Wieder wundert sich Adonis, wie der Tag vorübergeflogen ist. Nach dem Abendessen hält sein Staunen an. Die erwachsenen Zuhörer von Marpesias Geschichten sind über ihre Voreile noch immer ziemlich verlegen. Nur die Energie der Prinzessin und ihrer Freundinnen war ungetrübt. Sie geraten in einen Disput darüber, was schöner sei, Hitze oder Kälte, Sommer oder Winter die Erzählung. Schließlich einigt man sich auf den Frühling als schönste aller Jahreszeiten. Mit ihm ist die Bedrohung des Winters vorbei, es besteht Aussicht auf Wärme und neue Nahrungsmittel. Man braucht nicht mehr vor Hunger in Schnee und Kälte auf Jagd zu gehen.

 Lächelnd setzt Marpesia ihre Erzählung fort:
Wir sind heute spät dran. Damit ihr überhaupt etwas hört laßt uns beginnen. Auch bei uns reichen manchmal die Vorräte nicht, wenn der Winter gar zu lange dauert. Und so mancher winterliche Jagdtag, wenn ihr euch recht erinnert, mußte bei der Dämmerung ohne ein Stück Beute abgebrochen werden, weil auch das Wild sich vor der Kälte verbarg oder sogar schlief. Und wenn im Walde die Essenvorräte nicht wieder aufzufrischen sind, versuchen wir es mit einem Ausflug zum Teich oder ans Meer. Jetzt stellt euch unsere Vorfahren vor, wie sie ans Wasser kamen und es war eisenhart geworden. Man konnte auf seiner Oberfläche spazieren gehen. Weder Lysippe noch ihre Gefährten hatten jemals davon gehört oder gar gesehen, daß man über das Wasser gehen konnte. Anfangs fielen sie sogar auf die Behauptungen des Himmelsvolks herein, die besagten, daß die unbekannten Veränderungen durch die Zauberer dieses Volkes hervorgerufen worden wären.

 Das Volk der Himmelsberge hatte schadenfroh die Wirkung der Naturerscheinungen auf seine Gefangenen erkannt und nutzte seinen Wissensvorsprung. Das Selbstbewußtsein der Amazonen drohte mit der Vorstellung von der Macht unserer Besieger zu schwinden. Die freuten sich über die Revanche und wollten den Eindruck mit dem Erstaunen über das Eis noch erhöhen. Tage später machten sie sich den Spaß, uns zu einem nahegelegenen Wildwasser zu führen. Hier gerieten Lysippes Amazonen in noch größeres Entzücken. Das fließende Wasser war hart gefroren. Sie fanden es in der Bewegung erstarrt. Bäche, Teiche und Quellen waren für sie völlig unerwartet zu erstaunlichen Formen gefroren. Das flüssig scheinende Wasser rann nicht mehr wie gewohnt durch die Finger. Bei der Berührung wurden die Hände nicht einmal richtig naß, ja sie schienen an dem gläsernen Material kleben zu bleiben.

 Das sonst leicht zu durchdringende Wasser war über Nacht steinhart geworden. Von überkragenden Felsen hingen wundersam geformte kristallklare Zapfen herunter, wulstig, fast fließend, in der Sonne blitzend und durchsichtig. Und noch unheimlicher war es, die blanken, vom Schnee freien Flächen zu betreten. Die Füße wurden unter dem Körper fortgerissen und mancheiner stürzte nicht nur zu Boden sondern schlug auch schmerzhaft mit dem Kopf auf das harte Eis. Nur daß neben ihnen die erfahreneren Begleiter auf ihren Beinen blieben, ja sogar sicher über die spiegelglatte Bahn dahin rutschten und unbändig lachten, weckte den Widerstand und hielt die Gestürzten davon ab, angstvoll davon zu laufen. Ihr kennt das, aber denkt daran, daß unsere Vorfahren aus einer Gegend kamen, die heiß und grün war. Dort hatte es nie Schnee oder Eis gegeben.

 Anfangs schweigen Marpesias lauschende Amazonen mitfühlend. Doch dann brechen die Erinnerungen hervor. Wie herrlich ist es, über das Eis dahinzusegeln. Aber wehe, einer wird zu übermütig und verliert die Kontrolle über Beine und Körper. Fast jeder hat noch die Sterne vor Augen, die so mancher Sturz erzeugte. Und doch überwiegt die Freude.

 Ihre Erzählerin lächelt nachsichtig, als sie beginnt den Faden fortzuspinnen:
Auch unsere Vorfahren vergaßen über den Spaß die Furcht. Doch die Leute der Himmelsberge nutzen ihren Vorteil. Nur unserer Königin war aufgefallen, daß der Zauber mit Eis und Schnee nicht vom Volk der Berge gewirkt worden war. Das Wunder war überwältigend; fast wäre auch sie ihm erlegen gewesen. Doch sie hatte in ihrer alten Gewohnheit ihr Wirtsvolk weiterhin genau beobachtet. Sie hatte bemerkt, wie man Vorbereitungen traf, die sie sich zuerst nicht erklären konnte. Die unverständlichen Handlungen gewannen aber zunehmend an Sinn, als es kälter wurde.

 Jede Gelegenheit zu einem unverfänglichen Gespräch mit den Weisen der Berge hatte sie genutzt. Von ihnen hatte sie – anfangs auch ungewollt – erfahren, daß die anfängliche Kälte nachlassen würde, wenn Schnee gefallen sei. Ihre Besonnenheit und ihre Schlüsse nötigte ihren Gesprächspartnern zunehmend Bewunderung ab. Sie erkannten in ihr die Ebenbürtigkeit. – Beobachtet die Welt und ihr werdet erkennen, daß innerhalb der Nationen eine Übernationale besteht, die unausgesprochene Übereinkunft der Weisen verschiedenster Herkunft. – Bald konnte Lysippe ihr Volk auf die Wirkung des Schnees aufmerksam machen, der die Häuser so dicht einhüllte, daß der beißende Wind nicht mehr durch jede Ritze dringen konnte. Sie beobachtete aber auch, wie man immer wieder Löcher schuf, weil diese weiße Decke wohl so dicht war, daß sie das Feuer und das Leben zu ersticken drohte.

 Man hatte sich auch über den Mondwechsel unterhalten, zu dem sie den Weisen einiges Neue zu berichten wußte. Es gab auch viele Ähnlichkeiten. Auch hier in den Bergen feierte man mit dem Frühjahrsneumond das Ende von Angst und Schrecken des Winters. Aus ihren Erinnerungen an die Weisen der Himmelsberge machte Lysippe später die Kopfkarten, die noch heute jede Amazone für ihren Lebensweg erhält. 
Mit der beruhigenden Aussicht auf ein Fest beendet Marpesia für heute ihre Geschichte. Auch Adonis fühlt sich sehr müde und freut sich auf sein Lager.

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