia versuchen die Bande zusammen zu halten. Als Marpesia die Eltern begrüßt, entlockt das Fahrzeug Adonis den erstaunten Ausruf: Ein Floß!
Marpesia und die Eltern blicken ihn erstaunt an: Gibt es das bei euch auch?
Auf das Floß konzentriert, antwortet Adonis: Die Kedres vom Libanon kommen so ans Meer.
Marpesia hat noch kein “Zedern”floß gesehen: Dann weißt du, was mit dem Floß geschieht? Adonis bejaht und fragt die Eltern, denen ihre Tochter in die Arme drängt: Ihr fällt die Bäume?
Die gerade nicht beanspruchte, erstaunlich zierliche Mutter antwortet: Ja. Die Pferde, die ihr dort unten seht, haben die Bäume zum Fluß gezogen. Wir brauchen Pferde nicht nur zum Reiten.
Dann läßt ihre liebebedürftige Tochter sie nicht mehr zu Wort kommen. Der Vater setzt fort: Im Wasser binden wir die Bäume zu einem Floß zusammen, wie das da unten.
Da wird Floß auch schon auseinandergenommen und die Kinder begleiten die mächtigen Pferde, die die ersten Stämme an Land ziehen. Als ihre Schützlinge sich am Zerlegen des Floßes sattgesehen haben, führt Marpesia sie zu einer Baustelle. Die ist auch das Ziel der Eltern der kleine Baumeisterin. Sie begrüßen einige Männer, die die Bäume der Länge nach behauen. Mit viel Kraftaufwand entstehen ebene Flächen auf zwei Seiten der Bäume.
Peri sagt betrübt zu Adonis: Das abgeschlagene Holz hinterläßt frische Wunden. Wie Blut quillt das Harz hervor. Nur verletzte Menschen duften nicht so angenehm, wie verletzte Bäume.
Adonis streichelt ihr über das Haar: Ich kann Dich gut verstehen. Doch die Bäume scheinen uns zu verzeihen. Sie schaffen Schutz gegen Wetter und lassen uns sicher über die Meere gleiten.
Marpesia führt die Kinder zum gerade begonnenen Bau. Sie sehen zu, wie der Vater der kleinen Baumeisterin eine vorgearbeitete ebene Fläche mit einer breiten Axt weiter glättet.
Und ihre Mutter erklärt: Die Bäume werden zuerst entkleidet, weil die Rinde den Regen vom Abfließen abhält. Dann werden sie dafür vorbereitet, eine Wand zu bilden. Sie sollen sich so aneinander schmiegen können, daß sich zwischen sie nicht der leiseste Wind zwängen kann. Nach einer Weile löst sie ihren atemlosen Partner ab, den Flächen letzten Feinschliff zu geben.
Adonis wundert sich über die Arbeitsteilung von Mann und Frau. Marpesia erklärt: Die beiden sind unsere Könige des Hausbaus. Ihr Geschick läßt die Stämme sich innig berühren.
Die Mutter ergänzt: Wir lernten uns in Kolchos kennen. Ich war dort, um diese Kunst zu lernen. Wegen der Fähigkeiten die mir Ma verlieh, wurde ich zur Priesterin der Bauleute. Ich danke für ihre Gunst, bitte für jeden gefällten oder verletzten Baum um Vergebung und sorge für Ersatz.
