Adonis steht vor dem Speisehaus und blickt zur Sonne hinüber, die gerade über dem Horizont aufsteigt. Ihr Gesicht hat die schläfrige Rötung bereits verloren. Hellwach kann sie betrachten, was die Phantasie des Phöniziers so sehnsüchtig erwartet. Er hätte nie erwartet, daß ihm einmal Kinder dazu verhelfen würden, einem Traum näher zu kommen. Seine hauptsächliche Lehrerin, Peri, muß Adonis bei der morgendlichen Pferdepflege inzwischen schon nicht mehr behilflich sein. Aber sie haben sich daran gewöhnt, nach dem Frühstück gemeinsam zu den Pferden zu laufen. So wartet er heute mal auf sie. Adonis freut sich, es Peri gleichtun zu können. Dank ihr haben er und sein Pferd sich inzwischen aufeinander eingespielt, wie alte Freunde.
Adonis staunt, wie viele Amazonenkinder Leistungen vollbringen, die in Phönizien schon für Erwachsene erstaunlich wären. Ganz besonders wird ihm das bewußt, als sie an diesem Morgen über das Übungsfeld reiten. Plötzlich kommt eine Reihe reiterloser Pferde auf ihn zu. Kurz bevor sie ihn erreicht, schwenkt die Cavalcade ab. Und plötzlich sitzen Reiter auf den Tieren, spannen ihre Bogen und schießen auf eine Scheibe. Er erkennt unter den vorüber gallopierenden Pferden auch das von Peri. Er hatte gar nicht bemerkt, wann sie sich von ihm getrennt hatte.
Der ersten Reihe Pferde ohne Reiter folgt eine weitere. Nur vom Geräusch der in die Scheibe zischenden Pfeile bemerkt Adonis die hinter dem Pferderücken verborgenen kleinen Schützen. Er ist sich sicher, diese Übung kann er ihnen nicht nachmachen. Das hatten auch Marpesia und Melanippe vermutet. Sie treffen Adonis so in das Geschehen vertieft daß er weder sie noch ein einzelnes Pferd bemerkt, das gerade heranprescht. Melanippe macht ihn aufmerksam: Paß auf, da kommt Peri.
Im letzten Moment, als das Tier schwenkt, erkennt Adonis das Pferd. Einen Augenblick später sitzt Peri – wie hingezaubert – plötzlich auf dem Rücken ihres Tieres. Nach einem exakten Schuß senkt sie den Bogen, verschwindet wieder hinter dem Pferdeleib und gallopiert zurück. Es ist kaum zu glauben, auch dabei bleibt die Reiterin unsichtbar. Seine Bewunderung und der Stolz von Mutter und Großmutter lassen die Augen glänzen. Adonis tätschelt sein Pferd. Es hatte ihn angestupst, als wollte es sagen, das ist nicht unsere Sache: Ihr habt meine Unfähigkeit vorausgesehen und seid gekommen, mich abzulenken. Mit euren Ideen zur Heilkunst müßte das gelingen, sie fordern viel Aufmerksamkeit.
Mit frechem Grinsen frotzelt Marpesia: Du bist die Unfähigkeit in Person. Über alles müssen wir mit dir sprechen, bevor wir es dir mit den Kindern zusammen servieren können.
Während Marpesia vor Ironie trieft, blickt Melanippe Adonis an, wie ihre Mutter auf dem Schiff: Wie ihr euch versteht! Ich weiß nicht, ob ich mir zumuten möchte, was du hier dir tust.
Adonis läßt seine Augen gern einfangen:Was machst du denn anderes? Mit aller Kraft steuerst du auf dein Sehnsuchtziel zu. Ich sehe meinen Traum inzwischen in erreichbare Nähe rücken.
Marpesia beobachtet die Beiden verständnisvoll: Das fände Melanippe auch gut. Doch dir rinnt das Jahr davon. Wir können nicht darauf warten, bis alles mit den Kindern besprochen wird.
Adonis kichert über eine plötzliche Eingebung: Deshalb die Sonderbehandlung? Ihr meint, ein Heiler aus der Fremde hätt eine größere Chance, das Abenteuer ungeschoren zu überstehen?
