Nach der Mittagspause begleitet Adonis Melanippe, Marpesia und Peri in den Han. Er schließt sich der Gruppe Anfänger an, die Peri übernimmt: Ich weise euch in die Therapeia ein.
Der Phönizier ist sehr neugierig auf den “Dienst am Kranken”. Peri spricht von Prophylake.
Der Begriff “Vorposten” war Adonis schon bei der Patroullie begegnet. Doch hier waren sie vorsorgliche Maßnahmen, die man zu treffen hatte, bevor man den Kranken begegnete. Adonis staunte, was schon die Kleinen, die sich um Peri tummelten, alles über die Krankenpflege lernten und wie behutsam Kinder mit Kranken umgehen konnten. Die mit ihrem ältesten Schüler sehr zufriedene Peri empfahl Adonis beim nächsten Mal sich Marpesia oder Melanippe anzuschließen, um sich nicht nur in der Pflege, sondern auch in den Techniken der Iatros zu üben.

 Schon beim Abendessen ist überall das Wort Frühjahrsvollmond zu hören. Noch immer feiert man an diesem Tag das Neue Jahr. Die Zuhörer wollen bestätigt haben, daß auch dieses Fest bereits von der großen Wanderung und von Lysippe herrührte. Adonis fällt ein, daß er vergessen hat, nach den Kopfkarten zu fragen. Er würde es später nachholen. Die Erzählerin befriedigt die Erwartungen des jungen Volks, aber nicht ohne auf weitere Probleme ihrer großen Königin hinweisen: 
Bevor das Frühlingsfest kam, mußte Lysippe sich noch viele Male bewähren. Sie hatte ihr Volk heil bis hierher geführt. Sie kannte die Befürchtungen der Führer ihrer Wirte und konnte nicht eher ruhen, bis sie ihre Amazonen in Sicherheit wußte.

 Schon zu Beginn des Winters, als einige Mädchen allzu ehrfurchtsvoll von ihren Wirten zu sprechen begannen, mußte sie ihre ganze Autorität einsetzen. Ihr ungläubig blickendes Volk war nicht so leicht davon zu überzeugen, daß der Zauber, den sich das Volk des Himmels unmerklich schmunzelnd angemaßt hatte, nur durch die Natur erzeugt worden sein konnte. Dabei hoffte Lysippe inständig, daß das, was sie in ihrer Kindheit einmal von den Weisen vernommen hatte, tatsächlich der Wirklichkeit entsprach.

 Das Selbstbewußtsein ihrer Amazonen mußte erhalten bleiben, wenn sie ihr Überleben nicht aufs Spiel setzen wollten Sie durften sich nicht von vermeintlichen Fähigkeiten der Anderen unterkriegen lassen. Sie durften keine Schwäche zeigen, mußten beweisen, daß sie mit jedem Problem fertig werden würden. Es war lebensnotwendig, sich den Respekt ihrer Wirte zu erhalten. Je kälter es wurde, umso mehr mußte sie gegen Kleinmut ankämpfen. Nach Wochen bitterster Kälte warnte das Volk der Berge des Himmels die Amazonen beim nächsten Fischzug, das bröckelnde Eis zu betreten. Zunehmende Wärme ließ schließlich auch die Halsstarrigsten zugeben, wie recht die kluge Lysippe gehabt hatte.

 Die gespannt Lauschenden konnten ihre Begeisterung über die größte Königin ihrer Geschichte nicht bändigen und platzten laut heraus. Nach all den schwerverdaulichen Dingen wie Autorität und Selbstbewußtsein war ihre Lehrerin endlich auf die Schnee- und Eisschmelze gekommen. Hier kannte man sich wieder aus. Marpesia lächelte mitfühlend, sie erinnerte sich an die Begeisterung in ihrer Jugend, als sie fortfuhr:
Jetzt, wo die akute Bedrohung nachließ, fielen der ihre Umgebung aufmerksam beobachtenden Lysippe zunehmend Unterschiede auf.

 In der alten Heimat hatte man von der Plattform vor dem Haus den weitesten Blick auf die Landschaft gehabt. Hier hatten die Amazonen sich mühselig an die Tür gewöhnt. Öffnete man die, bremste das Nachbarhaus den Blick. Inzwischen wußten sie, warum sich die Behausungen wie eine Kükenschar an den gluckenhaften Berg duckten. Die Kälte zwang das Volk der Berge des Himmels viel mehr Rücksicht auf Wind und Wetter zu nehmen. Alle Eingänge lagen auf der dem Nachbarbau zugewandten Seite. Sie waren damit den Winterstürmen weniger ausgesetzt.