Marpesia nickt nachdenklich: Was viele der Quacksalber können, kannst du alle Mal. Bald wirst du auf Schamanen treffen. Gegen deren Geisterglauben haben nur Heilerfolge eine Chance.
Adonis sieht sie fragend an und greift nach den Zügeln seines Pferdes: Sollen wir gehen?
Das hält Marpesia nicht für richtig: Nein, ich glaube, du solltest dir das ganze Repertoire ansehen. Einige Übungen könnten auf deiner Reise Ernst werden. Wir haben sie von dort.
Adonis nimmt seinem Pferd das Geschirr ab, läßt es grasen und wendet sich Melanippe zu: Mich beschäftigt die Frage: Wie nahm man in Kyrene eure Erkenntnis auf? Denn, wie ich dich kenne, kamen dir schon neue Ideen, bevor ihr wieder dort wart.
Weil Melanippe gerade den Reitern hinterhersieht, antwortet Marpesia: Als sie von ihren Vermutungen sprachen, wurde Taharqa Asklepios genannt. Das gefiel Melanippe gar nicht.
Melanippe ist noch immer unwillig: Das stimmt, die Benennung “Asklepios” schmeichelte Hadarqa. Doch mich stört immer, wenn Amazones Idole der Ellenes wählen, um auszuzeichnen.
Adonis findet gerade noch Worte, bevor er sich wieder dem Unglaublichem, das vor seinen Augen abläuft, zuwenden muß: Ihr fandet Zustimmung, wenn man Hadarqa mit dem beühmten Asklepeios verglich. Er schoß mir durch den Sinn, als ich meinen Bruder aus dem Wasser zog.
Darüber geht Marpesia hinweg: Nach den Schriften der Ellenes erweckte er auch Tote.
Melanippe ringt mit ihrem Selbstverständnis: Wenn Menschen aber Sterben verhindern, gibt es für Ellenes keine Zweifel: das ist Hybris. Dafür ließen sie Asklepios bedenkenlos büßen.
Die “Gotteslästerung” läßt Adonis ahnen, daß die Beiden sich mit ihrer Entdeckung ebenfalls in Gefahr brachten: Von Leuten, die soetwas schreiben, fürchtest du eine ähnliche Bedrohung?
Doch Melanippe ist gerade wieder bei dem Pferdegetümmel. Weil sie nicht möchte, daß er etwas verpaßt, macht sie ihn auf ein beginnendes Kunststück aufmerksam. Zwei Reiter versuchen einen für die Übung vom Pferde Gefallenen im Vorüberreiten auf ihre Reittiere zu bugsieren. Als das Unglaubliche gelingt, möchte er sich von den Vorführungen der Kinder nichts mehr entgehen lassen. Doch das fällt ihm nicht leicht. Seine Gesprächspartnerinnen haben es einfacher, sie kennen ihr Thema. Er muß sich zwischen spektakulären Reiterkünsten viele neue Fakten und fremde Namen merken: So, wie deine Erzählung von Aigyptos bisher endet, hält deine Zusammenarbeit mit Hadarqa an. Mir scheint, sie hat sich sogar verstärkt.
Damit gibt er Melanippe eine Vorlage: Du hast Recht. Wir konnten sofort fortfahren, unsere Vermutungen zu bestätigen. Unsere heile Rückkehr wurde mit einem Opfer gedankt.
Adonis sieht sich bestätigt: Ich versuche mir vorzustellen, was ihr macht und wie die Organes wohl arbeiten. Am ehesten ahne ich noch, was mein Herz tut.
Melanippe lacht sehr verständisvoll: Das kannst du ja auch oft genug fühlen!
Marpesia fällt in das Lachen ein: Wir haben auch nur Fragen. Inzwischen hat sich unsere Küche daran gewöhnt, daß es Leute gibt, die glauben, aus Gedärmen etwas herauslesen zu können.
Da schießt eine Erinnerung durch Adonis’ Kopf: In Athenai ist mir ein Priester begegnet, der in den Innereien eines Vogels ein Orakel sah. Gegen einen Obulus las er jedem daraus die Zukunft.
Nun sorgt die prustende Marpesia für Gelächter: So ähnlich muß es unseren Köchen vorkommen, wenn sie uns in den Innereien eines geopferten Tieres herumstochern sehen.