 Die schützenden Häuserschlucht lenkte die Augen eines Heraustretenden zunächst bergaufwärts. Für Menschen aus dem Süden stießen die Blicke ungewohnt schnell durch Nachbarhäuser oder Felsen an Grenzen. Wandte man sich um, sprang bei klarem Wetter ein durch die Hauswände begrenzter Ausschnitt der Landschaft auf den Hängen der gegenüberliegenden Seite des Tales ins Auge. Wer von den Amazonen aus dem Gang zwischen den Häusern hinaustrat, überraschte der weite Blick. Der Horizont, den die auf der anderen Seite des Tals aufragenden Berge bildeten, lenkte die daran ungewohnten Augen in die Unendlichkeit. Kehrte man zu den gegenüberliegenden Bergen zurück, rückte die Grenze des Blickfelds merklich näher. Dafür entschädigten erkennbare Details. Die Dörfer auf den Hängen schienen greifbar nahe.

 Sie machte ihr Volk darauf aufmerksam, wie unterschiedlich weit man früher und jetzt sehen konnte: “Ich wollte euch gern etwas zeigen, was wir sonst immer tun, bevor wir Neuland betreten. Bei unserer Ankunft hatten wir dazu keine Gelegenheit. Doch jetzt seht ihr, was man, wo wir überlebt haben, für selbstverständlich hält. Ich glaube, den Blick und die Freiheit, die er verspricht werdet ihr nie mehr vergessen. Am Tag hatten die Flüchtlinge den Eindruck, daß hier der Himmel näher war als in ihrer alten Heimat. Dafür schien er des Nachts in unendliche Fernen zu rücken. Der Fluß, auf dem sie hierher gekommen waren, tauchte nur in der Ferne auf. In der Nähe bildete er die unsichtbare, nur zu erahnende untere Grenze der Landschaft. Als das Volk der Berge des Himmels sie zu den nahen Quellen in den über ihnen aufragenden Bergen führte, wurde der Fluß für sie immer mehr zum Wendepunkt.

 Mit Lysippe waren sie hierher gelangt. Die würde sie auch noch in Sicherheit und Selbständigkeit führen. Nur für sich allein ergänzte ihre Königin: Wenn weiterhin alles gemäß den Wünschen verläuft. Trotz aller Vorsicht war der Ausgang ja nicht sicher. Das Schicksal ließ sich nicht bestechen. Deshalb achtete Lysippe streng darauf, daß keine Amazone während der Übungen jemals eine Waffe in die Hand bekam. Die zur Schau gestellte Verletzbarkeit machte Ihr Volk aus Angst anfangs unwillig. Es beugte sich nur murrend der festen Haltung seiner Königin. Doch mit den Übungen bemerkte auch der Letzte, wie nicht nur die Fertigkeiten der zähen Krieger des Bergvolkes wuchsen, sondern daß durch deren völlig andere Erfahrungen auch die eigene Kunst gefördert wurde.

 Als Lysippe die staunenswerten Fortschitte sah, hielt sie ihre Kämpfer mit größerer Überzeugung von jeder Art Waffe fern. Sie bat die amazonischen Kämpfer nun immer wieder, ja nicht bis zum Letzten zu gehen. Ihre vollen, besonders die unmerklich hinzugewonnenen Fähigkeiten durften nicht offenbar werden. Nur so konnten sie sich einen Vorsprung bewahren und die sie Fürchtenden durch scheinbare Annäherung beschwichtigen. Damit hatten beide Gewinn.
Das Volk des Himmels errang seine alte Selbstsicherheit, das Gefühl, unschlagbar zu sein, zurück. Im Ernstfall würde man auch nun mit Amazonen fertig werden können. Man wurde sogar so leichtsinnig, den ehemaligen Gefangenen sogar Waffen anzubieten.

 Lysippe wollte jedoch nur die alten gewohnten Bögen zurück, die man ihnen bei der Gefangennahme entrissen hatte. Auch dieser Wunsch brachte beiden Völkern Vorteile. Das Volk des Himmels zog jetzt verstärkt durch im Schießen bewährte Amazones zur Jagd. Und die konnten sich üben. Über die letzte Annäherung war es Frühjahr geworden. Das war die einzige Jahreszeit, in der die Häuptlinge eine Chance sahen, den weiteren Weg hinter den Bergen überwinden zu können. Im große Frühlingsfest begrüßten sie die Wärme und neue Nahrung verheißenden Monate. Der Anlaß wurde auch genutzt, um die ehemaligen Feinde zu verabschieden. Nun stellte sich heraus, wie sehr sich beide Völker an einander gewöhnt hatten. Das bisher gefürchtete Volk war unter Entbehrungen zum Gastfreund geworden. Nicht nur der Ehre und der Sicherheit wegen brachte ein Heerbann die Amazonen zur Grenze.

 Sehr beruhigt – auch die, die die Geschichte schon mehrfach gehört haben, gehen alle zu Bett. Einige von ihnen werden sehr früh aufstehen müssen.

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